Konzertbericht – Wilco, Wien 2010

Etwas mehr als eine Woche war vergangen und nach dem großartigen Gig von den Eels folgte gleich darauf ein ebenso geniales Konzert von Wilco. Derartige paradiesische Zustände ist man in Wien nicht gewohnt und man wünschte das ganze Jahr würde sich so gestalten, aber gut, auch wenn der Konzerthimmel für den Herbst bis dato düster ist, will ich mich bei der bisherigen Ausbeute gar nicht beschweren.

Auf jeden Fall habe ich mich am Donnerstagabend aufgemacht, um mit Wilco eine Truppe zu sehen, die bis dato noch nie in Wien war und die mich trotz anhaltender Abneigung gegen die Un-Location Gasometer dort hin gelockt hat. Die Akustik ist noch immer bescheiden und ich bin der Meinung, dass ich als totale fachtechnische Banausin, hätte man mir den Auftrag erteilt, ein ebenso „gutes“ klangliches Resultat erzielt hätte, wie die Leute, die für diesen Pfusch verantwortlich waren. Unter der, in umgekehrter Richtung laufenden Schallfortpflanzung – also nicht wie üblich von vorne nach hinten – leiden vor allem klangtechnisch leisere Bands wie vor etwa zwei Jahren Lambchop oder im aktuellen Fall die Vorgruppe Wilcos, bestehend aus einem gewissen John Grant.

Bei rockigeren Gruppen fällt das zum Glück nicht mehr ins Gewicht, besonders dann nicht, wenn man weiter vorne steht, was sich im Falle von Wilco dann auch bestätigte.

Pünktlich um 9 Uhr betrat die Truppe aus Chicago die Bühne und bewies, dass sich der wahre Wert einer Band erst bestätigt, wenn sie auch Live das hält, was sie auf ihren Alben verspricht. Wilco haben sich diesbezüglich selbst übertroffen, denn auch wenn ich gestehe, dass ich erst ab dem dritten Song so richtig begann, das Konzert zu genießen, so steigerten sie sich Lied um Lied so gewaltig, dass am Ende reine Glückseligkeit stand.

Bandleader Jeff Tweedy und seine Leute waren musiktechnisch großartig unterwegs und durchliefen verschiedenste Stile, vom countryesken bis zum 70ies Feeling mit pflichtgemäßem Hammond-Orgelklang, von ein wenig an Santana erinnernde Gitarrensoli bis zum Steel-Pedal-Sound, alles überstrahlt vom Frontman, der unfassbar gut bei Stimme war.

Das ganze Konzert mutierte schließlich irgendwann zu einer Art Gruppenglücksextase, die sich bis zum Schluss nicht nur durch geniale Songs, sondern auch durch die sympathische Art der Band aufschaukelte. Mitverantwortlich dafür war Jeff Tweedy, der, auch wenn man zu Beginn schon vermutet hatte, dass er nicht so der gesprächige Typ sei, sich nach einigen Liedern dem Publikum mehr als zuwandte und mit ihm bis zum Ende des Gigs in einen Dialog trat, der jedem Anwesenden das Gefühl geben musste, direkt angesprochen zu werden.

Wilco scheinen auch eine eingeschworene Fangemeinde zu haben, denn da wurde mitgeklatscht und wurden Songwünsche auf die Bühne gerufen, Höhepunkt war wohl ein zu einem dreiviertel ganz vom Publikum gesungener Songs, der die Beteiligten nicht nur als textsicher, sondern auch als ungemein harmonisch outete. Alle waren begeistert.

Nach drei Zugaben war das Vergnügen dann leider doch irgendwann vorbei, bleibt noch der Trost, dass man zumindest die Alben wieder öfter anhören kann, und die Hoffnung, Tweedy habe nicht zu sehr mit dem Publikum geflirtet, als er meinte, Wien wäre bis dato die „best crowd“ auf der Tour gewesen und gegen Ende hin schließlich gestand: we really like it here! Ja, wir mögen euch auch und hoffen, dass ihr uns bald wieder beehrt in Wien.

Susanne 25. September 2010

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Konzertbericht – Eels, Wien 2010

Nachdem ich im ersten Halbjahr die Altherrenpartie in Sachen Konzerte absolviert habe, war es hoch an der Zeit, den Jüngeren wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Wobei dies keineswegs ein „x ist besser als y“ werden soll, aber als ich vergangenen Sonntag die Arena Wien betrat, um mir die Eels anzusehen, wurde mir sofort wieder klar, warum ich Stehkonzerte eindeutig vorziehe. Rock’n’Roll et. al. sitzend konsumieren zu müssen, ist schlicht und einfach eine Zumutung.

Wie gesagt, die Eels standen am Programm und ich hatte bereits die Wochen zuvor damit verbracht, hin- und herzuüberlegen, ob ich mir die Band überhaupt anschauen soll. Ich kannte sie nicht so gut und das eine Album, das mir ans Herz gelegt worden war, hat mich beim ersten Hören nicht überzeugt. „Daisies of the Galaxy“ nennt sich das Ding und ich beschloss es vergangenes Wochenende noch ein paar Mal durchzuhören, um mir ev. die Entscheidung „Konzertbesuch ja vs. nein“ zu erleichtern.

Das klang dann auch schon viel besser und nachdem ich mich noch bei anderen Leuten kundig gemacht hatte bzw. der Sonntag bis zum frühen Abend nicht sonderlich produktiv verbracht worden war, entschied ich mich kurzerhand – geschuldet auch der Angst „etwas“ versäumen zu können – mir diese Band rund um einen gewissen Mark Oliver Everett, besser bekannt als E, anzusehen.

Das Wetter war großartig, ein lauer Abend, das Konzert hatte man ins Freie verlegt und schon beim Betreten der Arena war mir wie gesagt klar, warum ich die oben erwähnten Stehkonzerte so schätze. Man wandert herum, kauft sich ein Bier, oder auch zwei, steht in der Menge, plaudert mit Freunden, vor, während und nach dem Konzert, und wenn ordentlich in die Seiten gegriffen wird, kann man, so man will, mitshaken.

Der Opener, oder ich muss sagen, der Pre-Opener, war mit einem Bauchredner (kein Witz) mehr als skurril besetzt, irgendwie aber auch wieder passend. Die Zeit bis zur Vorgruppe verbrachte man dann mit Gesprächen, die sich darum drehten, inwiefern es zielführend wäre, ob der tristen beruflichen Aussichten in Akademia, nicht doch auch noch auf Bauchredner umzusatteln, verwarf den Karrierewechsel aber kurzfristig wieder, um das 80ies Styling der Vorband, die aus einer Musikerin namens Alice Gold bestand, zu erörtern. Musikalisch war man auf jeden Fall zufrieden.

Hernach hatte man von Veranstalterseite beschlossen die Zeit bis zum Auftritt des Headliners mit einem Medley aus „deine Lieblingsklassiker als Fahrstuhlmusik“ zu überbrücken, endlich, kurz nach 21 Uhr war es soweit: E betrat die Bühne. Ausgerüstet mit einer E-Gitarre (wie passend!), bekleidet mit einem weißen Jumpsuit, Kopftuch und dunklen Brillen, der Rest seines Gesichtes war verborgen hinter einem gigantischen Vollbart der Marke „Der Mann aus den Bergen“ bzw. „Yusuf Islam“ (formerly known as Cat Stevens).


Nach und nach gesellten sich die Bandkollegen zum Frontman, man hielt sich durch die Bank an Es Stylingvorgaben: Sonnenbrille, mehr oder weniger dichte Gesichtsbehaarung, größtenteils Kopfbedeckung. Was man die nächsten eineinhalb Stunden dann aber zu hören bekam, war Rock der Extraklasse. Teils aufgelockert durch langsamere Nummern, aber zwischendurch immer wieder extrem dynamisch und abgefahren, jammten die Eels, insbesondere E, der sich nach jeder Nummer wieder eine andere Gitarre umhängen ließ, was die Saiten hielten. Dazwischen countryeske Töne – lang lebe die Pedal-Steel-Gitarre! – oder erstklassiger Funk.

Was die Setlist betrifft, so kann ich keine vollständige Aufzählung liefern, weil ich die Eels bis zum vergangenen Sonntag ja nicht wirklich kannte, aber erwähnenswert sind eine großartige Coverversion von „Summer in the City“ und eigene Nummern wie „I Like Birds“ oder „Dog Faced Boy“.

Kurz vor Ende der Show dann die Bandvorstellung, die der Frontman nicht ohne passenden ironischen Unterton absolvierte – als erstes und fast am ausgiebigsten dankte er einem Typen, der in der letzten Zeit unter einer schlimmen Verkühlung gelitten hat, aber es trotzdem auf die Bühne geschafft hat – nämlich sich selber. Tosender Applaus. Der Rest der Band folgte, dann wurde weitergerockt und sogar Eislutscher hat der gute Mann noch verteilt. We love you E!


Nach der großen Befriedigung, mit dem Konzertbesuch eine hervorragende Entscheidung getroffen zu haben, und dem Vorsatz sich in Hinkunft etwas eingehender mit der Musik der Eels zu befassen, sinnierte ich am Heimweg noch einmal über Dinge, die mir bereits während des gesamten Konzertes durch den Kopf gegangen waren.

Hätte auf der Bühne ein Vermummungsverbot gegolten, die Eels wären nie zum Auftritt gelangt, und selbst wenn die gesamte Truppe optisch an eine Bande islamistischer Extremisten erinnerte, dieser Eindruck war nach dem ersten Erklingen ihrer großartigen Musik genau so schnell irrelevant, wie sich der Wunsch breit machte, man möge doch allen potentiellen Terroristen eine E-Gitarre in die Hand drücken. Rock’n’Roll Jihad. Damit wäre der Welt wohl mit Sicherheit gedient, selbst wenn man in Kauf nimmt, dass der prozentuale Anteil von Gitarrenvirtuosen eher gering ausfiele.


Mögen diesbezüglich die Worte Es, der vor einiger Zeit tatsächlich als potentiell terrorverdächtig angehalten wurde, auf möglichst viele der sogenannten „suspekten Individuen“ zutreffen: „Not every guy with short hair and a long beard is a terrorist. Some of us just want to rock.“

Susanne, 14. September 2010