Skizzen aus Wien – Nr. 27

literary sandworm - artwork zoer

 

1079 Seiten und einige Wochen später liegt David Foster Wallaces Infinite Jest nun als gelesenes Buch vor mir (1). Eine Rezension dieses Werkes ist aber nicht nur aufgrund seiner Länge, sondern hauptsächlich wegen seiner beeindruckenden Dichte kein einfaches Unterfangen, trotz allem will ich versuchen einen kleinen Einblick in das Geschehen zu geben, um all jene, die sich für Literatur interessieren, auf diesen außergewöhnlichen Autor aufmerksam zu machen und vielleicht den einen oder die andere davon zu überzeugen, sich ebenfalls auf die Welt des D.F.W. einzulassen.

 

David Foster Wallace, Infinite Jest, Back Bay 10th anniversary paperback edition, 2006

 

Lassen Sie mich mit einer Aufzählung beginnen, denn im Universum von Infinite Jest tummeln sich so viele Figuren, spielen so viele Ereignisse eine Rolle, dass man einen Einstieg am ehesten findet, wenn man einen kleinen Einblick davon kriegt, was einem dort unter Anderem alles unterkommt. In diesem Buch gibt es nämlich wirklich alles, was man in einer absurden Welt vorfinden möchte, die folgende Liste ist also auch nicht ansatzweise abschließend, sondern viel mehr beispielhaft. Oder um es im Juristenjargon zu definieren, demonstrativ, nicht taxativ. Da gibt es (2):

  • Einen Protagonisten namens James O. Incandenza, der sich auf spektakuläre Weise aus dem Leben befördert hat;
  • dessen erstgeborenen Sohn Orin, der sich als Punter der Arizona Cardinals seinen Lebensunterhalt verdingt;
  • dessen zweitgeborenen Sohn Mario, der körperlich behindert, mit einer Kamera auf einem Helm befestigt mehr oder weniger Dokumentierenswertes in einer Tennis Akademie namens Ennfield Tennis Academy (E.T.A.) festhält;
  • und den jüngsten Sohn Hal, der Schüler an oben genannter Institution ist und dessen Lebensinhalt nicht ausschließlich aus hochprofessionellem Tennistraining besteht, sondern zu einem nicht geringen Teil aus dem Ge-/Missbrauch von psychoaktiven Substanzen;
  • die Mutter dieser drei jungen Männer, Avril Incandenza, die an der E.T.A. arbeitet, einer radikalen Gruppierung namens Militant Grammarians of Massachusetts (M.G.M) angehört und stets besorgt um den richtigen Gebrauch der englischen Sprache ist (so erfährt man etwa, dass die Aufforderung von sog. Supermarktexpresskassen „10 items or less“ sie zur Weißglut treiben kann…);
  • des weiteren die Tatsache, dass die USA nunmehr unter dem Akronym O.N.A.N. existieren und sich dieses neue Staatengebilde nicht mehr dem Imperialismus, sondern viel mehr dem Experialismus verschrieben hat;
  • das Faktum, dass man die herkömmliche Zeitrechnung abgeschafft hat und die einzelnen Jahre nunmehr an den meistbietenden Konzern verkauft werden, was zur Folge hat, dass es Jahre gibt, die da z.B. „Year of the Depend Adult Undergarment“ (Y.D.A.U.) oder „Year of the Perdue Wonderchicken“ (Y.P.W.) heißen;
  • ein Gebiet im Nordosten der nunmehrigen O.N.A.N. das durch Müllablagerungen gänzlich unbewohnbar geworden ist, ja quasi ein mutierendes Eigenleben entwickelt hat und das je nach Betrachtungsweise entweder als „Great Concavity“ oder „Great Convexity“ bezeichnet wird;
  • das Faktum, dass die ehemaligen U.S.A. diese unbewohnbaren Gebiete in experialistischen Feldzügen Kanada aufgehalst haben – sehr zum Unmut der Provinz Quebec;
  • was wiederum terroristische quebecois’sche Einheiten auf den Plan gerufen hat, darunter eine gnadenlose Truppe namens A.F.R., deren Hauptcharakteristikum jenes ist, dass alle ihre Mitglieder in Rollstühlen sitzen;
  • eine kurze Karriere des verblichenen J.O. Incandenza, der von seinen Kindern gerne als „Himself“ bezeichnet wird, die im Drehen von Experimentalfilmen bestand;
  • ein daraus resultierender infernalischer Film, der jeden der ihn zu Gesicht bekommt, in ein sabberndes Gemüse verwandelt und der wiederum titelgebendes Objekt des Buches ist; und
  • hinter dem sämtliche Agenten des sog. O.U.S. hinterherjagen, und nicht zuletzt auch die Kämpfer der A.F.R.; erwähnenswert wären dann auch noch
  • eine der Tennisakademie benachbarte Drogenrehabilitationseinrichtung;
  • ein Mann namens Don Gately, seines Zeichens ehemals von allen möglichen hochgradigen Opiaten Abhängiger und mittlerweile Angestellter der Rehab-Anstalt;
  • eine verschleierte Frau, die wahlweise unter dem Synonym Madame Psychosis bzw. P.G.O.A.T. vorkommt; und
  • jede Menge anderer schräger Charaktere, verworrener Situationen und absurder Begebenheiten, welche

 

die Lektüre dieses Buches zu einem kaum beschreibbaren, hochintensiven Lesegenuss machen, wie ich ihn bisher noch nie in dieser Konzentration und Qualität erlebt habe.

Was macht dieses Buch so besonders? Wie bereits in den Skizzen Nr. 17 ausgeführt, bin ich erst im vergangenen Jahr auf D.F.W. aufmerksam geworden und habe als Einstieg zunächst seine Essays im Buch A supposedly fun thing I’ll never do again gelesen. Das würde ich auch allen anderen empfehlen, die vorhaben D.F.W. zu lesen, denn sein außergewöhnlicher Stil ist sicher nicht jedermanns Sache, allen, die Gefallen an den Essays finden, kann ich jedoch garantieren, dass sie von Infinite Jest umso mehr begeistert sein werden. Das Buch bietet nicht nur ein ausgefeiltes Universum an peinlich genau gezeichneten Charakteren und Situationen, es ist insgesamt derart hoch konzentriert, dass man bereits nach wenigen Seiten von der großen sprachlichen Fülle, mit der man in dem Buch konfrontiert ist, in Bann gezogen ist.

D.F.W. besitzt ein nahezu lexikalisches Vokabular und schafft es, mit einer fast beängstigenden Perfektion, den verschiedenen Figuren Leben einzuhauchen, ihnen eine absolut glaubwürdige Stimme zu verleihen, sodass man geneigt ist, zu vermuten, der Autor hat einiges von dem was er in höchstem Detailreichtum beschreibt, selbst erlebt. Das hat er vermutlich auch, wenn man seine Biographie liest, aber es ist müßig darüber zu spekulieren, denn die große Leistung D.F.W.s besteht nicht im vermeintlichen Selber-Erlebt-Haben, sondern in der perfekten sprachlichen Umsetzung der Inhalte, die im Buch eine wichtige Rolle spielen. Da gibt es dann unterschiedliche Dialekte, Slang, Spezialwissen, das wahlweise Sportjournalisten, Mathematiker oder Pharmazeuten vor Neid erblassen lassen kann und als für meine Begriffe beeindruckendste Fähigkeit, eine unglaublich eindringliche Unmittelbarkeit Gefühle und Gedanken zu beschreiben, eine Tiefgründigkeit, die einmal zu Lachstürmen reizt, ein anderes mal wieder tiefe Traurigkeit auslöst, Ekel oder Angewidertsein, Überraschung, Verblüffung und Mitgefühl. Ich habe noch kaum einen Autor gelesen, der einerseits so wortgewaltig ist, andererseits aber nie in unlesbares Kauderwelsch abdriftet, noch nie jemanden, der es schafft in Nebensätzen Lebensweisheiten unterzubringen, über die man selbst Wochen später noch staunt.

Es ist unnötig hier auf den Plot einzugehen, oder auf das, was genau passiert im Buch, ich denke auch nicht, dass es dem Autor vordergründig überhaupt um den Plot gegangen sein mag, wer sich eine schlüssige Kriminalgeschichte erwartet, hat sich das falsche Buch ausgesucht, wer jedoch Sprache, in allerhöchster Präzision erleben möchte, wer offen ist, sich auf diese Geschichte einzulassen, wer banal ausgedrückt so etwas wie den „Harry Potter für Erwachsene“ sucht, der hat ihn mit Infinite Jest garantiert gefunden. Und der wird, so wie ich, spätestens wenn sich das Buch seinem Ende zuneigt, dieses heimlich hinauszögern, weil er sich wünscht, dass dieses mehr als 1000-seitige Werk, das er in Händen hält, erst der Anfang einer vielbändigen Reihe sein möge, der wird nach dem Zuklappen des Buches verwirrt, glücklich und traurig zugleich sein und der wird nicht zuletzt dann wissen, dass er hier eines der Bücher gefunden hat, die es wert sind mehrmals gelesen zu werden.

David Foster Wallaces Infinite Jest sei hiermit vom Sandwurm ausdrücklich und eindringlich empfohlen (3)!

 

(1): Eine deutsche Übersetzung des Buches erscheint voraussichtlich im Herbst 2009, allen, die des Englischen ausreichend (es handelt sich um keine leichte Lektüre, im sprachtechnischen Sinn) mächtig sind, empfehle ich beim Original zu bleiben!

(2): Ich habe nicht alle Akronyme hier erklärt, ein wesentlicher Teil des Lesegenusses ist es auch, herauszufinden, was die einzelnen Abkürzungen bedeuten.

(3): In einer abschließenden Fußnote sei hier auch noch D.F.Ws brillanter Einsatz eben jener Fußnoten erwähnt. Diese entwickeln im Roman de facto ein Eigenleben, funktionieren zwar manchmal durchaus als Erklärung und Erläuterung, bilden aber oft eigene Erzählstränge, die z.B. im Falle einer peinlich genauen Filmographie von J.O. Incandenzas Oeuvre als Filmemacher nicht nur sprachlos machen, sondern die auch den ausdrücklichen Wunsch wecken, J.O.I. möge doch tatsächlich existiert haben, damit man sich eine an Irrwitz kaum zu übertreffende Filmauswahl auch wirklich anschauen würde können.

 

Susanne, 3. Mai 2009

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Skizzen aus Wien – Nr. 17

literary sandworm - Artwork ZOER

 

Schon hatte ich geglaubt, mich bis Juni von sämtlichen Schlagzeilen fernhalten und meine Nerven schonen zu dürfen, da kommen schon die nächsten Meldungen, die einem ungeübten Nachrichtenkonsumenten hierzulande zur Weißglut treiben mögen. Nicht so mich. Ich bin ein Profi und obwohl ich hier zur Debatte stellen wollte, wie obsolet die pseudo-feministische Kritik, an dem was den Grünen gerade zu schaffen macht, ist, obwohl ich die Horden, die in Bezug auf den Umgang mit der weiblichen Führungsriege dieser Partei gerne „Sexismus“ rufen, fragen wollte, warum sie nicht auch aufschreien, wenn man z.B. unsere ungeliebte Innenministerin mit sämtlichen nur erdenklichen Schimpfnamen belegt und überhaupt in den Raum stellen wollte, wie es in der Partei der Fleißigen und Anständigen eigentlich möglich ist, dass einem der ihren nach nur 3 Jahren Arbeit eine Abfindung von über 200.000 Euro zustehen soll, will ich den wertvollen Raum lieber einem widmen, der es wirklich verdient hat.

Ich habe mir mein nachrichten-nihilistisches Nervenschonprogramm nämlich zu Herzen genommen und meinen Kopf in ein Buch gesteckt. Und wurde belohnt. Mit mehreren Stunden unbeschreiblichen Lesevergnügens und anfallsartigen Lachstürmen, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe und die ich hier jedem, der es leid ist, sich über dies oder jenes aus dem tristen Alltag zu ärgern, nicht vorenthalten möchte. Vor allem aber ist der heutige Eintrag dem Autor gewidmet, denn auch wenn mich hier die Schuld trifft, erst aufgrund der Meldung seines Ablebens über ihn gestolpert zu sein, so soll ihm an dieser Stelle zumindest posthum Ehre erwiesen werden, denn die hat er auf jeden Fall mehr als verdient. Und Literaturkritik hat The Sandworm ohnehin noch keine veröffentlicht – höchste Zeit also!

David Foster Wallace ist der, um den sich in den folgenden Zeilen alles drehen soll. Schon mit seinem Debüt 1987 wurde er von der Literaturkritik als Genie, als das junge Talent der US-amerikanischen Literatur-Szene gefeiert, bekam Preise und wurde mit Lob überhäuft. Ich, wie gesagt, habe erst durch die traurige Meldung über seinen Tod, seinen Suizid, von ihm erfahren und möchte hier nicht über das Leben des Autors spekulieren, sondern viel mehr über sein Werk berichten. D.F.W. hat sich mit einem Roman namens „Infinite Jest“ – einem tausendseitigen Wälzer – in die allerhöchsten Sphären der sogenannten postmodernen amerikanischen Literatur katapultiert und wurde bereits als legitimer Nachfolger von Thomas Pynchon gefeiert. Dieses Werk hat mich interessiert und nach ein paar Mausklicks war es auch schon bestellt (1), zusammen mit einem weniger voluminösen Buch, welches ich zum Aufwärmen und Einlesen dazugekauft hatte – 4 Tage später fand sich beides in meinem Briefkasten (2). Mitschuld am Bestellen des Aufwärmbuches war mit Sicherheit sein Titel, der mich nicht unberechtigt vermuten ließ, dass es sich um eine recht humorige Angelegenheit handeln könnte, er lautete: „A supposedly fun thing I’ll never do again“ (3).

 

A supposedly fun thing I'll never do again - David Foster Wallace

 

Meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. Nicht nur stellte sich heraus, das sich D.F.W. der hochtrabenden Lobeshymen als voll und ganz würdig erwies, „A supposedly fun thing I’ll never do again“ ist mit Sicherheit nicht nur die unterhaltsamste Lektüre, die ich seit langem gelesen habe, sie hat mich auch mit ihrem literarischen Stil nachhaltig beeindruckt. Das Buch ist angelegt als Sammlung von insgesamt 7 Essays, die sich mit den unterschiedlichsten Themen beschäftigen. Erschienen 1997, stammen auch die Aufsätze aus den frühen 1990ern und richten sich an eine Leserschaft um die 30, wobei ich nicht davon ausgehen möchte, dass nicht wahlweise auch jüngere oder ältere Literaturliebhaber die Geschichten interessant und unterhaltsam finden könnten, der Inhalt wird aber wohl eher den sog. „thirtysomethings“ liegen, vor allem jenen, die belesen und eher amerikanophil veranlagt sind. Eine hierzulande möglicherweise recht eingeschränkte Zielgruppe, die dafür aber voll und ganz auf ihre Kosten kommt. Analysen über Tennis und die Psychologie des Qualifying für bestimmte ATP Tourniere (4), Literaturkritik und Notizen vom Set von David Lynchs „Lost Highway“ finden sich dort genauso wie Betrachtungen über den Besuch des State Fair von Illinois (5) und schließlich das Highlight, ein minutiöser Bericht über die Teilnahme des Autors an einer Luxuskreuzfahrt in die Karibik. Letzterer trug die Überschrift, die schließlich auch zum Buchtitel werden sollte und ist unter Garantie einer der besten Essays, die ich je gelesen habe.

D.F.W. schreibt unterhaltsam und mit großem Detailreichtum, er schafft es mühelos den Bogen zu spannen zwischen elaborierter Sprachverwendung und fast slapstickartiger Komik, er erzählt mit großer sprachlicher Finesse, ohne dass sein Text kompliziert oder unleserlich würde und fabuliert trotz allem mit bodenständiger Klarheit, ohne je banal zu werden. Zuviel soll nicht verraten werden, aber der Autor berichtet mit unglaublicher Leichtigkeit und gnadenloser Offenheit nicht nur über die Absurditäten, die das Leben und die Leute an Bord zu bieten haben, er nimmt sich auch selbst, als Fremdkörper unter den Kreuzfahrtprofis, nicht von der Kritik aus und verschafft dem Leser dieses fast 100-seitigen Essays Stunden ungetrübter Lesefreude. „A supposedly fun thing I’ll never do again“ von David Foster Wallace sei hiermit allerwärmstens empfohlen.

 

(1) danke Amazon.de!

(2) und wäre wohl auch dort verblieben, hätte ich es nicht unter Aufwand fast übermenschlicher Kräfte aus dem Postfach gezerrt, in welches es vom Briefträger unter maximaler Ausnützung des dort vorhandenen Platzes hineingepresst wurde.

(3) auf Deutsch: „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“

(4) auch österreichische Tennisfreunde kommen auf ihre Kosten, so finden Horst Skoff und Julian Knowle Erwähnung, wenn auch eher am Rande.

(5) eine Art landwirtschaftlicher Leistungsschau samt „Dingel-Dangel“ für Unterhaltungszwecke.

 

P.S.: falls Sie sich mit dem Stil in dem dieser Eintrag verfasst wurde schwer tun, dann wird ihnen vermutlich auch D.F.W. nicht gefallen, der wird nämlich nicht zu Unrecht von vielen „Meister der Fußnoten“ genannt…wobei meine hommageartige Anwendung dieses Instruments noch harmlos ist – zum ersten mal im Leben habe ich Fußnoten gelesen, die ihre eigenen Fußnoten hatten, sozusagen Fußfußnoten.

P.P.S.: ich kann hier bloß über die englische Originalfassung des Buches berichten, ob die deutsche Übersetzung gelungen ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Susanne 15. Februar 2009