Skizzen aus NY – Nr. 3

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Die Armory Show hat eröffnet – ein langes Wochenende der Galerien. Sympathisanten und Mitglieder der Glaubensgemeinschaft „Kunst“ pilgern scharenweise in ihre Kirche. 5 kurze Tage hat sie ihre Pforten geöffnet, dieses Jahr in einer Lagerhalle an einem der unzähligen Piers auf Manhattans Westseite. Kleinere Konfessions-Kongregationen wie die Pulse, die Volta oder LA Art reißen sich zur selben Zeit um Kirchgänger – die einzig Wahre unter ihnen zu sein, reklamiert die Armory Show.

Am Mittwoch dürfen ausschließlich VIPs in die heiligen Hallen. Vielleicht sollte es VIB heißen – Very Important Believer? Irgendwann will man schließlich unter sich sein. Durch Zufall bin ich in den Besitz eines VIP-Passes gelangt und mache mich freudig auf den Weg in die Kirche. Angekommen gebe ich meinen Mantel ab und kaufe mir um 20 $ das jährlich neu aufgelegte Glaubensbekenntnis – den Katalog. Für besonders wichtige Glaubende wäre er eigentlich gratis – ich halte mich zurück, denn der VIP-Pass gehört meinem Boss. In Plastik eingewickelt wird mir die heilige Schrift schließlich ausgehändigt – dieses Jahr sind die Schutzheiligen der Armory Show Mr. John Waters, seines Zeichens Kultregisseur und seit den frühen 1990er Jahren auch bildender Künstler, sowie Ms. Mary Heilmann, abstrakte Malerin. Ich wandle wie selbstverständlich in die VIP Lounge, John und Mary unterzeichnen die Kataloge für die auserwählten Kunstgläubigen. John und Mary, fast wie Joseph und Maria, sitzen leibhaftig auf einem Sofa – in dieser Kirche gibt es ausnahmsweise nur lebende Heilige. Der Prozess der Heiligsprechung ist umstritten. Irgendwann ist man es, oder eben nicht.

Raus aus der VIP Lounge wandle ich durch die Gänge – Kirchenschiff und Krypta sind architektonisch nicht auszumachen – Galerie um Galerie bevölkern die Kunsthändler ihre in Reih und Glied aufgestellten, bescheidenen, fast spartanischen, Rigips-Mönchszellen. Neben Künstlern und Käufern, schwer auszumachen wer wer ist, stechen immer wieder einzelne Charaktere aus der Masse hervor. Meist paarweise pilgern sie durch die Gänge. Hier ein Pärchen, das ich schon mal irgendwo in einem Kulturformat gesehen habe, zwei skurrile Gestalten, glatzköpfig und in knalligen Gewändern. Dort ein in russischer Soldatenuniform paradierender junger Mann, begleitet von einem Transvestiten in einem biederen 1950er Jahre Damenkostüm. Welche Funktion sie erfüllen? Man weiß es nicht. Ministranten oder Erzengel in einer Kirche, deren Liturgie hier niemand so genau kennt.

Ich entdecke ein Werk das mir gefällt und frage den Galeristen nach dem Preis. 22.000 Dollar. Danke, heute lieber nicht. Weiter geht´s, auf und ab durch die elendslangen Gänge, Malereien neben Skulpturen, Fotografien neben Installationen, hier ein Bild mit lauter Penissen, dort ein weiblicher Akt mit gespreizten Beinen, davorstehend Betrachter, die nachdenklich ihre Köpfe wiegen – Derartiges regt hier wirklich niemanden mehr auf. Nach 3 Stunden Kunstgottesdienst neigt sich der Abend dem Ende zu, die Jünger werden pünktlich um 20 Uhr aus den Hallen vertrieben, morgen darf dann auch der normale Kunstliebhaber herein – gegen einen kleinen Obolus von 30 Dollar, versteht sich. Und wie früher als die Kirchenglocken die Messe beenden und die Gläubigen sich aus der Kirche drängen, ergießt sich auch in NY ganz kurz ein Strom von hunderten Menschen auf die Straßen der Großstadt. Anders als im Dorf auf dem Land, vermischt sich der Menschenstrom bereits nach wenigen Minuten mit der Masse der Stadtbewohner. Gläubig oder ungläubig – das kann nun keiner mehr ausmachen. Amen.

 

Susanne, 30. März 2008

 

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Skizzen aus NY – Nr. 2

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Seit gut einer Woche bin ich Dorfbewohnerin. 14th Street im Norden, Houston Street im Süden, Avenue D im Osten sowie Bowery bzw. 3rd Avenue im Westen, bilden die anerkannten Dorfgrenzen. Im örtlichen Jargon spricht man von der East Village, oder auch bloß von der Village – obwohl diesen Titel wohl die Bewohner des Dorfes westlich davon reklamieren würden: Greenwich Village trug ihn Jahrzehnte, jetzt wurde er, zusammen mit den meisten, die hip sein wollen, ostwärts gespült und die East Villagers beanspruchen ihn für sich . The Village – die liegt jetzt im Osten.  

Seit einer guten Woche bin ich also Mitglied in der Dorfgemeinschaft. Dorfbewohner werden ist hier leicht. Man braucht kein Leumundszeugnis, es gibt keine Dorfgrenzposten, die unangenehme Fragen stellen, man muss nur wollen. Und das tun derzeit viele. Es kommt also lediglich darauf an, sich einen der begehrten Schlafplätze zu sichern. Meiner liegt in der 10th Street, direkt hinter der St. Mark’s Church-in-the-Bowery, einer der ältesten Kirchen im Dorf. In der gesamten Stadt. Ich hatte demnach Glück. Und fühle mich seit gut einer Woche als Mitglied in dieser skurrilen Gemeinde, die sich aus Musikern, Filmleuten, Künstlern, Hängengebliebenen, Verlorengegangenen, Suchenden und Noch-Nicht-Gefunden-Habenden zusammensetzt. Die Village ist einzigartig. Man merkt es sobald man eintritt ins Dorf. Für mich war das der vergangene Samstag, als mich das Taxi aus Brooklyn an der 10. Straße freigab. Kurze Zeit später, im Dorfmarkt nach den ersten Vorräten für meinen Aufenthalt suchend, im Marktradio spielte man „Truckin“ von The Grateful Dead, da wusste ich, alles wird gut. 

Seit etwas mehr als einer Woche bin ich Dorfbewohnerin. Mittlerweile habe ich mich gut eingelebt. Zwischen den langen Exkursionen an meine Arbeitsstätte, die im sterilen Dorf „Midtown“ liegt, erkunde ich die Trampelpfade anderer Dorfbewohner und versuche mir ein Bild von dem zu machen, was das Dorf ausmacht. Hier ein paar Hipster, die mit Hornbrillen ihren Rimbaud auswendig lernen, dort zwei übrig gebliebene Hippies, auf der 6th Street wird gerade ein Film gedreht, in dem angeblich Natalie Portman mitspielt, Kapuzenjacken sind in. Ein Sammelsurium aus einprägsamen Charakteren, die nicht immer herausstechen, aber trotzdem Teil der Gemeinschaft sind. Und man verträgt sich. Zumeist. Geht zivilisiert mit einander um, auch wenn der andere eine der eigenen diametral entgegen gesetzte Weltanschauung besitzt. Im Moment zumindest, denn die Zeiten ändern sich schnell, in der Village.  

Seit gut einer Woche bin ich also Dorfbewohnerin und fühle mich hier wohl. Heute ist Sonntag. Vor kurzem aufgestanden, habe ich meinen Mantel übergeworfen und mich auf den Weg zum Coffeeshop meines Vertrauens gemacht. Ich wandle vorbei an der St. Mark’s Church, eine Handvoll Gläubige, samt Priester und Laien, ausgestattet mit Kreuz und Palmwedeln, macht sich singend auf ihren Palmzug. „This little light of mine, I´m gonna let it shine…“. Fast möchte ich mitziehen, bis mir der Kaffee wieder einfällt und ich weiterschlurfe. Im Coffeeshop spielt man die Sexpistols und alle sind glücklich. Am Nachhauseweg kehrt auch der Palmsonntagszug wieder zurück. Immer noch dasselbe Lied auf den Lippen. „…I’m gonna let it shine“. Für zwei zufrieden wirkende Punks, die sich über die kleine Schar von Gläubigen amüsiert, geht die Nacht vermutlich eben erst zu Ende. Für einen kurzen Augenblick befinden sich die Beiden auf gleicher Höhe mit dem Palmzug und so skurril der Kontrast – die Kleider der Priester, das Outfit der Punks – nach ein paar kurzen Blicken auf einander, wandelt jeder wieder seiner Wege. Die Fotogelegenheit habe ich versäumt und meine im Vorbeigehen zu den beiden lachenden Punks „Ich hätte euch alle auf ein Foto bannen sollen“. „Das hättest du“ entgegnet einer von ihnen freundlich. Das hätte ich wohl. Ich ärgere mich kurz über die verpasste Gelegenheit, bis mir wieder einfällt, wo ich bin. Ich bin im Dorf! Dorfbewohnerin! Derartige Gelegenheiten kommen bald wieder. Sie bieten sich hier an allen Ecken und zu jeder Tageszeit. Ich wünsche den beiden Punks noch einen schönen Sonntag, sie mir auch. „I see you“ – „Yeah, I see you“. Man sieht sich. Man wohnt nicht umsonst im selben Dorf. 

 

Susanne, 16. März 2008

Skizzen aus NY – Nr. 1

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Gerade von der Einreiseschleuse ausgespuckt, am Zoll vorbei geschlichen, stehe ich auf der Plattform des Airtrain. Bindeglied zwischen Flughafen und öffentlichem Verkehr in New York. Entscheidungen müssen getroffen werden, ich habe die Wahl zwischen Howard Beach und Jamaica. Das Wetter entspricht keiner der beiden Wahlmöglichkeiten. Ich wähle den Strand. Gestrandet fühle ich mich in gewisser Hinsicht auch. Die Plattformadministratorin, diesen Namen habe ich ihr gegeben, fragt nach, ob jemand russisch spricht. Das angesprochene ältere Paar steht verloren am Bahndamm und unterhält sich in breitem Wiener Dialekt. Ich überlege kurz, meine nicht vorhandenen Russischkenntnisse zu deklarieren und als des Wienerischen Mächtige unerkannt zu bleiben, bis mich das Mitleid überkommt. Die beiden Wiener bedanken sich, dann fährt auch schon ihr Zug ein. Ich merke, wie mich insgeheim Freude überkommt, dass sie nicht mit mir an den Strand fahren werden. Dann kündigt die Plattformadministratorin meinen Zug an, ich steige ein und werde in dem sterilen Behälter, vorbei an den restlichen JFK-Terminals wie in einer Sci-Fi-Sardinenbüchse in Richtung New York befördert. Am letzten Terminal schweift mein Blick in die Ferne, die klirrende Kälte hat am wolkenfreien Horizont, die erste Sicht auf die Stadt freigegeben. Mittendrinnen streckt sich das Empire State Building als nunmehr höchstes Gebäude dem Himmel entgegen. Fast stolz wirkt es, jetzt, da es seine Vorrangstellung wieder inne hat. Zwei Ausschläge in der Frequenzlinie der Stadt fehlen. Vor fast 8 Jahren, als ich New York das letzte Mal sah, waren sie noch da gewesen. Unverkennbar. Jetzt sind sie nicht mehr Teil des Klangspektrums der Stadt und auch über die weite Distanz nach Europa hat ihre Entfernung den Ton hier merklich verändert. Im gesamten Land. Ausgespuckt vom schnittigen Hightech-Zug, lande ich endlich am Strand. Minuten später sitze ich bereits im dreckigen U-Bahnwagen nach Brooklyn. Umgeben von Menschen, für die das Wort Beach vermutlich auch eher die Assoziation zum Schiffbruch weckt. Und trotz allem fühle ich mich merklich wohler, ich werde zumindest nicht allein gestrandet sein, auf dieser Insel.

 

Susanne, 29. Februar 2008