Musik für alle Lebenslagen – Teil I: Herzschmerz

Nach dem Start der gleichnamigen Serie in Sachen Literatur, schien es mehr als naheliegend mich auch in Bezug auf die Musik bestimmten Themengebieten zu widmen und eine Auswahl meiner, in den jeweiligen Kategorien führenden, Songs vorzustellen. Insbesondere, weil ich mich in letzter Zeit wieder verstärkt mit musikalischen Themen beschäftige und mich auf diverse ins Haus stehende Konzerte freue. Außerdem liegt der letzte hier getätigte musikalische Eintrag auch schon eine Weile zurück, höchste Zeit also wieder etwas stärkere thematische Variabilität einzuführen.

Was nun den heutigen Themenbereich angeht, so habe ich im Unterschied zur Literaturserie bewusst nicht das Thema Liebe per se gewählt, sondern mich gleich dem verzweifelten Bruder der Kategorie, dem Herzschmerz, gewidmet. Der Grund dafür ist, dass man sich, meiner persönlichen Meinung nach, in Hochzeiten der Liebe wohl weniger dem Musikhören, als anderen Beschäftigungen widmet, ich halte auch nicht viel von kitschigen Deklarationen à la „unser Lied“, viel mehr hat man von der Musik, wenn die Liebe erst einmal am Ende angelangt ist und man tröstlich festellt, dass man sein Leid, gerne auch in fast masochistischer Art und Weise, mit der einen oder anderen musikalischen Größe teilen kann.

Und selbst wenn Musikpräferenzen, wie ich meine, mit der Zeit viel stärker variieren, als das in der Literatur der Fall ist, so will ich zumindest einen relativ aktuellen Ausschnitt aus meinen persönlichen Herzschmerz-Favoriten hier vorstellen. In den meisten Fällen fand sich auch ein entsprechendes YouTube-Video, die nachfolgende Reihung ist weder chronologisch noch nach Präferenz geordnet:

1. Willie Nelson „Blue Eyes Crying In The Rain“ (The Essential Willie Nelson/2003): dieses Lied ist eigentlich schuld an der Schaffung dieser Serie, denn erst gestern habe ich es entdeckt und mich sogleich in die darin ausgedrückte Wehmut verhört. Der Song wurde zwar nicht von Nelson selbst geschrieben, sondern von einem Songwriter namens Fred Rose und wurde auch von Größen wie Hank Williams oder Elvis Presley gesungen, mir persönlich aber gefällt Nelsons Version am besten. Allein Textzeilen wie „Love is like a dying ember, only memories remain“ verleiten zum hörbaren Seufzen. Der YouTube Clip ist eine sehr nette Live-Version. Er lässt auch die Vorfreude auf das kommende Wien Konzert Willie Nelsons rapide steigen.

2.  Okkervil River „Girl in Port“ (The Stage Names/2007): ein wunderschönes Lied, das nicht nur die Leiden des gemeinen Rock- und Popstars ausführlich illustriert, sondern eines jeden, der sich öfter auf längere Reisen begibt. In jedem Hafen ein Mädchen (wahlweise ein junger Mann), aber trotzdem irgendwie verloren, dauernd unterwegs und beschäftigt mit der endlose Suche nach der richtigen, echten, Liebe: „I’m just a guest, I’m not a part, my tender head, with my easy heart, these several years out on the sea, made me empty, cold, and clear, pour yourself into me“. (Der Clip ist kein offizieller Okkervil River Clip, es findet sich aber sonst keine passende Version im Web).

3. Bob Dylan „Red River Shore“ (Tell Tale Signs: The Bootleg Series Vol. 8, Rare and Unreleased 1989 – 2006/2008): Was Willy Nelson in wenigen Worten singt, beschreibt Bob Dylan, den ich persönlich für den besten Songwriter aller Zeiten halte, ausführlichst im 7:36 Minuten langen Song „Red River Shore“ – die verlorene Liebe. Während sich der Song musikalisch mit diversesten hinzutretenden Instrumenten – besonders schön die Harmonika – langsam aufbaut, nimmt auch die Aussichtslosigkeit im Text immer verzweifeltere Ausmaße an. Eine meiner Lieblingspassagen: „Now I’m wearing the cloak of misery, and I’ve tasted jilted love,
and the frozen smile upon my face, fits me like a glove. But I can’t escape from the memory, of the one that I’ll always adore, all those nights when I lay in the arms, of the girl from the Red River shore.“ Nachdem der Meister seine Kinder streng bewacht, gibt es zu diesem Lied leider nur Cover-Versionen auf Youtube, die ich wirklich niemandem zumuten möchte, das Album, auf welchem sich der Song befindet, ist aber in jeder Hinsicht sehr empfehlenswert.

4. Black Crowes „Seeing Things“ (Shake Your Money Maker/1990): Bluesiger Southern Rock, gepaart mit der genialen Stimme von Chris Robinson und man weiß wie schmerzhaft Liebe sein kann, wenn man erkannt hat, dass man betrogen wurde: „I used to dream, of better days that never came, sorry ain’t nothin‘ to me, I’m gone and that’s the way it must be. So please I’ve done my time, lovin‘ you is such a crime, you won’t find me down on, on my knees, won’t find me over backwards baby, just to please“.

5. Candi Staton „It’s Not Easy Letting Go“ (His Hands/2006): Candi Staton zählt zu jenen Sängerinnen, denen es glücklicherweise gelungen ist, nach ihrem Karrierehoch in den 1970ern jüngst ein Comeback zu schaffen. Liebesleid scheint sie auf diesem Weg ständig begleitet zu haben und sie schafft es wie kaum eine andere, dies über ihre Stimme auszudrücken. In „It’s Not Easy Letting Go“ singt sie über die Kraft, die es kostet, eine totgelaufene Beziehung zu beenden und nach vorn zu schauen. „It might be hard but I gotta move on with my life, I can’t keep looking back at the misery and strife, I do the best I can, but my heart still needs to mend“. Das Video ist wieder ein sehr kitschiges Youtube Fan-Fabrikat, man sollte sich auf die Akustik konzentrieren.

6. Pointer Sisters „Fairytale“ (That’s A Plenty/1974): Liebesschmerz, wenn man ihn erst einmal halbwegs verkraftet hat, kann sich gern auch in zufriedene Genugtuung verwandeln, am besten beschrieben durch folgende Songzeilen: „There’s no need to explain anymore,
I tried my best to love you,
now I’m walkin‘ out the door.
You used me, you’ve deceived me, and you never seem to need me,
but I’ll bet, you won’t forget me when I go
(Oh no, no, no)“. Zum Abschluss daher mit den Pointer Sisters ein Licht am Horizont und als Draufgabe auch ein sehr vergnügliches Video aus den guten alten Zeiten.

Die Liste ließe sich sicher noch endlos fortsetzen, schließlich dreht sich nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Musik ein Gutteil der Kreationen um die Liebe, trotz allem besteht das Leben aber nicht allein daraus, weshalb es es zum Glück noch weitere Themengebiete gibt, über die ich mir in den kommenden Einträgen ausführlich Gedanken machen werde. Vorschläge und Einwände sind diesbezüglich herzlich willkommen.

Susanne, 11. April 2010

Skizzen aus Wien – Nr. 8

sandworm

 

Wir befinden uns fast mitten im Dezember und das Jahr geht langsam aber sicher seinem Ende zu. Im Kalender fehlen zwar noch ein paar Tage, trotzdem Grund genug einen Rückblick auf das heurige Konzertjahr zu tun. Denn, auch wenn es kaum jemand glauben mag, für mich ist die heurige Saison beendet, mein Konzertkalender 2008 ist voll. Und – es war ein gutes Jahr was die Ausbeute an Konzerten betrifft, selbst die Tatsache, dass ich mehr als vier Monate dieses Jahres nicht in Wien verbracht habe, hat sich, bis auf die persönliche Katastrophe einen der spärlich gesäten Auftritte des Herrn Dylan versäumt zu haben, nicht negativ auf meine Bilanz ausgewirkt.

Einen fulminanten Auftakt fand 2008 bereits im Februar. Altmeister Neil Young gab sich ein Stelldichein im Austria Center Vienna und legte einen Auftritt hin, von dem sich viele 20-jährige noch einiges abschauen könnten. Musikalische Virtuosität, samt beeindruckender Agilität – gerockt wurde bis die Saiten der Gitarre rissen – ließen die Besucher selbst die uncharmante Atmosphäre des Austria Center vergessen, dass die Wiener Linien wieder mal nicht mehr fuhren und mehrere hundert Konzertbesucher schließlich zu Fuß über die Reichsbrücke in die Stadt zurücksuchten, konnte die Stimmung ebenfalls nicht trüben. Mehr dazu im Konzertbericht von meinem werten Blog-Kollegen Martin (Februar 2008).

Die danach folgende Wien-Pause wurde meinerseits kaum wahrgenommen, bis auf die oben erwähnte schmerzhafte Nachricht, dass Bob Dylan, nach mittlerweile gefühlten 100 Jahren endlich wieder mal nach Wien kommt, ausgerechnet wenn ich nicht dort bin. Aber NY hat mehr als entschädigt (siehe dazu die jeweiligen Einträge) und mit dem Auftritt von Conor Oberst und seiner Mystic Valley Band war im September wieder alles gut. Die Band hatte die Wiener Arena für ihr Gastspiel gewählt, noch dazu einen der letzten lauen Spätsommerabende, an denen man auch noch draußen sitzen konnte und so tat die etwa einstündige Verspätung mit der Mr. Oberst die Bühne betrat kaum weh. Der junge Mann bot dann trotz fortgeschrittener Illuminierung ein wunderbares Konzert, das neue Album („Conor Oberst“) kann ich jedermann nur wärmstens ans Herz legen.

Das nächste Highlight bildete der Double-Header Lambchop/Calexico, der beherzt der katastrophalen Akustik im Gasometer trotzte. Das besagte Akustikproblem war mir schon vor meinem ersten Besuch in der Konzertlocation zu Ohren (!) gekommen, es hat sich bestätigt und lässt sich treffenderweise mit „Bahnhofshallenatmosphäre“ beschreiben. Wie dem auch sei – beide Bands überzeugten – stellenweise kam dann doch noch eine Stimmung auf, als säße man auf der Veranda, blicke über die Weiten Arizonas und nähme genüsslich einen Schluck vom eisgekühlten Corona (mit Limettenscheibe!).  Da konnte einem selbst die Oktoberkälte nichts mehr anhaben.

Der November bot schließlich sage und schreibe zwei Höhepunkte. Nummer eins: Okkervil River, die leidergottes im Rahmen des Blue Bird Festivals im Porgy&Bess auftraten (Please Mr. Sheff – solo show next time!), die dilletantische Technik (der Lichttechniker versteht offenbar kein Englisch) und ein sitzendes Publikum aber ganz einfach links liegen ließen und ein phänomenales Konzert boten. Für Okkervil River („The Stand Ins“), wie auch für die beiden oben erwähnten Bands (Calexico mit „Carried To Dust“ und Lambchop mit „Oh (Ohio)“), gelten ebenfalls dringendste Albenempfehlungen.

Nummer zwei: Wovenhand. Bandleader David Eugene Edwards trieb mit seinen Mannen die apokalyptischen Reiter durchs WUK und hätte thematisch gerne auch am Krampustag auftreten können. Nichts desto trotz auch am 27. November eine energiegeladene Performance, die uns Zuhörern kräftig die Leviten las und uns präventiv gleich fürs kommende Jahr für alle noch nicht begangenen Sünden büßen ließ.

Und da sagt sich das vor Glück überströmende Herz der Musikliebhaberin schließlich „mehr brauchst du nicht, um bis zum Ende dieses Jahres von einem voll und ganz gelungenen Konzertjahr zu sprechen!“. Möge auch 2009 dem in nichts nachstehen, für alle, die schon jetzt über geheime Insiderinformationen verfügen – immer gerne an The Sandworm!

 

Wer die oben bejubelten Bands noch nicht kennt, hier die Links zu den jeweiligen MySpace Seiten:

Neil Young

 

Conor Oberst

 

Lambchop

 

Calexico

 

Okkervil River

 

Wovenhand

 

Artwork „Sandworm“: zoer

 

Susanne, 8. Dezember 2008