Skizzen aus Wien – Nr. 27

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1079 Seiten und einige Wochen später liegt David Foster Wallaces Infinite Jest nun als gelesenes Buch vor mir (1). Eine Rezension dieses Werkes ist aber nicht nur aufgrund seiner Länge, sondern hauptsächlich wegen seiner beeindruckenden Dichte kein einfaches Unterfangen, trotz allem will ich versuchen einen kleinen Einblick in das Geschehen zu geben, um all jene, die sich für Literatur interessieren, auf diesen außergewöhnlichen Autor aufmerksam zu machen und vielleicht den einen oder die andere davon zu überzeugen, sich ebenfalls auf die Welt des D.F.W. einzulassen.

 

David Foster Wallace, Infinite Jest, Back Bay 10th anniversary paperback edition, 2006

 

Lassen Sie mich mit einer Aufzählung beginnen, denn im Universum von Infinite Jest tummeln sich so viele Figuren, spielen so viele Ereignisse eine Rolle, dass man einen Einstieg am ehesten findet, wenn man einen kleinen Einblick davon kriegt, was einem dort unter Anderem alles unterkommt. In diesem Buch gibt es nämlich wirklich alles, was man in einer absurden Welt vorfinden möchte, die folgende Liste ist also auch nicht ansatzweise abschließend, sondern viel mehr beispielhaft. Oder um es im Juristenjargon zu definieren, demonstrativ, nicht taxativ. Da gibt es (2):

  • Einen Protagonisten namens James O. Incandenza, der sich auf spektakuläre Weise aus dem Leben befördert hat;
  • dessen erstgeborenen Sohn Orin, der sich als Punter der Arizona Cardinals seinen Lebensunterhalt verdingt;
  • dessen zweitgeborenen Sohn Mario, der körperlich behindert, mit einer Kamera auf einem Helm befestigt mehr oder weniger Dokumentierenswertes in einer Tennis Akademie namens Ennfield Tennis Academy (E.T.A.) festhält;
  • und den jüngsten Sohn Hal, der Schüler an oben genannter Institution ist und dessen Lebensinhalt nicht ausschließlich aus hochprofessionellem Tennistraining besteht, sondern zu einem nicht geringen Teil aus dem Ge-/Missbrauch von psychoaktiven Substanzen;
  • die Mutter dieser drei jungen Männer, Avril Incandenza, die an der E.T.A. arbeitet, einer radikalen Gruppierung namens Militant Grammarians of Massachusetts (M.G.M) angehört und stets besorgt um den richtigen Gebrauch der englischen Sprache ist (so erfährt man etwa, dass die Aufforderung von sog. Supermarktexpresskassen „10 items or less“ sie zur Weißglut treiben kann…);
  • des weiteren die Tatsache, dass die USA nunmehr unter dem Akronym O.N.A.N. existieren und sich dieses neue Staatengebilde nicht mehr dem Imperialismus, sondern viel mehr dem Experialismus verschrieben hat;
  • das Faktum, dass man die herkömmliche Zeitrechnung abgeschafft hat und die einzelnen Jahre nunmehr an den meistbietenden Konzern verkauft werden, was zur Folge hat, dass es Jahre gibt, die da z.B. „Year of the Depend Adult Undergarment“ (Y.D.A.U.) oder „Year of the Perdue Wonderchicken“ (Y.P.W.) heißen;
  • ein Gebiet im Nordosten der nunmehrigen O.N.A.N. das durch Müllablagerungen gänzlich unbewohnbar geworden ist, ja quasi ein mutierendes Eigenleben entwickelt hat und das je nach Betrachtungsweise entweder als „Great Concavity“ oder „Great Convexity“ bezeichnet wird;
  • das Faktum, dass die ehemaligen U.S.A. diese unbewohnbaren Gebiete in experialistischen Feldzügen Kanada aufgehalst haben – sehr zum Unmut der Provinz Quebec;
  • was wiederum terroristische quebecois’sche Einheiten auf den Plan gerufen hat, darunter eine gnadenlose Truppe namens A.F.R., deren Hauptcharakteristikum jenes ist, dass alle ihre Mitglieder in Rollstühlen sitzen;
  • eine kurze Karriere des verblichenen J.O. Incandenza, der von seinen Kindern gerne als „Himself“ bezeichnet wird, die im Drehen von Experimentalfilmen bestand;
  • ein daraus resultierender infernalischer Film, der jeden der ihn zu Gesicht bekommt, in ein sabberndes Gemüse verwandelt und der wiederum titelgebendes Objekt des Buches ist; und
  • hinter dem sämtliche Agenten des sog. O.U.S. hinterherjagen, und nicht zuletzt auch die Kämpfer der A.F.R.; erwähnenswert wären dann auch noch
  • eine der Tennisakademie benachbarte Drogenrehabilitationseinrichtung;
  • ein Mann namens Don Gately, seines Zeichens ehemals von allen möglichen hochgradigen Opiaten Abhängiger und mittlerweile Angestellter der Rehab-Anstalt;
  • eine verschleierte Frau, die wahlweise unter dem Synonym Madame Psychosis bzw. P.G.O.A.T. vorkommt; und
  • jede Menge anderer schräger Charaktere, verworrener Situationen und absurder Begebenheiten, welche

 

die Lektüre dieses Buches zu einem kaum beschreibbaren, hochintensiven Lesegenuss machen, wie ich ihn bisher noch nie in dieser Konzentration und Qualität erlebt habe.

Was macht dieses Buch so besonders? Wie bereits in den Skizzen Nr. 17 ausgeführt, bin ich erst im vergangenen Jahr auf D.F.W. aufmerksam geworden und habe als Einstieg zunächst seine Essays im Buch A supposedly fun thing I’ll never do again gelesen. Das würde ich auch allen anderen empfehlen, die vorhaben D.F.W. zu lesen, denn sein außergewöhnlicher Stil ist sicher nicht jedermanns Sache, allen, die Gefallen an den Essays finden, kann ich jedoch garantieren, dass sie von Infinite Jest umso mehr begeistert sein werden. Das Buch bietet nicht nur ein ausgefeiltes Universum an peinlich genau gezeichneten Charakteren und Situationen, es ist insgesamt derart hoch konzentriert, dass man bereits nach wenigen Seiten von der großen sprachlichen Fülle, mit der man in dem Buch konfrontiert ist, in Bann gezogen ist.

D.F.W. besitzt ein nahezu lexikalisches Vokabular und schafft es, mit einer fast beängstigenden Perfektion, den verschiedenen Figuren Leben einzuhauchen, ihnen eine absolut glaubwürdige Stimme zu verleihen, sodass man geneigt ist, zu vermuten, der Autor hat einiges von dem was er in höchstem Detailreichtum beschreibt, selbst erlebt. Das hat er vermutlich auch, wenn man seine Biographie liest, aber es ist müßig darüber zu spekulieren, denn die große Leistung D.F.W.s besteht nicht im vermeintlichen Selber-Erlebt-Haben, sondern in der perfekten sprachlichen Umsetzung der Inhalte, die im Buch eine wichtige Rolle spielen. Da gibt es dann unterschiedliche Dialekte, Slang, Spezialwissen, das wahlweise Sportjournalisten, Mathematiker oder Pharmazeuten vor Neid erblassen lassen kann und als für meine Begriffe beeindruckendste Fähigkeit, eine unglaublich eindringliche Unmittelbarkeit Gefühle und Gedanken zu beschreiben, eine Tiefgründigkeit, die einmal zu Lachstürmen reizt, ein anderes mal wieder tiefe Traurigkeit auslöst, Ekel oder Angewidertsein, Überraschung, Verblüffung und Mitgefühl. Ich habe noch kaum einen Autor gelesen, der einerseits so wortgewaltig ist, andererseits aber nie in unlesbares Kauderwelsch abdriftet, noch nie jemanden, der es schafft in Nebensätzen Lebensweisheiten unterzubringen, über die man selbst Wochen später noch staunt.

Es ist unnötig hier auf den Plot einzugehen, oder auf das, was genau passiert im Buch, ich denke auch nicht, dass es dem Autor vordergründig überhaupt um den Plot gegangen sein mag, wer sich eine schlüssige Kriminalgeschichte erwartet, hat sich das falsche Buch ausgesucht, wer jedoch Sprache, in allerhöchster Präzision erleben möchte, wer offen ist, sich auf diese Geschichte einzulassen, wer banal ausgedrückt so etwas wie den „Harry Potter für Erwachsene“ sucht, der hat ihn mit Infinite Jest garantiert gefunden. Und der wird, so wie ich, spätestens wenn sich das Buch seinem Ende zuneigt, dieses heimlich hinauszögern, weil er sich wünscht, dass dieses mehr als 1000-seitige Werk, das er in Händen hält, erst der Anfang einer vielbändigen Reihe sein möge, der wird nach dem Zuklappen des Buches verwirrt, glücklich und traurig zugleich sein und der wird nicht zuletzt dann wissen, dass er hier eines der Bücher gefunden hat, die es wert sind mehrmals gelesen zu werden.

David Foster Wallaces Infinite Jest sei hiermit vom Sandwurm ausdrücklich und eindringlich empfohlen (3)!

 

(1): Eine deutsche Übersetzung des Buches erscheint voraussichtlich im Herbst 2009, allen, die des Englischen ausreichend (es handelt sich um keine leichte Lektüre, im sprachtechnischen Sinn) mächtig sind, empfehle ich beim Original zu bleiben!

(2): Ich habe nicht alle Akronyme hier erklärt, ein wesentlicher Teil des Lesegenusses ist es auch, herauszufinden, was die einzelnen Abkürzungen bedeuten.

(3): In einer abschließenden Fußnote sei hier auch noch D.F.Ws brillanter Einsatz eben jener Fußnoten erwähnt. Diese entwickeln im Roman de facto ein Eigenleben, funktionieren zwar manchmal durchaus als Erklärung und Erläuterung, bilden aber oft eigene Erzählstränge, die z.B. im Falle einer peinlich genauen Filmographie von J.O. Incandenzas Oeuvre als Filmemacher nicht nur sprachlos machen, sondern die auch den ausdrücklichen Wunsch wecken, J.O.I. möge doch tatsächlich existiert haben, damit man sich eine an Irrwitz kaum zu übertreffende Filmauswahl auch wirklich anschauen würde können.

 

Susanne, 3. Mai 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 26

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Dienstag, 21. April 2009, Porgy & Bess, Wien. Auftritt von Candi Staton & Band und der erste ernstzunehmende Konzerttermin in diesem Jahr. Ich war zwar physisch bereits im Jänner beim Termin von Marc Lanegan und Greg Dulli im Wuk anwesend, außer dass dieses Konzert, soweit ich es hören konnte, akustisch recht angenehm klang, kann ich jedoch nicht viel mehr darüber berichten, da ich im Foyer in eine hochinteressante Diskussion verwickelt wurde und es so nicht einmal bis in den Konzertsaal geschafft habe. Anders jetzt bei Candi Staton. Ich hatte bereits die Hoffnung aufgegeben, vor dem Sommer noch ein akzeptables Konzert zu sehen, da hat mir mein Blogkollege Martin vom geplanten Auftritt erzählt, die Karten waren schnell gekauft und vergangenen Dienstag war es soweit.

Im Gegensatz zu meinem letzten Besuch im Porgy & Bess (Skizzen aus Wien Nr. 8 ) haben sich die Veranstalter diesesmal gottseidank dafür entschieden, die Bestuhlung wegzulassen, einem vergnüglichen Konzerterlebnis stand also nichts im Wege. Zwar hatte ich, nach dem was auf den letzten zwei Alben Statons zu hören ist, eher mit einem besinnlicheren Ton gerechnet, es kam aber ganz anders. Candi Staton, mittlerweile 66 Jahre alt, betrat die Bühne sichtlich gut gelaunt und legte los. Begleitet von einer exzellenten Band (darunter auch einer ihrer Söhne, zuständig für Percussions) kündigte sie gleich selbst an, dass es sich hier um eine Party handle. Ein besonders sympathischer Aspekt war übrigens die Tatsache, dass die beiden Background Sänger nicht in den wortwörtlichen Background verbannt waren, sondern ebenbürtig neben Staton vorne auf der Bühne ihren wohlverdienten Platz fanden. Was folgte war ein unerwartet mitreißendes Konzert, in dem auch der eine oder andere besinnlich-traurige Song nicht unterschlagen wurde (z.B. eine ausgezeichnete Version von Presleys „In The Ghetto“), in dem aber das Wohlbefinden des Publikums ein Hauptanliegen der Künstlerin und ihrer musikalischen Unterstützung zu sein schien. Staton zeigte sich als zutiefst sympathische Performerin, die den Abend fast im Zwiegespräch mit den Zuhörern bestritt und die vom ersten Augenblick an mit ihrer unglaublichen Energie und einer fantastischen Stimme beeindruckte. Die gute Laune Statons übertrug sich sofort aufs Publikum, songtechnisch war dann auch für Jeden und Jede etwas dabei. Von „I’d Rather Be An Old Man’s Sweetheart“ und „Stand By Your Man“, bis zu „Who’s Hurting Now“ (vom aktuellen Album) und der mit dem Publikum gemeinsam gesungenen weiteren Presley-Nummer „Suspicious Minds“. Nicht zu vergessen auch „Young Hearts, Run Free“, jenem Song, mit dem Staton 1976, anno disco, einen veritablen Hit geliefert hat.

Stilistisch im Cross-Over zwischen Soul, Funk, Country, R&B und Gospel, gab es zwischen den Songs Aufmunterung und Durchhalteparolen für die weltwirtschaftskrisengeplagten Zuhörer – „everything’s gonna be alright“  – oder Staton philosophierte über ihr Leben und ihre Lieder, die sich zum allergrößten Teil mit jenem Thema beschäftigen, das auch den Rest der Menschheit permanent in Atem hält: die Liebe. Trotz allem aber musste man an diesem Abend nicht die Taschentücher auspacken (dafür empfehle ich private Hörabende der letzten beiden Alben Statons), sondern konnte wahlweise mitsingen, -klatschen oder -tanzen. Sprichwörtlich lud Staton dann noch zum Kirchenbesuch ein – wer ihre Biographie liest lernt, dass sie sehr lange ausschließlich im Kirchenchor sang, um persönliche Probleme zu bewältigen – trotz allem gab es aber keine Missionierungsversuche, im Gegenteil, es ging ja auch in die „Church of Soul“ und nach diesem Konzert kann ich guten Gewissens sagen, dass ich in dieser Glaubenskongregation sofort Kirchgängerin würde. Nach zwei Zugaben ging der Abend schließlich zu Ende und ich kann nicht behaupten, dass ich beim Verlassen der Konzertlocation auch nur ein unzufriedenes Gesicht erblickt hätte. Dazu fällt mir ein, dass Candi Staton bereits nach dem ersten Song des Abends zum Publikum meinte: „I’m so glad I came today“, darauf kann ich nach diesem Konzert bloß eines erwidern: „So were we, Candi, so were we!“.

Allen, die Soul und verwandte Musikrichtungen schätzen, seien Candi Statons aktuelles Album „Who’s Hurting Now“, sowie der Vorgänger „His Hands“ wärmstens empfohlen, mir bekannt auch noch eine Zusammenfassung ihrer Alben „I’m Just A Prisoner“ und „Stand By Your Man“, die sich „Candi Staton – The Sweetheart of Soul“ nennt und einen guten Einblick in ihre künstlerische Arbeit Ende der 1960er und Anfang der 1970er gibt. Wer sein Herz für Soul et. al. noch nicht entdeckt hat, dem empfehle ich die Compilation „Dirty Laundry – the Soul Of Black Country“, eine exzellente Songsammlung, welche die unterschiedlichen Zugänge afroamerikanischer Gesangskoryphäen wie Bobby Womack, The Pointer Sisters, James Brown, Solomon Burke oder eben auch Candi Staton zur Country-Musik eindrucksvoll darlegt und für Genrenovizen ein idealer Einstieg ist (ein herzliches Dankeschön diesbezüglich an Mitblogger Martin!).

Hier noch der Link zu Candi Statons Webseite für alle, die mehr über sie wissen möchten.

Und nachdem in meinem Fall der Konzertkalender derzeit wieder völlig leer ist, noch schnell ein paar Hinweise auf die nächsten interessanten Alben, die eine längere konzertfreie Phase möglicherweise (mir auf jeden Fall) erträglicher machen. Da gibt es Bob Dylans „Together Through Life“ sowie Conor Oberst and The Mystic Valley Band mit „Outer South“. Wer sonst noch über geheime Informationen in Sachen Konzerte, Wien und Albenreleases verfügt, bitte keine Hemmungen und Kommentar an The Sandworm!

 

Susanne, 26. April 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 25

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Eigentlich hatte ich vorgehabt heute eine umfassende Rezension von David Foster Wallaces Infinite Jest zu veröffentlichen, das Wetter jedoch hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, denn nachdem sich dieses Buch absolut nicht als „Unterwegs-Buch“ eignet (über 1000 Seiten und laut Küchenwaage ein Gewicht von exakt 1.100 Gramm) und eine auf die Wohnung begrenzte Lektüre meinem durch die langen und harten Wintermonate extrem ausprägten Sonnen- und Farbhunger diametral entgegenstand, mussten in der vergangenen Woche transporttauglichere Bücher herhalten, was schließlich dazu geführt hat, dass ich Infinite Jest noch nicht fertig lesen konnte und folglich auch nicht rezensieren kann. Nachdem es aber trotz allem wieder einmal höchst an der Zeit ist, ein paar Literaturempfehlungen zu geben, erlaube ich mir noch vor der Rezension von D.F.W.s Hauptwerk, den Sandwurm-Lesern ein paar kleinere Lesevorschläge aus dem Fundus jener Bücher zu unterbreiten, die ich vor kurzem gelesen, und welche einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben.

 

Arthur & George, published by Random House, Vintage 2006

Nummer eins und damit auch an 1. Stelle der Bücher, die ich ohne jede Einschränkung allerwärmstens empfehlen kann: Arthur & George von Julian Barnes. Der Autor hat mit diesem Buch nicht nur ein exzellent erzähltes, hervorragend recherchiertes und ab der ersten Seite fesselndes Werk geschaffen, er liefert gleichzeitig einen eindringlichen Appell an Zivilcourage und Antirassismus mit, ohne dabei jemals zu predigen oder die Moralkeule zu schwingen. Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit, den sogenannten „Great Wyrley Outrages“, im Großbritannien rund um die Wende zum 20. Jahrhundert und beschreibt wie sich die Lebenswege zweier grundverschiedener Männer durch dieses Ereignis zufällig kreuzen. Der eine – George Edalji – dunkelhäutiger Brite indischer Abstammung, arbeitet sich diszipliniert bis zum Advokaten hoch, der andere – Arthur Conan Doyle – wird durch die Erfindung der Romanfigur des Sherlock Holmes weltberühmt und bereits zu Lebzeiten zur bewunderten und respektierten Person des öffentlichen Interesses. Julian Barnes hat mit Arthur & George ein absolut brillantes Erzählwerk geschaffen, welches spannend, berührend und aufwühlend ist, aber auch nachdenklich macht, umso mehr, als der mehr als hundert Jahre alte Fall erstaunliche Aktualität besitzt. Barnes‘ ausgefeilter, eleganter Stil schließlich runden das Leseerlebnis ab, wer des Englischen mächtig ist, unbedingt im Original lesen!

 

Elisabeth Gaskell, North and South, published by Penguin Popular Classics 1994

Auf dem aktuell zweiten Platz liegt mit einem weiteren englischen Buch Elizabeth Gaskells North and South. Gaskell war Zeitgenössin bekannter britischer Autorinnen wie Emily oder Charlotte Brontë (über letztere hat sie auch eine Biographie veröffentlicht), sie hat ihre relative Unbekanntheit jedoch keinesfalls verdient. In diesem Sinne soll ihr hier die Aufmerksamkeit zukommen, die ihr eigentlich zustünde. Wer, so wie ich, den literarischen Stil angloamerikanischer Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts schätzt (z.B. Hardy, Thackeray, die Brontë Schwestern, Austen, Wharton, James…), dem sei hiermit garantiert, dass ihm auch Elizabeth Gaskell gefallen wird. North and South ist diesbezüglich ein ungemein spannendes, ereignisreiches Buch, das in England, in der Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts, spielt und die Geschichte einer jungen Frau namens Margaret Hale erzählt. Dabei geht es keineswegs bloß um Heirats- und Liebesgeschichten (keine Angst, die gibt es auch!), Gaskell setzt sich kritisch mit den Auswirkungen der Industrialisierung, der Kluft zwischen den sozialen Klassen und der Ausbeutung von Arbeitskräften auseinander. Einziger Wermutstropfen ist dabei eine etwas oberflächliche Einflechtung eben erwähnter Liebesgeschichte, die denn auch etwas abrupt im – Achtung Spoiler! – von Beginn an vorauszusehenden Happy Ending mündet. Nichtsdestotrotz ist North and South sehr zu empfehlen, aufgrund seiner Einteilung in relativ kurze Kapitel (das Buch wurde als Serie in einer Zeitschrift veröffentlicht) eignet es sich besonders als U-Bahn- und Bus-Buch.

 

Marcel Proust, Im Schatten junger Mädchenblüte, erschienen im Suhrkamp Verlag 2004

Nummer drei schließlich das bis dato einzige deutschsprachige Buch, welches ich im noch jungen Jahr auf meiner Leseliste abhaken kann, welches aber durch seinen Umfang die allgemeine Verteilung zwischen den beiden Sprachen, in welchen ich mich derzeit in der Lage sehe anspruchsvolle Literatur zu lesen, doch fast ausgewogen erscheinen lässt: Marcel Prousts Im Schatten junger Mädchenblüte. Obwohl ich des Französischen mächtig bin, haben mich der Umfang und die Komplexität des Lebenswerkes Prousts, welches aus insgesamt sieben Teilen besteht und den Titel Auf der Suche nach der verlorenen Zeit trägt, dann doch zur deutschen Übersetzung greifen lassen und ich wurde bis dato nicht enttäuscht. Prousts ausführlicher, extrem detailreicher Stil nimmt einen von Beginn an mit auf eine Reise, die unablässig Bilder vorm inneren Auge heraufziehen lässt und welche die Lektüre dieser Erzählung zu einem nie langweiligen, ungemein imaginativen Leseabenteuer macht. Selbst wenn Proust seitenweise das langsame Leben an der Küste der Normandie, an die sich der mittlerweile im Jugendalter befindliche Protagonist mit seiner Großmutter zurückgezogen hat, um die Sommermonate zu genießen, beschreibt, nie sind seine Schilderungen langatmig. Launisch berichtet er von der ersten Liebe zur jungen Gilberte, oder von jener zu Albertine, von der feinen Gesellschaft der Belle Époque oder einfach vom Blick aus seinem Fenster aufs Meer. Im Schatten junger Mädchenblüte ist über 800 Seiten lang, macht aber große Lust sich einen Schritt weiter auf die Suche zu begeben, die Suche nach der Zeit, die bei der Lektüre Prousts zwar verloren geht, aber niemals vergeudet ist. Im Gegenteil – unbedingt lesen!

Abschließend noch ein musikalischer Tipp: obwohl es bereits so ausgesehen hat, als ob dieses Jahr konzerttechnisch eine Totalkatastrophe wird, gibt es am Dienstag, dem 21. April, den ersten Lichtblick: Soul-Ikone Candi Staton tritt im Porgy & Bess auf!

 

Susanne, 19. April 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 23

Karlsplatz Wien

 

Der Frühling ist ausgebrochen. Gottseidank! Und nachdem das derzeit herrschende Wetter alle innenpolitischen Ärgernisse der vergangenen Woche vergessen machte, begab ich mich allerbester Laune auf einen kleinen sonntäglichen Ausflug. Dieser führte mich zunächst ins Wien Museum am Karlsplatz, wo ich mir nicht nur die Dauerausstellung, sondern gleich auch die aktuell laufende Schau „New York – Big City (Street Photography)“ ansah, das alles völlig kostenlos dank einer lobenswerten Sponsoring Aktion des Standard. Die Fotoausstellung läuft übrigens noch bis 24. Mai und sei hiermit wärmstens empfohlen.

 

Wien Museum am Karlsplatz

 

Das Wien Museum am Karlsplatz ist ein äußerst charmantes, übersichtliches kleines Museum. Architektonisch hochinteressant untergebracht, bietet die Dauerausstellung einen Überblick über die kunst- und kulturgeschichtliche Entwicklung Wiens, mit wenigen wohlsortierten Ausstellungsstücken, die im Gegensatz zu manch anderem mit Kunstwerken überladenen Museum auch Raum zum Flanieren und Gustieren läßt. Der Grundsatz „Weniger ist Mehr“ wurde vom Kuratorium des Museums dankenswerterweise berücksichtigt. Daneben bietet das Museum dann auch kleinere zeitlich befristete Sonderausstellungen, wie eben im aktuellen Fall die Schau zum Thema Streetphotograpy in New York.

Nach einer gemütlichen Wanderung durchs Museum drängten mich die warmen Temperaturen wieder nach draußen und ich hatte kurz angedacht mich in Richtung Museumsquartier zwecks Frischluftgenuss und Draußensitzvergnügens zu bewegen, als ich bereits beim Café der Kunsthalle durch eine Massenansammlung von sogenannten Bobos abgeschreckt wurde. Nachdem mir aktuell der Sinn gerade nicht danach stand, mich mit Aperol-Spritzer bei ziemlich lauter Musikbeschallung (aus der Sparte „Elektronik“ – was sonst?) unter eine repräsentative Stichprobe aus Vertretern der gehobenen, jung-urbanen, gut gekleideten Spaßgesellschaft zu mischen (obwohl ich das zugegebenermaßen doch hin und wieder tue – in Wien bleibt einem als Alternative sonst leider wenig anderes übrig…), drehte ich kurzerhand am Absatz um und schlenderte wieder in Richtung Karlsplatz, wo ich mich schließlich dafür entschied, den wohltuend leeren Gastgarten des Otto Wagner Pavillons zu frequentieren.

 

Otto Wagner Pavillon am Karlsplatz

 

Ich hatte die richtige Entscheidung getroffen, denn es dauerte bloß, für Wiener Kellnerverhältnisse weltrekordverdächtige, 20 Sekunden nachdem ich Platz genommen hatte, da stand auch schon eine, für Wiener Kellnerverhältnisse ebenfalls erstaunlich, ausnehmend freundliche junge Kellnerin vor mir und fragte höflich nach meinen Wünschen. Die Speisekarte wies ausnahmsweise keine asiatische Fusionsküche auf, sondern herzhafte Klassiker à la Schinken-Käse-Toast oder Sacherwürstel. Ich entschied mich, um keinen milieubedingten Stilbruch zu begehen, für eine Gulaschsuppe samt Radler. Die nächsten eineinhalb Stunden schließlich verbrachte ich mit in die Sonne schauen, Touristen betrachten, essen, trinken oder hochinteressiert der bestechenden Musikbeschallung durch Ausnahmekünstler wie Phil Collins oder Status Quo zu lauschen.

Wien kann hin und wieder richtig charmant sein.

 

Nützliche Links:

Wien Museum am Karlsplatz

Otto Wagner Pavillon

 

Susanne, 5. April 2009

Un baiser s’il vous plaît

Seit knapp einer Woche befinde ich mich in der tiefsten steirischen Provinz, was an dieser Stelle der Hauptgrund dafür ist, vom gewohnten Skizzentitel abzuweichen. Alle, die dahinter bereits einen verzweifelten Aufruf der im Hinterland von jeglichem menschlichen Kontakt abgeschnittenen Autorin vermuten, können sich wieder beruhigen, es handelt sich lediglich um den Titel eines Filmes. Eines sehr feinen Filmes im Übrigen und zentrales Thema des heutigen Eintrages. Denn, auch wenn die vergangenen Tage von Dauerregen und Nebel gekennzeichnet und bloß immer neues Prüfen des Kalenders auch tatsächlich Beweis waren, dass die Zeit nicht stehen geblieben war, der Wiener Alltagswahnsinn macht die eine oder andere Flucht in dünner besiedelte Landstriche immer wieder vergnüglich. Und selbst wenn es die überzeugte Stadbewohnerin, als welche ich mich übrigens sehe, nicht glauben mag, kulturelle Lichtblicke finden sich auch am Land, insbesondere wenn man aufmerksam danach Ausschau hält.

Die Weststeiermark rund um die Gegend von Deutschlandsberg hat in dieser Hinsicht viel mehr  zu bieten als Frühschoppen oder Aufmärsche örtlicher Tanzgruppen. Ja, man mag es kaum glauben, im kleinen Eibiswald hat sich, versteckt hinter der Fassade eines Wirtshauses, sogar ein sehr feines Programmkino etabliert. Dieses Lichtspielhaus hat am heutigen Sonntag zum Filmfrühstück geladen. Da kann man sich dann um wohlfeile € 12,50 von 10 bis 11 Uhr vormittags den Bauch vollschlagen, um hernach im bequemen Polstersessel einen ganz vorzüglichen französischen Film zu genießen. Den oben erwähnten „Un baiser s’il vous plaît“ (Küss mich bitte!). Eine überaus charmante Komödie, aus der Feder und unter der Regie von Emmanuel Mouret, der auch gleich den Hauptdarsteller gibt. Gemeinsam mit Virginie Ledoyen und dem Rest der ausnahmslos überzeugenden Schauspielerriege, betört Mouret den Zuseher mit einer kleinen, hochamüsanten Geschichte rund um die  Auswirkungen eines „harmlosen“ Kusses. In einer zurückgenommenen, fast kammerspielartigen, aber nichtsdestotrotz hochspannenden, Inszenierung dominiert die feine Geste und unaufgeregtes Schauspiel. Untermalt von Schubert und Tschaikowski kann man sich dergestalt selbst, oder ich sollte vielleicht sagen, gerade am Land den einen oder anderen Sonntag Vormittag allerbestens unterhalten.

Wer sich zufällig in der Gegend befindet oder ebenfalls eine Auszeit vom Großstadtleben sucht, es gibt noch weitere Frühstückstermine samt Filmgenuss. Vorreservieren sollte man nicht vergessen, das Filmfrühstück erfreut sich unter den Kulturgourmets des Umlandes nämlich größter Beliebtheit. Ein Geheimtipp der Autorin: sofern Sie nicht zu den Leuten zählen, die gerne näheren Kontakt mit den von nah und fern angereisten Cineasten wünschen, fragen Sie nach einem eigenen Tisch, sonst kann es gut sein, dass Sie sich dem einen oder anderen steirergewandeten Filmfreund als Tischnachbar gegenüber sehen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…

Hasewend’s Lichtspielhaus

Susanne, 8. März 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 17

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Schon hatte ich geglaubt, mich bis Juni von sämtlichen Schlagzeilen fernhalten und meine Nerven schonen zu dürfen, da kommen schon die nächsten Meldungen, die einem ungeübten Nachrichtenkonsumenten hierzulande zur Weißglut treiben mögen. Nicht so mich. Ich bin ein Profi und obwohl ich hier zur Debatte stellen wollte, wie obsolet die pseudo-feministische Kritik, an dem was den Grünen gerade zu schaffen macht, ist, obwohl ich die Horden, die in Bezug auf den Umgang mit der weiblichen Führungsriege dieser Partei gerne „Sexismus“ rufen, fragen wollte, warum sie nicht auch aufschreien, wenn man z.B. unsere ungeliebte Innenministerin mit sämtlichen nur erdenklichen Schimpfnamen belegt und überhaupt in den Raum stellen wollte, wie es in der Partei der Fleißigen und Anständigen eigentlich möglich ist, dass einem der ihren nach nur 3 Jahren Arbeit eine Abfindung von über 200.000 Euro zustehen soll, will ich den wertvollen Raum lieber einem widmen, der es wirklich verdient hat.

Ich habe mir mein nachrichten-nihilistisches Nervenschonprogramm nämlich zu Herzen genommen und meinen Kopf in ein Buch gesteckt. Und wurde belohnt. Mit mehreren Stunden unbeschreiblichen Lesevergnügens und anfallsartigen Lachstürmen, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe und die ich hier jedem, der es leid ist, sich über dies oder jenes aus dem tristen Alltag zu ärgern, nicht vorenthalten möchte. Vor allem aber ist der heutige Eintrag dem Autor gewidmet, denn auch wenn mich hier die Schuld trifft, erst aufgrund der Meldung seines Ablebens über ihn gestolpert zu sein, so soll ihm an dieser Stelle zumindest posthum Ehre erwiesen werden, denn die hat er auf jeden Fall mehr als verdient. Und Literaturkritik hat The Sandworm ohnehin noch keine veröffentlicht – höchste Zeit also!

David Foster Wallace ist der, um den sich in den folgenden Zeilen alles drehen soll. Schon mit seinem Debüt 1987 wurde er von der Literaturkritik als Genie, als das junge Talent der US-amerikanischen Literatur-Szene gefeiert, bekam Preise und wurde mit Lob überhäuft. Ich, wie gesagt, habe erst durch die traurige Meldung über seinen Tod, seinen Suizid, von ihm erfahren und möchte hier nicht über das Leben des Autors spekulieren, sondern viel mehr über sein Werk berichten. D.F.W. hat sich mit einem Roman namens „Infinite Jest“ – einem tausendseitigen Wälzer – in die allerhöchsten Sphären der sogenannten postmodernen amerikanischen Literatur katapultiert und wurde bereits als legitimer Nachfolger von Thomas Pynchon gefeiert. Dieses Werk hat mich interessiert und nach ein paar Mausklicks war es auch schon bestellt (1), zusammen mit einem weniger voluminösen Buch, welches ich zum Aufwärmen und Einlesen dazugekauft hatte – 4 Tage später fand sich beides in meinem Briefkasten (2). Mitschuld am Bestellen des Aufwärmbuches war mit Sicherheit sein Titel, der mich nicht unberechtigt vermuten ließ, dass es sich um eine recht humorige Angelegenheit handeln könnte, er lautete: „A supposedly fun thing I’ll never do again“ (3).

 

A supposedly fun thing I'll never do again - David Foster Wallace

 

Meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. Nicht nur stellte sich heraus, das sich D.F.W. der hochtrabenden Lobeshymen als voll und ganz würdig erwies, „A supposedly fun thing I’ll never do again“ ist mit Sicherheit nicht nur die unterhaltsamste Lektüre, die ich seit langem gelesen habe, sie hat mich auch mit ihrem literarischen Stil nachhaltig beeindruckt. Das Buch ist angelegt als Sammlung von insgesamt 7 Essays, die sich mit den unterschiedlichsten Themen beschäftigen. Erschienen 1997, stammen auch die Aufsätze aus den frühen 1990ern und richten sich an eine Leserschaft um die 30, wobei ich nicht davon ausgehen möchte, dass nicht wahlweise auch jüngere oder ältere Literaturliebhaber die Geschichten interessant und unterhaltsam finden könnten, der Inhalt wird aber wohl eher den sog. „thirtysomethings“ liegen, vor allem jenen, die belesen und eher amerikanophil veranlagt sind. Eine hierzulande möglicherweise recht eingeschränkte Zielgruppe, die dafür aber voll und ganz auf ihre Kosten kommt. Analysen über Tennis und die Psychologie des Qualifying für bestimmte ATP Tourniere (4), Literaturkritik und Notizen vom Set von David Lynchs „Lost Highway“ finden sich dort genauso wie Betrachtungen über den Besuch des State Fair von Illinois (5) und schließlich das Highlight, ein minutiöser Bericht über die Teilnahme des Autors an einer Luxuskreuzfahrt in die Karibik. Letzterer trug die Überschrift, die schließlich auch zum Buchtitel werden sollte und ist unter Garantie einer der besten Essays, die ich je gelesen habe.

D.F.W. schreibt unterhaltsam und mit großem Detailreichtum, er schafft es mühelos den Bogen zu spannen zwischen elaborierter Sprachverwendung und fast slapstickartiger Komik, er erzählt mit großer sprachlicher Finesse, ohne dass sein Text kompliziert oder unleserlich würde und fabuliert trotz allem mit bodenständiger Klarheit, ohne je banal zu werden. Zuviel soll nicht verraten werden, aber der Autor berichtet mit unglaublicher Leichtigkeit und gnadenloser Offenheit nicht nur über die Absurditäten, die das Leben und die Leute an Bord zu bieten haben, er nimmt sich auch selbst, als Fremdkörper unter den Kreuzfahrtprofis, nicht von der Kritik aus und verschafft dem Leser dieses fast 100-seitigen Essays Stunden ungetrübter Lesefreude. „A supposedly fun thing I’ll never do again“ von David Foster Wallace sei hiermit allerwärmstens empfohlen.

 

(1) danke Amazon.de!

(2) und wäre wohl auch dort verblieben, hätte ich es nicht unter Aufwand fast übermenschlicher Kräfte aus dem Postfach gezerrt, in welches es vom Briefträger unter maximaler Ausnützung des dort vorhandenen Platzes hineingepresst wurde.

(3) auf Deutsch: „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“

(4) auch österreichische Tennisfreunde kommen auf ihre Kosten, so finden Horst Skoff und Julian Knowle Erwähnung, wenn auch eher am Rande.

(5) eine Art landwirtschaftlicher Leistungsschau samt „Dingel-Dangel“ für Unterhaltungszwecke.

 

P.S.: falls Sie sich mit dem Stil in dem dieser Eintrag verfasst wurde schwer tun, dann wird ihnen vermutlich auch D.F.W. nicht gefallen, der wird nämlich nicht zu Unrecht von vielen „Meister der Fußnoten“ genannt…wobei meine hommageartige Anwendung dieses Instruments noch harmlos ist – zum ersten mal im Leben habe ich Fußnoten gelesen, die ihre eigenen Fußnoten hatten, sozusagen Fußfußnoten.

P.P.S.: ich kann hier bloß über die englische Originalfassung des Buches berichten, ob die deutsche Übersetzung gelungen ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Susanne 15. Februar 2009

 


Skizzen aus Wien – Nr. 14

 

Mad Sandworm - Artwork ZOER

Österreich ist ein seltsames kleines Land. Regelmäßig überschätzt man hierzulande die Bedeutung unserer Nation in Bezug auf ihre Rolle auf der Weltbühne (ausgenommen z.B. Doping, Stichwort: Austria is a too small country… © Peter Schröcksnadel). Einen ganz besonderen Fall bildet in dieser Hinsicht die Medienszene. Am Printsektor dominiert die Kronenzeitung, das Fernsehen der ORF – beides würde ich nicht unbedingt als qualitativ hochwertige Medien bezeichnen, doch obwohl auch in Österreich mittlerweile Internet und Konsorten Einzug gehalten haben, von einer bunten Medienlandschaft (außer in Bezug auf die farbliche Darstellung), kann man wohl kaum sprechen. Da ist es dann besonders erstaunlich, wenn so genannte Qualitätszeitungen, oder Radiosender, die sich in den vergangenen Jahren einen Ruf erarbeitet haben, genau denselben Fehler machen, wie die Marktführer am Boulevard, wenn sie sich nämlich nicht mehr nur darauf beschränken qualitätsvolle Artikel, oder Radioprogramme zu machen, sondern den Begriff der Qualität schon per se rein auf das eigene Medium beschränkt sehen. Alle anderen produzieren natürlich nur Schrott. Der gemeine Journalist im jeweiligen Medium bleibt von der systemischen Selbstüberschätzung natürlich nicht verschont und läuft über die Jahre des gemütlichen Vor-Sich-Hinschreibens (oder Redens) Gefahr einer gewissen Hybris anheimzufallen. Nämlich jener, dass nicht nur das Medium für das er arbeitet das beste in Österreich sei, sondern überhaupt auch er selbst der beste Journalist, den es je gegeben habe. Irgendwann nimmt er dann für sich selber die Deutungsmacht über das, was hierzulande als gut oder schlecht zu gelten hat, in Anspruch.

Worauf ich hinaus will? Nun, ich bin sicher nicht die Einzige, die in den vergangenen Tagen den öffentlich ausgetragenen Streit zwischen den Herren Karl Fluch (Der Standard) und Martin Blumenau (FM4), ihres Zeichnes Musikredakteure im Bereich Pop/Rock bzw. alles was man nicht als E-Musik bezeichnet, mitverfolgt hat. Der Streit schien bereits seit längerer Zeit zu schwelen und nachdem sich Herr Blumenau offenbar am Montag dieser Woche nicht entblödete Herrn Fluch öffentlich zu kritisieren, brachen alle Dämme der Zurückhaltung und, soweit ich im Bilde bin, sind wir mittlerweile bei der 3. Veröffentlichung von Herrn Blumenau und der 2. Replik von Herrn Fluch angekommen. Das Ganze ist für die meisten Beobachter ein Heidenspaß, man braucht nur in den jeweiligen Postingforen nachzulesen und ich gebe zu, dass ich selber nicht darüberstehe, mich über die Sandkistenraufereien zweier sogenannter Qualitätsjournalisten zu amüsieren. 

Das Ganze hat aber einen weiteren Aspekt, den ich nicht aus dem Auge verlieren möchte. Dieser Blickpunkt wurde von Herrn Blumenau, unter dem Vorwand Herrn Fluch eine drüber zu ziehen, als Grund für seinen Zorn vorgeschoben: Die Lage der Nation in Sachen Musikkritik. Ich gebe zu, dass ich Herrn Blumenau noch nicht ein einziges Mal zugehört habe, Herrn Fluchs Kritiken lese ich regelmäßig, aber auch wenn ich mir bei ersterem keine Kritik erlauben sollte, bei letzterem oft nur deshalb zustimme, weil er offenbar einen annähernd ähnlichen Musikgeschmack zu haben scheint wie ich, so möchte ich trotz allem beide Herren zurechtweisen. Zum Einen, weil ich den Eindruck habe, dass es hierzulande offenbar bloß eine Handvoll von Musikredakteuren gibt, die sich ständig auf den selben Konzerten die Hand schütteln (oder eben nicht…) und dadurch die Zahl der lesbaren Musikrezensionen selbst niedrig halten, zum anderen, weil ich nicht verstehe, warum sich Musikredakteure, wenn sie schon das Privileg besitzen, in einem qualitativ höherwertigen Medium, gegen Bezahlung, arbeiten zu dürfen, trotz allem auf die immer gleichen Konzerte begeben, um dann zu erwartende Konzertberichte abzuliefern. Ich gebe zu, die Konzertlandschaft in Österreich ist einigermaßen trist und viele hochkarätige Musiker machen einen Bogen um unser Land, aber trotzdem verstehe ich nicht, warum ein Qualitätsmedium darauf zu bestehen scheint, ihre Journalisten trotz allem Massenware rezensieren zu lassen. Ein Beispiel? Wenn Herr oder Frau Superstar, die für einen billigen, faden, uninsprierten Pop (wahlweise zu ersetzen mit Hip Hop oder RnB) stehen, sich nach Wien bequemen, dann kann ich mir die gnadenlos bissige Musikkritik am nächsten Tag Wort für Wort vorstellen, ohne sie überhaupt lesen zu müssen. Warum also erspart man den Redakteuren diese Pflichtkonzertbesuche nicht einfach. Dass sich also die österreichische Rezensionskultur in einer scheinbar niemals endenden Talsohle befindet ist nicht erstaunlich, schließt aber den Schöpfer dieser blumig formulierten Beschreibung, Herrn Blumenau (nomen est omen…), ebenso wenig aus, wie den angegriffenen Herrn Fluch. Und das liegt vermutlich daran, dass hierzulande einmal ersessene Posten auf Lebenszeit ausgeübt werden, oder aber, weil man als Inhaber der jeweiligen Positionen, schon per se davon ausgeht, dass ausschließlich das eigene Medium Recht hat. Aber nachdem es nun eben hierzulande schon von vornherein wenige Medien gibt, und im Speziellen sehr wenige, die sich eingehender mit Qualitätsjournalismus beschäftigen, bleibt schließlich jene Handvoll Auserwählter übrig, die sich auf Lebenszeit auf immer wieder denselben Konzerten über den Weg laufen und immer wieder dieselben Rezensionen schreiben. Ich schließe mit Jean-Paul Sartre: „Die Hölle, das sind die anderen.“ 

Der Blogeintrag von Martin Blumenau

Die Replik(en) von Karl Fluch

 

Susanne, 28. Jänner 2009