Show me the exact spot where Louisa Musgrove fell!

Traveling sandworm - artwork zoerEndlich war ich wieder am Meer angekommen. In Lyme Regis, wo ich die nächsten zwei Tage verbringen würde. Zuvor jedoch ist ein Exkurs zur Anreise dorthin vonnöten. Eine Reise, welche die Strecke zwischen Bath und Lyme betrifft und welche gut und gerne als eine Fahrt durchs Märchenland beschrieben werden kann. Mit der Bahn ging es zunächst nach Dorchester, das nicht ganz 100 km südlich von Bath liegt und sich, wie auch Lyme Regis, in der Grafschaft Dorset befindet. Dorset selbst wird übrigens gern als „Hardy Country“ bezeichnet – der Schriftsteller Thomas Hardy hat dort gelebt und gearbeitet und sich sowohl von Land, als auch Leuten, zu seinen diversen literarischen Werken inspirieren lassen. Von Dorchester, welches kurz auf meiner Liste der Haltepunkte stand, dann aber aufgrund des Fehlens der wesentlichen Eigenschaft „seaside“ von Lyme ausgestochen wurde – glücklicherweise, muss ich zugeben, denn Lyme hat sich sofort bei meiner Ankunft als das Highlight meiner Reise herausgestellt – ging es per Bus weiter und wenn ich bis dato gemeint hatte, dass die südenglische Landschaft nahezu unübertrefflich schön sei, so wurde dieser Eindruck während der Fahrt nach Lyme noch weit in den Schatten gestellt.

Dorset, England

Sattgrüne Weiden mit wollknäuelartig darauf verteilten Schafen, gemächliche Hügel, dahinter versteckt beschauliche Dörfer samt schilfbedeckten Landhäusern, klitzekleine Steinkirchen, all das zog wie aus dem kitschigsten Bilderbuch an meinem Busfenster vorbei – Fairytale Country – und ich wäre nicht erstaunt gewesen, wenn auf diesen Weiden Einhörner gegrast hätten, aus den urigen Häuschen Zwerge spaziert wären. Ich befand mich mitten in Tolkiens Shire (selbst wenn Tolkien seine Inspiration aus etwas nördlicher gelegenen Gegenden gezogen hat). Schließlich gab das viele Grün den Blick auf das Meer frei, nach etwa eineinhalb Stunden spuckte mich der Bus am südlichsten Punkt der Bridge Street nur wenige Meter vom Strand entfernt, im Zentrum von Lyme Regis aus.

Dorset, England

Ich hatte nicht weit entfernt eine überaus hübsche Unterkunft in einem privaten B&B gefunden, samt einer ausnehmend netten Gastgeberin; nachdem ich mich häuslich eingerichtet hatte, führte der erste Weg ans Meer.

Der Grund warum ich nach Lyme Regis gekommen war, war wieder einmal Jane Austen bzw. Persuasion gewesen, das im Titel angeführte Zitat stammt von Tennyson, der – so wie ich – die Stelle sehen wollte, an der eine der Figuren im Roman stürzt (eigentlich springt, aber hier wieder der Hinweis das Buch einfach zu lesen). Diese Stelle liegt an einer Strandbefestigung, die den Hafen vor Überschwemmungen schützt und die bereits seit dem 13. Jahrhundert historisch dokumentiert ist. Diese Befestigung nennt sich Cobb und ist eine Art Mauer, auf der man, so wie die Protagonisten aus Persuasion oder Jane Austen selbst, entlang schlendern und die Aussicht aufs Meer wie auch auf Lyme genießen kann.

Lyme Regis, The Cobb

Lyme ist ein herrliches kleines Städtchen (4.406 Einwohner), dessen hübsche Häuser sich gemütlich an die Bucht schmiegen. Von der in Bezug auf die Seehöhe am tiefsten gelegenen Stelle an der Bridge Street, welche das Zentrum des Ortes bildet, gelangt man zum Strand und kann dort entweder die östlichen Befestigungen, die zu Verteidigungszwecken angelegt wurden besichtigen (Lyme hat im Jahre 1588 Schiffe entsandt, um die spanische Armada zurückzuwerfen, die Schlachten konnten vom Festland aus beobachtet werden), oder man wendet sich westwärts und schlendert an der Marine Parade entlang zum Hafen. Von dort aus biegt sich auch der Cobb beeindruckend den zeitweise ungestümen Gewässern des Ärmelkanals entgegen.

Lyme Regis, Dorset

Der erste Tag in Lyme, der sich durch ungünstige klimatische Bedingungen dunstverhangen präsentierte, ging langsam zu Ende und es wurde Zeit, den mittlerweile einsetzenden Hunger zu stillen. Diesbezüglich finden sich in der Stadt (vorwiegend entlang der Broad Street) sowie am Hafen jede Menge tauglicher Lokale, meine Wahl fiel auf das Cobb Arms, einem Restaurant/Pub/Hotel, welches direkt am Hafen an der Cobb Road liegt. Essenstechnisch kann ich zwar nur die Pommes Frites empfehlen, sie werden unter dem Namen Chips in England gewöhnlich in gigantischen Portionen serviert, darüber hinaus jedoch konnte das Lokal eine große Auswahl am mir mittlerweile lieb gewonnenen Ale vorweisen.

Lyme Regis, Dorset

Den Rest des Abends verbrachte ich in einem weiteren Pub namens Nags Head Inn, das man vom Hafen aus über die steil ansteigende Cobb Road erreicht und wo man am selben Abend idealerweise mit Live-Musik aufwartete. Ich kann in dieser Hinsicht jedem und jeder raten sich in England nicht in der Herberge zu vergraben, man findet in den diversen Pubs immer schnell Anschluss, das Inselvolk hat sich als überaus kommunikativ und gastfreundlich erwiesen…es wurde später.

Der nächste Tag in Lyme begann mit dem bereits gewohnten ausgiebigen Frühstück und der Aussicht auf einen Programmpunkt, den ich bereits bei der Ankunft ins Auge gefasst hatte, vor allem weil mir danach war, die übliche Touristen-Routine zu durchbrechen, das betreffende Angebot hervorragend mit meiner damals aktuellen Lektüre von Charles Darwins Reise auf der Beagle harmonierte und ich mich nicht zu den bekannt krebsroten Briten, die sich bereits am wettermäßig verhangenen Vortag am Strand gedrängt hatten, gesellen wollte. Und das, obwohl Lyme mit einem aus Frankreich importierten Sandstrand aufwarten kann. Der Kieselstrand stammt übrigens von der Isle of Wight – was dem Charme der Küstenstadt aber nicht im Geringsten schadet. Der oben erwähnte Programmpunkt war die Teilnahme an einem sogenannten Fossil-Walk. Dazu muss man wissen (oder erfährt man so wie ich spätestens wenn man die Räume der Touristeninformation betritt), dass Lyme Regis von einer Steilküste umgeben ist, die aus Kalksteinformationen aus der erdgeschichtlichen Epoche des Jura besteht, regelmäßige Abbrüche von diesen Hängen hinterlassen dann an bestimmten Stellen der Küste jede Menge Fossilien, die der interessierte Besucher unter Anleitung suchen und beim Fündigwerden auch behalten darf. Erwähnenswert ist dazu die Tatsache, dass es eine Frau war, eine gewisse Mary Anning (1799 – 1847), die die paläontologischen Bestrebungen in der Gegend pionierte. Bereits im Alter von nur 12 Jahren entdeckte sie das erste Saurierskelett, hat später noch unzählige weitere Verdienste rund um die Paläontologie erworben und damit der noch jungen Wissenschaft entscheidende Impulse verliehen.

Lyme, Dorset

Zunächst jedoch galt es den Vormittag in und um Lyme zu vertrödeln, ein Zeitvertreib, der am Meer immer viel zu leicht fällt, sei es, dass man sich bereits morgens außer Haus begibt und zur eigenen Freude von strahlendem Sonnenschein begrüßt wird, an den Strand eilt und von einem Marineblau des Meeres, das man bestenfalls in der Karibik erwartet hätte, so eingenommen ist, dass man sich sofort in ein Strandcafé setzen muss, allein um geschlagene 90 Minuten mit „aufs Meer schauen“ zu verbringen, sei es, dass man noch einmal zum Hafen spaziert, am Cobb entlang schlendert und erstaunt feststellt, dass der Tidenhub in Lyme gewaltig sein muss, saßen doch die Boote im Hafen noch gestern auf schlammigem Meerboden auf, während sie jetzt, bei einer vermuteten Wassertiefe von etwa 2-3 Meter, fast triumphierend vor sich hin schaukelten, oder man sich schließlich noch ein allerorts angepriesenes Crab-Sandwich kauft und euphorisch feststellt, dass dessen Geschmack die perfekte Synästhesie für jemanden wie mich darstellt – jemand der nichts mehr schätzt als den Geruch des Meeres – weil sich die Krabbenfülle am Gaumen plötzlich als exaktes Äquivalent zum bis dato wahrgenommenen Meeresgeruch entpuppt, ein Geruch der sich kaum in Worte fassen lässt und doch so eindeutig ist, dass man ihn überall und zu jeder Zeit sofort wieder erkennt, dass man also plötzlich nicht nur in der Nase, sondern auch auf der Zunge, diese Mischung aus Salz, Zitrone, Seetang, Fisch und Frische spürt und ganz langsam, kaum, dass man aus dem fast psychedelischen Rausch, den diese Geschmacks-, Geruchsdroge Meer ausgelöst hat, wieder einigermaßen nüchtern augeftaucht ist, erkennt: es ist schon fast 13 Uhr, der Fossilien-Spaziergang ruft!

Lyme Regis, Dorset

Diesbezüglich hatte ich, es werden in Lyme verschiedene dieser Touren angeboten, aus akademischer Solidarität, jene mit einem gewissen Dr. Colin Dawes gewählt. Selbst wenn die Tour um einen Pfund teurer war als die anderen von denen man wählen konnte – in dieser Hinsicht hieß meine Devise: ein langes und mühsames Studium, ein mit Schweiß und Tränen erworbener Doktortitel, sollte und musste belohnt werden – die Wahl erwies sich als goldrichtig. Dr. Dawes, der sich wie es in angloamerikanischen Ländern angenehmerweise üblich ist, gleich als Colin vorstellte, war nicht nur der Inbegriff dessen, was man sich unter einem Geologen/Paläontologen, der seinen Beruf als Berufung sieht, vorstellt, optisch war er das, was man vermutlich erhält, wenn man Indiana Jones mit einem Fossil kreuzt, es preist seine Touren auch passenderweise als Fossilienjagd an, darüber hinaus präsentierte er sich als exzellenter, bestens gelaunter, Tourguide.

Lyme Regis, Fossil walks with Dr. Colin Dawes (front right)

Mehr als zwei Stunden waren wir, eine Gruppe von etwa 10 Leuten, inklusive Kinder, die Dr. Dawes bei jeder seiner Erklärungen ganz besonders berücksichtigte, unterwegs. In dieser Zeit erfuhren wir warum man nach „Jurassic Beef“ Ausschau halten solle, jenes Gestein, in welchem man am Häufigsten Fossilien findet und welches, wenn man es aufschlägt eine fast rindfleischartige Textur aufweist (daher der Name), wo in Lyme sich der „Friedhof der Ammoniten“ befindet und dass man eine versteinerte Austernart wegen ihres eigentümlichen Aussehens auch „Devil’s Toenail“ (Zehennagel des Teufels) nennt. Selbst einen doch recht seltenen Ichthyosaurier-Wirbelknochen haben Dr. Dawes‘ geschulte Augen erspäht. Am Ende waren alle glücklich, um einen großen Brocken geologischen Wissens und ihr jeweils selbst gefundenes Fossil (in meinem Fall ein sog. Nautilus) reicher – eine Teilnahme an Dr. Dawes’ Fossilienspaziergängen kann ich in jedem Fall allerwärmstens empfehlen.

Lyme Regis, Fossil on Lyme beach

Am Nachmittag flanierte ich dann noch durch den charmanten Ort, der mit scheinbar unzähligen Plätzen aufwarten kann, von denen jeder für sich eine eigene Geschichte verbirgt. So ging es zum Beispiel entlang der Sherborne Lane, einer der ältesten Straßen in Lyme, wo jedes Häuschen seinen eigenen verspielten Namen am Eingang trägt, oder zum Long Entry, jener Gasse, in welcher der Schriftsteller Henry Fielding (1707 – 1754) 1725 den Versuch verpatzte, eine junge Dame zu entführen, ein Erlebnis, welches in seinem Roman „Tom Jones“ literarische Verwertung fand. Der Maler James Abott McNeill Whistler (1834 – 1903) lebte eine Zeitlang in Lyme und malte dort unter Anderem das Portrait „Litte Rose of Lyme Regis“. John Fowles (1926 – 2005) schrieb hier den Roman „Die Geliebte des französischen Leutnants“, welcher 1981 vor Ort mit Meryl Streep verfilmt wurde. Man kann über die Monmouth Street zur St. Michaels Kirche wandern und gelangt dann über den Kirchenfriedhof, wo auch Mary Anning begraben liegt, auf eine Anhöhe an der Küste, auf der sich ein paar Bänke finden und von wo aus man einen herrlichen Ausblick aufs Meer genießen kann.

Lyme Regis, St. Michael's Church graveyard

Irgendwann jedoch neigte sich auch der letzte Tag dem Ende zu und der Hunger zwang mich meinen Streifzug zu beenden. Meine Mahlzeit fiel, auch aufgrund des angestrengten Fossiliensuchens, üppiger aus, diesmal fand ich mich im Harbour Inn ein, welches über eine äußerst exquisite Auswahl von Fisch- und Meeresfrüchten verfügt, ich optierte für die Muscheln im klassischen Butter/Zwiebel/Wein/Stangenzellersud – nicht ganz günstig, dafür aber hervorragend zubereitet. Ein Pint Ale noch bevor es zurück in die Herberge ging, am nächsten Tag musste ich Lyme verlassen und ich verspürte tatsächlich so etwas wie einen leisen Herzschmerz beim Gedanken daran.

Letzter Stopp: Winchester

Hilfreiche Informationen:

Anreise von London: mit der Bahn nach Dorchester (Reisezeit ca. 2h 30 min), von dort mit dem Bus nach Lyme Regis (Fahrtzeit etwa 1h 30 min, Einzelfahrt ca. 3 Pfund). Man kann auch per Bus von London nach Dorchester fahren, das kommt zwar wesentlich günstiger, dauert jedoch länger.

Wissenswertes über Lyme Regis, die nähere Umgebung sowie Informationen zu Unterkünften finden sich auf der offiziellen Webseite von Lyme. Ich hatte mein B&B durch Zufall über die Vermittlung einer anderen Herberge gefunden, meine überaus nette Gastgeberin betreibt ihren Herbergsdienst jedoch nur nebenbei und möchte keine Werbung dafür machen. Passende Unterkünfte finden sich jedoch in jeder Preiskategorie im Ort, es empfiehlt sich in den Sommermonaten frühzeitig zu buchen, Lyme Regis ist bei Engländern ein äußerst beliebtes Ferienziel, grundsätzlich würde ich daher jedem empfehlen die Vor- oder Nachsaison für einen Besuch zu wählen, am besten unter der Woche, wer es noch ruhiger mag, im Winter ist Lyme laut den Einheimischen so gut wie ausgestorben. Weitere, wenn auch spärliche Informationen (auf Deutsch) auch auf Wikipedia.

In Lyme gibt es eine Vielzahl von Restaurants, Strandbars, kleinere Cafés, an der Strandpromenade reihen sich auch Imbissstände. Im ganzen Ort spezialisiert man sich auf Fisch und Meeresfrüchte, gute Tipps dafür sind das „Harbour Inn“ oder „The Royal Standard“. Hervorragende Krabbensandwiches gibt es am Hafen bei „The Lyme Bay Sandwich Co.“

Informationen zu Dr. Colin Dawes‘ Fossilienjagden finden sich hier. Die Ausflüge beginnen von Juni bis September jeden Sonntag um 13 Uhr, keine Reservierung notwendig. In den Ferien gibt es zusätzliche Touren am Mittwoch. Es empfiehlt sich festes Schuhwerk, eine Kopfbedeckung (die Sonneneinstrahlung ist bisweilen sehr intensiv) und adäquate Kleidung (der Wind kann auch bei warmem Wetter frisch bis kalt sein).

Susanne, 8. August 2009

ps. Untenstehend dann doch noch ein Blick auf den Ort an dem Louisa Musgrove stürzte…

Lyme Regis, The Cobb - Grannie's Teeth (the exact spot where Louisa Musgrove fell...)

You alone have brought me to Bath

Traveling Sandworm - artwork zoer

Dieses Zitat stammt aus Jane Austens „Persuasion“ und sowohl der Roman, als auch die Autorin, sind der Grund, warum es auch auf mich zutrifft. Gäbe es Persuasion, das von mir meistgeschätzte Werk der Autorin nicht, wäre ich nie nach Bath gekommen. Hätte Jane Austen (1775 – 1817), die zu meinen Lieblingsautorinnen zählt, nicht einige Zeit hier verbracht, ebensowenig. Und ich hätte eine der vermutlich schönsten Städte Südenglands verpasst.

Bath, Somerset

Bath liegt im Südwesten des Landes in der Grafschaft Somerset. Sofort nach dem ersten kleinen Rundgang und einem Blick auf die, einem Gemälde von J.M.W.Turner würdige, Schönheit der Stadt verlängerte ich meinen Aufenthalt um einen weiteren Tag, insgesamt blieben mir somit 3 volle Tage, um Bath ausführlich zu erkunden.

Was also macht man, wenn man sich einen ersten Überblick über eine nicht ganz so kleine Stadt verschaffen will? Man geht, so wie ich zur örtlichen Touristen-Information, welche sehr zentral im Gebäude neben der Abtei untergebracht ist. Wer meine Abneigung gegenüber diversen Hop-on Hop-Off Bus-Städtetouren teilt und nicht gezwungen ist, sich dessen bedienen zu müssen, der fragt dann auch etwas hartnäckiger nach möglichen Alternativen. Ich bin eindeutig der Typ „schlendernde Touristin“ und ich musste auch nur einmal nachfragen, bis mir die freundliche Dame am Schalter offenbarte, dass es zwei Mal täglich geführte Spaziergänge durch Bath gäbe und diese, zu meiner noch größeren Freude, auch noch gratis wären – mein allerherzlicher Dank geht diesbezüglich an das Bürgermeisteramt von Bath, das diese Touren seit 1930 organisiert. Es handelt sich dabei um ein ähnliches System, wie ich es schon in meinem Eintrag zu Salisbury geschildert habe. Freiwillige „Guides“, meist Senioren oder Seniorinnen, führen interessierte Touristen fast zwei Stunden lang kostenfrei durch die Stadt.

Ich hatte Glück und musste nur eine Stunde auf die nächste Führung, welche um 14 Uhr beginnen sollte, warten, die Wartezeit vertrieb ich mir passenderweise in einem kleinen Pub, in dem ich nicht nur das mir mittlerweile ans Herz gewachsene Ale, sondern auch hervorragendes, preislich sehr günstiges, Essen vorfand.

Bath, Coeur de Lion Pub, house specialty

Um 14 Uhr schließlich schloss ich mich einigen anderen Interessierten an und begann, geführt von einem äußerst sachkundigen und humorvollen älteren Herrn, meine erste Erkundung von Bath. Da ging es zur herrlichen Pulteney Bridge, welche von Robert Adam (1728 – 1792) Ende des 18. Jahrhunderts erbaut wurde – inspirieren, wenn auch nicht sofort erkennbar, ließ sich der Architekt übrigens von der Ponte Vecchio in Florenz.

Bath, Pulteney Bridge

Man erwanderte verschiedenste Straßenzüge und bekam detailreich erklärt, was man unter palladianischer Architektur zu verstehen habe. Bestes Beispiel dafür – es handelt sich um eine klassizistische Bauweise, die besonderes Merkmal auf größtmögliche Harmonie legt und danach trachtet, zwischen den aneinander gereihten Bauwerken wenig individuelle Auffälligkeiten erkennen zu lassen – der so genannte Circus. Dabei handelt es sich um einen Häuserkomplex von drei im Kreis angeordneten leicht gekrümmten Häusersegmenten, die jeweils gleich lang und gleich hoch sind und in bestechender Einheitlichkeit gestaltet wurden. Die drei Stockwerke werden im untersten von dorischen, im mittleren von ionischen und im obersten von korinthischen Säulendekorationen verschönt und tragen den klassischen Vorbildern Rechnung.

Bath, The Circus

Ein weiteres beeindruckendes Exempel der Architektur Baths, die übrigens fast zur Gänze von John Wood (the Elder, 1704 – 1754) und dessen Sohn (John Wood the Younger, 1728 – 1782)) gestaltet wurde, ist das ein paar Schritte weiter westlich gelegene Royal Crescent – ein grandioses, ebenfalls leicht gekrümmtes, Ensemble, welches neben dem Circus nicht nur zu einer der teuersten Adressen Baths zählt, sondern auch noch einen herrlichen Blick auf die Stadt bietet. Der leicht abfallende parkartige Rasen, der vom Royal Crescent aus in die Stadt zu fließen scheint, ist in der Mitte durch einen leichten Vorsprung abgegrenzt, ein Vorsprung, der tückischerweise nur von unten zu sehen ist, und der, wenn man den Rasen in Richtung Stadt begeht, leicht zu unangenehmen Stürzen führen kann. Dem dabei getätigten Ausruf verdankt diese landschaftsgärtnerische Besonderheit wohl auch ihren hochamüsanten Namen – sie nennt sich nämlich „Ha-Ha“. Grund für die heimtückische Konstruktion liegt einzig und allein darin, den Blick vom Haus aus (also dort wo die Leute, die es sich leisten können, leben) nicht durch unschöne Zäune oder dergleichen zu verunstalten. Dass ein gedankenlos vor sich hin wandelnder Bonvivant dann hin und wieder unangenehm aus seiner Welt gerissen wird, ist wohl der Preis, der dafür zu zahlen ist – man könnte auch sagen: Reichtum muss leiden.

Bath, Royal Crescent

Weiter ging es wieder in Richtung Stadt, über den sogenannten Gravel-Walk, der allein deshalb von Bedeutung ist, weil sich dort entscheidende Szenen aus „Persuasion“ ereignen, auf die ich aber nicht näher eingehen will, es empfiehlt sich viel mehr dieses Buch einfach zu lesen. Nach der ersten Stadttour ließ ich den Abend mit einer weiteren Führung ausklingen. Ich nahm an den sogenannten Comedy-Walks „Bizarre Bath“ teil – eine wirklich lustige, unkonventionelle Art und Weise, zwischendurch für etwas Abwechslung zum herkömmlichen Touristenprogramm zu sorgen.

Der nächste Tag stand im Zeichen von gemächlichen Spaziergängen durch die Stadt, die, auch wenn ich Gefahr laufe mich zu wiederholen, wirklich ausnehmend schön ist. Seit 1987 ist sie auch als Weltkulturerbe von der UNESCO anerkannt. Mein erster Weg an diesem Tag führte mich in das so genannte Jane Austen Center. Ich gebe zu, ich hatte mir nicht viel erwartet, aber da die von mir bewunderte Autorin nun mal der Grund für mein Kommen nach Bath war, wollte ich dieses Zentrum natürlich auch inspizieren. Bereits vor dem Eingang stand ein kostümierter Herr, der die Besucher offenbar in die Zeit Austens zurückführen sollte – zu dem Zeitpunkt schmunzelte ich noch. Dies ist mir jedoch spätestens nach dem Eintritt in die Jane Austen Anbetungsstätte vergangen. Willkommen in der Kitschhölle! Ein lavendel- und zartrosafarbiges Inferno, dekoriert mit allem was der schmachtenden Frau fehlt, wie z.B. Ratgeber für die erfolgreiche Suche nach dem eigenen Mr. Darcy, Benimmregeln für junge Mädchen (bzw. solche, die sich immer noch dafür halten), david-hamiltonesk weichgezeichnete Fotos eines verträumt vor sich hinblickenden Colin Firth (sieht er gar mich an?!) usw. usf. Nach weniger als 10 Minuten, in denen ich noch eruieren konnte, dass das einzige Angebot, welches mich interessiert hätte (eine Jane Austen Walking Tour durch Bath), für mich nicht in Frage kam, da ich zu dem Zeitpunkt schon abgereist war, floh ich von diesem Ort des Romantik-Kitsch-Grauens, der eine brillante Schriftstellerin, zu nichts weiter als einer Rosamunde Pilcher des 18. Jahrhunderts degradierte. Schande über Bath!

Bath, Thermae Bath Spa (Abbey view)

Es dauerte ein paar Minuten, bis sich die lavendel- und rosafarbenen Schleier vor meinem Auge lichteten, dann beschloss nicht mehr an diesen Jane Austen Wahnsinn zu denken und ließ mich von der Wirkung des honigfarbenen Kalksteins, der in Bath den Großteil der verwendeten Bausubstanz darstellt, besänftigen. Es folgte ein Rundgang durch die Abtei (Bath Abbey), die ein weiteres schönes Beispiel gotischer Baukunst ist, den frühen Abend hielt ich mir für einen Besuch in Baths jüngstem Spa frei. Das der Name Bath nicht von ungefähr kommt, kann man sich leicht ausrechnen, bereits seit Römerzeit wurde und wird in der Stadt immer wieder, mal mehr, mal weniger, Nutzen von den warmen Quellen gemacht. Das so genannte Thermae Bath Spa wurde 2006 eröffnet und fügt sich trotz modernster Architektur, angenehm unauffällig ins traditionelle Stadtbild. Dass man am Dach des Gebäudes, mit Blick auf die Altstadt dem Thermalbadevergnügen frönen kann, war nur ein Grund, warum ich mir diesen, wenn auch etwas kostspieligen Luxus leistete (der zweite war eine hartnäckige Verkühlung, der ich endlich den Garaus machen wollte). Fazit eines knapp dreistündigen Badevergnügens – herrlicher Blick, angenehmes Thermalwasserschwimmen (Becken am Dach und im Souterrain), schönes Dampfbad, wunderschöne Terrasse zum Ausruhen, einziger Minuspunkt – es gibt keine Ruheräume (!), außer Liegestühlen auf der Terrasse und beim Pool im Souterrain hat man darauf schlicht und einfach vergessen. Wer sich ein paar Stunden Erholung gönnen und einen fantastischen Blick auf die Altstadt werfen möchte, sollte sich dieses Vergnügen trotzdem nicht entgehen lassen.

Bath, Roman baths (background: Bath Abbey)

Der letzte Tag in Bath war wieder verstärkt historischem Sightseeing gewidmet, am Programm stand die Besichtigung der Römerbäder. Diese Bäder sind der Grund warum Bath das wurde, was es heute ist. Zur Zeit der römischen Besatzung in England, wurden die warmen Quellen entdeckt, um etwa 70 v. Chr. begann man mit dem Bau eines Römerbades samt Tempelanlage. Diese Strukturen sind noch heute erhalten, auch wenn nach dem Abzug der Römer die Anlage verfiel. Im 18. Jahrhundert hat man die Badekultur und die heilsame Wirkung der Thermalquellen wiederentdeckt, hat damals auch die römischen Anlagen restauriert und für die wohlhabende Gesellschaft, die sich zur Kur in Bath herumtrieb, adaptiert. Der sog. Pump-Room, der neben dem Römerbad liegt, diente als Treffpunkt für die High-Society, auch heute kann man dort, wenn man will, fein Tee trinken, ein Glas Thermalwasser kostet 0,50 Pfund und schmeckt stark eisenhältig (nicht jedermanns Sache), wer die Römerbäder besucht, der bekommt sein Glas Thermalwasser gratis. Die römischen Bäder selbst sind allemal einen Besuch wert, das einzige worauf ich auch diesmal hinweisen möchte: Sparen Sie sich den Audioguide! Wieder einmal eine Ansammlung von äußerst bizarren „Soundsamples“, so erklangen, wenn darauf hingewiesen wurde, dass die Römer etwas erbaut hatten, aus dem Hintergrund Hammergeräusche… Ein weltberühmter Autor, dessen Namen ich noch nie zu vor gehört habe (Bill Bryson), wurde dafür bezahlt, an denkwürdigen Stellen seine Kommentare abzugeben, die z.B. die sonderbare Feststellung enthielten, dass er die Römer zwar wegen ihrer vielen Leistungen bewunderte, aber nicht verstehen könne, warum sie einem derart naiven und bisweilen brutalen Glauben anhingen (er bezog sich auf die Tieropfer auf den Altären), bzw. hat sich der Autor nicht entblödet, die Statue der Schutzgöttin Sulis Minerva für „nicht besonders attraktiv“ zu befinden, während er der Meinung war, dass all die römischen Männerstatuen viel sympathischer wirkten, so als hätte man jederzeit mit einem davon auf ein Bier gehen können…in diesem Sinne, ich kann es nicht oft genug sagen: Halten Sie sich von den Audioguides fern!

Sulis Minerva, Roman baths

Der letzte Tag in Bath ging gemütlich zu Ende, ein Pint Ale noch in einem sehr netten Pub namens The Raven, in dem sich auch hervorragend essen lässt, die Spezialität des Hauses sind hausgemachte Pies. Nicht allzu spät ging es dann ins Hotel, am nächsten Morgen brach ich auf, um endlich das Landesinnere Englands zu verlassen und dorthin zu fahren, wo ich ursprünglich vorgehabt hatte, einen Großteil meines Urlaubs zu verbringen: Ans Meer!

Nächster Stopp: Lyme Regis

Hilfreiche Informationen:

Die Anreise von London mit Zug oder Bus, der Zug benötigt knappe einenhalb Stunden (im Vorverkauf bereits um die 20 Pfund hin und retour), der Bus braucht doppelt so lange, ein Ticket (hin und retour) ist aber bereits um 10 Pfund zu haben.

Sämtliche nützliche Informationen zu Bath, seiner Geschichte und wo man übernachten kann, finden sich auf der offiziellen Webseite von Bath, weitere Informationen auch auf Wikipedia. Ich selbst habe in einem Guesthouse namens Annabelle’s übernachtet. Dieses ist sehr zentral gelegen und das Frühstück ist im Preis inbegriffen, es mag zwar nicht so charmant sein, wie ein B&B, dafür ist es aber für Bath preisgünstig. Vorsicht ist vor allem an Wochenenden geboten, Bath ist eine sehr beliebte Stadt, man sollte sich rechtzeitig um ein Quartier kümmern.

Bizarre Bath: die Comedy Walks finden ausschließlich in Englischer Sprache statt, ausreichende Sprachkenntnisse sind Voraussetzung, um den Humor zu verstehen. Wer darüber verfügt, sollte sich das Vergnügen nicht entgehen lassen.

Roman Baths: Der Eintritt für Erwachsene beträgt derzeit 11 Pfund.

Thermae Bath Spa: Ist die modernste Therme in Bath, daneben gibt es noch andere, die weniger spektakulär, dafür günstiger sind (z.B. das Cross Bath). Es gibt immer wieder besondere Packages, wobei ich persönlich empfehle sich entweder gleich für ein Paket mit Behandlungen zu entscheiden, Spezialangebote mit Restaurantbesuch hingegen sind die Zeit nicht wert, da die Essensdauer in die Badezeit eingerechnet wird. Das Restaurant ist überdies nicht weiter empfehlenswert.

Essen: Besonders gutes Pub-Essen (bodenständige Hausmannskost) gibt es im Coeur de Lion, sowie im The Raven. Beide sind darüber hinaus sehr nette Lokalitäten, in denen sich die Zeit zwischen den Besichtigungen gut vertreiben lässt.

Mayor’s Guides: Zusatzinformation (in englischer Sprache) über das Service des Bürgermeisteramtes. Der Service verfügt auch über eine eigene Webseite, die Touren finden Sonntag bis Freitag um 10.30 und 14 Uhr statt, am Samstag ausschließlich um 10.30 Uhr.

Jane Austen Centre: Wer sich unbedingt dem Kitsch-Wahnsinn ausliefern will, der findet hier alles was das Herz des Romantikers begehrt, sollten Sie nachhaltigen Schaden nehmen, sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt! Die Jane Austen Walking Tours, die vermutlich recht interessant sind, finden abseits der Hochsaison nur an Wochenenden statt, im Sommer gibt es Freitag und Samstag Zusatztouren.

Susanne, 26. Juli 2009

Why, oh why?!

Traveling Sandworm

Der nächste Halt auf meiner Route war Salisbury, gelegen in der Grafschaft Wiltshire. Der Grund für meinen Stopp war zugegebenermaßen nicht Salisbury selbst, sondern zwei Fixpunkte auf meiner Reise, die in der Nähe lagen. Zum einen Stonehenge, etwa 12 km weiter nördlich, zum anderen Bath, das sich etwa 60 km nord-westlich befand und welches sich schon von Beginn an in der Reiseplanung befand, vor allem wegen meiner Bewunderung für Jane Austen. Salisbury bot sich als ausgezeichneter Zwischenstopp an und ich wurde wieder einmal von einer ausnehmend charmanten Kleinstadt überrascht, welche rückblickend betrachtet, allemal einen Aufenthalt wert ist, auch wenn man sich weder für Bath noch für Stonehenge interessiert.

Salisbury, Wiltshire

Gerade Mal am Bahnhof angekommen, wurde mir die große Hilfsbereitschaft der Engländer zuteil, ein positiver Stereotyp (Stichwort: höfliche Briten) den ich übrigens auf meiner gesamten Reise bestätigt fand. Eine überaus nette Dame, die direkt am Bahnhof in einer winzigen Zweigstelle der Touristen-Information tätig war, scheute keine Mühen, mir ein adäquates Quartier, samt wifi Zugang zu suchen, wurde alsbald fündig und verwies mich an ein erst vor kurzem eröffnetes Bed&Breakfast im Zentrum. Einen kurzen Spaziergang später stand ich auch schon vor der Tür und wurde von der Inhaberin Ms. Stephanie Paul, oder Stevie, wie sie sich mir vorstellte, willkommen geheißen und nicht nur hochkomfortabel untergebracht, Stevie erwies sich als liebenswerte Gastgeberin, die es mir während meines gesamten Aufenthaltes an nichts fehlen ließ – erwähnenswert ein voll ausgestatteter Tea-Bereich im Gästezimmer, der mit x Teesorten, frischer Milch, Schokolade und Keksen eine bestmögliche Abhaltung der englischen Tea-Time ermöglichte – nebenbei verfügte die Herberge über kostenloses drahtloses Internet, welches die gesamte Zeit über, die ich dort verbrachte, perfekt funktionierte.

Mein erster Ausflug am Anreisetag führte mich dann auch gleich nach Stonehenge. Von Salisbury aus fahren alle 30 Minuten Busse ab, die gleichzeitig auch Siedlungsreste eines älteren Salisbury namens Old Sarum anfahren. Diese Bustouren sind zwar nicht ganz billig, ermöglichen aber eine kleine Rundreise durch die ausnehmend schöne Landschaft und beinhalten den Eintritt in die Sehenswürdigkeiten, sowie eine über Lautsprecher im Bus abgegebene Info (auf Englisch), die den gemeinen Touristen auf das große Mysterium Stonehenge vorbereitet.

Stonehenge

Ich gebe zu, dass mich neben meiner Leidenschaft für Literatur, auch ein gewisser Hang zur Mythologie nach England führte, wobei ich jedoch davon ausgehe, dass Mythen und Legenden gewissermaßen die Ursprünge jeglicher Literatur darstellen, ihre, mit einem weniger verklärten Blickwinkel getätigte Betrachtung und Erforschung, ist allemal lohnenswert. In diesem Sinne fällt auch meine Beurteilung von Stonehenge aus. Man kann sich kaum erwehren, dieses Zeugnis ältester Zivilisation nicht zu bewundern. Es besitzt unbestritten eine nicht näher definierbare Ausstrahlung, die ich jedoch weniger in den Bereich der Zauberei legen oder als Beweis magischer Erdpunkte sehen will, als ich den Steinkreis viel mehr als beeindruckendes Relikt menschlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten sehe, die bereits vor tausenden von Jahren soweit entwickelt waren, dass man die gewaltigen Gesteinsbrocken nicht nur zu formen, sondern auch aufeinander zu legen vermochte. Der Rest ist Spekulation. Und in diesem Sinne möchte ich auch allen, die irgendwann einmal nach Stonehenge zu reisen gedenken, ausdrücklich folgenden Rat ans Herz legen: Halten Sie sich fern von den Audioguides!

Ich habe selten eine größere Ansammlung an Gemeinplätzen, Platitüden, dummen Sound-Effekten (ja, man hat tatsächlich in den Sprechpausen „druidische“ Gesänge eingespielt…!) und jegliche wissenschaftliche Grundlage entbehrender Spekulation gehört. Falls Sie das nicht überzeugt, das Gesamt-Fazit des stonehengeischen Audioguides lässt sich in drei Worten zusammenfassen: „Why, oh why?!“. Hinzu kommen, für diejenigen, die noch mehr wissen möchten, die wiederholte Verwendung folgender Schlüsselwörter: Vielleicht, möglicherweise, könnte sein, mag sein, ist nicht genau geklärt, entzieht sich unseres Wissens, potentiell, man weiß es nicht, usw. usf.

Wer sich damit begnügt in Ruhe um den Steinkreis (der übrigens abgesperrt ist) zu wandern, hat mit Sicherheit, selbst in Anwesenheit der vielen anderen Touristen, mehr von seinem Besuch. Und wer sich den Eintrittspreis überhaupt sparen will und über ein Auto verfügt, der kann ganz einfach die Bundesstraße A303 oder A344 nehmen, seinen Wagen am Straßenrand abstellen und hat auch so beste Sicht auf das Monument.

Am Rückweg hält die Bustour noch am sog. Old Sarum, einer altertümlichen Befestigung, die das frühere Salisbury bildete, bevor die Stadt an ihrer heutigen Stelle gegründet wurde. Man sollte aber auf die Schließzeiten der Monumente achten, in meinem Fall war der innere Kreis von Old Sarum bereits geschlossen, ein Spaziergang rund herum war aber trotz allem lohnenswert, der Bereich in dem die Überreste der ersten Kathedrale von Salisbury stehen, ist auch nach den Schließzeiten zugänglich.

Salisbury Cathedral

Der zweite Tag in Salisbury war der Stadt und vor allem der Kathedrale gewidmet. Salisbury Cathedral ist ein herausragendes Beispiel frühgotischer Baukunst, das Bauwerk besitzt zudem den höchsten Kirchturm in England (123 Meter). Begonnen wurde der Bau an der Kathedrale 1220, wobei der Turm erst einige Zeit später draufgesetzt wurde, was sich nachträglich als beinah fataler Größenwahn herausstellte. Das Grundkonstrukt der Kirche war kaum in der Lage das Gewicht des Turms zu tragen und musste nachträglich verstärkt werden, bis heute ist eine leichte Neigung des Turms festzustellen, ab einer gewissen Windgeschwindigkeit wird die gesamte Kirche gesperrt. Besonders sehenswert in der Kathedrale, neben der ältesten funktionstüchtigen Uhr (AD 1386) ist eine der vier noch verbliebenen Handschriften der Magna Charta (AD 1215). König John Ohneland – der Namenszusatz ist Ausdruck dafür, dass er tatsächlich durch Erbfolgebedingungen kaum über Land verfügte – unterzeichnete das Dokument auf Druck seiner Barone, es ist einer der Vorläufer für spätere grund- und menschenrechtliche Entwicklungen und räumte nicht nur der Kirche gewisse Rechte und Freiheiten gegenüber der Krone ein, es enthält erste Ansätze einer Unschuldsvermutung und prozeduraler Rechte, die, damals beschränkt auf freie Bürger, u. A. einen Schutz vor unrechtmäßiger Verhaftung (habeas corpus) vorsahen. In jedem Fall ein beeindruckendes Dokument westlicher Rechtsgeschichte.

Eine weitere bemerkenswerte Tatsache, die auch an den künftigen Haltepunkten auf meiner Reise einen ganz besonders positiven Eindruck vom Tourismusland England hinterließ, betrifft die Verfügbarkeit von kostenlosen Führungen. Zwar ist bei den meisten Sehenswürdigkeiten Eintritt zu zahlen, vor Ort jedoch gibt es fast ausnahmslos so genannte „Guardians“, meist Senioren und Seniorinnen, die sich als Freiwillige zur Verfügung stellen, um Interessierten die jeweiligen Sehenswürdigkeiten näher zu bringen. Diese engagierten Leute haben sich ausnahmslos als nicht nur hochgebildete Fremdenführer erwiesen, alle unter ihnen waren überaus sympathische, humorige Guides, die keinen unkritischen Lobesgesang anstimmten, sondern die jeweiligen Fakten bestens kannten und diese auch immer wieder mit amüsanten Anekdoten oder typisch britischem trockenen Humor ausschmückten. In Salisbury wurde ich gemeinsam mit drei anderen Interessierten von einer charmanten Mittsiebzigerin mehr als eineinhalb Stunden durch die Kathedrale geführt. Im Raum in dem die Magna Charta zu sehen war, waren wieder eigene „Guardians“, die auf einen zugingen und sich erkundigten, ob man auch alles gesehen habe und ob eventuell noch Fragen offen wären. Ein beeindruckendes Tourismuskonzept!

Salisbury, Wiltshire

Der Rest der Zeit in Salisbury verging mit Entdecken – so wurde ich darauf aufmerksam dass Nobelpreisträger William Golding hier als Lehrer gearbeitet und in weiterer Folge sogar ein Buch über den Kirchturm der Salisbury Cathedral verfasst hat („The Spire“) – mit Flanieren – Salisbury liegt am Fluss Avon (einer von drei in England, der diesen Namen trägt), entlang des Flusslaufes lässt sich herrlich spazieren und wieder einmal die besondere Liebe der Engländer in Sachen Stadtbegrünung bewundern – sowie mit Essen – was sein muss, muss sein, auch nach einem ausführlichen Full English Breakfast. Das urige Pub „The Wig and Quill“ z.B. verfügt über eine ausgezeichnete Küche, besonders die Fish&Chips (ein MUSS wenn man in England ist) sind zu empfehlen.

The Wig and Quill, Salisbury, Wiltshire

Und wenn man so wie ich nebenbei auch interessiert an skurrilen Begegnungen ist, dann musste man einfach eine Dame, die dem Bartender mit schlechtem Englisch erklärte, dass sie aus „Austria“ sei, ansprechen. Das endete schließlich damit, dass die gute Frau, die über ein schreiend-türkis-farbenes Glitzershirt, Leggings und zu einem Turm toupiertes Haar verfügte, mir erklärte, dass die Engländer modisch schon ziemlich altväterisch wären…ich enthielt mich jeglichen Kommentars, widmete mich wieder meinem Ale und schwor mir, auf meiner weiteren Reise nur mehr in Notfällen Österreicher anzusprechen.

Nächster Stopp: Bath

Hilfreiche Informationen:

Salisbury liegt ca. 150 km südwestlich von London. Die Anreise ist öffentlich mit der Bahn bzw. mit dem Bus möglich, die Bahn ist zwar wesentlich schneller (etwa 1,5 Stunden), der Bus jedoch ungleich günstiger (Hin und Retour bereits ab 10 Pfund).

Alle Informationen zu den Bustouren, die von Salisbury aus Stonehenge und Old Sarum anfahren finden sich hier.

Übernachtungsmöglichkeiten in Salisbury sind zahlreich und können über die örtliche Touristen-Information ausfindig gemacht werden. Ich persönlich kann, als ausgesprochen angenehme und im Verhältnis zum Komfort preisgünstige Unterkunft, das B&B von Stephanie Paul, 50 Trinity Street, nur allerwärmstens empfehlen!

Susanne, 17. Juli 2009

When you’re going to Brighton, all you have to remember is PPL

Traveling Sandworm

Freundin C. hatte mich mit einem handlichen Akronym auf die Reise geschickt. Wir hatten darüber gesprochen, was es in Brighton alles zu sehen gäbe und was davon wirklich zum Pflichtprogramm gehören möge. Ich befand mich noch immer in der anfänglich etwas hektischeren Reiseplanung und hatte nur eine Nacht in Brighton eingerechnet, ein Fehler, der mir danach nicht wieder unterlief. C. meinte schließlich, alles was ich über Brighton wissen müsse und was es wert wäre, gesehen zu werden, ließe sich mit den Buchstaben PPL zusammenfassen, würde ich mir diese Kombination aus Anfangsbuchstaben merken, könne mir in Brighton wirklich nichts passieren. Die Buchstaben standen für „Pavilion, Pier and Lanes“ und würden die allerwichtigsten Sehenswürdigkeiten von Brighton beschreiben. Wenn ich dafür empfänglich wäre und noch extra Zeit hätte, sollte ich darüber hinaus auch den Afternoon Tea im Grand Hotel nutzen. Ein etwas teureres Vergnügen, welches aber zu Brighton passen würde und in Anbetracht der großen Mengen an Speisen, die man dort serviert bekäme auch ökonomisch nicht unklug wäre, da man sich mit Sicherheit das Abendessen ersparen würde.

Also verabschiedete ich mich schließlich von C. und brach endlich auf, um Südengland zu bereisen. Mit dem Bus ging es von Whitstable nach Canterbury, wo ich in den Zug umsteigen wollte, der jedoch wegen Arbeiten am Gleiskörper durch einen weiteren Bus ersetzt wurde, welcher mich nach Ashford brachte – als generell ÖBB Geschädigte war es fast beruhigend zu sehen, dass auch in England so etwas wie Schienenersatzverkehr existierte.

Bereits auf der Fahrt nach Ashford wurde ich das erste Mal auf die wunderschöne Landschaft Südenglands aufmerksam. Im Kleinen hatte ich sie schon in Whitstable und Canterbury wahrgenommen, als mir die gepflegten Gärten und eine nicht zu übersehende Leidenschaft für Landschaftsgestaltung ins Auge stachen. Nun im Bus nach Ashford wurde mir, hinter schmutzigen Fenstern, die kaum den Eindruck schmälerten, klar, dass auch im Großen betrachtet Südengland mit beeindruckender Schönheit gesegnet war. Da zogen Wiesen vorbei, auf denen Schafe grasten, hin und wieder durchschnitten von kleineren Flüsschen, eine liebliche Hügellandschaft, die sich insgesamt mit einem Wort beschreiben ließ: Grün.

England, East Sussex

England ist grün, dieser Eindruck hat sich auf meiner gesamten Reise gefestigt; nie habe ich so viele verschiedene Grüntöne auf einem Flecken Erde gesehen. Grasgrün, dunkelgrün, blaugrün, graugün, braungrün, gelbgrün, hellgrün, smaragdgrün, olivgrün, blassgrün, neongrün, schlammgrün…endlos war die Farbpalette, die an mir vorbeizog, bis nach dem Umsteigen auf die Bahn in Ashford und auf dem Weg nach Brighton, sich das viele Grün im Süden endlich mit dem blassbraunen Sandstrand und dem dahinterliegenden blau des Ärmelkanals kontrastierte.

England, East Sussex

Knapp 3 Stunden nach meiner Abreise, stieg ich in Brighton, welches seit Ende der 1990er etwas uncharmant Brighton and Hove heißt (die beiden benachbarten Städte wurden zu einem Stadtkreis zusammengefasst) aus dem Zug und fand mich erst eine relativ anstrengende dreiviertel Stunde später im gewählten Hotel wieder, welches sich im Stadtteil Kemptown, nicht unweit von der Strandpromenade befand, aber vom Bahnhof gesehen doch etwas mühsam zu erreichen war. Das Gefälle vom Bahnhof bis zur Strandpromenade würde ich am nächsten Tag noch verfluchen, da wandelte es sich nämlich in eine gnadenlose Steigung und führte mir erstmals das Gewicht meines Rucksackes vor Augen. Trotz allem ging sich nach einer kurzen Verschnaufpause doch noch eine gemütliche Erkundungstour durch Brighton aus, und die inkludierte auch die Pflichtpunkte aus Cs Akronym, nämlich zunächst den Pier, später ein Spaziergang rund um den Pavilion und am nächsten Tag beim Rückweg zum Bahnhof noch einen Abstecher durch die Lanes.

Brighton Pier

Der Pier ist kaum zu übersehen, befindet er sich doch zentral an der Strandpromenade gelegen und ist das was man im angloamerikanischen Raum gemeinhin unter einem Pier versteht, nämlich hauptsächlich Vergnügungszentrum mit allen möglichen Attraktionen, die angeblich Spaß machen. Nachdem ich mich dafür kaum erwärmen konnte, ließ ich eine genauere Erkundung bleiben, viel interessanter schien mir der nur wenige hundert Meter weiter westlich gelegene West Pier. Oder das was vom West Pier übrig war, denn aus dem Wasser ragte bloß noch das rostige Skelett des Bauwerks, welches 1866 in Glanz und Glorie vom Architekten Eugenius Birch als herausragendes Exempel viktorianischer „seaside architecture“ konstruiert und aufgestellt wurde. Bereits 1975 wurde der Pier geschlossen und dem Verfall überlassen. Stürme und ein gewaltiger Brand 2003 machten jegliche Renovierungspläne zunichte, die verbliebenen Überreste des West Pier lassen nur noch ganz entfernt auf die einstigen Hochzeiten schließen, das traurige Gerippe jedoch mag Brightons vergnügungssüchtigen Besuchern, die sich wochenends von einer Bar zur nächsten drängen, vielleicht den nötigen Schuss Vergänglichkeit in den Drink mischen. Ich stelle mir kaum Ernüchternderes vor als nach einer durchzechten Nacht am Strand aufzuwachen und den ersten Blick auf das verrottende Gerüst des ehemaligen West Piers zu werfen.

Brighton Westpier

Derlei Gedanken hielten nicht lange und ich suchte alsbaldig selbst ein Pub auf, denn es hatte mittlerweile zu regnen begonnen. The Victory Inn, welches sich für die Regenpause anbot, war dann auch gut besucht, sehr gastfreundlich und verfügte sogar über einen gratis Wifi-Zugang. Nachdem der Regen nachgelassen hatte und sich auch die Abendsonne noch durchsetzen konnte, setzte ich meinen Spaziergang durch Brighton fort und kam schließlich zum zweiten P. dem Pavilion oder Royal Pavilion, der mit Sicherheit die herausragendste und exotischste Sehenswürdigkeit in Brighton, vermutlich ganz England, darstellt. König George IV. (1762-1830), damals noch Prinz und ein genauso kunstliebender wie unterhaltungsfreudiger Mann, hatte sich Brighton als seinen bevorzugten Aufenthaltsort auserkoren und sich mit diesem architektonischen Exoten ein Denkmal gesetzt. Ein Prunkbau im Stile von indischen Mogulbauten, mit Einflüssen aus der islamischen Architektur und einer Inneneinrichtung in chinesisch-indischem Stil, allesamt umgesetzt und verwirklicht vom Architekten John Nash (zwischen 1812 und 1822). Nachdem das Gebäude Mitte des 19. Jahrhunderts an die Stadt verkauft wurde und ein Großteil der Inneneinrichtung im Buckingham Palace und in Windsor landete, ist der Gutteil der aktuell im Inneren befindlichen Ausstattung nachgebaut.

Ich selbst habe mir das Innere des Pavilion nicht angesehen, ich kann deshalb auch keinerlei Auskunft darüber geben, ob die aktuell 8,80 Pfund Eintritt lohnenswert sind oder nicht. Ich hatte mich für die Abendsonne entschieden und in dieser Hinsicht war die Entscheidung noch ein wenig entlang der Strandpromenade zu wandeln nicht nur lohnenswert sondern auch gratis.

Royal Pavilion, Brighton

Der nächste Morgen brachte nicht nur das Auschecken aus dem Hotel und die Bewältigung des einigermaßen anstrengenden Anstiegs bis zum Bahnhof, sondern auch noch eine kurze Frühstückspause im letzten Pflichtprogrammpunkt, in den sogenannten Lanes, die günstigerweise am Weg zum Bahnhof lagen. Viel gibt es dazu nicht zu sagen, außer dass es sich um ein kleineres Netz von hübschen Straßen handelt, welche als einzige den großen Brand, den die Franzosen bei einem Angriff auf Brighton 1514 gelegt hatten, unbeschadet überstanden haben. Dort finden sich dann kleinere Shops und Antiquitätengeschäfte und es hätte sich dort wunderbar entlang schlendern lassen, hätte ich nicht die nächste Station meiner Reise erreichen wollen. So aber musste ich Brighton schließlich verlassen, ich machte mich auf die Weiterreise und nahm nicht nur einen herrlichen Ort an der Südküste Englands in die Erinnerung auf, ich hatte auch beschlossen künftig keinem Halt entlang der Route weniger als 2 Übernachtungen zu widmen. Irgendwie war mir das dann alles etwas zu schnell gegangen, schließlich habe ich zwar die Punkte PPL im Reiseplaner abhaken können, aber der Afternoon Tea im Grand Hotel harrt noch immer meines Besuches.

Nächster Stopp: Salisbury

Hilfreiche Infos:

Die Anreiseplanung mit öffentlichen Verkehrsmitteln am besten via Nationalrail oder Nationalexpress, wobei die Bus-Variante wesentlich preisgünstiger ist.

Brighton bietet jede Menge Übernachtungsmöglichkeiten, das von mir gewählte Hotel Brighton Breeze, erwies sich als günstige (30 Pfund/Nacht) und saubere, aber etwas uncharmante und relativ weit vom Zentrum entfernte Option. Diverse Hotelsuchmaschinen bieten eine insgesamt sehr große Auswahl, es sollte sich in jeder Preisklasse und Lokalität Passendes finden lassen.

Zusätzliche Informationen über Brighton finden sich auf Wikipedia sowie auf diversen weiteren (meist englischsprachigen) Webseiten.

Susanne, 9. Juli 2009

Will no one rid me of this turbulent priest?

Traveling Sandworm - artwork zoer

 

Ich begann erst kurz vor der Abreise nach England meine Wunschroute festzulegen. Diese Route ergab sich aus einer Kombination jener Dinge, die ich während der Reise unbedingt sehen wollte und Personen, die ich aufzusuchen gedachte. Da gab es eine gute Freundin, die besucht werden wollte, eine Vielzahl von Autoren, die an diesem oder jenem Ort gelebt und gearbeitet hatten, wichtige historische Stätten und in jedem Fall eine Mindestaufenthaltszeit am Meer. Kurz vor der Abreise war schließlich mein Reiseführer eingetroffen (Lonely Planet England – den ich übrigens sehr empfehlen kann) und mir wurde sofort klar, die Reise musste entweder auf mindestens drei Monate ausgedehnt werden oder es war unvermeidlich den einen oder anderen Tourstopp einfach zu streichen. Da ersteres nicht möglich war, musste es zweiteres sein, was nachdem ich in England gelandet war, noch offensichtlicher wurde und ich erkannte, dass dieses Land nicht im Eiltempo bereist werden will, schon gar nicht als eine Art „Race Across Southern England“, sondern in einer Manier erlebt werden sollte, die eher dem entspricht, was man im 18. oder 19. Jahrhundert als Reisen definierte: eine gemächliche Erkundung, die genügend Raum und Zeit lässt, die Orte, die man besucht, auch zu erleben.

Einer der Orte, welcher der anfänglichen Reisehektik zum Opfer fiel war Canterbury und ich gebe mit Bedauern zu, dass ich nur einen Nachmittag in dieser wunderschönen Stadt verbracht habe. Ein Glück jedoch, dass ich ortskundige Führer an meiner Seite hatte, denn so war es auch in relativ kurzer Zeit möglich das Wichtigste zu sehen und sich zumindest vorzunehmen, Canterbury bei nächster Gelegenheit mehr Zeit zu widmen.

 

Canterbury Westgate

 

Canterbury liegt knapp 11 km südlich von Whitstable und egal, ob man mit Bus oder Auto fährt, man kommt irgendwann unweigerlich vor die Tore der Stadt, sprich zum sogenannten Westgate, welches das einzig verbliebene Stadttor der mittelalterlichen Befestigung rund um Canterbury ist. Es gibt auch noch Teile dieser Stadtmauer, die erhalten sind, auf Abschnitten dieser „wall“ kann man entlang spazieren und einen schönen Blick auf die Stadt erhaschen.

Durch das Westgate hindurch, tritt man ein in die historische Altstadt von Canterbury und somit in ein kleines Universum aus alten Gassen, Brücken und mittelalterlichen Fachwerkbauten. Gleich hinter dem westlichen Stadttor beginnt die St. Peter’s Street, welche in die High Street übergeht, diese wiederum wird zur Parade und endet schließlich als St. George’s Street –  der gesamte Straßenzug durchschneidet die Altstadt Canterburys von Nordwesten nach Südosten und lädt zum Promenieren und Entdecken ein.

 

Canterbury, Kent

 

Biegt man von der Parade in Richtung Südosten nach links in die Butchery Lane ab, gelangt man nach ein paar Schritten zum Herzstück der Stadt: zur Canterbury Cathedral, einer der berühmtesten und ältesten Kathedralen Englands. Das grandiose Bauwerk ruht wie viele mitteleuropäische Kirchen auf Grundfesten von Gebetsstätten älterer Kulturen, der Bau, so wie er sich heute präsentiert, wurde gegen Ende des 11. Jahrhunderts begonnen und zählt mit Sicherheit zu den schönsten gotischen Kirchenbauten Europas. Zusätzlich ist die Kathedrale der Amtssitz des anglikanischen Erzbischofs, der das geistliche Oberhaupt der Kirche von England ist.

 

Canterbury Cathedral

 

Der Eintritt in die Kathedrale ist mit 7,50 Pfund zwar nicht billig, es zahlt sich aber aus ihn zu berappen, denn hinter dem Christ Church Gate, durch das man vom Buttermarket Square hindurch tritt, eröffnet sich ein spektakulärer Blick auf die Kathedrale, umliegende Gartenanlagen und weitere Kirchengebäude. Die Kathedrale selbst ist eine architektonische Glanzleistung, über die Jahrhunderte haben sich romanische, früh- und spätgotische Teile zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk gefügt. Nicht zuletzt sind Kirchen aber immer auch ein ausgezeichneter Ort für jede Menge blutrünstige Geschichten, Anekdoten und wilde Spekulationen.

Dass ein weltberühmter Mordfall mich, neben meinem Interesse für Kunst und Kultur, in die Kirche trieb, will ich nicht leugnen, die Geschichte von Thomas Becket schreit auch danach sich selbst hunderte Jahre später noch am vermeintlichen Ort des Meuchelmordes nach eventuell physisch sichtbaren Spuren der Gewalt umzusehen. Wer sie nicht kennt, hier kurz das, was als Fakten (angereichert mit Hörensagen, Mythos und Legende) über die Jahrhunderte ins Heute gespült wurde: Thomas Becket, seines Zeichens Vertrauter und Freund des damaligen Regenten Henry II., wurde von diesem nicht nur als Zeichen der Verbundenheit, sondern auch um die Machposition in der Kirche mit einem Verbündeten (zeitgenössisch vielleicht als Spezi zu bezeichnen) zu besetzen, zum Erzbischof von Canterbury befördert. Nachdem Thomas Becket aber absolut keine Lust hatte, sich lenken und kontrollieren zu lassen, im Gegenteil, er eine Reihe von Scharmützeln mit dem König über Einfluss und Zuständigkeit der Kirche austrug, wurde es Henry zu bunt und um zur Essenz einer langen Geschichte zu kommen, dieser soll in seiner Verzweiflung über den renitenten Priester oben angeführten Ausspruch getan haben, wodurch sich auch gleich vier, wenig zimperliche, Gefolgsleute bzw. ehrbare Ritter (je nach Sichtweise) fanden, die die Umsetzung des vermeintlichen Befehls in die Tat pflichtgetreu auf sich nahmen. Am 29. Dezember 1170 schließlich begab sich das rücksichtlose Quartett in die Kathedrale, schlug mit ihren Schwertern auf den Bischof ein und zwar in einer Art und Weise, dass es dem armen Mann den Schädel spaltete. (Wer die Geschichte nachlesen möchte, auf Wikipedia zum Beispiel gibt es die grausigen Details – wobei die englische Ausgabe um einiges informativer ist).

Noch heute ziert ein in rotem Stein gehaltenes „Thomas“ den Ort des Verbrechens, Henry schließlich blieb, nachdem Becket in einem Schnellsiedeverfahren bereits 1173 heilig gesprochen worden war und sich die Pilgerscharen nach Canterbury verdichteten, nichts anderes übrig, als um Vergebung zu bitten. Anno dazumal hatten diese Gesten auch noch entsprechend ausholenden Charakter: Henry machte sich barfuß, in Sack und Asche gekleidet, auf den Weg in die Kathedrale, kniete am Ort des Verbrechens nieder und wurde nach öffentlicher Reue und priesterlicher Absolution auch noch von allen 80 Mönchen, diversen Bischöfen und Äbten ausgepeitscht. Die folgende Nacht durfte er betend und fastend in der kalten Krypta der Kathedrale verbringen. 

 

Canterbury Cathedral

 

Thomas’ Reliquien schließlich wurden zu einem Magnet in Sachen Pilgerschaft. In Scharen strömten die Gläubigen aus ganz Europa nach Canterbury, bis ein weiterer Henry dem Treiben ein Ende setzte. Der 8. In der Reihe der Heinriche, machte sich aufgrund einer heiklen Privatangelegenheit schlicht zum Oberhaupt der Kirche von England und beendete die katholische Herrschaft im Lande. Der Schrein der zum Zwecke der Anbetung des Heiligen errichtet worden war, wurde vernichtet, ebenso Thomas‘ Gebeine, heute ziert eine simple Kerze die Stelle wo das Monument einmal gestanden hat. Die Kathedrale lädt aber trotz blutrünstiger Vergangenheit zum Umherwandeln und Betrachten ein, außergewöhnliche Steinmetzkunst und herrliche Glasfenster versetzen die Kunstliebhaberin in Staunen, besonders schön der gotische Kreuzgang.

 

Canterbury Cathedral (Cloisters - Kreuzgang)

 

Die Kirche, die tragischen Ereignisse rund um die diversen Personen, die in ihr und um sie herum wirkten, mit Sicherheit auch die Stadt und ihre malerischen Gassen und Straßen haben schließlich auch in der Literatur ihren Niederschlag gefunden. Am bekanntesten ist wohl Geoffrey Chaucer (ca. 1343 – 1400) – Fluch jedes Anglistikstudenten – dieser hat sich, obwohl in London geboren, mit seinen Canterbury Tales verewigt und der Stadt ein Denkmal gesetzt. Größter Stolz ist vielleicht Shakespeare-Zeitgenosse, Dichter und Spion, Christopher Marlowe (1564 – 1593), der in Canterbury geboren wurde, sein Ende jedoch in London fand (nicht weniger dramatisch übrigens als Thomas Becket).

 

Canterbury, river Stour

 

Wer nun noch nicht genug gesehen hat von Canterbury, der begibt sich hernach einfach auf eine der launigen Historic River Tours, auf der man, gerudert vom charmanten Boots- und Stadtführer, jede Menge Wissenswertes über die historischen Gebäude entlang des Flüsschens Stour erfährt. Wenn sich der Tag dann dem Ende zuneigt und man wieder weiterreist, steht eines auf jeden Fall fest: ein einzelner Nachmittag ist viel zu kurz, um Canterbury auch nur annähernd kennen zu lernen. Auf ein nächstes Mal also!

 

Hilfreiche Informationen:

Anreise von London: Mit dem Zug via Nationalrail, hin und retour muss man aber mit etwa 40 Pfund Fahrtpreis rechnen, ungleich günstiger die Fahrt mit dem Bus, die zwar etwas länger dauert, aber bereits um 10 Pfund (hin und retour) zu haben ist.

Wissenswertes rund um Canterbury liefert die offizielle Webseite der Stadt, dort finden sich auch Informationen in Sachen Unterbringung. Die Bootstouren sind mit einem Preis von 7 Pfund und einer Dauer von 40 Minuten nicht nur günstig, sondern auch sehr informativ und äußerst unterhaltsam.

 

Nächster Stopp: Brighton

 

Susanne, 1. Juli 2009

Yes, it’s me

The Sandworm

Wenn man sich Gedanken über eine anstehende Reise macht und ich halte es da fast quasireligiös mit einer der Grundregeln des Dalai Lama (Besuche einmal im Jahr einen Ort, den du noch nicht kennst), dann überlegt man sich zunächst wohin man eigentlich reisen möchte. Ich lasse mich diesbezüglich gerne von der Literatur inspirieren und nach einem begeisterten Einstieg in die Welt des James Joice (A Portrait of the Artist as a Young Man, danach Dubliners), stand zunächst Irland im Zentrum meiner Suche. Nach einigen Wochen auf diversen Webseiten verschiedenster Fluglinien, fand ich mich schließlich durch ein unschlagbares Angebot der Aer Lingus erstmals zum Nachdenken darüber verführt, was wohl wäre, wenn ich nicht nach Irland, sondern nach England führe. 30 Euro hin und retour (inklusive Taxen) waren nicht zu überbieten und fast gleichzeitig mit dem geografischen Gedankensprung, fanden sich auch noch weitere triftige Gründe für eine Reise nach England. Erstens eine gute Freundin, die südöstlich von London in der Grafschaft Kent lebt und schon seit viel zu langer Zeit nicht mehr gesehen war und nicht zuletzt die Leidenschaft für englische Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, noch weiter präzisiert, die Tatsache, dass Jane Austen mit Sicherheit einen der Topplätze in meiner Liste von hochgeschätzten Schriftstellern einnimmt.

Ein paar Klicks und wenige Wochen später fand ich mich also im Flugzeug besagter Airline wieder, Direktverbindung Wien – Gatwick mit dem ersten Reisestopp „Whitstable“ am Programmplan. Durch eine tageszeitlich (für meine Begriffe, denn ich kann nichts weniger ausstehen, als im Morgengrauen zum Flughafen zu fahren) günstige Reisezeit, betrat ich gegen 17 Uhr Ortszeit den Boden ihrer königlichen Majestät Elisabeth II. und fand mich im Weltrekordtempo über eine Bahnverbindung nach London Victoria (Züge fahren je nach Betreiber in etwa alle 15 Minuten, die Verbindung über Southern Railways benötigt nur wenig länger als der angepriesene Gatwick Express, ist dafür aber mit ca. 10 Pfund pro Strecke wesentlich billiger), im Zug nach Whitstable sitzend wieder, gegen 20 Uhr schließlich hatte ich mein Ziel erreicht, Freundin C. stand bereits winkend am Bahnsteig.

Whitstable, High Street

Über Whitstable gibt es so einiges zu erzählen und selbst wenn ich den Ort bloß deswegen in meine Reiseroute aufgenommen hatte, weil ich Freunde und Unterkunft dort fand, so zeigte sich auf meiner weiteren Reise, dass Whits, so nennen es die Einheimischen gern, unter den Engländern relativ bekannt war und insbesondere von der betuchteren Londoner Gesellschaft gerne für Wochenendausflüge ans Meer genutzt wird. Whitstable also liegt knapp 100 km östlich von London und etwa 11 km nördlich von Canterbury, was die Attraktivität von Whits zusätzlich steigerte, war doch schnell beschlossen, dass Canterbury Reisestopp Nummer 2 werden würde.

Whitstable - Segelhafen

Der malerische kleine Ort an der Küste Südostenglands besticht durch hübsch aneinander gereihte Häuschen, mit gepflegten Gärten, die dank der Jahreszeit alle in voller Blüte standen und welche sich in einem länglichen Streifen von West nach Ost an den Strand schmiegten. Über mögliche Unterkünfte und deren Qualität kann ich an dieser Stelle leider keine Auskunft geben, nachdem sich der Ort aber zunehmender Beliebtheit, vor allem wegen seiner Nähe zu London, erfreut, bin ich sicher, dass sich adäquate Quartiere leicht finden lassen (so sie nicht ausgebucht sind!). Am Wochenende herrscht dann schließlich auch Hochbetrieb und Einheimische wie Erholungssüchtige treibt es auf die Straßen, wobei sich ein Großteil davon früher oder später entweder in einem der Cafés und Restaurants am Strand, oder in der zentralen High Street einfindet. Nach Norden spaltet sich die High Street in die Harbour und die Sea Street auf, von jeder dieser Straßen ist es bloß ein Katzensprung zum Strand, den man immer wieder auch auf kleinen, „alley“ genannten, Schleichwegen erreicht, die mit dichtem Grünzeugs umwuchert fast schmugglerpfadartig zum Hin- und Herschleichen einladen.

Whitstable, Strandpromenade

Entlang der Strandpromenade finden sich wahlweise Hafenbars und Cafés, Badestrände oder Anlegeplätze für die unzähligen Segelboote, die sich bei günstigem Wind in der Bucht drängen. Die Lage macht Whitstable schließlich zum idealen Erholungsort, egal ob man nun segeln will, oder bloß ein Wochenende lang dem Großstadttrubel entkommen möchte, ob man fein Essen geht (Whitstable ist in ganz England für seine Austern bekannt) oder ob man sich, wenn es das Wetter erlaubt, an den Kieselstrand legt (einfache Strandhütten werden zu einem Preis von bis zu 15.000 Pfund gehandelt!), es findet sich für jeden irgendwas in diesem Ort. In meinem Fall war es morgens ein gigantisches Frühstück in Howard’s Kitchen – einem kleinen Café-Restaurant mit hübschem Wintergarten und ausgezeichneter Küche. Ein typisches englisches Frühstück schließlich, also das was sich vor Ort dann „full English breakfast“ nennt, ist eine optimale Unterlage, um bis mindestens zum frühen Abend ohne jegliches Hungergefühl touristischen Aktivitäten nach zu gehen. Bestehend aus (im Regelfall) zwei Eiern (als Omelett oder Spiegeleier), zwei Würsteln, zwei Streifen Speck (jeweils gebraten), den obligaten Baked Beans und je nach Tradition gebratenen Champignons oder Tomaten (in Abhängigkeit von der Region in der man sich aufhält, kann auch geräucherter Fisch dazustoßen) und jede Menge dick mit Butter bestrichenem Toastbrot (im Idealfall geschnittenes Weißbrot statt dem herkömmlichen Industrietoast), habe ich nach ungefähr 2/3 der auf meinem Teller aufgehäuften Nahrungsmittel oder gefühlten 5000 Kalorien w.o. gegeben. Mit genügend Energie ausgestattet reichte es jedoch für eine ausgiebige Erkundung von Whitstable, die über den Hafen zur Strandpromenade führte, vorbei an einem sehr netten kleinen Café namens „Tea Gardens“, welches nur in der warmen Jahreszeit geöffnet hat und wo man stilvoll in einem gepflegten Garten den englischen Pflichttee zu sich nehmen kann, bis zur Stätte an der meine Freundin C. eine recht eigentümliche Begegnung mit einem nach Whitstable gereisten Prominenten namens Rod Stewart hatte.

Whitstable, Tea Garden

Zugetragen hat sich das „celebrity sighting“ im Hotel Continental (passender hätte der Herr auch kaum auswählen können), das über einen sehr netten Tea-Room samt Meerblick verfügt und in dem man, so wie es in England oft üblich ist, seine Bestellung an einer Art Tresen selbst ordert und auch gleich bezahlt. Ebendort hatten sich ausgerechnet Herr S. und meine Bekannte C. eingefunden, als C., die einigermaßen kurzsichtig ist und die, um die Tafel mit den Tagesangeboten zu lesen, ihre Augen zusammenkniff, schließlich mit entsprechend fragendem Gesichtsausdruck nicht nur auf die Anbotstafel, sondern zufällig auch in die Richtung des neben ihr stehenden Herrn S. starrte, woraufhin dieser sich zu ihr drehte und mit einer Mischung aus Wohlwollen und Freude erkannt worden zu sein folgenden Satz von sich gab: „Yes, it’s me.“ Natürlich hat C. erst zu diesem Zeitpunkt erkannt, dass es sich tatsächlich um Rod Stewart handelte, hat höflich gelächelt, ihren Tee in Empfang genommen und dann doch lieber das Weite gesucht.

Whitstable, The Old Neptune

Nach derlei Abenteuern, die sich in Whitstable mit Sicherheit täglich zutragen, sollte man für eine sinnvolle Abendgestaltung am besten ein klassisches Pub auswählen. C. und ich haben uns für „Old Neptune“ entschieden, welches an jenem Abend nicht nur ausgzeichnete Live-Musik bot, sondern auch voll mit Einheimischen war, was in Bezug auf die Lokalwahl immer ein gutes Zeichen ist. Old Neptune liegt darüber hinaus direkt am Strand, das machte es für mit Binnenlandstatus gestrafte Reisende wie mich eindeutig zur ersten Wahl gegenüber jenen Pubs, die sich auch zu Hauf in den Whitstabler Straßen fernab vom Meer finden. Bei einem Ale und musikalisch untermalt fand schließlich ein gemütlicher Tag in Whitstable seinen entsprechend entspannten Ausklang.

Nützliche Links:

Neben der von mir erwähnten Aer Lingus, gibt es auch noch zahlreiche andere Airlines die Direktflüge zu den verschiedensten Flughäfen rund um London anbieten, ich empfehle eventuell eine Flugsuche mit Checkfelix.

Wissenswertes über Whitstable findet sich auf der offiziellen Webseite von Canterbury, es finden sich aber mittels Google-Suche noch jede Menge anderer Seiten, die Informationen über Whitstable zur Verfügung stellen.

Anreise von London: Mit Southern Railway – One Way Ticket ca. 20 Pfund, je nach Tageszeit und Verfügbarkeit – es empfiehlt sich bei der Benützung des öffentlichen Verkehrs in England grundsätzlich (wenn möglich) Hin-und Retourfahrten zu kaufen, da sich dadurch der Fahrpreis mitunter erheblich reduzieren lässt.

Nächster Stopp: Canterbury

Susanne, 24. Juni 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 31

the sandworm - artwork zoer

Nach mehr als zweiwöchiger Abwesenheit bin ich heute wieder in Wien eingetroffen. 12 Tage dieser Zeit habe ich in Südengland verbracht, bis ich inklusive einer Erholungspause in der westlichen Steiermark, samt Weinverkostung bei der Domäne Müller in Groß St. Florian (sehr empfehlenswert für alle Freunde von guten Weißweinen!), nun wieder in der pulsierenden Hauptstadt Österreichs angelangt bin.

Verschiedenste Gründe haben mich nach England geführt, einem Land, dem ich in den letzten Jahren nur über die Nabelschnur Literatur die Treue gehalten habe, als Urlaubsland war es schlicht nicht attraktiv genug – eine völlig unbegründete Auffassung, die ich nunmehr nicht nur korrigiert sehe, sondern die mich auch veranlasst, viel mehr als nur einen einzigen Reisebericht zu verfassen, um auch den werten Sandwurm-Lesern möglicherweise die Entscheidung über den nächsten Urlaub zu erleichtern – der Hauptgrund meiner Reise nach Albion war wieder einmal dem Zufall geschuldet und einem verknappten Reisebudget, nämlich der Tatsache, dass mich der Flug nach Gatwick und retour bloß 30 Euro (inkl. Taxen) gekostet hat und die Flugsuche mit dem Ziel Dublin dann doch nach England abgezweigt ist.

Trotz dieser etwas fatalistischen Reiseplanung hat sich die Bauchentscheidung (bzw. jene meiner Geldbörse) voll und ganz bezahlt gemacht, ja ich habe nach dieser Reise überhaupt beschlossen in meiner künftigen Urlaubsplanung dem Zufall und der Intuition viel mehr Platz zu lassen, haben sich doch sämtliche der in den vergangenen zwei Jahren getätigten Auslandsausflüge, die auf diese Weise zustande kamen, als Erfolg auf allen Längen erwiesen. Zutaten für eine derartige Planung sind in meinem Fall meist in Musik und Literaturquellen gefundene Lokalitäten bzw. die günstigen Umstände, dass ich durch längere Aufenthalte im Ausland auch über Bekannte und Freunde verfüge, die mir (so meine ich) auch gerne für ein paar Tage Unterkunft gewähren und mit ihrem topographischen Spezialwissen auch gleich den Urlaub lohnenswerter machen (Stichwort: Insiderwissen).

Ich war in den vergangenen Reisetagen mit Bus, Bahn oder zu Fuß unterwegs, habe größere Städte und kleinere Orte besucht, verschiedenste Menschen kennen gelernt und um die geplante Berichterstattung vielleicht bereits jetzt dem einen oder der anderen schmackhaft zu machen, soll in der folgenden Auflistung ein kurzer Abriss davon gegeben werden, was die Leser in den kommenden Einträgen erwartet. Vorkommen wird in jedem Fall:

  • eine seltsame Begegnung mit Rod Stewart (Achtung: Hörensagen!)
  • was ein „full English breakfast“ ausmacht,
  • was man unter einem sogenannten Ha-Ha versteht,
  • die Aufklärung eines Missverständnisses in Bezug auf warmes Bier,
  • dass hinter dem Tresen eines Pubs oftmals auch hochtalentierte Künstler und Musiker das Ale zapfen,
  • die eindringliche Aufforderung die Finger von sog. Audioguides zu lassen,
  • ein „berühmter“ Autor, der nicht verstehen will warum römische Göttinnen nicht ansprechender modelliert werden,
  • ein Kitschinferno namens Jane Austen Center in Bath,
  • eine Reise durchs Shire, Mittelerde,
  • jede Menge Literatur von Tennyson zu Austen über Hardy bis Keats,
  • ein herrliches Städtchen an der Südküste, in dem Louisa Musgrove vom Cobb fiel,
  • ein skurriler Fossilienjäger und die Aufklärung darüber was man unter „Jurassic beef“ versteht,
  • jede Menge schiefer Steine, Kathedralentürme und -wände,
  • die Tatsache, dass Winchester, England, nicht der Ursprungsort der gleichnamigen Flinte ist, sowie

eine Vielzahl weiterer Informationen über Kunst, Kultur, Musik, Essen, Unterkunft, Land, Leute und was sonst in Bezug auf eine halbwegs erfolgreiche Bereisung Südenglands noch wissenswert sein mag.

In diesem Sinne hoffe ich, dass mich der eine oder die andere nicht nur regelmäßig auf dieser retrospektiven Reise begleitet, sondern vielleicht auch, so wie ich, ein neues attraktives Reiseziel in seinem Wunschurlaubsplaner hinzufügt, eines steht für mich nämlich fest, ich werde wieder nach England reisen, dort findet sich für Sandwürmer nämlich überaus fruchtbarer Boden!

Susanne, 21. Juni 2009