Skizzen aus Wien – Nr. 19

Willkommen

 

Der März bricht an, die Temperaturen werden langsam erträglicher, erste feine Anzeichen eines doch noch möglichen Frühlings liegen in der Luft und mit dem Tauwetter werden die Menschen hierzulande etwas lockerer. Manche vielleicht wieder zu locker. Was also hat sich in unserem wunderschönen Land, wo die Schifahrer immer gewinnen und es noch wackere Männer gibt, die ihren Frauen ein Edelweiß vom Berg holen, diesbezüglich getan?

Ein amerikanischer Bürger fällt unter Augenbezeugung zweier heimischer Drogenfahnder unglücklich hin und tut sich moderat weh.

Ein ehrenwerter Herr aus dem Burgenland, der sich vollkommen selbstlos seinen Freunden angeboten hat, ein wenig Geld irgendwohin weiterzuleiten, wird festgenommen.

Zwei Ereignisse die symptomatisch für unser Land sind und die immer wieder die gleichen, ur-österreichischen Reaktionsmuster auslösen. „Ich habe nichts gesehen, war ganz sicher nicht dabei, habe nur das Beste gewollt und überhaupt –  Schuld sind mit Sicherheit die Anderen“. Das Interessante daran, es geht durch! Und zwar seit Jahren –  man könnte auch sagen seit Jahrhunderten (dem Hause Habsburg sei Dank…). Die österreichische Wegschaumentalität ist aber nicht nur verantwortlich für den hiesigen Umgang mit öffentlichen Skandalen – wo sonst ist es möglich, dass immer wieder haarsträubende Dinge bekannt werden, auf die dann entweder eine abwiegelnde Rechtfertigung folgt, oder nach einem leisen Aufschrei in den Medien doch alles wieder unter den mittlerweile gigantischen Teppich gekehrt wird – sie trägt auch maßgeblich dazu bei, dass sich an den herrschenden Zuständen absolut nichts ändert. Wir befinden uns quasi in einem Teufelskreis, den ich kurz mit einem anschaulichen Beispiel aus dem organisierten Verbrechen erklären möchte: keiner schafft es in ein System einzudringen, wenn er sich auf dem geplanten Weg nach oben nicht die Hände schmutzig macht UND sollten ihm dann irgendwann im Lauf seiner Karriere Zweifel in Bezug auf Redlichkeit und Moral kommen, so kann er den Ausstieg aus diesem System ebenfalls vergessen, weil dann alles nach der Devise „mitgehangen – mitgefangen“ verläuft. Das ist das Grundproblem, das sich durch unsere öffentliche Verwaltung, die Polizei und die Politik zieht. Der kleine Max, der seinen Frust dann an einem vermeintlichen Drogendealer auslässt, der unbedeutende Moritz, der dem einen oder anderen Bekannten „einen Gefallen“ tut (meist entgeltlich…), das sind bloß Symptome eines Systems, das seit vielen Jahren gut und reibungslos läuft und an dem sich alle, die daran teilhaben mehr oder weniger schamlos bedienen. Die Rechnung kriegt die Politik bei den Wahlen präsentiert. Sinkende Wahlbeteiligung oder ungültige Stimmabgabe, im allerschlimmsten Fall geht der Wähler einem Demagogen und Agitator auf den Leim…die positive Seite daran? Ich habe noch keine entdeckt, aus welchem Grunde ich mich in der kommenden Woche aufs Land zurückziehen werde und dort der Natur und dem allgemeinen Müßiggang frönen werde. Nachdem ich mich diesbezüglich wieder der Gefahr einer ÖBB-Benutzung aussetzen werde müssen, gibt es an dieser Stelle vielleicht bereits nächste Woche wieder Amüsanteres zu lesen.

 

Susanne, 1. März 2009

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Skizzen aus Wien – Nr. 7

Bahnhof Graz

 

Jedes Wochenende, auch wenn es ein verlängertes ist, muss irgendwann einmal enden. Aus diesem Grund begab ich mich am Mittwoch vergangener Woche, wieder auf die Reise zurück nach Wien. Nachdem ich nicht über ein Auto verfüge, ließ sich eine weitere Bahnfahrt nicht vermeiden, trotz allem war sie auch diesmal wieder einigermaßen unterhaltsam.

Begonnen hat alles am Bahnsteig des Grazer Hauptbahnhofes. Nach einem Verspätungschaos und Anzeigentafeln, die nicht den erwarteten Zug ankündigten, fiel mir auf, dass die Tafel auf meinem Bahnsteig den Hinweis „Telefonseelsorge Ruf 142“ enthielt.  Darüber musste ich natürlich nachdenken. Wusste man bei den ÖBB, dass die Rückkehr ins graue Wien bei nicht wenigen Reisenden Depressionsschübe verursachen kann? War man dort bereits so hellsichtig, dass man alles unternahm, damit sich Wien-Phobiker aus Angst vor der drohenden Fahrt in die Bundeshauptstadt nicht vor den einfahrenden Zug werfen würden? Meine Fragen wurden von Chris Lohner beantwortet. Vorerst. Denn die bekannte Stimme verkündete die Ankunft des aus Wien verspätet ankommenden Zuges namens „Telefonseelsorge Ruf 142“. Aha. Das war also bloß sein Name.

Beim Eintreffen am Grazer Hauptbahnhof verwandelte sich der Zug, der nunmehr die Reise nach Wien antreten würde, jedoch in den Zug namens „Styriarte Graz“. Derselbe Zug, zwei Namen, zwei verschiedene Reiseziele. Das wiederum löste bei mir weiteres Rätseln aus. War es ein Zufall, dass der Zug, der aus Wien wegfuhr, die telefonseelsorgerische Bezeichnung trug? Sollte es nicht umgekehrt sein? Vielleicht plante man bei den österreichischen Bundesbahnen mittlerweile derart vorausschauend, dass man den Leuten, die von Wien abfuhren, es also lebend herausgeschafft hatten, gleich auch das probate Mittel zur seelischen Heilung anempfahl? Jene Reisenden, denen nichts anderes übrig blieb, als wieder zurück in die Höhle des Löwen zu fahren, sollten wenigstens nicht in Graz schon dem Trübsinn verfallen, bzw. durch die Erwähnung, dass eine Reise nach Wien eventuell zur Inanspruchnahme der Telefonseelsorge führen könnte, auf dumme Gedanken gebracht werden? Solange sich die isländischen Investitionen unserer Bundesbahnen nicht doch noch als bombastisches Profitgeschäft erweisen (siehe dazu den vorangegangenen Eintrag), solange gehe ich davon aus, dass sich ÖBB und Weitblick nicht in einem Atemzug nennen lassen dürfen. Aus diesem Grund gab ich die Suche nach dem Sinn und Unsinn von Zugbezeichnungen nach wenigen Minuten auf und widmete mich meiner Lektüre.

Nach einer nahezu störungsfreien Fahrt wurde ich schließlich rechtzeitig, auf dem Streckenabschnitt zwischen Wiener Neustadt und Wien, in die Realität zurück verfrachtet. Kurz nachdem der Zug sich aus Wr. Neustadt in Richtung Wien in Bewegung gesetzt hatte, betraten drei Herren den Wagen – ich hatte aufgrund der für meine Verhältnisse zu großen Intimität der Sechserabteile diesmal die anonymere offene Waggonvariante gewählt – gingen im Gänsemarsch durch das Abteil und blieben bei einer jungen Dame, die zwei Sitze vor mir saß, stehen. Kurz und bündig stellten sie sich als Angehörige der Polizei vor und man wolle bitte einen Ausweis sehen. Die junge Dame fragte daraufhin, ob sie nur deshalb ausgewählt worden war, weil sie ausländisch aussähe (sie hatte einen leichten Akzent und könnte türkischer Abstammung gewesen sein), was der Kollege von der Exekutive nicht direkt bejahte, sondern die Intervention als allgemeine Personenstandsfeststellung (ganz genau konnte ich die Unterhaltung nicht mitverfolgen) begründete. Die junge Frau war erstaunlich gefasst, meinte, das sei ihr noch nie passiert und wies darauf hin, dass sie österreichische Staatsbürgerin wäre. Nach vollbrachter Identitätsfeststellung und möglicherweise Verhinderung einer Infiltration unseres friedlichen Landes durch ausländische Terroristen, gingen die drei Herrschaften weiter. Ein Kopfschütteln habe ich mir dieses Mal verkniffen, man will sich ja nicht unnötig verdächtig machen. Damit war ich dann wieder in Wien angekommen. Physisch und psychisch – gut, dass ich dank der österreichischen Bundesbahnen jetzt den Notruf der Telefonseelsorge auswendig kann.

 

Susanne, 9. November 2008