Skizzen aus Wien – Nr. 15

Josefstadt Jänner 09

Es war eine unterhaltsame Woche. Krönender Abschluss eines unterhaltsamen Jänners. Da ist eine Partei, die für sich all das beansprucht, was man unter Ethik und Moral subsumiert, gerade dabei, sich vor aller Augen zu demontieren und scheint dabei wirklich keine Peinlichkeit auszulassen. Da erzählt ein Landeshauptmann „Negerwitze“ und kann allen Ernstes nicht verstehen, warum der Rest des Landes das nicht lustig findet. Da liefern sich zwei alteingesessene Musikjournalisten einen Schlagabtausch und werfen sich gegenseitig die Abgedroschenheit ihrer Artikel vor, glauben aber nach wie vor fest daran, dass sie den Begriff Qualitätsjournalismus mit erfunden haben. Ach, die Liste der Jänner-Highlights ist lang und ich kann nicht verleugnen, dass mich das eher ängstlich auf das restliche Jahr blicken lässt. Kann man den Unterhaltungswert dieses Monats überhaupt noch überbieten? Und – Faschingdienstag ist doch erst Ende Februar! Man könnte aber, wenn man so wie ich, die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, dem ganzen doch noch einen positiven Aspekt abgewinnen. Wie wäre es, wenn man sich die, zugegeben gewagte, Spekulation erlaubt, dass sich jetzt nach einem fulminanten Jahresauftakt, alle Beteiligten ausgetobt hätten und nun den Rest des Jahres als vom Volk gewählte Politiker, als Wahrer eines gewissen qualitativen Anspruches in der Medienszene, als ….(bitte nach Belieben einfügen), bereits im zweiten Monat des neuen Jahres über sich hinauswachsen und in ihrem Amt, ihrem Beruf, bloß noch danach streben, das wirklich Allerbeste zu geben? Zu hoffnungsfroh?

 

Susanne, 1. Februar 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 10

Kaum aus der verschneiten Winterlandschaft in der westlichen Steiermark zurückgekehrt, endet der Weihnachtsfrieden abrupt an meiner Wohnungstür. Ein bunter Prospekt findet sich, wie bei meinen Nachbarn, in die Türschnalle geklemmt und scheint auf den ersten Blick bloß eine weitere, in katastrophalem Design entworfene, Werbesendungen der ständig wechselnden Chinarestaurants und Pizzerias in meinem Bezirk zu sein. Bei genauerem Hinsehen jedoch entpuppt sich das farbenprächtige Pamphlet als Frohbotschaft unseres Herrn Bürgermeisters, der mir bereits auf Seite 2 entgegenlächelt, um mich und hunderttausende Andere zum alljährlichen Neujahrs-Overkill auf den so genannten Silvesterpfad zu locken.

Nachdem es mir nicht im Traum einfallen würde, mich auch nur in die räumliche Nähe dieser Mischung aus Humptata, Mallorca-Besäufnis und Weana Gmiatlichkeit zu begeben, treibt mich die Neugier trotz allem dazu, mir diesen Ankünder genauer anzusehen, denn es interessiert mich natürlich, was die Stadt jenen zu bieten hat, die sich derlei (freiwillig) antun. Laut meiner Einschätzung handelt es sich dabei um die zwei klassischen Ts: Touristen und Trunkenbolde (wahlweise auch: Reisende und Rauschkugeln), die an bestimmten ausgewiesenen Stellen und zu ganz bestimmter Uhrzeit auch in Personalunion anzutreffen sind. Ein heißer Tipp: Stephansplatz um Mitternacht…

Die gewünschten Besucher rekrutieren sich laut der vorliegenden Broschüre offenbar vorwiegend aus dem deutsch-, englisch- und italienischsprachigen Raum – warum man nun auch Wiener dabei haben will und eine örtliche Reklamesendung daraus macht, ist mir nicht ganz klar, offenbar hat man im Rathaus noch immer zu viel Geld übrig. Das scheint man auch in ganz besonders gut aufgelegte Übersetzer zu investieren, denn obgleich der Herr Bürgermeister im Deutschen noch jegliche Zweideutigkeiten vermeidet – ja, sicher soll es super lustig werden – die launische Englische Übersetzung beseitigt alle Unklarheiten: „…., and those who want to wake up the following morning on Rathausplatz to the broadcast of the New Year´s Concert…“! Man geht also davon aus, dass es Teilnehmer des Silvesterpfades gibt, die am nächsten Morgen zur Übertragung des Neujahrskonzert am Rathausplatz aufwachen wollen. Nun, ich stelle mir das schon recht amüsant vor, wenn ich an lauter grün- und gelbgesichtige Alkoholleichen denke, die sich am 1. Jänner zu den lieblichen Walzerklängen der Wiener Philharmoniker am Rathausplatz wälzen.

Weiter im Programm. Diesbezüglich lässt auch die deutschsprachige Ankündigung der bombastischen Highlights, in deren Genuss man Am Hof kommt, kaum ein Auge trocken. Die „coolen Bühnenacts“ umfassen internationale Größen wie Luttenberger*Klug und Mario Lang, sowie einen Act, dessen Name mich fast (aber auch nur fast) auf die Suche nach einer möglicherweise vorhandenen MySpace Seite getrieben hat: Tha Family! Was kann sich dahinter wohl verbergen? Der Artikel „Tha“ verweist auf möglicherweise perfiden Gangster-Rap, das darauf folgende versöhnliche „Family“ wiederum auf lustigen Pop-Schlager à la Village People. Möglicherweise eine rappende Gangsterfamilie aus der Vorstadt?

Ein weiterer Höhepunkt findet ohne Zweifel am Neuen Markt statt. Das Programm kündigt im Deutschen das „Aushängeschild heimischer Popmusik“, im englischen gar das „poster child of Austrian pop music“ an! In einer Quiz-Sendung könnte man mit einer derartigen Frage sicherlich jeden Kandidaten in den Wahnsinn treiben, dass die Antwort tatsächlich Reinhold Bilgeri ist, wäre mir nie und nimmer eingefallen. Den hiesigen Programmverantwortlichen aber schon. Wenigstens hat sich die charmante Übersetzung mit „poster child“ vom üblichen „poster boy“ ferngehalten, das wäre dann doch etwas zu dreist gewesen, wenn man bedenkt, dass die letzten Hits des Herrn Bilgeri mindestens 20 Jahre zurück liegen. Eine Web-Suche hab ich mir in diesem Fall auch erspart, ich wollte mich nicht in die Gefahr begeben, auf automatisch gesteuerte Sound-Player zu stoßen und mich plötzlich mit irgendwelchen Bilgeri-Kompositionen überfahren zu sehen (jeder kennt heimtückische Webseiten, auf denen sich der „aus“-Knopf des Players erst nach minutenlanger Suche findet…).

Im Prater schließlich hat man das architektonische Antikonzept des Vorplatzes auch ins Musikprogramm übernommen – man ist in Wien wenigstens konsequent – und bietet ein Sommer-Urlaubsstimmungs-Misch-Masch-Programm. Dort lädt man den Besucher zunächst auf eine Reise nach Kuba ein, um ihn hernach in die Karibik zu locken – interessanterweise scheint keiner der Programmautoren je davon gehört zu haben, dass Kuba in der Karibik liegt. Aber das macht nichts, die Wiener wissen: dort unten, im Süden, ist es meistens immer lustig! Pros(i)t Neujahr!

Susanne, 27. Dezember 2008

P.S. The Sandworm freut sich auch im neuen Jahr über viele neue Leserinnen und Leser, er wird sich bemühen einigermaßen regelmäßig und in jedem Fall häufiger aus seiner Sandwüste aufzutauchen.

Skizzen aus Wien – Nr. 5

Wer in tristen Zeiten wie diesen zwischenzeitliche Ablenkung und Erheiterung sucht, dem sei ein Blick auf die Stelleninserate in den diversen Print- und Onlinemedien empfohlen. Da findet man einerseits immer wieder lustige Kolumnen verschiedenster Personalberater – z.B. wie gehe ich mit einem cholerischen Chef um (…am besten nie direkt in die Augen schauen…), auch der eine oder andere Top-Manager menschelt im Interview vor sich hin und gibt preis, dass es zu allererst wichtig ist authentisch zu bleiben, besonders amüsant aber ist das Angebot an Weiterbildung und Persönlichkeitstrainings für erfolgreiche Führungskräfte (…Pferdeflüsterer meets Abteilungsleiter…).  Andererseits sind Stelleninserate aber auch eine äußerst ergiebige Inspirationsquelle für findige (wahlweise auch windige) Unternehmer.  Lässt sich doch aus den dort gesuchten Qualifikationen für Jobwerber ein umfassender Businessplan für das nächste lukrative Coaching-Institut maßschneidern.

Ein besonderer Fund in dieser Hinsicht war eine Suchanzeige für Englisch-TrainerInnen vom vergangenen Samstag. Pflichtvoraussetzung für die erfolgreiche Bewerbung war nicht bloß ein lächerliches Universitätsstudium, sondern – und hier begann sich meine lebhafte Fantasie dann endlich zu überschlagen – ein sogenanntes Gender-Mainstreaming Zertifikat! Aha? Was lernt man wenn man ein Gender-Mainstreaming Zertifikat erwirbt? Wie schaut die Kursgestaltung aus und viel mehr, wie wird man auf erfolgreiches Gender-Mainstreaming geprüft? Wie kommt man bloß in den Besitz des begehrten Zertifikats! Ich stellte mir einen Kursleiter vor, der die Teilnehmer mit einem herzlichen -Innen begrüßt und ihnen dann verspricht, dass er sie im Rahmen des 6 wöchigen Intensivtrainings ordentlich durch-gender-mainstreamen wird. Herrlich! Vielleicht wird der Kurs sogar im Tandem von einem Leiter und einer Leiterin unterrichtet, eine Trainings-Doppelconference? Das alles könnte man endlos weiterspinnen, doch meine Aufmerksamkeit wurde bereits von der nächsten, gnadenhalber bloß als wünschenswert ausgewiesenen Qualifikation, abgelenkt: dem Diversity-Management Zertifikat…grandios! Ein unerschöpflicher Fundus für die Abkassierer am Bildungsmarkt. Mein Vorschlag für die Stufe zwei im diesbezüglichen Zertifikatswettbewerb: der Master of Gender-Management and Diversity-Mainstreaming. Unabdingbare Voraussetzung für Führungskräfte, High-Potentials und solche die das noch werden wollen. Eine 2-jährige Spezialausbildung samt Abschlusszeremonie im Schloss Schönbrunn. Kostenpunkt: lächerliche 50.000 Euro (kostengünstige Kreditfinanzierung kein Problem!)

 

Susanne, 19. Oktober 2008

The Sandworm

sandworm2.jpg

 

The Sandworm versteht sich als Online-Feuilleton zu verschiedensten Themenbereichen. Von Reiseberichten über Musikkritiken, von Filmrezensionen bis hin zu sozialpolitischen Kommentaren zur Lage der Stadt, des Landes und der Welt. The Sandworm setzt sich grundsätzlich keine Grenzen worüber es berichten will und ist darauf ausgerichtet mit der Zeit zu wachsen. So ist unter anderem auch beabsichtigt, wahlweise Artikel auf englisch oder deutsch zu verfassen. The Sandworm möchte thematische Grenzen ebenso wie Trennlinien zwischen Textarten und Genres überschreiten, um neue Blicke auf Altes und erste Blicke auf Neues zu öffnen.