The Sandworm empfiehlt – Jack Kerouac „Dharma Bums“

Jack Kerouac zählt zu jenen Autoren, die sich in meine, doch einem ständigen Wandel unterliegende, All-Time-Favorites-Literaturliste einzementiert haben, sein On the Road ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Dessen Lektüre liegt für eine ausgiebige Rezension zwar schon zu lange zurück, unabhängig davon haben sich aber ohnehin auch andere Kerouac Bücher als höchst empfehlenswert erwiesen, so wie das jüngst gelesene Dharma Bums (der unsäglich grauenhafte deutsche Titel lautet Gammler, Zen und hohe Berge).

Um Kerouac zu lieben muss man dessen besonderen Stil schätzen – eine durchaus subjektive Angelegenheit – und wer sich aus der literarischen Schreibtechnik des sogenannten „stream of consciousness“ (Bewusstseinsstrom) nichts macht, der wird auch kaum Gefallen an den Werken des Autors finden. Wer jedoch, wie ich, eine besondere Vorliebe für diese Art des Schreibens hegt, der findet in Kerouacs Büchern ein ganzes Universum an Ausdrucksformen und mehr.

Kerouac zählt zu den Mitbegründern der sogenannten Beat-Literatur. Von Zeitgenossen oft abwertend als „Beatniks“ bezeichnet, hat er selbst dem Wort eine positive Konnotation verliehen und Assoziationen mit „beatific“ oder „beatitude“ (im weiteren Sinne also als mit Schönheit verbunden) eingefordert.

Kerouac sah sich und den Kern der sogeannten „Beat-Poets“ als Hobos und Bums, als Landstreicher und Obdachlose, aber in einer Lebensform, die nicht durch Not erzwungen, sondern frei gewählt war. Als Poeten und Musiker, als Kreative, die sich von den Zwängen der Gesellschaft befreit hatten und ihr eigenes Leben als Verwirklichung des amerikanischen Traums lebten. Diesen amerikanischen Traum jedoch sah Kerouac nicht in der Erwirtschaftung eines größtmöglichen Vermögens, in Konsum und Konformität, sondern in der individuellen Freiheit durch das Land zu ziehen und sich nicht von Besitz und Geld abhängig machen zu lassen. Gerade deshalb haben sich Kerouac und Zeitgenossen wie Allen Ginsberg oder William S. Burroughs stets gegen die Vereinnahmung und Stereotpyisierung durch eine, auch von Film und Werbung instrumentalisierte, Beat-Kultur gewehrt.

Jack Kerouac by photographer Tom Palumbo, circa 1956

Kerouacs Literatur kann man als direkten Ausdruck des – sehr bewegten Lebens – des Autors verstehen. Zwar hat er seine Protagonisten stets mit Synonymen betitelt, hinter Sal Paradise in On the Road oder Jack Duluoz in Big Sur ist jedoch stets Kerouac selbst erkennbar. In Dharma Bums spricht er nunmehr als Ray Smith zum Leser und entführt diesen in eine Welt des damals – man schreibt die späten 1950er – in den USA populär werdenden Zen-Buddhismus, einer erkennbaren Zurück-zur-Natur Mentalität und zu Vorläufern jener Gegenkultur, die in den 60ern schließlich in der Hippie-Bewegung explodiert.

In Ray Smiths Welt ist davon noch wenig erkennbar, zumindest nicht als Generationenphänomen, die Gruppe um ihn ist klein, lebt an der US-amerikanischen Westküste rund um San Francisco, oder rekrutiert sich aus College-Studenten, die nach Spiritualität und Naturverbundenheit suchen, die sich, so wie Ray, einem Lebenstil verschrieben haben, der im Hier und Jetzt verortet ist, wo man sich spontan zusammenfindet, als Autostopper quer durch das Land reist, in Hobo Manier auf Lastzüge springt und sich allen Vor- und Nachteilen einer völligen Freiheit ausliefert.

Kerouac erzählt in Dharma Bums in bester Stream-of Consciousness Fasson von Zugfahrten durch die Nacht, von Lagerfeuer- und Schlafsackcamps an der amerikanischen Westküste, von Wanderungen und von der Einsamkeit in der Natur sowie von seiner Freundschaft zum Dichter und Essayisten Gary Snider, der sich im Buch hinter dem Synonym Japhy Smith verbirgt.

In den verschiedenen Episoden berichtet der Protagonist von einer Bergwanderung auf den Matterhorn Peak (den in Californien…), von ausschweifenden Parties, von spirituellen Gesprächen, von Meditationen an der winterlichen Ostküste, von der Tätigkeit als „fire lookout“ in der Einsamkeit des Desolation Peak in Washington State, von Reisen auf Lastenzügen oder mit einsamen Truckern, letztlich von der Suche nach dem Wesen von „Dharma“ – der Wahrheit – einer Suche, die sich am besten mit Japhys Worten ausdrücken lässt, welche gleichzeitig die Essenz des Buches auf den Punkt bringen:

I’ve been reading Whitman, know what he says, Cheer up slaves and horrify foreign despots, he means that’s the attitude for the Bard, the Zen Lunacy bards of old desert paths, see the whole thing is a world full of rucksack wanderers, Dharma Bums refusing to subscribe to the general demand that they consume production and therefore have to work for the privilege of consuming, all that crap they didn’t really want anyway such as refrigerators, TV sets, cars, and general junk you finally always see a week later in the garbage anyway, all of them imprisoned in a system of work, produce, consume, work, produce, consume, I see a vision of a great rucksack revolution thousands or even millions of young Americans wandering around with rucksacks, going up to mountains to pray, making children laugh and old men glad, making young girls happy and old girls happier, all of ‚em Zen Lunatics who go about writing poems that happen to appear in their heads for no reason and also by being kind and also by strange unexpected acts keep giving visions of eternal freedom to everybody and to all living creatures. (Jack Kerouac, Dharma Bums, Chapter 13).

(Ich habe Whitman gelesen, weißt du was er sagt, Nur Mut Sklaven und erschreckt fremde Despoten, er meint das ist die Einstellung des Barden, der Zen-irren Barden der alten Wüstenpfade, siehst du, die ganze Welt ist voll von Rucksackwanderern, Dharma-Bums, die sich weigern die allgemeine Forderung nach dem Konsum der Produktion zu unterschreiben und dadurch für das Privileg arbeiten zu müssen, all den Dreck, den sie ohnehin nicht wollten, zu konsumieren, für Kühlschränke und Fernseher, Autos und den generellen Mist, den du letztlich ohnehin eine Woche später im Müll siehst, alle von ihnen gefangen in einem System von Arbeiten, Produzieren, Konsumieren, Arbeiten, Produzieren, Konsumieren, ich sehe eine Vision einer großen Rucksack-Revolution, tausende oder Millionen von jungen Amerikanern, die mit Rucksäcken herumziehen, auf Berge klettern, um zu beten, die Kinder zum Lachen bringen, alte Männer froh, junge Mädchen glücklich und ältere Mädchen glücklicher machen, alle von ihnen Zen-Irre, die nichts anderes tun als Gedichte zu schreiben, die grundlos in ihren Köpfen auftauchen und auch durch Güte oder durch seltsames, plötzliches Tun Jedem und allen lebenden Kreaturen Visionen von ewiger Freiheit schenken.)

Susanne, 6. Februar 2011