Gustav Mahler – Eine Ausstellung im Theatermuseum Wien

Vergangene Woche war es hoch an der Zeit sich endlich wieder einmal in ein Museum zu begeben. Als Besitzerin einer fast neuen KHM-Jahreskarte boten sich dafür einige Möglichkeiten an, ausgewählt wurde das Theatermuseum, welches bereits zu Jahresbeginn mit einer hervorragenden Thomas Bernhard Ausstellung überrascht hat.

Diesmal stand Mahler am Programm und nach dem einigermaßen enttäuschenden Besuch im Völkerkundemuseum und der Besichtigung der wenig inspirierten James Cook Schau, möchte ich gleich vorausschickend an die Damen und Herren Kuratoren jenes Museums die Empfehlung aussprechen, die paar Meter von der Burg zum Theatermuseum zu spazieren und sich dort anzusehen, wie man im 21. Jahrhundert eine großartige Ausstellung kuratiert.

Genau das nämlich ist das Fazit nach dem Besuch dieser Schau. Im ersten Stock des Museums, mit mehr Raum als im Erdgeschoß (wo man die Bernhard Ausstellung angesiedelt hatte), wandelt man durch das Leben und Schaffen des Gustav Mahler in Wien. Übersichtlich arrangiert, mit einer ausgewogenen und nicht ausufernden Mischung aus Schaustücken und begleitenden Informationen sowie behutsam integrierten visuellen Medien.

Gleich zu Beginn spaziert man in ein Wien Ende des 19. Jahrhunderts. Mahler kam 1875 als 15-jähriges Musiktalent in die Stadt, um hier seine Ausbildung zu beginnen, diese befand sich bereits im Umbruch des Fin de Siècle, überall wurde gebaut. Wien war Weltstadt und Schmelztiegel der Kulturen.

Passenderweise ziert gleich die erste Wandtafel ein Zitat, welches man gerne so manchem dummen Wahlkämpfer vor die Nase halten möchte: „1880 waren 62% der Wiener Bevölkerung außerhalb der Stadt geboren“ heißt es da, aufgebaut und mitgeprägt wurde genau jenes Bild des heutigen Wien von ausgebeuteten und rechtlosen Arbeitern und Arbeiterinnen aus dem kakanischen Vielvölkerreich. „Ziegelböhm“ ist Manchen noch heute ein Begriff.

Leider ist es kaum vorstellbar, dass sich aktuelle Hetzer und Demagogen besonders häufig ins Museum begeben, oder sich sonst irgendwie mit Tatsachen und Fakten auseinandersetzen, trotzdem beruhigt es den kunstaffinen Geist, dass man sich an so manchen Orten auch heute noch intensiv mit der Geschichte der Stadt auseinander setzt und dazu beiträgt, dass sie angreifbar und lebendig bleibt.

Weiter geht es in der Saalabfolge über eine kleine Aufreihung von Mahlers Wanderjahren, die ihn nach Prag, Budapest und einige weitere Orte führten, bis er schließlich wieder nach Wien zurückkehrte und hier die Leitung der Staatsoper übernahm. Man lernt Mahler als Komponisten genauso kennen, wie als Opernreformator, als Mann (Stichwort: Alma) und Teil der Wiener intellektuellen Gesellschaft, die in früheren Jahren aus einem Zirkel (dem sog. „Pernerstorfer-Kreis“) von sozialradikalen Reformdenkern wie Friedrich Nietzsche oder Viktor Adler bestand, sich später um Leute wie Carl Moll, Koloman Moser oder Josef Hoffmann (Hohe Warte) gruppierte.

Schlendert man gemächlich durch die Räume, kann man einerseits eine vielfältige, aber nicht überladene Auswahl an mit Mahler in Verbindung stehenden Schaustücken – von Briefen über Partituren, bis hin zu Fotos und anderen interessanten Gegenständen (amüsant die so genannte „Reisekappe“ Mahlers) – bestaunen und findet andererseits Schaukästen mit Bühnenbildentwürfen genauso wie diverse Kostüme aus Opernaufführungen. Nicht zuletzt begegnet einem immer wieder auch die ungemein bewegende Musik Mahlers.

Diesbezüglich hat man mit den Videopanoramen von Claudia Rohrmoser vermutlich das optimale Mittel gefunden, Musik im Raum nicht nur akustisch sondern auch visuell, und zwar auf ganz subtile Weise, erlebbar zu machen. Da stellt man sich sprichwörtlich unter das Adagietto aus der 5. Sinfonie oder das Andante Comodo aus der 9. und wird von oben herab mit unfassbar schöner Musik beträufelt, gleichzeitig von sehr emotionalen Visualisierungen der Künstlerin umspült.

Über die verschiedenen Stationen zieht sich die beeindruckende Schau, man erfährt über Mahlers Jahre in Wien mit den Kontroversen und  persönlichen Tragödien, wie dem Tod der erst 5-jährigen Tochter, ebenso wie über Anfeindungen und den aufkeimenden Antisemitismus in der Stadt, die den Künstler schließlich vertrieben und an die Metropolitan Opera in New York führten. Bis zuletzt blieb Wien jedoch seine Stadt, immer wieder kehrte Mahler heim, bis zu seinem frühen Tod, verursacht durch eine unheilbare Herzerkrankung. Am 18. Mai 1911 verstarb er, erst 51-jährig, nur wenige Tage nach seiner Heimkehr aus New York.

Ich gebe zu, dass ich durch Plaudereien mit meiner Ausstellungsbegleiterin nicht die volle Aufmerksamkeit auf alles, was zur Besichtigung stand, richtete, aber ich fand mich am Ende der Schau nicht nur umfassend informiert, sondern insgesamt von einer schönen Ausstellung und vor allem von einem Künstler, den ich bis dato nicht besonders gut gekannt habe, tief beeindruckt und bewegt.

Bis 3. Oktober hat man noch Gelegenheit sich selbst ein Bild davon zu machen, ich werde mit ziemlicher Sicherheit auch noch einmal einen Blick drauf werfen.

Susanne, 29. September 2010

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On the road in France – Nice

Southern France is always worth a visit. No matter where you go, I’m quite certain that you will enjoy your stay. When it comes to Nice though, I would like to add that this particular town would very much deserve to be pronounced the English way. After all it is very nice there. That’s one of the reasons I decided to pay the city on the French riviera another brief visit this summer.

Wherever you come from, Nice has its own airport, so there’s no need to spend too much time thinking about how get to your hotel. At least that’s what I thought until – waiting for the bus to the city center – I remembered that I was in France. I have spent some time in France, Paris respectively, and I should have known that wherever you go in this country, a strike is never far away. So as I mused about what to do and where to go during my vacation in Nice, it suddenly struck me that the reason for my prolonged waiting could well be a strike.

It was. And I as well as some 40 other people had decided to resist the urge to take a cab and remain obstinate, as if to demonstrate our own right for public transportation, close to midnight outside of Nice Airport. Fortunately I possess extensive experience with and a general sympathy for the sometimes sanguine, sometimes grumpy French people and did exactly as they do when they’re faced with delayed public transportation due to various strikes. Which is pretty much nothing, combined with a smile on your face. But that is rather easy when you’re inhaling salty air from the Mediterranean Sea and are looking forward to 5 days of „joie de vivre“.

Finally the bus arrived and I made it to the hotel at last. A friend of mine was already waiting and in order to properly start the holiday we headed out to the historic quarter (Vieux Nice) and the part that’s usually referred to as Marché Aux Fleurs to toast to good food, weather and of course – wine. Which, if you’re willing to take my advice, should be Côtes de Provence rosé wine.

Despite the fact that we had had some plans for this vacation, all of them were abandoned on day one, when we visited the private beach of our hotel, which was the Hotel Beau Rivage right behind the famous Promenade des Anglais. It’s not as private as you may think, everybody can go, but you have to pay an entrance fee and when you do, you will find yourself in a little paradise, equipped with comfortable deckchair, a restaurant with handsome waiters, who will deliver right to where you’re slumbering, pretty blue and white umbrellas, your own life-guard, and most importantly the turquoise colored freshness of the Mediterranean sea, five steps from your deckchair.

Nothing, absolutely nothing was able to beat that, and with the happy coincidence of outstanding weather, my friend and I forgot about Cannes, St. Tropez, Villefranche sur Mer or other places to go and stayed in Nice. Five days of absolute bliss.

In case you ask yourself why I’m telling you all this, when you may have wanted to read about sights and things to do, well, if you ever want to be an accomplished traveler you should heed the few pieces of advice I have to offer. Which can actually be summed up in one sentence: When you travel, do what you FEEL like doing (and don’t rely on travel guides). This is something of a taoist travel mantra, which I’ve used in the past few years and which has always rendered my vacations more or less perfect.

The one at Nice turned out to be a mixture of laziness on the beach, food and drink. And southern France is actually one of the best places for these occupations, considering that the weather is pleasant most of the summer, the French definitely know how to cook and I don’t need to mention the wine.

So when you travel to Nice, and when you find yourself lucky enough to have a few days of sunshine ahead of you, why don’t you indulge yourself on one of the private beaches. Go get front-row deckchairs, bring a good book and let time get washed away by the pleasant sound of the Mediterranean surf. If you get thirsty, the waiters will be happy to bring you a glass of wine, some olives and as far as I’m concerned – not much more is necessary to make a traveler happy.

When it comes to eating, you definitely want to check out „L’Ane Rouge“ at the harbour. I can savely say that it’s been a long while since I’ve eaten better. The personnel is friendly and very attentive, if you stay late, make sure they call a taxi for you – remember a strike is never very far away in France and cabs can get rare on these occasions as well.

As for the touristy area around the Marché aux Fleurs – my friend an I ate there twice and even though one might suspect tourist traps in these places, we were never disappointed. We tried La Cambuse, and found excellent Pizza, Chez Freddy served an outstanding lobster paella, prices were reasonable, the service ok. Le Pain Quotidien turned out to be a wonderful place for breakfast. They have a wide variety of breads, which are baked fresh every day, delicious cream-coffee (the french way in a big mug) and different selections of breakfast add-ons, ranging from omelets to muesli or smoked salmon.

When you’re not relaxing at the beach, strolling around the old quarters is a pleasant waste of time, if you’ve absolutely got to spend money, the area around Place Massena (Rue Paradis, Avenue de Suède…) will provide you with plenty of opportunities to get rid of whatever you have in your wallet. Nightlife centers around the old quarters, at least that is where all the tourists can be found. There are clubs that may be popular, some place called Le Klub for example, where my friend and I found ourselves on the one and only excursion late at night together with one other lost soul. Who knows, they may get busy in the early morning hours, we didn’t care to find out. By this time we had long decided that our vacation in Nice was going to be spent lazing on the beach, reading a good book or gazing out at sea.

Where I live, we use a saying to describe a person who knows how to live very well. We would say he or she lives like a god in France. If you get a chance to do as I did in Nice, you’ll agree with me that the selection of France as the place where even a God may feel spoiled, couldn’t have been more appropriate.

Useful Information

Getting to Nice and accommodation: Nice has its own airport. Most cities in Europe offer direct flights to Nice, when you come from further away, you will probably have to fly via Paris. Hotels are plenty in Nice, but I can recommend the Hotel Beau Rivage. The have excellent rates if you book early (around 180 Euros per room). Despite the fact that the interior designer got a little carried away with the design rather than stressing function (e.g. in the bathrooms). the hotel is in a great location, right near the Marché aux Fleurs and the beach, personnel is extremely helpful, hotel guests enjoy slightly reduced rates at Beau Rivage Beach.

Food:  Le Pain Quotidien, 1 Rue Saint-François de Paule. Excellent selection of breads, terrace seating, a far better choice than the overpriced hotel breakfasts. L’Ane Rouge , 7 Quai des Deux Emmanuel, situated at Nice harbor, outstanding sea-food and fish, I recommend the fixed-price menu, but don’t fall for the outrageously overpriced aperitiv! La Cambuse, 5 Cours Saleya, pizza, salads and regional specialties. Chez Freddy: 20 Cours Saleya, sea-food and fish, excellent paellas.

Susanne, August 22nd, 2010

Der einfache Mönch ist arm, aber froh

Für die Unternehmung diverser touristischer Aktivitäten im eigenen Land ist man zumeist vom Zusammentreffen zweier Bedingungen abhängig. Zum einen vom Besuch ausländischer Gäste, denen man einen Ausflug zu bestimmten Zielen, die man alleine nicht aufsuchen würde, als hochinteressant nahe bringen kann, zum anderen, auch aufgrund der entmutigenden Lage in Sachen öffentliche Verkehrsmittel, insbesondere der ÖBB, auf die Verfügbarkeit eines Autos.

Vergangene Woche trafen glücklicherweise beide Zustände gleichzeitig ein und ein Ausflug ins Stift Melk war in Windeseile vereinbart, schließlich wollte ich schon seit längerer Zeit einmal dort vorbei schauen, nicht nur wegen meiner Vorliebe für Umberto Eco (wer sich an Der Name der Rose erinnert, weiß dass der junge Adlatus von dort stammt), sondern weil ich mich generell für Architektur und Geschichte interessiere.

Zwei Freunde haben mich begleitet und bei stetem Regen ging es von Wien aus los in Richtung Melk. Wettertechnisch also beste Voraussetzungen, um sich innerhalb des Stiftes gemütlich umzusehen.

Das beeindruckende Barockensemble, welches über Melk thront, war in einer knappen Stunde erreicht, 2000 wurde es von der UNESCO samt umliegender Wachau, dem Stift Göttweig und der Altstadt von Krems zum Weltkulturerbe ernannt.

Der Blick auf das Stift schließlich bestätigt die Verleihung diverser internationaler Zertifikate, auch wenn man sich über deren Nutzen nicht wirklich sicher ist, architektonisch stellt das Gebäude auf jeden Fall eine herausragende Leistung dar und weckt große Vorfreude, sich das Ensemble auch von innen genauer anzusehen.

7.70 Euro Eintritt für Erwachsene, 4.50 für Studenten ist ein akzeptabler Preis und man machte sich sogleich, wenn auch etwas gebremst von einem gleichzeitig vor Ort abgesetzten Schwall hauptsächlich japanischer Touristen, erwartungsvoll auf den Weg ins Stiftsmuseum. Ich hatte mich zuvor, außer in Bezug auf die Anreise, kaum darüber informiert, die Webseite des Stiftes ist im Chic des 20. Jahrhunderts erstellt, wo man das Geld für diverse Modernisierungen gelassen hatte, wurde einem jedoch beim Eintritt ins Museum mehr als deutlich vor Augen geführt.

Leider haben sich die Verantwortlichen in Melk offenbar dafür entschieden, die architektonische Innenausstattung einem Diskothekendesigner zu überlassen. Die Räumlichkeiten, die man durchschreitet, brüllen einen wahlweise in grünem oder blauem Neonlicht an, es dominiert ein Make-Over-Stil der Marke „Clubbing-Lounge“ bzw. „das ist echt super modern“, oder man hält sich ans Swingerclubflair à la „Spiegelkabinett samt kitschige Barockengeln“. Getoppt wurde das Ganze von hässlichem Kunsthandwerk und einer Raumgestaltung, welche den Eindruck vermittelt, man hätte sie jener Sorte von Leuten übertragen, die gemeinhin in Heimarbeit Dinge produzieren, die sie dann auf örtlichen Zeltfesten oder Flohmärkten als „Kunst“ verkaufen.

Insgesamt wird durch diese völlig daneben gegangene Modernisierung wieder einmal offenbar was passiert, wenn man völlig ungeeigneten Leuten zu viel Geld in die Hand drückt. Ein typisch österreichisches Problem, wie mir scheint.

Die Tatsache, dass man hierzulande die Begriffe Modernisierung, Renovierung und Restaurierung verwechselt, hat schließlich dazu geführt, dass man im Stift Melk wunderschöne Barockräume zu einem völlig unpassenden „Erlebnisparcours“ verunstaltet hat. Eine Restaurierungkatastrophe, die mir noch heute den Magen umdreht und mich dafür plädieren lässt, den oder die Verantwortlichen für den Rest ihres Lebens wahlweise im neongrünen oder neonblauen Kitschdesasterraum einzusperren.

Die optische Verunstaltung war jedoch noch nicht das Ende der Geschichte. Leider. Neben den eher spärlichen und kaum ein Gesamtbild vermittelnden historischen Informationen, hat man sich bei der inhaltlichen Kuratierung im Museum ganz und gar der katholischen Indoktrination verschrieben. Da findet man dann an die Wand gemalte Glaubensbekenntnisse, die Krönung wird dem ganzen Hokuspokus schließlich in der Form von „Informationsschildern“ in vier Sprachen aufgesetzt.

In Bezug auf Geschichtsverfälschung hat man sich dort selbst übertroffen, indem man auf Texten, die in einem als sachlich verkleideten Informationsstil verfasst sind, mehr oder minder Missionierung betreibt. So las man also Phrasen wie „Diese neue geistige Strömung (gemeint ist die Aufklärung) beachtete manche menschliche Werte nicht, brachte aber auch viel Licht in manches Dunkel. Viele positive Werte dieser Entwicklung brachten große Fortschritte, manches jedoch ließ wichtige Bereiche verarmen“.  Oder: „Wieder einmal sollte eine Einseitigkeit, die Betonung menschlicher Vernunft, Prozesse einleiten, die etwas Ganzes auseinander teilen sollte“.

Die Interpretation derartiger Ungeheuerlichkeiten überlasse ich den Lesern selbst, mir wird beim Überdenken solcher Formulierungen auch nicht deshalb übel, weil ich gegen persönliche Glaubensbekenntnisse wäre. Jeder Mensch soll sich seines oder keines aussuchen, was aber erschütternd ist, ist die Tatsache, dass man hierzulande, zumindest was das Stift Melk betrifft, also in der katholischen Kirche, noch immer nicht die Bedeutung von historisch-wissenschaftlicher Dokumentation begriffen hat, sondern sich dafür entschieden hat, die Informationen über das Stift und seine Rolle in der Geschichte in einer Art Predigt über die Besucher zu stülpen. Man geht also wieder einmal davon aus, dass man selbst besser weiß, was für die Menschen wichtig und richtig ist, anstatt die am Stift interessierten Leute als mündige Individuen zu begreifen, die selbst in der Lage sind sich eine Meinung zu bilden.

Dazu ist anzumerken, dass ich vergangenes Jahr mehrere Tage in Südengland unterwegs war (die Berichte dazu finden sich in der Kategorie „Reise“) und dort nicht wenig Zeit in diversen Kathedralen zugebracht habe. Im Gegensatz zu Melk jedoch war man an all diesen Orten, die ihre Führungen noch dazu gratis anboten, in der Lage historisch akkurate Informationen zu vermitteln. Die Guides waren zumeist freiwillige Senioren und Seniorinnen, die über wirklich beeindruckende Sachkenntnis verfügten, kein einziges Mal fand sich irgendwo, egal ob auf Schildern oder bei diversen Führungen, auch nur ein klitzekleiner Versuch, mir als Besucherin, irgendeinen Glauben schmackhaft zu machen.

Als geringer Trost für die im Stift Melk dargebotene Travestie, kann ich wohl bloß anführen, dass man die verantwortlichen Clubbingdesigner wenigstens aus der Bibliothek fern gehalten hat – ich wäre vermutlich an Ort und Stelle in Tränen ausgebrochen, hätte man dort irgendwelche Leuchtröhren plaziert, einigermaßen beruhigt hatte ich mich erst nach dem Besuch des ausgezeichneten Rathauskellers in Melk, sowie nach dem daran angehängten Spaziergang durch den Klosterpark, der bis auf die Innengestaltung des Pavillons (Achtung Transzendenz!) Balsam für die aufgeklärte Seele war.

Susanne, 8. August 2010

The Sandworm empfiehlt – James Joyce „Ulysses“

Vor nicht allzu langer Zeit wurde ich, ausgerechnet am Vortag des sog. Bloomsday, an meinen Vorsatz endlich Ulysses zu lesen erinnert. Bloomsday ist jener Tag, den Anhänger und Anhängerinnen von Joyce zu Ehren des Schriftstellers und dessen bekanntester Romanfigur Leopold Bloom, begehen. Er findet am 16. Juni statt und deckt sich mit dem Datum an dem Bloom im Roman durch Dublin streift. Auf Twitter wiederum wurde ich in einer von mehreren Konversationen, wenn man das so bezeichnen kann, an meinen Vorsatz erinnert, versprach das Buch endlich zu lesen und bestellte es auch postwendend. Es gab somit keine Ausreden mehr.

Was mich nun zum Buch selbst bringt. Ich hatte schon viel davon gehört, Gutes wie Schlechtes, hatte aber bereits nach der Lektüre von zwei anderen Büchern von Joyce (Dubliners sowie A Portrait of the Artist as a Young Man) das Gefühl, dass mir auch Ulysses gefallen müsste. Ich habe mir schließlich bewusst eine Ausgabe (im engl. Original) bestellt, die ohne jede Anmerkungen oder Zusatzerklärungen auskam. Der Plan war, das Buch so zu lesen, wie es vom Autor geschrieben worden war, vor allem, weil ich der Meinung bin, dass zumindest die erste Lektüre eines Werkes mehr oder weniger unbeeinflusst stattzufinden hat und ich in dieser Hinsicht einen gewissen Spleen entwickelt habe, es mich z.B. auch zunehmend stört, wenn man in Kunstgalerien ganze Interpretationsorgien zu diversen Bildern vorfinden, die wohl hauptsächlich den Blickwinkel des wahlweisen Kurators wiedergeben, den unvoreingenommenen auf das Bild jedoch eher verstellen, als ihn zu erweitern. So viel zu meiner etwas puristischen Auffassung von Kunst und Literatur.

Wohl aber habe ich mir, selbst wenn ich mittlerweile auch diesbezüglich vorsichtig bin, die Einleitung von einem gewissen Cedric Watts durchgelesen. Diese Einleitung war hervorragend geschrieben und machte mit folgendem Schlusssatz noch mehr Lust auf die Lektüre der insgesamt 682 Seiten: “We can call Ulysses „a novel“; but it is also an exuberant world, a cultural phenomenon, and a life-changing experience. Take courage: read, enter, admire, learn and enjoy. Rejoyce!“ (Wir können Ulysses als „Roman“ bezeichnen, aber es ist auch eine aufregende Welt, ein Kulturphänomen und ein lebensverändernde Erfahrung. Fasse Mut: lies, tritt ein, bewundere, lerne und genieße. Jubiliere (ein Wortspiel aus rejoice)).

Am Ende des Buches angelangt kann ich nunmehr feststellen, dass Mr. Watts voll und ganz Recht hat. Ulysses ist wie eine Abenteuerwelt in die die Sprachliebhaberin hineingesogen wird, die Bilder vor dem inneren Auge heraufbeschwört und die die Leserin mit ungläubiger Bewunderung zurücklässt. Wie hat dieser Joyce das bloß zustande gebracht?! Wie kann man bloß so schreiben?!

James Joyces Ulysses ist das Werk eines Sprachakrobaten, der sich keinerlei Grenzen setzt und der den Leser immer wieder aufs Neue überrascht. Zum Inhalt ist meinerseits nicht allzuviel zu sagen, Ulysses beschreibt den Tagesablauf des 16. Juni 1904 und folgt mehreren Protagonisten. Zum Einen, dem wohl zentralen Charakter Leopold Bloom, daneben noch Stephen Dedalus, den man bereits aus A Portrait of the Artist as a Young Man kennt und der nunmehr zum jungen Mann gereift ist, sowie, nicht zu vergessen, Marion „Molly“ Bloom, Leopolds Frau.

Mehr gibt es meines Erachtens nach nicht zu wissen, und allen Anmerkungen zum Trotz, gebe ich ganz offen zu, dass ich sicherlich einen Haufen literarischer Anspielungen nicht vollständig verstanden habe, dass mir das eine oder andere Detail entgangen sein mag, dass ich die von Homer übernommene Kapiteldarstellung mehr oder weniger hintangestellt habe, umso mehr als ich Homers Odyssee ja nicht mal gelesen habe, aber ich bin und bleibe der Meinung, dass diese Feinheiten für eine Erstlektüre gar nicht nötig sind, vielleicht sogar den Blick auf die wahre Schönheit des Werkes verstellen. Diese Schönheit liegt nämlich in der Sprache selbst.

Joyce hat mich damit schlicht und einfach umgehauen. Von Kapitel zu Kapitel beweist der Autor sein unglaubliches Talent, verschiedenste Rollen einzunehmen, so spricht er wahlweise als Bloom, Dedalus, oder andere zufällig auftretende Personen, zu allerletzt als Molly Bloom. Er durchwandert auch stilistisch sämtliche möglichen und unmöglichen Dialekte und Jargons, vom Shakespeare’schen Englisch, über eine wissenschaftlich-medizinische Fachsprache bis zum sokratisch-technischen Fragestil, stellt eine betrunken-psychedelische Raserei Blooms so überzeugend dar, dass man sich selbst fast als halluzinierend glaubt und zieht die Leserin, die sich darauf einlässt in einen Strudel aus Silben und Wörtern, aus Halbsätzen und endlosen Satzkaskaden. Letztere finden in Molly Blooms Monolog, der über 42 Seiten so gut wie ohne Satzzeichen auskommt, ihren Höhepunkt und lassen einen schließlich wie berauscht zurück in einer Art Sprachtrance, die bis dato alles übertroffen hat, was ich an ähnlichen literarischen Werken je gelesen habe.

Wenn ich dem Leser, der Leserin abschließend einen Rat oder eine Vorbedingung (außer sich das Werk in Originalsprache nur dann anzutun, wenn man wirklich absolut sattelfest im Englischen ist) für eine geplante Lektüre von Joyces Ulysses mitgeben darf, dann wäre das wohl folgende selbst gebastelte Weisheit: als Leserin gilt es eine gewisse Abstraktion von Wörtern, eine in Prosa verpackt Lyrik zu schätzen. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass man an Schriftstellern wie zum Beispiel Kerouac, Kennedy, Woolf und letztlich Joyce Gefallen findet. Bei einer derartigen Lektüre ist es meines Erachtens nach auch nicht notwendig alles was geschrieben wurde, tatsächlich auch verstehen zu müssen, wobei ich „verstehen“ als „Sinn ergebend“ interpretiert wissen möchte.

Wenn man es genau nimmt, hat es Joyce meiner Meinung nach als einziger Schriftsteller, den ich bis dato gelesen habe, zustande gebracht, genau das darzustellen, was einem beim Wandeln durch z.B. eine Stadt durch den Kopf geht. Eine derartige Lektüre kann nicht linear sein, kann nicht immer einsichtig oder selbsterklärend sein. Vereinfacht ausgedrückt? Mir war schon von Anfang an klar, dass sich Joyce vermutlich auch am besten jenen Leuten erschließt, die so wie ich Anhänger von Bob Dylan sind. Dylan schreibt Songs die mal verständlich und logisch sind, ein anderes mal wieder durchsetzt von persönlichen Referenzen, von Metaphern oder Symbolen, die man, anders als es manche wohl sehen, NICHT immer erkennen muss, ja bei denen es manchmal bloß auf die Klangfarbe des Wortes oder der Phrase ankommt und die aus Dylans Songs letztlich Kunstwerke machen.

Genau so sollte man, meiner Meinung nach, auch Ulysses lesen. Man sollte ihn besser gesagt nicht lesen, sondern singen. Oder um noch einmal auf die treffenden Worte des Herrn Watts in der Einleitung zurück zukommen – Ulysses sollte man jubilieren. Rejoyce!

Susanne, 1. August 2010