I ♥ NY

Diesmal gibt es keinen ausführlichen Reisebericht, eigentlich wollte ich ganz darauf verzichten, aber nachdem wir heute den 10. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center begehen, wird dies eine kleine Hommage in Bildern. An mein persönliches New York – „the greatest city in the world“ wie David Letterman kurz nach den Anschlägen bewegt feststellte.

Ich kann ihm nur voll und ganz zustimmen.

I wasn’t going to write another travel report this time around. But since we’re commemorating the attacks on the World Trade Center, 10 years ago today, I decided to publish an hommage to my New York. The city, which is, as David Letterman asserts in his moving speech shortly after the attacks, „the greatest city in the world„.

I couldn’t agree more.

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Susanne, 11. September 2011

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Skizzen aus NY – Nr. 8

Der fast normale Ablauf einer Woche in NY: Sonntag abend aus in einen Club, eine Freundin ist auf Besuch, Moby legt höchstpersönlich auf. Montag Veranstaltung mit Vorarlberger Architekten, Dienstag eine Buchpräsentation samt anschließender Party – es wird schon wieder später. Mittwoch kämpfe ich gegen die Müdigkeit und muss ausnahmsweise zu Red Bull greifen. Am Donnerstag Ausstellungseröffnung im Guggenheim Museum, samt Wein und einer gemeinen Nussmischung an der Bar. Louise Bourgeois Retrospektive übrigens, und sehr gut. Am Freitag hab ich das Schlafdefizit endlich abgearbeitet und stimme mich aufs Wochenende ein, am Abend noch raus in die Stammbar, später als geplant heimgekommen. Am Samstag endlich ausgeschlafen, Gelsenstiche nachgezählt und nach einem Abstecher im Mud Spot, Stammcafé, nach Brooklyn. Die U-Bahn fährt wieder mal ganz anders als es vorgesehen ist, irgendwie schaff ich es raus aus Manhattan. Kurzbesuch bei einer österreichischen Künstlerin, wir stehen am Dach ihres hübschen Hauses und betrauern, dass ihr gerade der Blick auf die Freiheitsstatue zugebaut wird. Fucking Bastards! Zurück in die Stadt, dringende Einkäufe in Chinatown und Soho. Abstecher beim Chinesen. Heute muss es unbedingt wieder Sesame Chicken sein. Am späten Nachmittag ins Kino, nachher die am Vormittag abgelieferte Wäsche abholen – endlich wieder saubere Unterwäsche! Abends keine Pläne – Lesen ist auch voll ok. Am Sonntag lange schlafen, Kaffee im Mud Spot, telefonieren mit Wien, Europameisterschaftsfinale im Pub. Spanien hat gewonnen, gottseidank! Wieder heim, ein ruhiger Abend, Einstimmung auf die letzte Woche in New York.

Susanne, 29. Juni 2008

Skizzen aus NY – Nr. 7

 

Stefan Nemeth   (Stefan Németh)

 

Nach mehr als zwei Monaten in New York kann ich vom ersten musikalischen Highlight dieses Aufenthaltes berichten. Es stimmt schon, ich habe mich die meiste Zeit hier nicht wirklich intensiv mit dieser Kunstform beschäftigt und mein Interesse Live-Konzerte zu besuchen hielt sich ebenfalls in Grenzen. Wer will schon Billy Joel oder Josef Ratzinger in irgendwelchen Baseballstadien erleben? Ich nicht. Und somit hat meine Aufmerksamkeit bis dato der bildenden Kunst gegolten.

Gestern jedoch durfte ich, in Zeiten musikalischer Revivals und Re-Revivals, einen wirklich interessanten, unerwartet innovativen Musikabend erleben. Nach einem einigermaßen ermüdenden Arbeitstag flatterte die Einladung in ein Etablissement namens „Knitting Factory“ in mein elektronisches Postfach und obwohl ich totmüde war und meine Augen kaum noch offen halten konnte, kam mir dieser Name bekannt vor und nach kurzer Recherche wusste ich: das muss ich mir ansehen. 

Ich habe, zugegebenermaßen, eine gewaltige Schwäche für den sogenannten Underground – und damit meine ich diesmal ausnahmsweise nicht die New Yorker U-Bahn – düstere Spelunken und abgefuckte Konzertvenues lassen mein Herz höher schlagen. Hier kann man nicht nur die skurrilsten Gestalten erleben und mitunter ausnehmend interessante Gespräche führen, auch musikalisch ist es zumeist ein Garant für hochgradiges Amüsement und/oder die Entdeckung ungeschliffener Musikdiamanten. Hin und wieder sind auch bereits geschliffene dabei, das hängt von der jeweiligen Sichtweise ab.

Nachdem ich die Ausweiskontrolle zur Feststellung des legalen Trinkalters passiert hatte, marschierte ich nichts ahnend in Richtung Konzertraum, aus dem mir bereits dumpfe Klänge entgegendröhnten. Mit der Tür zum Aufführungssaal schien sich gleichzeitig auch das Tor zur Hölle zu öffnen – vor der Bühne hatten drei satanische Wesen Aufstellung genommen und bearbeiteten Micro, E-Gitarre und Schlagzeug, auf dass es einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die Truppe, die sich „Bonedust“ nannte und deren Name offenbar Programm war, bestand, wie sich erst auf den zweiten Blick herausstellte, aus drei Frauen, die, in burtonesker Kostümierung (Stichwort „The Nightmare before Christmas“) wahlweise auf die Drums eindroschen, die Saiten an den Rand des Berstens brachten oder in markerschütternder Fasson ins Mikrophon brüllten. Sicherheitshalber hielt ich mich im Hintergrund, auch aus Angst, ich könnte bei zu intensivem Konsum dieser musikalischen Kost auf Lebzeiten unter Albträumen leiden, trotz allem war ich wie der Rest der Zuhörer fasziniert. Die für mich brennendste Frage: Wenn es schon Angstanfälle auslöst, sich derlei anzuhören, was veranlasst jemanden dazu, Musik wie diese herzustellen?! 

Nach etwa 45 Minuten war der Spuk dann vorbei und dass die drei Damen ihre eigenen Instrumente schließlich selbst abbauen und wegtragen mussten, verlieh der ganzen Show dann noch den Extratouch an Pathos – gequälte, malträtierte Satansbrut, die auch noch dazu verurteilt war ihren eigenen Krempel wegzuräumen. Ein erstes Highlight des Abends.

Der zweite Act fiel Bierkonsum und Zigarettenrauchen zum Opfer. Dass dies soviel Zeit in Anspruch nahm, liegt aber nicht, wie manche vermuten würden, an der psychologischen Reaktion zu „Bonedust“, die sicherlich darin liegen könnte, das entstandene Angstausmaß mit übermäßigem Alkohol- und Zigarettenkonsum zu betäuben, sondern viel mehr an der Tatsache, dass die Konsumierung dieser Stimulantien in New York nie und nimmer in einer viertel Stunde zu bewältigen ist. Schließlich ist Rauchen im Lokal nicht mehr erlaubt, man muss raus auf die Straße, Alkohol wiederum darf beim besten Willen nicht nach draußen mitgenommen werden. Wer dann auch noch aufs Klo musste, hätte selbst beim dritten Musikact die Hälfte, und somit den Höhepunkt des Abends, versäumt.

 

    (Martin Siewert)

 

Besagter bestand aus Stefan Németh (seines Zeichens Österreicher) und Martin Siewert (in Wien lebender Deutscher), die gemeinsam als „Nemeth“ für ein denkwürdiges Musikerlebnis sorgten. Beide Musiker waren einander gegenüber aufgestellt, Stefan Németh am Synthesizer, Martin Siewert mit Synthesizer, Hawaii- und E-Gitarre, und begannen über die Dauer von nicht ganz einer Stunde eine Klangkulisse aufzubauen, die Ihresgleichen sucht! Langsam schwebende Klänge, grillenartiges Zirpen, Herzrhythmusstörungen auslösende Beats, morriconeartige Gitarrenriffs bauten sich da auf, wurden wieder zu leiseren, flächenartigen Klangteppichen heruntergeschraubt, breiteten sich bis in die letzten Winkel des dunklen Saals aus und legten sich über die bewegungslosen, auf ihren Stehplätzen festgefroren scheinenden Zuhörer. Immer wieder entstand durch diese Kompositionen eine fast unerträgliche Spannung – die mit grünen, gelben und roten Drähten verkabelten Geräte der Musiker, die bis auf wenige Blickkontakte hochkonzentriert „arbeiteten“ und bloß über ihre Instrumente kommunizierten, weckten Assoziationen mit Filmszenen in denen Bomben entschärft werden müssen. Wird er den richtigen Draht durchschneiden? Fliegt hier bald alles in die Luft?! Endlich – ein ryhthmischer Drumbeat, der die aufgestaute Spannung mitnimmt und das Publikum in die nächste Klangwelle spült. 

Zwei „Lieder“ wurden an diesem Abend bloß gespielt, das erste ca. dreißig, das letzte etwa fünfzehn Minuten lang, trotz allem – nachdem der letzte Ton verklungen war, erwachten die hypnotisierten Zuhörer aus ihrer Trance und konnten endlich wie befreit den beiden Performern den würdigen Tribut zollen. Frenetischer Applaus, alle waren glücklich, ein musikalisches Erlebnis der Sonderklasse.

 

Susanne, 22. Mai 2008

 

Weiterführende Links:

http://www.thrilljockey.com/artists/index.html?id=11190

 

http://siewert.klingt.org/


Skizzen aus NY – Nr. 6

U-Bahn fahren in NY ist eine eigene Wissenschaft. Eher eine Geheimwissenschaft, denn selbst eingefleischte New Yorker finden sich hie und da in einem undurchsichtlichen System aus umgeleiteten, ausgefallenen oder am fremden Geleis fahrenden U-Bahnzügen wieder. Nun wird man fragen, wie ich als U-Bahn-Anfängerin auf die Idee komme, dass alteingesessene New Yorker Schwierigkeiten im Umgang mit der hiesigen Untergrundbahn haben könnten? Erfahrung und ein guter Blick sagen mir, dass ich Recht habe.

Natürlich dachte ich zu Beginn meines Aufenthaltes, ich würde bloß in die Anfängerfallen der MTA – der Metropolitan Transportation Authority, so der Betreiber der New Yorker U-Bahn – tappen. Sicher, ich war auch vor diesem Aufenthalt nie länger als eine Woche in der Stadt gewesen und konnte mich an die Tücken des U-Bahnwesens kaum erinnern, aber nach dem ersten Schrecken, als ich mich unerwartet in einem Zug einer Linie befand, der gar nichts dort, wo ich zugestiegen war, zu suchen gehabt hätte, war ich gewarnt. Und, als jemand, der sich selbst bereits akademisch betätigt hat, war meine wissenschaftliche Neugier entfacht.

Dabei ist die New Yorker U-Bahn heimtückisch! Durchaus übersichtlich präsentiert sie sich dem arglosen Benutzer am Plan wohlorganisiert und lädt geradezu ein, sich auf eine Erkundung der Stadt mittels öffentlichem Transportmittel einzulassen. Und da ist man ihr dann ausgeliefert, denn einmal geschluckt vom endlosen Tunnelsystem, einmal eingestiegen in die falsche Bahn, bedarf es einiges an List und Tücke ihr wieder zu entkommen.

Da gibt es ein Gewirr an Reparaturen, die Umleitungen bedingen, kurzfristig eingeschobenen Expresszügen, die in rasender Geschwindigkeit an der heimischen Haltestelle vorbeisausen, so schnell, dass man kaum in der Lage ist, den Namen der gewünschten Haltestelle rechtzeitig zu lesen und sich bereits mitten auf dem Weg in unbekannte Gefielde Manhattans befindet – oder schlimmer, möglicherweise bereits in Queens! Hin und wieder wandert man spät abends in die gewohnte Station, freut sich auf einen kurzen Heimweg und wird erst nach 20, 30 Minuten misstrauisch. Wo bleibt der gewohnte Zug? Neben mir warten nur 5 andere Leute, recht wenig für Midtown Manhattan, auch um kurz vor Mitternacht. Irgendwann beginnen sich die Wartenden fragend umzusehen, Blicke treffen sich, trennen sich wieder und starren hoffnungsfroh in den tiefschwarzen U-Bahnschacht. Wo bleiben die zwei erlösenden Scheinwerfer. Dann endlich, die vertraut unverständliche Stimme der Ansage. Hinter einem trommelfellerschütternden Rauschen kann man, wenn man der englischen Sprache sehr gut mächtig ist, oder derlei Situationen bereits öfters erlebt hat, die Worte „no“ „train“ und „downtown“ heraushören. Das gelingt aber auch nur jenen, die sich so wie ich, ganz intensiv mit der U-Bahn-Wissenschaft auseinandersetzen. Für alle anderen lässt es sich kurz dahingehend übersetzen, dass der gewünschte Zug nicht fährt. Und auch kein anderer. Basta. Also räumt man mit hängendem Kopf den Bahnsteig und sucht wie ein Abenteurer, einen neuen Weg zum Ziel.

Fragen ist meist hoffnungslos, auch wenn die U-Bahnansage, wie des Öfteren, bloß nur mehr wie „rewawawerrrraawwwwaarr“ klingt. Denn dann erntet man zumeist Kopfschütteln, eventuell ein kurzes „ich habe keine Ahnung“ oder bestenfalls ein mitleidiges „es tut mir sehr leid“. Man ist auf sich allein gestellt. Schafft man es dann endlich in den richtigen Zug, treten weitere Effekte, die dem U-Bahnfahren in New York und wissenschaftlicher Betätigung gemein sind, in Kraft: Befriedigung und Wissensneid. Zum einen ist man heilfroh endlich auf dem richtigen Weg nach Hause zu sein, die wissenschaftliche Fragestellung zufriedenstellend beantwortet zu haben – dieser Effekt verstärkt sich mit fortschreitender nächtlicher Stunde – zum anderen – und hier findet sich auch die Bestätigung der These, dass selbst eingefleischte New Yorker in Sachen U-Bahnfahren auf verlorenem Posten stehen – zeigt sich an den Haltestellen, die man bis zum Ziel anfährt immer wieder dasselbe Bild: Der Zug hält, die Türen öffnen sich, ein paar New Yorker schauen scheu in den Zug, wie wilde Tiere, kurz bevor sie in die Falle tappen – man kann an ihrem Blick die offensichtliche Frage „wohin fährt dieser Zug?“ lesen. Ein paar Mutige steigen ein und setzen sich hin, lassen sich nicht anmerken, dass sie keine Ahnung haben, wo sie hinfahren. Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt, man hat nicht viel Zeit für die Entscheidung, bleibe ich oder steige ich wieder aus, erfahrungsgemäß schließen sich die Türen innerhalb einer halben Minute. Endlich – jemand fragt, so uninteressiert wie möglich, „fährt dieser Zug nach XY?“. Und hier beginnt der Wissensneid der bereits mitfahrenden Gäste/U-Bahnforscher. Schließlich haben wir uns unser Wissen über die Destination des Zuges hart erarbeitet. Soll ich es irgendeinem dahergelaufenen Pseudowissenschafter, der vielleicht gerade mal 5 Minuten auf seinen Zug gewartet hat, so einfach preisgeben? Wer glaubt der, wer er eigentlich ist? Doch dann hat man Mitleid, man hat ja schließlich einen gemeinsamen Feind, eine gemeinsame Disziplin – das erfolgreiche U-Bahnfahren, ohne versäumte Ausstiegsstellen, ohne einfach ausgelassene Haltestellen – und – man gibt freudig, ja stolz über das bisschen Wissen mehr, das man an diesem Abend den anderen U-Bahnwissenschaftern gegenüber besitzt, die gierig erwartete Antwort. Ahhhh! Alle setzen sich, öffnen ihre Zeitungen, schlagen ihre Bücher auf, schalten ihre MP3 Player ein – und man fährt endlich nach Hause. Prüfung bestanden. U-Bahnwissenschaften für Anfänger.

Susanne, 12. Mai 2008

Skizzen aus NY – Nr. 5

Die USA sind ein faszinierender Staatenbund, dessen Regierung und Bevölkerung immer wieder für ausgesprochene Dummheit in der Kritik steht. Immerhin, mir sind die Amerikaner trotzdem ans Herz gewachsen und die Ignoranz treibt auch in Europa gerne ihr Unwesen. Beispiele dafür gäbe es genug. Nachdem ich aber nun mal in NY aufhältig bin und mich deshalb vordergründig mit US-amerikanischen Eigenheiten beschäftige, habe ich beschlossen den Lesern dieses Blogs eine Freude zu machen und ein paar ganz besonders schöne Stilblüten zur Thematik „Dinge, die kein Mensch braucht“ zu dokumentieren. Natürlich muss ich hier wieder meine amerikanischen Freunde verteidigen – auch in Europa und ganz besonders in Österreich verfügt man über einprägsame Beispiele von unnötigem Firlefanz, der außer viel Geld zu kosten, kaum jemandem von Nutzen ist. Erwähnt sei in dieser Hinsicht vielleicht der allseits beliebte Kreisverkehr, der sich in der süd-westlichen Steiermark auch in größeren Ansammlungen findet, nicht zu vergessen auch die sommerlichen Baustellen in den Städten – hier ein Loch, aufgefüllt, am nächsten Tag wieder aufgerissen – am besten zu früher Morgenstunde mit dem Presslufthammer. Einige Zeitgenossen würden Österreich gar als Geburtsstätte sinnloser Zeitvertreibungen bezeichnen – nicht umsonst wurden das Salzamt oder der Amtsschimmel hier geboren – soweit will ich aber dann doch nicht gehen.

Wie dem auch sei, ich befand mich vergangenen Donnerstag auf dem Flug nach Chicago und wollte zunächst Ablenkung in einem Klassiker der Literaturgeschichte suchen, als mich das bunte Magazin in der Rückseite des Vordersitzes ganz und gar davon ablenkte. Es erwies sich nicht nur als höchst kreativ in Sachen nutzlose Erfindungen, nein es schien ganz und gar Expertentum auf diesem Gebiet entwickelt zu haben. Darüber hinaus war es eine der amüsantesten Lektüren, die ich in jüngster Zeit gelesen habe und der langweilige Flug ist dadurch blitzschnell vergangen. Das eindrucksvolle Magazin nannte sich Skymall – Einkaufszentrum im Himmel – und bot auf schätzungsweise mehr als 100 Seiten eine Vielzahl hochinteressanter Produkte an. Manche davon durchaus auch brauchbar, der große Rest jedoch ein beeindruckendes Sammelsurium an nutzlosen Kuriositäten, die mich allein schon aufgrund der großen Kreativität, die zum Ausdenken derlei Absurditäten notwendig schien, sprachlos machten. Oder sagen wir lieber, sich meine Bewunderung sicherten. Für alle die sich fragen, was da so alles dabei war, folgt nunmehr eine Auswahl meiner absoluten Lieblingsprodukte. Für Interessenten – die es vielleicht sogar gibt – habe ich auch die wohlfeilen Preise (der Dollarkurs ist derzeit optimal – also schnell zuschlagen!) angeführt. Ich möchte noch erwähnen, dass ich mir in der Übersetzung hin und wieder Freiheiten gelassen habe, um den auch literarisch beeindruckenden Stil dieses Magazins zumindest annähernd wiederzugeben:

1. Der 206 hörbare Vogelstimmen-Identifikator….$ 99,95:
Da muss das Herz jedes Hobby-Ornithologen einfach höher schlagen! Da zwitschert ein Vöglein im Busch – ha! – ich habe ja den 206 hörbare Vogelstimmen-Identifikator – jetzt fliegt kein Vogel mehr unidentifiziert aus meinem Garten (das Gerät ist auch hoch aktuell im Bezug auf die herrschende Sicherheitsdebatte…).

2. Der persönliche „Zwischen-Bettdecken-Ventilator“….$ 75,95:
Ihnen ist zwischen Matratze und Bettdecke zu heiß? Jetzt gibt es endlich eine Lösung. Kein mühsames Lüften der Decke oder teilweises Abdecken von zu heiß gewordenen Körperteilen mehr. Ich schalte einfach meinen praktischen Zwischen-Bettdecken-Ventilator ein!

3. Das Marshmallow-Maschinengewehr…$ 29.95:
Ein sinnvolles Zeichen in einer kriegerischen Welt. Lassen wir unseren Kindern die Plastikmaschinengewehre – aber sie sollen sich doch bitte mit etwas beschießen, dass auch Spaß macht – am besten mit Marschmallows. Älteren Semestern unter uns auch noch als „Speck“ bekannt. Essensverschwendung? Natürlich nicht – wer qualifiziert Marshmallows schon als Essen…

4. Der Auswerfende Hot-Dog Kocher…$ 49.95:
Hier haben meine Übersetzungsfähigkeiten nicht ganz das Original getroffen „the pop-up hot dog cooker“ (bessere Vorschläge gerne als Kommentar). Ein toasterartiges Gebilde, mit zwei Löchern für die Frankfurter in der Mitte, und zwei schmäleren Öffnungen für die Hot-Dog-Semmel. Gut, Hot-Dog-Liebhaber würden sich über Sinn und Sinnlosigkeit dieses Geräts sicher mit mir streiten.

5. „Ich habe 5 Pfund in drei Tagen mit der Keks-Diät verloren“….$ 19.99/Schachtel:
Ja, da macht Abnehmen wieder Spaß! Laut dieser Diät, die gesunderweise nur auf Keksen basiert, welche natürlich alle wichtigen lebensnotwendigen Inhaltsstoffe mitliefern, kann man sich unbesorgt den ganzen Tag mit Keksen vollstopfen und verliert dabei auch noch lästige Kilos (oder zumindest Pfunde…)!

6. Das Nummernschild, das persönliche Botschaften als Laufschrift präsentiert…$ 39,95:
Der Traum aller Autocholeriker ist wahr geworden: endlich kann man dem Hintermann mit der Laufschrift auf der eigenen Nummerntafel sagen, was man wirklich von ihm hält (alle Bezeichnungen in diesem Absatz sind geschlechtsneutral zu verstehen…) und muss sich nicht mehr ungehört die Seele aus dem Leib schreien: „Blinker, du blödes Arschloch!“. Wird dem wahren Zweck der Fabrikanten zwar nicht gerecht („Sag der Süßen hinter dir, dass du Single bist!“), hat aber offenbar doch praktikable Anwendungsmöglichkeiten.

7. Das dekorative Katzenkisterl, das man nicht mehr verstecken muss….$ 129,95:
Versteckt in einer wunderschönen blumentopfartigen Konstruktion, in deren Hohlräume man nicht nur Pflanzen stecken kann, sondern worin sich auch ein voll funktionsfähiges Katzenklo verbirgt. Der Traum aller Innenraumdesigner!

8. Signiere dein Barbecue…$ 79.95:
Mit bis zu drei Initialen kann man mit diesem Brandeisen, seine eigenen Steaks am Grill individualisieren und wird so nicht nur zur Partykanone sommerlicher Grillfeste, sondern kann auch gleich beweisen, wer für das köstlich knusprige (oder wahlweise völlig verbrannte) Steak verantwortlich zeichnet.

9. Die neue sprechende Bibel….$119.95:
Einer meiner persönlichen Favoriten, ist dieses High-Tech Gerät ein Muss für alle Christen und solche die es noch werden wollen. Es ist nicht nur handlich klein („fits in the palm of your hand“), sondern spricht auch alle Bücher des Neuen und des Alten Testaments mit einer echt wirkenden menschlichen Stimme. Am besten immer bei sich tragen und überall (im Bus, Flugzeug, U-Bahn) auch benutzen. Endlich ein probates Mittel gegen all die profanen Handygespräche, die man tagtäglich mit anhören muss.

10. Spiele deine Lieblingsgitarre in einer Stunde mit nur einem Finger….$ 41,98:
Sicher ein weiterer Topseller, lässt sich dieses handliche Gerät auf jede beliebige Gitarre montieren und erlaubt dir deine Lieblingslieder mit nur einem Fingerdruck zu spielen. Und wie im Magazin angepriesen: „Spiele jede Art von Musik: Country, Blues, Gospel, Bluegrass, Rockabilly und mehr.“ Mit diesem Wunderding mitgeliefert wird ein 24-seitiges Büchlein „welches dir beibringt, alte Klassiker (leider wurde nicht erwähnt welche) zu spielen, in dem es dir zeigt, wann du den Knopf drücken musst“. Ein wahrer Held, wer sich mit einem derartigen Gerät in eine texanische Countrybar wagt…

11. Wenn du nur wissen willst, welcher Tag heute ist: die Tagesuhr….$ 39.98:
Für alle Obizahrer, Arbeitslosen und sonstigen nichterwerbstätigen Zeitverplemperer, für jedermann, der sich nicht um die Tageszeit kümmern muss, sondern bloß wissen will, welcher Tag gerade aktuell ist, ist dieses Gerät unverzichtbar. Die Tagesuhr zeigt höchst präzise den genauen Wochentag an, so dass man auch am Montag weiß, warum man wieder nicht aufstehen muss.

12. Wach auf zum weltweit ersten sprechenden Wecker….$ 79,99:
Im Gegensatz zur Tagesuhr ist Herr Uhr (Mr. Clock), der weltweit erste sprechende Wecker, ein Muss für alle jene, die pünktlich aufstehen müssen. Herr Uhr kann jede Schlafmütze auf 30 verschiedene Arten aufwecken, von einer sanften Stimme bis hin zum schreienden Ausbildungsoffizier. Ja, herrlich – wer will nicht vom charmanten Unteroffizier, den er noch aus Heereszeiten kennt, wachgebrüllt werden?

13. Big Foot, die Garten-Yeti Skulptur….$ 98.95:
Für alle Gartenliebhaber, denen Venus-Skulpturen zu langweilig sind, für Reinhold Messner Fans, die von der Existenz des mythenumwobenen Himalayawesens überzeugt sind und für alle Bergfexe, die ihm selbst schon angesichtig wurden, ist diese wunderschön-authentisch geformte Skulptur des Big Foot bzw. Yeti ein unverzichtbares Accessoire für ihre Gartengestaltung. Ganze 72 cm hoch, übertrumpft sie locker jedes Nachbarn Gartenzwerg.

Für alle, die jetzt kaum mehr warten können bis sie die Tagesuhr, oder den Zwischen-Bettdecken-Ventilator ihr eigen nennen können, mehr davon und wie man sie bestellen kann unter: http://www.skymall.com. Erfahrungsberichte bitte an The Sandworm!

Susanne, 28. April 2008

Skizzen aus NY – Nr. 4

Fast jeden Tag sitzen sie da. Zwei geisterhafte Gestalten auf einer Wartebank in der U-Bahnstation Astor Place. Zwei Frauen, soviel kann man anhand ihrer sandalenartigen Schuhe und dem wallenden Gewand ausmachen. Von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet sitzen sie – lehnen sich aufeinander – die Gesichter ebenfalls mit schwarzen Schals vermummt. Kleinste Hautstellen sind sichtbar und es ist kaum zu erkennen, welcher Ethnie sie angehören. Ist es überhaupt wichtig das zu wissen? Würde es in meinem Denken einen Unterschied bewirken? Mehr Mitgefühl, wenn es sich um weiße Frauen handelt, größeres Verständnis für Schwarze? Im Grunde ist es einerlei. Beide Frauen sitzen dort in der U-Bahnstation am Astor Place, samt ihren trolley-artigen Koffern und ich frage mich jedes Mal, wenn ich vorbei gehe, verschämt vorbei schleiche, weil ich bereits beim Betrachten der beiden Figuren Schuldgefühle entwickle, Schuldgefühle das Derartiges sein kann, sein darf, ich frage mich jedes mal, was diese zwei Frauen in diese Situation gebracht hat. Ich frage mich, ob es zulässig ist sie anzustarren, ob es ein Eindringen in ihre Privatsphäre wäre, sie zu betrachten – diese zwei Figuren, die fast statuenhaft auf dieses Stück Sitzbank gegossen wirken, ein Stück Sitzbank, das mit ihrer Anwesenheit nicht mehr öffentlicher Raum, sondern Teil dieser beiden Personen geworden ist. Deren Schlafzimmer, Wartezimmer, Wohnraum. Jeden Tag, an dem ich die beiden hier sitzen sehe, will ich sie fotografieren. Weil ich trotz aller Bedenken, den Blick kaum von ihnen abwenden kann. Mich magisch angezogen fühle und wünsche dieses Bild fest zu halten, um es daheim zu betrachten – um es öffentlich zu machen. Tag für Tag kann ich mich trotz allem nicht überwinden meine Kamera auch nur aus der Tasche zu nehmen, weil ich das Gefühl habe, ihnen mit einem Foto den letzten Rest an Würde zu nehmen. Sofern davon noch irgendetwas übrig ist. Beide Frauen sitzen also hier in der U-Bahn Station Astor Place. Ich sehe sie nur vormittags, vermummte Gesichter, schwarze Kleidung, schwarze Socken, schwarze Sandalen, schwarzes Gepäck. Reisefertig für den letzten Trip. Wohin? Reisefertig, oder bereits angekommen? Endstation Astor Place.

Susanne, 14. April 2008

Skizzen aus NY – Nr. 3

armory.jpg

 

Die Armory Show hat eröffnet – ein langes Wochenende der Galerien. Sympathisanten und Mitglieder der Glaubensgemeinschaft „Kunst“ pilgern scharenweise in ihre Kirche. 5 kurze Tage hat sie ihre Pforten geöffnet, dieses Jahr in einer Lagerhalle an einem der unzähligen Piers auf Manhattans Westseite. Kleinere Konfessions-Kongregationen wie die Pulse, die Volta oder LA Art reißen sich zur selben Zeit um Kirchgänger – die einzig Wahre unter ihnen zu sein, reklamiert die Armory Show.

Am Mittwoch dürfen ausschließlich VIPs in die heiligen Hallen. Vielleicht sollte es VIB heißen – Very Important Believer? Irgendwann will man schließlich unter sich sein. Durch Zufall bin ich in den Besitz eines VIP-Passes gelangt und mache mich freudig auf den Weg in die Kirche. Angekommen gebe ich meinen Mantel ab und kaufe mir um 20 $ das jährlich neu aufgelegte Glaubensbekenntnis – den Katalog. Für besonders wichtige Glaubende wäre er eigentlich gratis – ich halte mich zurück, denn der VIP-Pass gehört meinem Boss. In Plastik eingewickelt wird mir die heilige Schrift schließlich ausgehändigt – dieses Jahr sind die Schutzheiligen der Armory Show Mr. John Waters, seines Zeichens Kultregisseur und seit den frühen 1990er Jahren auch bildender Künstler, sowie Ms. Mary Heilmann, abstrakte Malerin. Ich wandle wie selbstverständlich in die VIP Lounge, John und Mary unterzeichnen die Kataloge für die auserwählten Kunstgläubigen. John und Mary, fast wie Joseph und Maria, sitzen leibhaftig auf einem Sofa – in dieser Kirche gibt es ausnahmsweise nur lebende Heilige. Der Prozess der Heiligsprechung ist umstritten. Irgendwann ist man es, oder eben nicht.

Raus aus der VIP Lounge wandle ich durch die Gänge – Kirchenschiff und Krypta sind architektonisch nicht auszumachen – Galerie um Galerie bevölkern die Kunsthändler ihre in Reih und Glied aufgestellten, bescheidenen, fast spartanischen, Rigips-Mönchszellen. Neben Künstlern und Käufern, schwer auszumachen wer wer ist, stechen immer wieder einzelne Charaktere aus der Masse hervor. Meist paarweise pilgern sie durch die Gänge. Hier ein Pärchen, das ich schon mal irgendwo in einem Kulturformat gesehen habe, zwei skurrile Gestalten, glatzköpfig und in knalligen Gewändern. Dort ein in russischer Soldatenuniform paradierender junger Mann, begleitet von einem Transvestiten in einem biederen 1950er Jahre Damenkostüm. Welche Funktion sie erfüllen? Man weiß es nicht. Ministranten oder Erzengel in einer Kirche, deren Liturgie hier niemand so genau kennt.

Ich entdecke ein Werk das mir gefällt und frage den Galeristen nach dem Preis. 22.000 Dollar. Danke, heute lieber nicht. Weiter geht´s, auf und ab durch die elendslangen Gänge, Malereien neben Skulpturen, Fotografien neben Installationen, hier ein Bild mit lauter Penissen, dort ein weiblicher Akt mit gespreizten Beinen, davorstehend Betrachter, die nachdenklich ihre Köpfe wiegen – Derartiges regt hier wirklich niemanden mehr auf. Nach 3 Stunden Kunstgottesdienst neigt sich der Abend dem Ende zu, die Jünger werden pünktlich um 20 Uhr aus den Hallen vertrieben, morgen darf dann auch der normale Kunstliebhaber herein – gegen einen kleinen Obolus von 30 Dollar, versteht sich. Und wie früher als die Kirchenglocken die Messe beenden und die Gläubigen sich aus der Kirche drängen, ergießt sich auch in NY ganz kurz ein Strom von hunderten Menschen auf die Straßen der Großstadt. Anders als im Dorf auf dem Land, vermischt sich der Menschenstrom bereits nach wenigen Minuten mit der Masse der Stadtbewohner. Gläubig oder ungläubig – das kann nun keiner mehr ausmachen. Amen.

 

Susanne, 30. März 2008