Skizzen aus Wien – Nr. 7

Bahnhof Graz

 

Jedes Wochenende, auch wenn es ein verlängertes ist, muss irgendwann einmal enden. Aus diesem Grund begab ich mich am Mittwoch vergangener Woche, wieder auf die Reise zurück nach Wien. Nachdem ich nicht über ein Auto verfüge, ließ sich eine weitere Bahnfahrt nicht vermeiden, trotz allem war sie auch diesmal wieder einigermaßen unterhaltsam.

Begonnen hat alles am Bahnsteig des Grazer Hauptbahnhofes. Nach einem Verspätungschaos und Anzeigentafeln, die nicht den erwarteten Zug ankündigten, fiel mir auf, dass die Tafel auf meinem Bahnsteig den Hinweis „Telefonseelsorge Ruf 142“ enthielt.  Darüber musste ich natürlich nachdenken. Wusste man bei den ÖBB, dass die Rückkehr ins graue Wien bei nicht wenigen Reisenden Depressionsschübe verursachen kann? War man dort bereits so hellsichtig, dass man alles unternahm, damit sich Wien-Phobiker aus Angst vor der drohenden Fahrt in die Bundeshauptstadt nicht vor den einfahrenden Zug werfen würden? Meine Fragen wurden von Chris Lohner beantwortet. Vorerst. Denn die bekannte Stimme verkündete die Ankunft des aus Wien verspätet ankommenden Zuges namens „Telefonseelsorge Ruf 142“. Aha. Das war also bloß sein Name.

Beim Eintreffen am Grazer Hauptbahnhof verwandelte sich der Zug, der nunmehr die Reise nach Wien antreten würde, jedoch in den Zug namens „Styriarte Graz“. Derselbe Zug, zwei Namen, zwei verschiedene Reiseziele. Das wiederum löste bei mir weiteres Rätseln aus. War es ein Zufall, dass der Zug, der aus Wien wegfuhr, die telefonseelsorgerische Bezeichnung trug? Sollte es nicht umgekehrt sein? Vielleicht plante man bei den österreichischen Bundesbahnen mittlerweile derart vorausschauend, dass man den Leuten, die von Wien abfuhren, es also lebend herausgeschafft hatten, gleich auch das probate Mittel zur seelischen Heilung anempfahl? Jene Reisenden, denen nichts anderes übrig blieb, als wieder zurück in die Höhle des Löwen zu fahren, sollten wenigstens nicht in Graz schon dem Trübsinn verfallen, bzw. durch die Erwähnung, dass eine Reise nach Wien eventuell zur Inanspruchnahme der Telefonseelsorge führen könnte, auf dumme Gedanken gebracht werden? Solange sich die isländischen Investitionen unserer Bundesbahnen nicht doch noch als bombastisches Profitgeschäft erweisen (siehe dazu den vorangegangenen Eintrag), solange gehe ich davon aus, dass sich ÖBB und Weitblick nicht in einem Atemzug nennen lassen dürfen. Aus diesem Grund gab ich die Suche nach dem Sinn und Unsinn von Zugbezeichnungen nach wenigen Minuten auf und widmete mich meiner Lektüre.

Nach einer nahezu störungsfreien Fahrt wurde ich schließlich rechtzeitig, auf dem Streckenabschnitt zwischen Wiener Neustadt und Wien, in die Realität zurück verfrachtet. Kurz nachdem der Zug sich aus Wr. Neustadt in Richtung Wien in Bewegung gesetzt hatte, betraten drei Herren den Wagen – ich hatte aufgrund der für meine Verhältnisse zu großen Intimität der Sechserabteile diesmal die anonymere offene Waggonvariante gewählt – gingen im Gänsemarsch durch das Abteil und blieben bei einer jungen Dame, die zwei Sitze vor mir saß, stehen. Kurz und bündig stellten sie sich als Angehörige der Polizei vor und man wolle bitte einen Ausweis sehen. Die junge Dame fragte daraufhin, ob sie nur deshalb ausgewählt worden war, weil sie ausländisch aussähe (sie hatte einen leichten Akzent und könnte türkischer Abstammung gewesen sein), was der Kollege von der Exekutive nicht direkt bejahte, sondern die Intervention als allgemeine Personenstandsfeststellung (ganz genau konnte ich die Unterhaltung nicht mitverfolgen) begründete. Die junge Frau war erstaunlich gefasst, meinte, das sei ihr noch nie passiert und wies darauf hin, dass sie österreichische Staatsbürgerin wäre. Nach vollbrachter Identitätsfeststellung und möglicherweise Verhinderung einer Infiltration unseres friedlichen Landes durch ausländische Terroristen, gingen die drei Herrschaften weiter. Ein Kopfschütteln habe ich mir dieses Mal verkniffen, man will sich ja nicht unnötig verdächtig machen. Damit war ich dann wieder in Wien angekommen. Physisch und psychisch – gut, dass ich dank der österreichischen Bundesbahnen jetzt den Notruf der Telefonseelsorge auswendig kann.

 

Susanne, 9. November 2008

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Skizzen aus Wien – Nr. 6

In der Stadt sitzt bereits jetzt, mitunter tagelang, der Herbstnebel. Ein Vorgeschmack auf die kommenden Wochen, vielleicht Monate, in denen sich die Sonne nur mehr selten in Wien zeigen wird. Das Gros der Leute ist mürrisch bis aggressiv – keine saisonale Besonderheit, eher Dauerzustand hier. Umso willkommener ist in dieser Hinsicht ein Ausflug aufs Land. In die Steiermark soll es gehen und nachdem ich die Fahrt im 13A ohne sichtbare Schäden überstanden habe, begrüßt mich endlich der herbe Charme des Südbahnhofes. Das Ticket ist ausnahmsweise schnell gekauft, jedoch exorbitant teuer und nicht erst beim Besteigen eines Zuges, der den Eindruck erweckt bereits seit den Zeiten Kaiser Franz-Josefs in Betrieb zu sein, fragt man sich, wofür das ganze Geld denn aufgewendet wird, bei den österreichischen Bundesbahnen. Der Blick in die Tageszeitung gibt Antwort: Spekulationsgeschäfte mit isländischen Banken, oder so, ganz durchschaut man derlei Geschäfte nie, aber vielleicht hatte man langfristig eine Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Wien und Reykjavik ins Auge gefasst. Nach kurzer Suche finde ich einen gemütlichen Platz im stimmungsvollen Sechserabteil, wir sind zu viert, was bedeutet, dass der jeweils mittlere Platz der beiden Dreiersitzbänke noch frei ist – ein Luxus. Ein wenig dauert es noch, bis ich es endlich aus der Stadt herausgeschafft habe, bis zur Abfahrt versuche ich mich auf die Zeitung zu konzentrieren. Das gelingt nur ganz kurz. Schon geht die Tür vom Abteil auf und ein schüchterner junger Mann, unübersehbar ausländischer Herkunft, steckt vorsichtig den Kopf herein und versucht noch ein Exemplar seiner wohltätigen Zeitschrift anzubringen. Er ist nicht mal bis zur Schulter im Abteil, als ihn mein Sitznachbar mit einem herzhaften „Reiß o“ wieder auf den Gang hinaus verabschiedet. Auf mein sichtbares Kopfschütteln meint er viel mehr zu sich als zu mir: „Des san nämlich rumänische Betrüger und de gengan sunst net mehr. Des hob i amoi glesen“. Ich erspare mir die Diskussion und stecke meinen Kopf wieder in die Tageszeitung. Wien ist anders. Ich freute mich jetzt sehr auf das Wochenende am Land.

 

Susanne, 2. November 2008

Skizzen aus NY – Nr. 6

U-Bahn fahren in NY ist eine eigene Wissenschaft. Eher eine Geheimwissenschaft, denn selbst eingefleischte New Yorker finden sich hie und da in einem undurchsichtlichen System aus umgeleiteten, ausgefallenen oder am fremden Geleis fahrenden U-Bahnzügen wieder. Nun wird man fragen, wie ich als U-Bahn-Anfängerin auf die Idee komme, dass alteingesessene New Yorker Schwierigkeiten im Umgang mit der hiesigen Untergrundbahn haben könnten? Erfahrung und ein guter Blick sagen mir, dass ich Recht habe.

Natürlich dachte ich zu Beginn meines Aufenthaltes, ich würde bloß in die Anfängerfallen der MTA – der Metropolitan Transportation Authority, so der Betreiber der New Yorker U-Bahn – tappen. Sicher, ich war auch vor diesem Aufenthalt nie länger als eine Woche in der Stadt gewesen und konnte mich an die Tücken des U-Bahnwesens kaum erinnern, aber nach dem ersten Schrecken, als ich mich unerwartet in einem Zug einer Linie befand, der gar nichts dort, wo ich zugestiegen war, zu suchen gehabt hätte, war ich gewarnt. Und, als jemand, der sich selbst bereits akademisch betätigt hat, war meine wissenschaftliche Neugier entfacht.

Dabei ist die New Yorker U-Bahn heimtückisch! Durchaus übersichtlich präsentiert sie sich dem arglosen Benutzer am Plan wohlorganisiert und lädt geradezu ein, sich auf eine Erkundung der Stadt mittels öffentlichem Transportmittel einzulassen. Und da ist man ihr dann ausgeliefert, denn einmal geschluckt vom endlosen Tunnelsystem, einmal eingestiegen in die falsche Bahn, bedarf es einiges an List und Tücke ihr wieder zu entkommen.

Da gibt es ein Gewirr an Reparaturen, die Umleitungen bedingen, kurzfristig eingeschobenen Expresszügen, die in rasender Geschwindigkeit an der heimischen Haltestelle vorbeisausen, so schnell, dass man kaum in der Lage ist, den Namen der gewünschten Haltestelle rechtzeitig zu lesen und sich bereits mitten auf dem Weg in unbekannte Gefielde Manhattans befindet – oder schlimmer, möglicherweise bereits in Queens! Hin und wieder wandert man spät abends in die gewohnte Station, freut sich auf einen kurzen Heimweg und wird erst nach 20, 30 Minuten misstrauisch. Wo bleibt der gewohnte Zug? Neben mir warten nur 5 andere Leute, recht wenig für Midtown Manhattan, auch um kurz vor Mitternacht. Irgendwann beginnen sich die Wartenden fragend umzusehen, Blicke treffen sich, trennen sich wieder und starren hoffnungsfroh in den tiefschwarzen U-Bahnschacht. Wo bleiben die zwei erlösenden Scheinwerfer. Dann endlich, die vertraut unverständliche Stimme der Ansage. Hinter einem trommelfellerschütternden Rauschen kann man, wenn man der englischen Sprache sehr gut mächtig ist, oder derlei Situationen bereits öfters erlebt hat, die Worte „no“ „train“ und „downtown“ heraushören. Das gelingt aber auch nur jenen, die sich so wie ich, ganz intensiv mit der U-Bahn-Wissenschaft auseinandersetzen. Für alle anderen lässt es sich kurz dahingehend übersetzen, dass der gewünschte Zug nicht fährt. Und auch kein anderer. Basta. Also räumt man mit hängendem Kopf den Bahnsteig und sucht wie ein Abenteurer, einen neuen Weg zum Ziel.

Fragen ist meist hoffnungslos, auch wenn die U-Bahnansage, wie des Öfteren, bloß nur mehr wie „rewawawerrrraawwwwaarr“ klingt. Denn dann erntet man zumeist Kopfschütteln, eventuell ein kurzes „ich habe keine Ahnung“ oder bestenfalls ein mitleidiges „es tut mir sehr leid“. Man ist auf sich allein gestellt. Schafft man es dann endlich in den richtigen Zug, treten weitere Effekte, die dem U-Bahnfahren in New York und wissenschaftlicher Betätigung gemein sind, in Kraft: Befriedigung und Wissensneid. Zum einen ist man heilfroh endlich auf dem richtigen Weg nach Hause zu sein, die wissenschaftliche Fragestellung zufriedenstellend beantwortet zu haben – dieser Effekt verstärkt sich mit fortschreitender nächtlicher Stunde – zum anderen – und hier findet sich auch die Bestätigung der These, dass selbst eingefleischte New Yorker in Sachen U-Bahnfahren auf verlorenem Posten stehen – zeigt sich an den Haltestellen, die man bis zum Ziel anfährt immer wieder dasselbe Bild: Der Zug hält, die Türen öffnen sich, ein paar New Yorker schauen scheu in den Zug, wie wilde Tiere, kurz bevor sie in die Falle tappen – man kann an ihrem Blick die offensichtliche Frage „wohin fährt dieser Zug?“ lesen. Ein paar Mutige steigen ein und setzen sich hin, lassen sich nicht anmerken, dass sie keine Ahnung haben, wo sie hinfahren. Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt, man hat nicht viel Zeit für die Entscheidung, bleibe ich oder steige ich wieder aus, erfahrungsgemäß schließen sich die Türen innerhalb einer halben Minute. Endlich – jemand fragt, so uninteressiert wie möglich, „fährt dieser Zug nach XY?“. Und hier beginnt der Wissensneid der bereits mitfahrenden Gäste/U-Bahnforscher. Schließlich haben wir uns unser Wissen über die Destination des Zuges hart erarbeitet. Soll ich es irgendeinem dahergelaufenen Pseudowissenschafter, der vielleicht gerade mal 5 Minuten auf seinen Zug gewartet hat, so einfach preisgeben? Wer glaubt der, wer er eigentlich ist? Doch dann hat man Mitleid, man hat ja schließlich einen gemeinsamen Feind, eine gemeinsame Disziplin – das erfolgreiche U-Bahnfahren, ohne versäumte Ausstiegsstellen, ohne einfach ausgelassene Haltestellen – und – man gibt freudig, ja stolz über das bisschen Wissen mehr, das man an diesem Abend den anderen U-Bahnwissenschaftern gegenüber besitzt, die gierig erwartete Antwort. Ahhhh! Alle setzen sich, öffnen ihre Zeitungen, schlagen ihre Bücher auf, schalten ihre MP3 Player ein – und man fährt endlich nach Hause. Prüfung bestanden. U-Bahnwissenschaften für Anfänger.

Susanne, 12. Mai 2008

Skizzen aus NY – Nr. 1

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Gerade von der Einreiseschleuse ausgespuckt, am Zoll vorbei geschlichen, stehe ich auf der Plattform des Airtrain. Bindeglied zwischen Flughafen und öffentlichem Verkehr in New York. Entscheidungen müssen getroffen werden, ich habe die Wahl zwischen Howard Beach und Jamaica. Das Wetter entspricht keiner der beiden Wahlmöglichkeiten. Ich wähle den Strand. Gestrandet fühle ich mich in gewisser Hinsicht auch. Die Plattformadministratorin, diesen Namen habe ich ihr gegeben, fragt nach, ob jemand russisch spricht. Das angesprochene ältere Paar steht verloren am Bahndamm und unterhält sich in breitem Wiener Dialekt. Ich überlege kurz, meine nicht vorhandenen Russischkenntnisse zu deklarieren und als des Wienerischen Mächtige unerkannt zu bleiben, bis mich das Mitleid überkommt. Die beiden Wiener bedanken sich, dann fährt auch schon ihr Zug ein. Ich merke, wie mich insgeheim Freude überkommt, dass sie nicht mit mir an den Strand fahren werden. Dann kündigt die Plattformadministratorin meinen Zug an, ich steige ein und werde in dem sterilen Behälter, vorbei an den restlichen JFK-Terminals wie in einer Sci-Fi-Sardinenbüchse in Richtung New York befördert. Am letzten Terminal schweift mein Blick in die Ferne, die klirrende Kälte hat am wolkenfreien Horizont, die erste Sicht auf die Stadt freigegeben. Mittendrinnen streckt sich das Empire State Building als nunmehr höchstes Gebäude dem Himmel entgegen. Fast stolz wirkt es, jetzt, da es seine Vorrangstellung wieder inne hat. Zwei Ausschläge in der Frequenzlinie der Stadt fehlen. Vor fast 8 Jahren, als ich New York das letzte Mal sah, waren sie noch da gewesen. Unverkennbar. Jetzt sind sie nicht mehr Teil des Klangspektrums der Stadt und auch über die weite Distanz nach Europa hat ihre Entfernung den Ton hier merklich verändert. Im gesamten Land. Ausgespuckt vom schnittigen Hightech-Zug, lande ich endlich am Strand. Minuten später sitze ich bereits im dreckigen U-Bahnwagen nach Brooklyn. Umgeben von Menschen, für die das Wort Beach vermutlich auch eher die Assoziation zum Schiffbruch weckt. Und trotz allem fühle ich mich merklich wohler, ich werde zumindest nicht allein gestrandet sein, auf dieser Insel.

 

Susanne, 29. Februar 2008