Das Allerärgste … aller Zeiten!

Österreich, die beste Zeitung aller Zeiten aus dem schönsten Land der Welt, erkannte also einen Tag nach Bekanntwerden des zweifelsohne mönströsen Verbrechens des Herrn F. aus Amstetten dasselbe auf seiner Titelseite als „schlimmstes Verbrechen aller Zeiten“. Gewiss verwundert es nicht, dass sich die Titelseiten der hiesigen Boulevardblätter in Bezug auf diese Tat gegenseitig in Superlativen zu überbieten versuchen – terminologische Eckpunkte sind kaum überraschend die Begriffe „Horror“, „Grusel“, „Verlies“ und natürlich „Inzest“ – letzterer mit allen mitschwingenden Bedeutungen einer der All-Time-Horrorbegriffe überhaupt. Auch im Fall einer derartigen, in ihrem Schrecken zumindest in der jüngeren österreichischen Vergangenheit tatsächlich einzigartigen Tat, scheint boulevard-mäßig nichts ohne den ultimativen Superlativ, den „aller Zeiten“-Superlativ zu gehen. An Absurdidät und Lächerlichkeit ist eine derartige Qualifizierung der Tat selbstverständlich nicht zu überbieten. Ebensowenig ist dieses Medium und das, was es von sich gibt, ernstzunehmen, ich weiß. Trotzdem … schlimmstes Verbrechen aller Zeiten … war da nicht noch was … liegt schon ein paar Jahrzehnte zurück … war daran nicht auch ein Österreicher mit Oberlippenbärtchen beteiligt … ?

(Martin)

Skizzen aus NY – Nr. 5

Die USA sind ein faszinierender Staatenbund, dessen Regierung und Bevölkerung immer wieder für ausgesprochene Dummheit in der Kritik steht. Immerhin, mir sind die Amerikaner trotzdem ans Herz gewachsen und die Ignoranz treibt auch in Europa gerne ihr Unwesen. Beispiele dafür gäbe es genug. Nachdem ich aber nun mal in NY aufhältig bin und mich deshalb vordergründig mit US-amerikanischen Eigenheiten beschäftige, habe ich beschlossen den Lesern dieses Blogs eine Freude zu machen und ein paar ganz besonders schöne Stilblüten zur Thematik „Dinge, die kein Mensch braucht“ zu dokumentieren. Natürlich muss ich hier wieder meine amerikanischen Freunde verteidigen – auch in Europa und ganz besonders in Österreich verfügt man über einprägsame Beispiele von unnötigem Firlefanz, der außer viel Geld zu kosten, kaum jemandem von Nutzen ist. Erwähnt sei in dieser Hinsicht vielleicht der allseits beliebte Kreisverkehr, der sich in der süd-westlichen Steiermark auch in größeren Ansammlungen findet, nicht zu vergessen auch die sommerlichen Baustellen in den Städten – hier ein Loch, aufgefüllt, am nächsten Tag wieder aufgerissen – am besten zu früher Morgenstunde mit dem Presslufthammer. Einige Zeitgenossen würden Österreich gar als Geburtsstätte sinnloser Zeitvertreibungen bezeichnen – nicht umsonst wurden das Salzamt oder der Amtsschimmel hier geboren – soweit will ich aber dann doch nicht gehen.

Wie dem auch sei, ich befand mich vergangenen Donnerstag auf dem Flug nach Chicago und wollte zunächst Ablenkung in einem Klassiker der Literaturgeschichte suchen, als mich das bunte Magazin in der Rückseite des Vordersitzes ganz und gar davon ablenkte. Es erwies sich nicht nur als höchst kreativ in Sachen nutzlose Erfindungen, nein es schien ganz und gar Expertentum auf diesem Gebiet entwickelt zu haben. Darüber hinaus war es eine der amüsantesten Lektüren, die ich in jüngster Zeit gelesen habe und der langweilige Flug ist dadurch blitzschnell vergangen. Das eindrucksvolle Magazin nannte sich Skymall – Einkaufszentrum im Himmel – und bot auf schätzungsweise mehr als 100 Seiten eine Vielzahl hochinteressanter Produkte an. Manche davon durchaus auch brauchbar, der große Rest jedoch ein beeindruckendes Sammelsurium an nutzlosen Kuriositäten, die mich allein schon aufgrund der großen Kreativität, die zum Ausdenken derlei Absurditäten notwendig schien, sprachlos machten. Oder sagen wir lieber, sich meine Bewunderung sicherten. Für alle die sich fragen, was da so alles dabei war, folgt nunmehr eine Auswahl meiner absoluten Lieblingsprodukte. Für Interessenten – die es vielleicht sogar gibt – habe ich auch die wohlfeilen Preise (der Dollarkurs ist derzeit optimal – also schnell zuschlagen!) angeführt. Ich möchte noch erwähnen, dass ich mir in der Übersetzung hin und wieder Freiheiten gelassen habe, um den auch literarisch beeindruckenden Stil dieses Magazins zumindest annähernd wiederzugeben:

1. Der 206 hörbare Vogelstimmen-Identifikator….$ 99,95:
Da muss das Herz jedes Hobby-Ornithologen einfach höher schlagen! Da zwitschert ein Vöglein im Busch – ha! – ich habe ja den 206 hörbare Vogelstimmen-Identifikator – jetzt fliegt kein Vogel mehr unidentifiziert aus meinem Garten (das Gerät ist auch hoch aktuell im Bezug auf die herrschende Sicherheitsdebatte…).

2. Der persönliche „Zwischen-Bettdecken-Ventilator“….$ 75,95:
Ihnen ist zwischen Matratze und Bettdecke zu heiß? Jetzt gibt es endlich eine Lösung. Kein mühsames Lüften der Decke oder teilweises Abdecken von zu heiß gewordenen Körperteilen mehr. Ich schalte einfach meinen praktischen Zwischen-Bettdecken-Ventilator ein!

3. Das Marshmallow-Maschinengewehr…$ 29.95:
Ein sinnvolles Zeichen in einer kriegerischen Welt. Lassen wir unseren Kindern die Plastikmaschinengewehre – aber sie sollen sich doch bitte mit etwas beschießen, dass auch Spaß macht – am besten mit Marschmallows. Älteren Semestern unter uns auch noch als „Speck“ bekannt. Essensverschwendung? Natürlich nicht – wer qualifiziert Marshmallows schon als Essen…

4. Der Auswerfende Hot-Dog Kocher…$ 49.95:
Hier haben meine Übersetzungsfähigkeiten nicht ganz das Original getroffen „the pop-up hot dog cooker“ (bessere Vorschläge gerne als Kommentar). Ein toasterartiges Gebilde, mit zwei Löchern für die Frankfurter in der Mitte, und zwei schmäleren Öffnungen für die Hot-Dog-Semmel. Gut, Hot-Dog-Liebhaber würden sich über Sinn und Sinnlosigkeit dieses Geräts sicher mit mir streiten.

5. „Ich habe 5 Pfund in drei Tagen mit der Keks-Diät verloren“….$ 19.99/Schachtel:
Ja, da macht Abnehmen wieder Spaß! Laut dieser Diät, die gesunderweise nur auf Keksen basiert, welche natürlich alle wichtigen lebensnotwendigen Inhaltsstoffe mitliefern, kann man sich unbesorgt den ganzen Tag mit Keksen vollstopfen und verliert dabei auch noch lästige Kilos (oder zumindest Pfunde…)!

6. Das Nummernschild, das persönliche Botschaften als Laufschrift präsentiert…$ 39,95:
Der Traum aller Autocholeriker ist wahr geworden: endlich kann man dem Hintermann mit der Laufschrift auf der eigenen Nummerntafel sagen, was man wirklich von ihm hält (alle Bezeichnungen in diesem Absatz sind geschlechtsneutral zu verstehen…) und muss sich nicht mehr ungehört die Seele aus dem Leib schreien: „Blinker, du blödes Arschloch!“. Wird dem wahren Zweck der Fabrikanten zwar nicht gerecht („Sag der Süßen hinter dir, dass du Single bist!“), hat aber offenbar doch praktikable Anwendungsmöglichkeiten.

7. Das dekorative Katzenkisterl, das man nicht mehr verstecken muss….$ 129,95:
Versteckt in einer wunderschönen blumentopfartigen Konstruktion, in deren Hohlräume man nicht nur Pflanzen stecken kann, sondern worin sich auch ein voll funktionsfähiges Katzenklo verbirgt. Der Traum aller Innenraumdesigner!

8. Signiere dein Barbecue…$ 79.95:
Mit bis zu drei Initialen kann man mit diesem Brandeisen, seine eigenen Steaks am Grill individualisieren und wird so nicht nur zur Partykanone sommerlicher Grillfeste, sondern kann auch gleich beweisen, wer für das köstlich knusprige (oder wahlweise völlig verbrannte) Steak verantwortlich zeichnet.

9. Die neue sprechende Bibel….$119.95:
Einer meiner persönlichen Favoriten, ist dieses High-Tech Gerät ein Muss für alle Christen und solche die es noch werden wollen. Es ist nicht nur handlich klein („fits in the palm of your hand“), sondern spricht auch alle Bücher des Neuen und des Alten Testaments mit einer echt wirkenden menschlichen Stimme. Am besten immer bei sich tragen und überall (im Bus, Flugzeug, U-Bahn) auch benutzen. Endlich ein probates Mittel gegen all die profanen Handygespräche, die man tagtäglich mit anhören muss.

10. Spiele deine Lieblingsgitarre in einer Stunde mit nur einem Finger….$ 41,98:
Sicher ein weiterer Topseller, lässt sich dieses handliche Gerät auf jede beliebige Gitarre montieren und erlaubt dir deine Lieblingslieder mit nur einem Fingerdruck zu spielen. Und wie im Magazin angepriesen: „Spiele jede Art von Musik: Country, Blues, Gospel, Bluegrass, Rockabilly und mehr.“ Mit diesem Wunderding mitgeliefert wird ein 24-seitiges Büchlein „welches dir beibringt, alte Klassiker (leider wurde nicht erwähnt welche) zu spielen, in dem es dir zeigt, wann du den Knopf drücken musst“. Ein wahrer Held, wer sich mit einem derartigen Gerät in eine texanische Countrybar wagt…

11. Wenn du nur wissen willst, welcher Tag heute ist: die Tagesuhr….$ 39.98:
Für alle Obizahrer, Arbeitslosen und sonstigen nichterwerbstätigen Zeitverplemperer, für jedermann, der sich nicht um die Tageszeit kümmern muss, sondern bloß wissen will, welcher Tag gerade aktuell ist, ist dieses Gerät unverzichtbar. Die Tagesuhr zeigt höchst präzise den genauen Wochentag an, so dass man auch am Montag weiß, warum man wieder nicht aufstehen muss.

12. Wach auf zum weltweit ersten sprechenden Wecker….$ 79,99:
Im Gegensatz zur Tagesuhr ist Herr Uhr (Mr. Clock), der weltweit erste sprechende Wecker, ein Muss für alle jene, die pünktlich aufstehen müssen. Herr Uhr kann jede Schlafmütze auf 30 verschiedene Arten aufwecken, von einer sanften Stimme bis hin zum schreienden Ausbildungsoffizier. Ja, herrlich – wer will nicht vom charmanten Unteroffizier, den er noch aus Heereszeiten kennt, wachgebrüllt werden?

13. Big Foot, die Garten-Yeti Skulptur….$ 98.95:
Für alle Gartenliebhaber, denen Venus-Skulpturen zu langweilig sind, für Reinhold Messner Fans, die von der Existenz des mythenumwobenen Himalayawesens überzeugt sind und für alle Bergfexe, die ihm selbst schon angesichtig wurden, ist diese wunderschön-authentisch geformte Skulptur des Big Foot bzw. Yeti ein unverzichtbares Accessoire für ihre Gartengestaltung. Ganze 72 cm hoch, übertrumpft sie locker jedes Nachbarn Gartenzwerg.

Für alle, die jetzt kaum mehr warten können bis sie die Tagesuhr, oder den Zwischen-Bettdecken-Ventilator ihr eigen nennen können, mehr davon und wie man sie bestellen kann unter: http://www.skymall.com. Erfahrungsberichte bitte an The Sandworm!

Susanne, 28. April 2008

Skizzen aus NY – Nr. 4

Fast jeden Tag sitzen sie da. Zwei geisterhafte Gestalten auf einer Wartebank in der U-Bahnstation Astor Place. Zwei Frauen, soviel kann man anhand ihrer sandalenartigen Schuhe und dem wallenden Gewand ausmachen. Von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet sitzen sie – lehnen sich aufeinander – die Gesichter ebenfalls mit schwarzen Schals vermummt. Kleinste Hautstellen sind sichtbar und es ist kaum zu erkennen, welcher Ethnie sie angehören. Ist es überhaupt wichtig das zu wissen? Würde es in meinem Denken einen Unterschied bewirken? Mehr Mitgefühl, wenn es sich um weiße Frauen handelt, größeres Verständnis für Schwarze? Im Grunde ist es einerlei. Beide Frauen sitzen dort in der U-Bahnstation am Astor Place, samt ihren trolley-artigen Koffern und ich frage mich jedes Mal, wenn ich vorbei gehe, verschämt vorbei schleiche, weil ich bereits beim Betrachten der beiden Figuren Schuldgefühle entwickle, Schuldgefühle das Derartiges sein kann, sein darf, ich frage mich jedes mal, was diese zwei Frauen in diese Situation gebracht hat. Ich frage mich, ob es zulässig ist sie anzustarren, ob es ein Eindringen in ihre Privatsphäre wäre, sie zu betrachten – diese zwei Figuren, die fast statuenhaft auf dieses Stück Sitzbank gegossen wirken, ein Stück Sitzbank, das mit ihrer Anwesenheit nicht mehr öffentlicher Raum, sondern Teil dieser beiden Personen geworden ist. Deren Schlafzimmer, Wartezimmer, Wohnraum. Jeden Tag, an dem ich die beiden hier sitzen sehe, will ich sie fotografieren. Weil ich trotz aller Bedenken, den Blick kaum von ihnen abwenden kann. Mich magisch angezogen fühle und wünsche dieses Bild fest zu halten, um es daheim zu betrachten – um es öffentlich zu machen. Tag für Tag kann ich mich trotz allem nicht überwinden meine Kamera auch nur aus der Tasche zu nehmen, weil ich das Gefühl habe, ihnen mit einem Foto den letzten Rest an Würde zu nehmen. Sofern davon noch irgendetwas übrig ist. Beide Frauen sitzen also hier in der U-Bahn Station Astor Place. Ich sehe sie nur vormittags, vermummte Gesichter, schwarze Kleidung, schwarze Socken, schwarze Sandalen, schwarzes Gepäck. Reisefertig für den letzten Trip. Wohin? Reisefertig, oder bereits angekommen? Endstation Astor Place.

Susanne, 14. April 2008