Literatur für alle Lebenslagen – Humor

Nach Liebe und Totschlag, alles Themen, die einen emotional irgendwie mitnehmen, hat man als Literaturfreundin immer wieder auch das überwältigende Bedürfnis etwas Lustiges zu lesen. Wobei ich diesbezüglich ebenfalls sehr anspruchsvoll bin – ein Schmunzeln hie und da reicht nicht, um ein Buch als wirklich humorvoll durchgehen zu lassen. Viel mehr denke ich dabei an die seltenen Exemplare, die mindestens einen mehrminütigen Lachanfall auslösen und gleichzeitig den Anspruch erfüllen, literarisch ebenfalls Außergewöhnliches zu leisten. Dass dies keine häufige Kombination ist, lässt sich allein daraus ableiten, dass Literaturfreunden bei der Fragen danach, was sie in dieser oder jener Kategorie empfehlen könnten, sofort ein Anwärter aus dem Genre Liebe oder Gewalt einfällt, meist sogar mehrere, die Aufforderung jedoch ein wirklich lustiges, literarisch anspruchsvolles Buch zu nennen, meist in minutenlangem Köpfewiegen und Äußerungen wie „Hmm, schwierig…“ mündet.

Ich selbst bin auf drei Kandidaten gekommen, die zu meinen Alltime-Favorites zählen, die sich in den verschiedensten literarischen Gattungen wieder finden und die wie üblich in ihrer Reihung keinerlei persönliche Präferenz widerspiegeln.

1. David Foster Wallace „A supposedly fun thing I’ll never do again“ (1997): Ich gebe zu, dass David Foster Wallace aktuell zu meinen Lieblingsautoren zählt, trotzdem glaube ich, dass der oben erwähnte Essay insgesamt die Anforderungen an ein literarisch-humoristisches Vergnügen der Extraklasse erfüllt. D.F.W. beschreibt in diesem knapp hundertseitigen Aufsatz ein journalistisches Auftragswerk, für das er von der renommierten amerikanischen Zeitschrift „Harper’s Magazine“ bezahlt wurde. Es handelt sich dabei um die Beschreibung einer siebentägigen Luxus-Kreuzfahrt in die Karibik, die der Autor zu einer Art zynisch-abgeklärtem Abenteueraufsatz gestaltet, der seinesgleichen sucht. Die große Kunst und das entscheidende Element, das diese Geschichte über die gewöhnliche zynisch-postmoderne Erzählung hebt und sie somit umso lustiger und unterhaltsamer macht, ist die Tatsache, dass sich D.F.W. zwar über die vielen äußerst skurrilen Eigenschaften der Luxuslinerpassagiere auslässt, dass er dabei aber so gut wie nie herablassend oder überheblich, ja verletzend wird, weil er sich selbst als Außenseiter auf diesem Kreuzfahrtschiff absolut nicht von der Kritik ausnimmt. Im Gegenteil, er beschreibt das Aufeinanderprallen zweier diametral entgegengesetzter Universen, jenes der Passagiere, die zum Teil bereits erfahrene Kreuzfahrtprofis sind und derlei Reisen über die Maßen genießen, und jenes seiner eigenen kleinen Welt, in der er als Schriftsteller und Eigenbrötler nicht vor schonungsloser Selbstkritik zurückschreckt. Gerade deswegen ist „A supposedly fun thing I’ll never do again“ einer der lustigsten Essays, die ich je gelesen habe, egal ob der Autor über die seltsame von der Kreuzfahrtlinie benutzte Werbesprache fabuliert, oder ob er sich als neurotischer Sonderling in fast paranoider Weise Gedanken darüber macht, wie es möglich sein kann, dass er seine Kabine, jedes Mal, wenn er sie für mehr als 20 Minuten verlässt, in perfekt aufgeräumten Zustand wiederfindet, nicht jedoch, wenn er sich testweise nur 15 Minuten davon entfernt. Egal ob er existentialistisch-philosophische Reflexionen darüber anstellt, ob die „Sie sind hier“-Schilder an Bord des Schiffes tiefere Bedeutung haben mögen, als eine bloße topographische, oder ob er sich über die Absaugstärke der in seiner Kabine befindlichen Toilette sorgt. Einfach großartig. („A supposedly fun thing I’ll never do again“ ist Teil einer gleichnamigen Essaysammlung, die auf Deutsch unter dem Titel „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ erhältlich ist.)

2. Philip Roth – „Portnoy’s Complaint“ (1969): Philip Roth zählt zu jenen Autoren, über die jedes Jahr neuerlich gemunkelt wird, ob er nun endlich den Literaturnobelpreis bekommt oder nicht. Die Auszeichnung hätte er sich meines Erachtens nach allein durch den Roman „Portnoy’s Complaint“ verdient, handelt es sich dabei doch um einen der amüsantesten literarischen „Rants“ (eine Art schriftlicher Wutanfall), die ich – neben Thomas Bernhards Prosa – kenne. Schonungslos und zugleich unglaublich unterhaltsam, tabulos und direkt. Das Buch liest sich als vom Protagonisten Alexander Portnoy vorgebrachte Beschwerde, die er auf der Couch seines Psychoanalytikers Dr. Spielvogel als ewig um dieselben Themen zirkulierenden Monolog vorträgt. Hauptinhalte dieses Monologs: Schuldgefühle, Selbsthass, sexuelle Frustration, oder wie es die klinische Definition am Buchumschlag beschreibt: „Portnoy’s Complaint“: A disorder in which strongly-felt ethical and altruistic impulses are perpetually warring with extreme sexual longings, often of a perverse nature… (Portnoys Beschwerde: eine Störung, bei der starke ethische und altruistische Impulse in permanentem Konflikt mit extremen sexuellen Bedürfnissen, meist perverser Natur, stehen…). Mehr gibt es dazu wohl kaum zu sagen, außer, dass man diesen in schriftliche Form gegossenen Wahnsinn als Literaturfan gelesen haben muss.

3. Voltaire – „Candide oder Der Optimismus“ (1759): Immer wieder hat man als Mensch Phasen, in denen man einer gewissen Aufheiterung bedarf, weil einen äußere Umstände oder private Malaise in die Verzweiflung zu treiben scheinen. Egal ob es sich um persönliche Krisen oder weltpolitische Katastrophen handelt, ich empfehle diesbezüglich immer gerne die Lektüre von Voltaires „Candide“. Wer danach nicht einen Funken Hoffnung gefasst hat, wer während des Lesen nicht mindestens einmal in herzhaftes Lachen ausbricht, dem oder der – so leid es mir tut – ist leider nicht mehr zu helfen. Selbst wenn Voltaires Roman mittlerweile einige Jahrhunderte am Buckel hat, er ist auf seine Weise noch immer hoch aktuell und beschreibt auf ironisch-satirische Weise die Prüfungen des jungen Candide, der, nachdem er sich dummerweise an der Tochter seines Gönners vergriffen hat, aus dessen noblen Schloss in eine menschenfeindliche Umwelt geworfen wird und sich forthin damit auseinandersetzen muss, ob sein philosophischer Lehrmeister namens Pangloss mit der Aussage, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben würden, nicht doch etwas übertrieben hat. Das Ungemach, das dem jungen Candide und seinen Weggefährten auf ihrer Reise begegnet, ist demzufolge eine Aneinanderreihung von unfassbaren Katastrophen, die einen das eigene Leben wieder etwas entspannter betrachten lassen, ganz nebenbei schafft es Voltaire auch noch überaus elegant Kirchen- und Philosophiekritik in die Erzählung einzuflechten. Am Ende steht man als Leserin da und findet das einigermaßen pessimistische und etwas kryptische Resümee trotzdem irgendwie tröstlich: „Il faut cultiver notre jardin“ („wir müssen unseren Garten bestellen“).

Susanne, 23. Mai 2010

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Skizzen aus Wien – Nr. 45

Seit ich vor etwa eineinhalb Jahren das erste Mal eines seiner Bücher aufgeschlagen habe, zählt David Foster Wallace zu meinen absoluten Lieblingsautoren. Ich schätze ihn stilistisch ebenso sowie in Bezug auf seine Ausdrucksfähigkeit auf emotionaler Ebene und egal ob Roman oder Essay, immer wieder erstaunt mich seine Fähigkeit Gefühle in Worte zu fassen oder Protagonisten so treffend zu beschreiben, dass man sich sicher ist ein exaktes Bild von ihnen vor Augen zu haben. Nachdem ich sein Opus Magnum „Infinite Jest“ bereits vergangenes Jahr gelesen habe und mehr als begeistert war, fand ich kurz vor Jahresende endlich die Zeit, seinen ersten Roman „The Broom of the System“ anzugehen. Letzte Woche beendete ich die Lektüre und fand es äußerst passend die vergangene Dekade mit DFW abgeschlossen, die neue mit einem seiner Werke begonnen zu haben. Den Sandworm-Lesern möchte ich diesen Roman nachfolgend ans Herz legen (1).

Mit „The Broom of the System“, hat sich Foster Wallace in die Herzen der US-amerikanischen Literaturkritik geschrieben und wurde mit Lobeshymnen und Preisen überhäuft. Nicht zu unrecht. Der Roman entpuppt sich für ein Erstlingswerk als unglaublich komplex und vor allem hochkreativ was die Sprachverwendung und den literarischen Stil betrifft. Wer DFW kennt und schätzt taucht in diesem Buch in genau jenen absurden Schreibstil ein, den der Autor später, in seinem hervorragenden „Infinite Jest“, auf die Spitze treiben wird. Man könnte das Buch fast als Stilübung und Vorbereitung darauf betrachten, das würde die Qualität von „The Broom of the System“ jedoch herabsetzen und wäre ungerecht, handelt es sich doch um ein eigenständiges Werk, welches für sich großes Lesevergnügen bereitet, ohne dass man „Infinite Jest“ jemals gelesen haben müsste.

Ich will mich hier nicht zu sehr auf die Handlung des Buches konzentrieren, diese ist, wie auch im späteren „Infinite Jest“ meines Erachtens sekundär, wiewohl es sich nicht um einen Mangel in der Ausgestaltung des dem Buch zugrunde liegenden Plots handelt. Viel mehr fasziniert die blühende Fantasie des Autors, die sich im erzählerischen Entwurf der absurden Welt, in der die Geschichte spielt, manifestiert und die DFW so wortmächtig umsetzt, dass trotz aller Absurdität, ein gewisser Realismus nicht verloren geht. Ja, im Grunde erzählt er seine Geschichte so überzeugend, dass man sich über die gesamte Lektüre durchaus vorstellen kann, derlei könne sich tatsächlich so zugetragen haben.

Kurz also zur Handlung. Der Roman spielt zum größten Teil in Cleveland, Ohio, wo die Protagonistin, eine gewisse Lenore Beadsman damit konfrontiert wird, dass ihre Urgroßmutter, die ebenfalls Lenore Beadsman heißt, von einem Tag auf den anderen aus dem Altersheim in dem sie lebte, verschwunden ist. Nicht nur sie, sondern auch eine Reihe anderer Bewohner der Einrichtung. Für Lenore, die Urenkelin, ihres Zeichens Tochter eines Babynahrungsmagnaten, die sich in einer eher ungesunden Beziehung zum Chef jenes Unternehmens, in dem sie in der Telefonvermittlung arbeitet, befindet, beginnt damit nicht nur die Suche nach ihrer Urgroßmutter, sondern auch ein höchst skurriler, aber für den Leser ungemein amüsanter, Begegnungsmarathon.

Genau darin liegt das Vergnügen das die Lektüre von „The Broom of the System“ bereitet. Selbst wenn sich zu Beginn des Buches ein ausgeklügelter Handlungsstrang herauskristallisiert, die Handlung selbst tritt sehr rasch in den Hintergrund und die Konzentration des Autors richtet sich auf die Dialoge der Protagonisten, auf die peinlich genaue Skizzierung der Welt in der sie sich bewegen und insbesondere auf die Komposition von Stimmungen, die DFW so grandios in der Lage ist, allein durch seine Sprachgewandtheit heraufzubeschwören. So schafft er es jedem der handelnden Charaktere seinen eigenen persönlichen Jargon zu verleihen und entpuppt sich als einer der kreativsten Namenserfinder in der Literaturwelt überhaupt. Allein diese Kreationen sind für mich ein eigenes Lesevergnügen. Da gibt es dann nicht nur Lenore Beadsman, sondern unter Anderem ihren Vater, Stonecipher Beadsman, Chef der Firma Stonecipheco. Lenores Geliebten, Rick Vigorous, Gründer des Verlags Frequent and Vigorous, einen Papageien der sich Vlad the Impaler nennt, Lenores Bruder Stonecipher LaVache Beadsman, der sich am College lieber als The Antichrist ansprechen lässt sowie einen weiteren Protagonisten namens Andrew Sealander Lang, der den Spitznamen Wang Dang Lang trägt.

Selbst wenn sich Foster Wallace in diesem Buch noch nicht der für ihn charakteristischen Fußnoten bedient, tritt man von Beginn an, in ein nahezu endloses, hochamüsantes literarisches Universum ein. Eine Parallelwelt, in der Geschichten innerhalb von Geschichten erzählt werden, in der die wittgensteinsche Sprachphilosophie ebenso Platz findet, wie gewisse Seitenhiebe auf psychotherapeutische Sitzungen. Ein Buch für Leser, die außergewöhnliche Sprachgewandtheit, einen skurrilen Sinn für Humor, großartiges Storytelling, präzisest gezeichnete Charaktere und ein, durch eine streckenweise sehr poetische Erzählweise, hervorgerufenes Stimmungsbild, welches die Sprache an sich überlagert und übersteigt, lieben. Diesen Lesern sei hiermit „The Broom of the System“ allerwärmstens ans Herz gelegt.

(1) Der Roman heißt zu Deutsch „Der Besen im System“ – meine Empfehlung bezieht sich ausdrücklich auf die englische Fassung!

Susanne, 17. Jänner 2010

Skizzen aus Wien – Nr. 35

The Sandworm - artwork zoer

Sehr häufig mache ich mir Gedanken zum Thema Sprache, ihrer Verwendung und ihrem Missbrauch. Meistens verfalle ich beim Nachdenken darüber in Rage, weil unsere Sprache seit längster Zeit in einer Art und Weise verwendet wird, die man wahlweise mit den Begriffen „Sprachbrei“ „Geschwurbel“ oder „heiße Luft“ überschreiben kann. Das gilt sowohl für das was man aus Politik, Wirtschaft und Journalismus hört, aber leider auch für die Wissenschaft.

Immer wieder ärgere ich mich dann über inhaltsleere Interviews mit Politikern, über die fehlende Courage der sie befragenden Journalisten – hat sich schon jemals wer überlegt ein Interview einfach abzubrechen, wenn die Frage beim zweiten Mal nicht beantwortet wird? – sowie über den schleichenden Austausch verständlicher Texte oder Kommentare durch die meist wahllos scheinende Aneinanderreihung von hochgestochenen Worten, die, wenn man sie zu analysieren beginnt, eigentlich keinen Sinn ergeben.

Nachdem diese Phänomene keine neuen sind, derzeit aber wieder Hochkonjunktur zu haben scheinen, möchte ich in meinem heutigen Eintrag näher darauf eingehen, nicht zuletzt weil mir diesbezüglich der von mir sehr geschätzte Schriftsteller David Foster Wallace, in einem Essay, voll und ganz aus dem Herzen gesprochen hat. DFW hat die ganze Problematik darüber hinaus nicht nur hochamüsant, sondern logisch schlüssig und vor allem ruhig und überlegt zu Papier gebracht. Derlei möchte ich den Sandwurmlesern nicht vorenthalten, auch auf die Gefahr hin über einen längeren Essay hinweg den einen oder die andere Leserin zu vergraulen.

Der erwähnte Aufsatz trägt den bezeichnenden Titel „Authority and American Usage“ (1) und bezieht sich auf die englische Sprache, respektive amerikanisches Englisch, die darin getätigten Argumente lassen sich jedoch mit Leichtigkeit auch auf den deutschen Sprachraum übertragen.

Eigentlich dreht sich DFWs Essay rund um die Rezension des Wörterbuches „Dictionary of Modern American Usage“, was soviel wie eine Art Stilführer für den Gebrauch amerikanischer Sprache ist, der Aufsatz ist in seiner Gesamtheit jedoch nicht nur eine hochinteressante Analyse zeitgenössischer amerikanischer Linguistik, er ist durch die persönliche Note, die der Autor miteinbringt und wofür ich ihn umso mehr schätze, auch noch hochamüsant. Wie man es von DFW gewohnt ist, schweift er dabei in die eine oder andere Fußnote, den einen oder anderen Exkurs ab und hantelt sich so von der Bewertung des Lexikons weiter zu den Themen Politische Korrektheit (forthin PC) und akademisches Englisch. Er verliert jedoch nie das übergeordnete Motiv aus dem Auge, sondern knüpft eine brillante, logisch schlüssige, Kette, um seine Argumente in Bezug auf das generelle Thema Sprachgebrauch auszuführen und zu begründen. Dabei spricht er mir so sehr aus dem Herzen, dass eine nochmalige Lektüre des Aufsatzes mich fast zu Tränen gerührt hätte.

Ich möchte nicht auf den gesamten Inhalt des Essays eingehen, sondern mich auf die wichtigsten Punkte konzentrieren, nämlich die Problematik der Verwendung einer zunehmend verwaschenen, inhaltsleeren Sprache, die vermutlich nicht nur mich, sondern auch einige andere hierzulande quält. Wer kennt nicht die hohlen Politikerfloskeln, die uns Zuhörer entweder zur Weißglut treiben, oder einen sofortigen Ausschaltimpuls im Fall eines TV-Interviews auslösen. Wem nicht sofort einige Beispiele dazu einfallen, kann sich hier einen ersten Überblick verschaffen.

Das Problem und das ist auch ein Grund, warum ich mich endlich entschlossen habe, darüber zu schreiben, ist aber nicht allein in der Politik zu finden. Die Verwässerung von Inhalten oder die vollkommene Abwesenheit einer Aussage, diese Sprachverwendungskrankheiten scheinen sich durch alle Schichten zu ziehen, die in unserer Gesellschaft noch irgendeinen Einfluss haben. Von der Politik über die Wirtschaft zur Werbung bis hin zur akademischen Gemeinschaft. Nicht zuletzt offenbart die grassierende Inhaltslosigkeit aber auch einen Rückzug aus der persönlichen Verantwortlichkeit. Kein Konzern will mehr für die Nichtwirkung seines Produktes haften, deswegen schwört man auf sinnlose Phrasen, kein politischer Mandatar möchte sich in die Nesseln setzen und seine Haltung zu einem Thema preisgeben, deswegen larviert man um das Thema herum und vergeht sich in Gemeinplätzen, die akademische Elite hat längst bemerkt, dass man unliebsame Eindringlinge am besten von sich fernhält, indem man sich hinter einer kryptischen Pseudosprache versteckt, die zwar inhaltlich kaum Neues bietet, mitunter, wenn man sich mit diversen Publikationen näher auseinandersetzt, sogar überhaupt keinen Inhalt offenbart, die aber und das ist der Zweck der Übung, den elitären Zirkel klein hält und vor allem jenen Schichten, die sozial schwächer sind den Eintritt verwehren. Statistiken dazu muss ich Ihnen wohl keine präsentieren, die gibt es zu Hauf. Ganz oben auf diesem Berg von Geschwurbel sitzt dann etwas was man in den USA und England gern als political correctness (PC) oder hierzulande als politisch korrekte Ausdrucksweise bezeichnet.

DFW setzt sich mit dieser Thematik auf höchst interessante Weise auseinander und ich möchte dazufügen, dass, auch wenn er aufgrund der englischen Sprache, welche die Problematik nicht so eklatant kennt, wie das Deutsche, das Thema „gendergerechte Ausdrucksweise“ nicht ausdrücklich erwähnt, ich es sehr wohl in mein Argument miteinbeziehen werde, weil es genauso dazugehört.

DFW beginnt seine Analyse in der Linguistik, wo sich konservative Präskriptivisten und liberale Deskriptivisten auf Biegen und Brechen bekämpfen („usage wars“) und sich darüber streiten, ob man gewisse Regeln in der Sprache festschreiben soll (präskriptiv), oder ob Sprache sich permanent wandelt und kein einzelner Dialekt per se der richtige ist (deskriptiv). Über den Streit in diesen zwei Lagern hantelt sich der Autor weiter zur PC und kommt damit zur Essenz dessen, was ich hier gerne darlegen möchte: PC und das bezeichnet der Autor als die Ironie an der Geschichte, wäre auf dem Mist der Liberalen, oder der Linken, wie wir sie hier bezeichnen, gewachsen und spiegele eine gewisse „von Lenin zu Stalin“- Ironie wider. Warum? Die ursprüngliche Revolution, so DFW, die zu einer Zurückweisung des traditionellen Verständnisses von Autorität (in den USA getrieben durch die Anti-Vietnam-Bewegung) einerseits und festgeschriebener Ungleichheit (die Bürgerrechtsbewegung) andererseits geführt hat, sei mittlerweile in einer viel unflexibleren Dogmatik gemündet, nämlich jener der Politischen Korrektheit. Und, so die Meinung DFWs, diese wäre nicht nur dumm, sondern würde auch den eigentlichen Zweck, der damit verfolgt wird, beschädigen.

Der Autor stellt dies nicht bloß in den Raum, sondern er begründet seine Sichtweise natürlich. Bestimmte Konventionen im Sprachgebrauch, so meint er, würden auf zweierlei Weise funktionieren. Entweder sind sie die Reflexion einer Veränderung, oder aber sie sind das Instrument, um eine Veränderung zu bewirken. Die zwei Funktionen müsse man jedoch trennen, um nicht den gewaltigen Fehler zu begehen, die politische Symbolik der Sprache, mit politischer Wirksamkeit zu verwechseln. Oder wie DFW es anders ausdrückt, um nicht der bizarren Überzeugung zu verfallen, Amerika (gerne auch mit Österreich auszutauschen) wäre plötzlich allein deswegen nicht mehr unfair oder elitär (wahlweise zu ergänzen mit rassistisch, frauenfeindlich, etc.), weil ein bestimmtes Vokabular nicht mehr verwendet würde. Der große Trugschluss von PC, und ich füge dazu, auch von gendergerechter Sprache, wäre der Glaube, dass die Ausdrucksweise einer Gesellschaft das Produkt ihrer Einstellung sei und nicht umgekehrt.

Die viel größere Ironie aber, so DFW, wäre die Tatsache, dass PC vorgibt der Dialekt einer progressiven, liberalen Reform zu sein, während er – weil man in nahezu Orwell’scher Manier an die Stelle faktischer sozialer Gleichheit einen Euphemismus für soziale Gleichheit setzt – in der Tat den Konservativen eine viel größere Hilfe ist, den Status Quo, bzw. soziale Ungerechtigkeit, aufrecht zu erhalten. Wie das? DFW meint dazu, dass es ihm, wäre er ein Konservativer, der gegen eine Steuerreform zur gerechteren Verteilung nationalen Reichtums wäre, große Freude bereiten würde, wenn die Linke ihre Zeit und Energie damit verschwendet, darüber zu diskutieren, ob man eine „arme Person“ nun besser als „Person niederen Einkommens“ oder als „ökonomisch benachteiligt“ bezeichnet, anstatt sich darauf zu konzentrieren wirksame Argumente für Verteilungsgerechtigkeit oder Vermögensbesteuerung zu entwickeln. Mit einem Wort, so DFW, politische Korrektheit fungiert als eine Art Zensur, und Zensur dient immer der Aufrechterhaltung des (konservativen) Status Quo.

Als lebhaftes Beispiel seiner Logik führt der Autor an, dass es einem Familienvater dessen Einkommen an der Armutsgrenze liegt, wohl relativ egal ist, ob man ihn als „arm“ oder „ökonomisch benachteiligt“ bezeichnet (2). Die Tatsache, dass sich ganze politische Parteien, oder Interessensgruppierungen fast ausschließlich, ja fast manisch, auf die ihrer Meinung nach „korrekte“ Verwendung von Sprache kaprizieren, sich quasi als eine Art Sprachpolizei (DFW verwendet diesen Ausdruck ebenfalls und daneben noch einige andere…) auf jede von ihnen entdeckte „falsche“ Ausdrucksweise stürzen, mag einerseits in den Bereich Überkompensation fallen, die sich vermutlich aus der als frustrierend empfundenen eigenen Machtlosigkeit speist, DFW bringt aber ein weiteres sehr überzeugendes Argument vor.

Er meint, dass die zwanghafte Verwendung politisch korrekter Ausdrucksweisen in vielen Fällen von den Betroffenen als beleidigend empfunden wird (3), nicht nur weil sie herablassend, sondern eigentlich scheinheilig und egoistisch ist. Und zwar deshalb, weil ein Teil der Motivation des Sprechers ein bestimmtes Vokabular zu benutzen immer auch den Wunsch ausdrückt, Dinge über die eigene Person zu kommunizieren. D.h. die Person, die sich auf gewisse Ausdrucksweisen versteift, tut bis zu einem gewissen Grad nichts anderes, als den eigenen Narzissmus zu füttern. Und begeht dabei einen gewaltigen Fehler, mit dessen Analyse DFW das derzeit so grassierende Problem der Linken und eine der Ursachen beschreibt, warum sie gerade in Zeiten, die wirtschaftlich schwierig sind, also bestes Terrain Wählerklientel zu generieren, so eklatant dahinsiechen, dass man sich eigentlich größte Sorgen machen müsste (4). Den Grund dafür sieht DFW (natürlich in Bezug auf die amerikanische Linke) in der Tatsache, dass die eigene Eitelkeit für die Sache der Linken oder Liberalen (wie immer man sie bezeichnen will) deshalb so schädlich ist, weil man dadurch – man sieht sich ja selbst als uneingeschränkt empathisch und großzügig (siehe dazu auch wahlweise Interviews und Reden von diversen politischen Funktionären) und möchte natürlich auch, dass einen die anderen so erleben – die Chance verpasst seine Argumentation in realistischer und realpolitisch glaubwürdiger Art und Weise vorzubringen. D.h. die Argumentation rund um Themen wie Vermögenssteuern, Grundsicherung, etc. könnte durchaus auch auf Eigeninteresse gründen und darauf hinweisen, dass eine Umverteilung der Mittel auch den Besserverdienern nützt, egal ob sie nun Mitleid mit Arbeitslosen oder Benachteiligten haben oder nicht, weil sich dadurch der soziale Frieden im Land aufrecht erhalten lässt und letztlich gerade dadurch das Eigentum der sogenannten Elite geschützt bleibt.

Über einen weiteren Einschub schließlich erweitert DFW sein Argument auch auf den Bereich des akademischen Englisch, welches wie die deutsche Wissenschaftssprache, zu einem Gutteil unverständliches Kauderwelsch ist und nicht in erster Linie dazu dient irgendeine Botschaft zu transportieren, sondern wie auch im Falle von PC, viel mehr die Funktion erfülle, das Ego des Verfassers zu streicheln. Dieses Kauderwelsch, welches George Orwell übrigens bereits im Jahre 1946 in einem ausgezeichneten Artikel (5) angeprangert hat – ein Hinweis der DFWs Argumentationslinie in hervorragender Weise nicht nur illustriert, sondern ihr noch mehr Nachdruck verleiht – ist mittlerweile aus der akademischen Welt in Bereiche wie Werbung (Lipidinose X Faltencreme,…), Wirtschaft (downsizing, outsourcing, …), Kunst (kryptische Ausstellungstexte…) und Journalismus (lesen sie diverse Theater-, Literatur- oder Filmrezensionen…) gesickert und Orwell war bereits damals der Meinung, dass es sich um „eine Mischung aus Vagheit und schierer Inkompetenz“ handle, in der es normal wäre „auf lange Passagen zu treffen, die fast völlig jeglicher Sinnhaftigkeit entbehren“. Einer der Hauptgründe dafür wäre, so DFW, dass es den Verfassern dieser sinnlosen Botschaften meist darum ginge, sich als Intellektuelle zu präsentieren und der Griff zu undurchsichtigen Abstraktionen oder protzigem Vokabular lediglich der Funktion diene, den Autor der Zeilen nicht auf eine definitive Botschaft festnageln zu können, eine Botschaft, die man widerlegen könnte, oder die ihn letztlich gar als dumm entlarvt.

Und das ist eine jener Schlussfolgerungen in diesem Essay von DFW, die ich auch selbst als die Ursache für die grassierende Inhaltsleere politischer, wirtschaftlicher oder journalistischer Botschaften deute und womit ich zum Ende dieses zugegebenermaßen sehr langen Eintrags kommen möchte. Keine der Personen, die sich in unserem Land in einer Position der Verantwortung befinden, hat mehr den Mut ihre Meinung verständlich darzutun, weil es offenbar keiner von ihnen darum geht, wirklich etwas zu verändern, sondern weil man sich bloß noch an seine Ämter klammert, die durch eben an dieser Stelle erwähntes Kauderwelsch erworben wurden. Und das nicht einmal, weil die Wähler dieses Gewäsch tatsächlich jemals geglaubt haben, sondern weil es keine Alternative mehr dazu zu geben scheint. Worin letztlich auch der Grund liegen mag, warum immer mehr Wähler es vorziehen, am Wahltag zu Hause zu bleiben.

Wie sieht das DFW? Nachdem der Autor seine Ausführungen zu PC und akademischem Englisch abgeschlossen hat, wendet er sich wieder der Linguistik zu und dem von ihm rezensierten Wörterbuch. Dieses Wörterbuch wurde von einem Mann herausgegeben, den DFW offenbar sehr bewundert, er erklärt dem Leser auch warum. Das Wörterbuch sei deswegen brillant, dessen Autor deswegen ein Genie, weil er sich erst gar nicht auf den Krieg zwischen Präskriptivisten oder Deskriptivisten einließe. Während sich erstere ständig auf die Logik berufen und arroganterweise darauf beharren im Bezug auf die korrekte Sprachverwendung im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, sprich „Autorität“ zu besitzen, würden sich zweitere einem rhetorischen Pathos hingeben, dessen Ursprung in den 1960-ern liegt und der alles ablehnt, was auch nur an Begriffe wie „Autorität“ oder „Elite“ anstreift, de facto wären letztere schließlich nichts anderes als Demagogen. Und während diese beiden Gruppen beständig aneinander vorbeiargumentieren würden, so DFW, läge die Cleverness des Wörterbuchautors darin, sich seine Autorität schlicht und einfach mit Glaubwürdigkeit zu erarbeiten. Der Autor würde sich weder als Sprachpolizist noch als Demagoge gerieren. Diese Art der „Autorität“ schafft er sich durch eine Umdefinierung gerade dieses Begriffes. Autorität sei in diesem Sinne „die Macht zu beeinflussen oder zu überzeugen“ und zwar durch „Wissen oder Erfahrung“. Ein technokratischer Ansatz, laut DFW, der einer Person deshalb Autorität verleiht, weil sie sachkundig, vernünftig, ruhig und fair, in einer Kombination mit klarer, logischer Beweisführung, agiert. Diese Eigenschaften würden dazu führen, dass der Autor des Wörterbuches als glaubhaft empfunden wird – weil man zumeist jenen Experten vertraut, deren Expertise aus einer als ehrlich empfundenen Leidenschaft für ihr Metier entspringt und nicht aus dem Wunsch unbedingt „Experte“ sein zu wollen. Weil der Autor des Lexikons über eben jene Qualitäten verfügt, die ihn als echten Experten erscheinen lassen, nämlich über leidenschaftliche Hingabe zum eigenen Metier, Vernunft, Verantwortung, Bescheidenheit und Integrität.

Dieses herausragende Fazit DFWs lässt sich gleichermaßen auf seine vorangegangene Analyse zum Thema PC und akademisches Englisch heranziehen, lässt sich somit auch auf die Probleme, die Linke wie Rechte quälen umlegen und lässt mich diesen sehr langen heutigen Eintrag damit schließen, dass auch ich dafür plädiere, dass sich derartige Qualitäten in unserer Politik, in der Werbung, der Wirtschaft, im Journalismus und in der Wissenschaft endlich wieder durchsetzen mögen. Erst dann werden soziale Ungerechtigkeiten abnehmen, werden Wirtschaftsbetrug und Korruption in der Politik nicht mehr grassieren und werden die Wähler wieder echte Alternativen am Wahlzettel vorfinden.

(1)  David Foster Wallace „Authority and American Usage“ (1999). In: „Consider the Lobster“; erstmalige Publikation 2005 durch Little, Brown and Company. S. 66 – 127.

(2)  Dieses Beispiel kann man beliebig erweitern, im Falle gendergerechter Sprache möchte ich z.B. anführen, dass es einer Frau vermutlich herzlich egal ist, ob in einem Inserat ein Binnen-I eingefügt ist, wenn sie den ersehnten Job letztlich deswegen nicht bekommt, weil hierzulande gehobene und Führungspositionen noch immer in ungleich größerer Proportionalität an Männer vergeben werden.

(3)  ich bestätige das in meinem Fall: ich als Frau finde es herablassend, wenn sich die Politik auf Binnen-Is und Geldverbrennungsmaschinen namens „Gender Mainstreaming“ kapriziert, während sich die Einkommensschere in Österreich stetig vergrößert.

(4)  Man muss sich diesbezüglich nur die großen Verluste der SPÖ bei der vergangenen Landtagswahl in Oberösterreich, bzw. der SPD bei der Bundestagswahl in Deutschland vor Augen halten.

(5)  George Orwell „Politics and the English Language“ (1946). Horizon, London. Der ganze Artikel ist im englischen Original hier nachzulesen.

Susanne, 11. Oktober 2009.

Skizzen aus Wien – Nr. 32

The Sandworm - artwork zoer

Es ist eine Weile her seit den letzten Skizzen und ich musste erst nachsehen, welche Nummer der Eintrag damals hatte, war ich doch in den vergangenen Wochen so damit beschäftigt diverse Reiseberichte zu publizieren, kluge Mobiltelefone zu testen oder mich von den Politikstrapazen der Grünen Vorwahlen zu erholen, dass ich mich an derlei Details schon lange nicht mehr erinnern konnte. Ein Blick auf das Datum der letzten Skizze zeigte mir auch, dass der Eintrag mittlerweile mehr als zwei  Monate zurückliegt!

Nun, trotz ungewöhnlich warmer Tage hier in Wien, lässt es sich nicht leugnen, dass der Herbst so gut wie vor der Tür steht, Reisen und damit verbundene Berichte stehen demnächst nicht am Programm, höchste Zeit also auch hierorts wieder ein bisschen Routine einziehen zu lassen und einen kleinen Ausblick auf die nächsten Wochen und Monate zu geben. Im Vordergrund werden wie gewohnt die Themen Musik und Literatur stehen, dem Film möchte ich gerne etwas mehr Raum widmen, sollte mir nicht doch noch der Geduldsfaden reißen, dann wird die Berichterstattung zum derzeit noch in der Sommerpause verweilenden Politikexperiment Grüne Vorwahlen fortgesetzt werden und auch sonst sollen jede Menge weitere kulturaffine Themen Platz finden. Auch die Zweisprachigkeit soll beibehalten, der eine oder andere englische Eintrag hier veröffentlicht werden. Wer weiß, vielleicht packt mich doch noch einmal das Fernweh und es gibt im auslaufenden Jahr noch einen kleinen Reisebericht. Eröffnet soll die neue Skizzen-Saison mit einer musikalisch-literarisch-cineastischen Rundschau werden:

Musik

Das bisherige Konzertjahr war eher weniger ereignisreich, ein Jahr ganz im Zeichen der Wirtschaftskrise. Bis auf den fulminanten Auftritt von Candi Staton im Porgy & Bess diesen März sowie einem gemütlichen Abend mit Lambchop im Wuk Anfang Juli, war eigentlich wenig los in Wien – bedingt natürlich auch durch meinen sehr selektiven Musikgeschmack. Trotz allem hoffe ich auf einen starken Herbst und es gibt auch bereits ein Event, das, sollte sich nichts mehr tun in der Konzertbranche, mein Musikjahr zufriedenstellend ausklingen lassen wird: Am 5. November wird Kris Kristofferson in der Wiener Stadthalle auftreten, im Oktober erscheint sein neues Album „Closer To The Bone“ – die Vorfreude ist groß.  Davor werde ich vielleicht noch einen Abstecher ins Wuk machen – dort spielt am 12. Oktober eine Truppe namens Magnolia Electric Co, die ich bereits vor zwei Jahren in der Wiener Szene erleben konnte und die für eine äußerst gefällige Mischung aus Folk/Country/Indie – oder was man gemeinhin gern als Alt-Country bezeichnet – steht. Mit „Josephine“ hat die Band rund um Jason Molina erst vor kurzem ein sehr schönes neues Studioalbum veröffentlicht. Vielleicht macht auch Conor Oberst mit seiner Mystic Valley Band noch einen Abstecher nach Wien – im Mai war mit „Outer South“ das neue Album erschienen, ein Konzert würde also ausgezeichnet in den Terminkalender passen!

Literatur

Im heurigen Sommer wurde trotz aktiven Reisens und nachheriger Berichterstattung auch einiges gelesen, unter anderem:

Consider the Lobster“ von David Foster Wallace: Wieder eine Sammlung von Essays, die DFWs Stellung als mein aktuell absoluter Lieblinglingsautor zementiert hat und die hierorts zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher rezensiert werden soll. DFWs Debüt-Roman „The Broom of the System“ liegt bereits in meinem Regal und wird ebenfalls demnächst gelesen werden.

Revolutionary Road“ von Richard Yates: Zu Beginn des Jahres kam die Verfilmung des Romans in die Kinos, ich habe sie bisher noch nicht gesehen, Richard Yates’ Roman auf jeden Fall ist, um es mit einem Wort auszudrücken, brillant. Stilistisch erinnert Yates ein wenig an F. Scott Fitzgerald, so schreibt er in einer eindringlichen, sehr plastischen Manier, die einen lakonisch-distanzierten Unterton aufweist und so auf ungemein treffende Weise das Leiden der beiden Protagonisten, des Ehepaars Frank und April Wheeler, am Leben in der verspießerten amerikanischen Vorstadt anschaulich macht. Allerhöchste Leseempfehlung!

The Brief Wondrous Life of Oscar Wao“ von Junot Diaz: Bei diesem zu Beginn des Jahres sehr gehypten Roman zeigt sich was passiert, wenn Literatur-Rezensenten von einander abzuschreiben beginnen. Irgendwann hat offenbar irgendwer einmal geschrieben, dass Junot Diaz der neue Foster Wallace wäre, was sich dann in den Rezensionen fortpflanzte und dazu führte, dass auch ich mir das Buch gekauft habe. Eines ist auf jeden Fall festzuhalten, Junot Diaz hat wirklich nichts gemein mit Foster Wallace, es scheint offenbar zu genügen, dass man Fußnoten verwendet, um mit ihm verglichen zu werden. Nicht, dass Diaz ein schlechter Autor wäre, mir hat die Geschichte, die er erzählt, durchaus gut gefallen, vom Aufbau und Stil her würde ich ihn am ehesten noch mit Jeffrey Eugenides vergleichen, trotz allem wurde mir bei der Lektüre nicht klar, warum man diesen Mann als neues US-amerikanisches Literaturtalent feiert, warum dieses Buch mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Es ist zugegebenermaßen gut, aber nicht sehr gut und vor allem weit entfernt von herausragend. Stilistisch reicht es in keinem Fall an Größen wie z.B. Yates heran, oder eben an David Foster Wallace. Ich würde es eher wie der San Francisco Chronicle im Klappentext zusammenfassen: „a kick-ass work of modern fiction“, sehr unterhaltsam, Junot Diaz ist vielleicht ein Quentin Tarantino der Literaturszene, aber kein herausragender Schriftsteller.

The Voyage of the Beagle“ von Charles Darwin: Wir befinden uns immer noch im Darwin-Jahr, Grund genug für mich, endlich auch einmal die Werke von ihm zu lesen. Die Lektüre des erwähnten Reiseberichts habe ich bereits abgeschlossen, um das Bild abzurunden, lese ich aktuell gerade das Hauptwerk Darwins „On the Origin of Species By Means of Natural Selection“. Beide Werke sollen zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher rezensiert werden, soviel sei bereits erwähnt, es handelt sich bei beiden Büchern um hervorragende Beispiele von Wissenschaftsliteratur in höchster Perfektion und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich um wissenschaftliche Werke, die auch allerhöchsten literarischen Ansprüchen gerecht werden.

Film

Filmtechnisch gestehe ich, dass ich seltener ins Kino gehe, als ich es eigentlich möchte, dass man aber glücklicherweise – der DVD sei Dank – sehr viele herausragende Filme jederzeit auch daheim ansehen kann. Wobei diesbezüglich erwähnenswert ist, dass es so mancher Film hierzulande gar nicht erst in die Kinos schafft und man so gesehen darauf angewiesen ist, einen Verleih zu finden, der einem auch ausgefallene Werke zukommen lässt – mein Dank gilt dabei vorwiegend meinem überaus zuvorkommenden Blog-Kollegen Martin. Einer dieser Filme, der hierbei auch gleich wärmstens empfohlen sei, nennt sich „The Three Burials of Melquiades Estrada“ – ein skurriler und unglaublich fesselnder Film, bei dem Tommy Lee Jones nicht nur die Hauptrolle übernahm, sondern auch Regie führte. Jones verkörpert darin einen Rancharbeiter im Westen von Texas, der bis an seine Grenzen geht, um das seinem, von einem Grenzpolizisten erschossenen, Freund gegebene Versprechen einzulösen, ihn in seiner mexikanischen Heimat zu beerdigen. Sehenswert!

Im Oktober schließlich eröffnet wie gewohnt die Viennale ihre Pforten und ich habe mir vorgenommen, meine letztjährige Frequenz zu verdoppeln. Das sollte nicht schwer sein, denn ich habe vergangenes Jahr sage und schreibe einen (1) Film gesehen, wobei sich jedoch „Chop Shop“ von Regisseur Ramin Bahrani als hervorragende Wahl herausstellte. Mal sehen, ob mir das heuer gleich zweimal gelingt.

In diesem Sinne sei hiermit der Skizzen-Spätsommer eröffnet, über jedwede Kritik, Anregung oder Tipps freut sich wie immer – der Sandwurm.

Susanne, 30. August 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 27

literary sandworm - artwork zoer

 

1079 Seiten und einige Wochen später liegt David Foster Wallaces Infinite Jest nun als gelesenes Buch vor mir (1). Eine Rezension dieses Werkes ist aber nicht nur aufgrund seiner Länge, sondern hauptsächlich wegen seiner beeindruckenden Dichte kein einfaches Unterfangen, trotz allem will ich versuchen einen kleinen Einblick in das Geschehen zu geben, um all jene, die sich für Literatur interessieren, auf diesen außergewöhnlichen Autor aufmerksam zu machen und vielleicht den einen oder die andere davon zu überzeugen, sich ebenfalls auf die Welt des D.F.W. einzulassen.

 

David Foster Wallace, Infinite Jest, Back Bay 10th anniversary paperback edition, 2006

 

Lassen Sie mich mit einer Aufzählung beginnen, denn im Universum von Infinite Jest tummeln sich so viele Figuren, spielen so viele Ereignisse eine Rolle, dass man einen Einstieg am ehesten findet, wenn man einen kleinen Einblick davon kriegt, was einem dort unter Anderem alles unterkommt. In diesem Buch gibt es nämlich wirklich alles, was man in einer absurden Welt vorfinden möchte, die folgende Liste ist also auch nicht ansatzweise abschließend, sondern viel mehr beispielhaft. Oder um es im Juristenjargon zu definieren, demonstrativ, nicht taxativ. Da gibt es (2):

  • Einen Protagonisten namens James O. Incandenza, der sich auf spektakuläre Weise aus dem Leben befördert hat;
  • dessen erstgeborenen Sohn Orin, der sich als Punter der Arizona Cardinals seinen Lebensunterhalt verdingt;
  • dessen zweitgeborenen Sohn Mario, der körperlich behindert, mit einer Kamera auf einem Helm befestigt mehr oder weniger Dokumentierenswertes in einer Tennis Akademie namens Ennfield Tennis Academy (E.T.A.) festhält;
  • und den jüngsten Sohn Hal, der Schüler an oben genannter Institution ist und dessen Lebensinhalt nicht ausschließlich aus hochprofessionellem Tennistraining besteht, sondern zu einem nicht geringen Teil aus dem Ge-/Missbrauch von psychoaktiven Substanzen;
  • die Mutter dieser drei jungen Männer, Avril Incandenza, die an der E.T.A. arbeitet, einer radikalen Gruppierung namens Militant Grammarians of Massachusetts (M.G.M) angehört und stets besorgt um den richtigen Gebrauch der englischen Sprache ist (so erfährt man etwa, dass die Aufforderung von sog. Supermarktexpresskassen „10 items or less“ sie zur Weißglut treiben kann…);
  • des weiteren die Tatsache, dass die USA nunmehr unter dem Akronym O.N.A.N. existieren und sich dieses neue Staatengebilde nicht mehr dem Imperialismus, sondern viel mehr dem Experialismus verschrieben hat;
  • das Faktum, dass man die herkömmliche Zeitrechnung abgeschafft hat und die einzelnen Jahre nunmehr an den meistbietenden Konzern verkauft werden, was zur Folge hat, dass es Jahre gibt, die da z.B. „Year of the Depend Adult Undergarment“ (Y.D.A.U.) oder „Year of the Perdue Wonderchicken“ (Y.P.W.) heißen;
  • ein Gebiet im Nordosten der nunmehrigen O.N.A.N. das durch Müllablagerungen gänzlich unbewohnbar geworden ist, ja quasi ein mutierendes Eigenleben entwickelt hat und das je nach Betrachtungsweise entweder als „Great Concavity“ oder „Great Convexity“ bezeichnet wird;
  • das Faktum, dass die ehemaligen U.S.A. diese unbewohnbaren Gebiete in experialistischen Feldzügen Kanada aufgehalst haben – sehr zum Unmut der Provinz Quebec;
  • was wiederum terroristische quebecois’sche Einheiten auf den Plan gerufen hat, darunter eine gnadenlose Truppe namens A.F.R., deren Hauptcharakteristikum jenes ist, dass alle ihre Mitglieder in Rollstühlen sitzen;
  • eine kurze Karriere des verblichenen J.O. Incandenza, der von seinen Kindern gerne als „Himself“ bezeichnet wird, die im Drehen von Experimentalfilmen bestand;
  • ein daraus resultierender infernalischer Film, der jeden der ihn zu Gesicht bekommt, in ein sabberndes Gemüse verwandelt und der wiederum titelgebendes Objekt des Buches ist; und
  • hinter dem sämtliche Agenten des sog. O.U.S. hinterherjagen, und nicht zuletzt auch die Kämpfer der A.F.R.; erwähnenswert wären dann auch noch
  • eine der Tennisakademie benachbarte Drogenrehabilitationseinrichtung;
  • ein Mann namens Don Gately, seines Zeichens ehemals von allen möglichen hochgradigen Opiaten Abhängiger und mittlerweile Angestellter der Rehab-Anstalt;
  • eine verschleierte Frau, die wahlweise unter dem Synonym Madame Psychosis bzw. P.G.O.A.T. vorkommt; und
  • jede Menge anderer schräger Charaktere, verworrener Situationen und absurder Begebenheiten, welche

 

die Lektüre dieses Buches zu einem kaum beschreibbaren, hochintensiven Lesegenuss machen, wie ich ihn bisher noch nie in dieser Konzentration und Qualität erlebt habe.

Was macht dieses Buch so besonders? Wie bereits in den Skizzen Nr. 17 ausgeführt, bin ich erst im vergangenen Jahr auf D.F.W. aufmerksam geworden und habe als Einstieg zunächst seine Essays im Buch A supposedly fun thing I’ll never do again gelesen. Das würde ich auch allen anderen empfehlen, die vorhaben D.F.W. zu lesen, denn sein außergewöhnlicher Stil ist sicher nicht jedermanns Sache, allen, die Gefallen an den Essays finden, kann ich jedoch garantieren, dass sie von Infinite Jest umso mehr begeistert sein werden. Das Buch bietet nicht nur ein ausgefeiltes Universum an peinlich genau gezeichneten Charakteren und Situationen, es ist insgesamt derart hoch konzentriert, dass man bereits nach wenigen Seiten von der großen sprachlichen Fülle, mit der man in dem Buch konfrontiert ist, in Bann gezogen ist.

D.F.W. besitzt ein nahezu lexikalisches Vokabular und schafft es, mit einer fast beängstigenden Perfektion, den verschiedenen Figuren Leben einzuhauchen, ihnen eine absolut glaubwürdige Stimme zu verleihen, sodass man geneigt ist, zu vermuten, der Autor hat einiges von dem was er in höchstem Detailreichtum beschreibt, selbst erlebt. Das hat er vermutlich auch, wenn man seine Biographie liest, aber es ist müßig darüber zu spekulieren, denn die große Leistung D.F.W.s besteht nicht im vermeintlichen Selber-Erlebt-Haben, sondern in der perfekten sprachlichen Umsetzung der Inhalte, die im Buch eine wichtige Rolle spielen. Da gibt es dann unterschiedliche Dialekte, Slang, Spezialwissen, das wahlweise Sportjournalisten, Mathematiker oder Pharmazeuten vor Neid erblassen lassen kann und als für meine Begriffe beeindruckendste Fähigkeit, eine unglaublich eindringliche Unmittelbarkeit Gefühle und Gedanken zu beschreiben, eine Tiefgründigkeit, die einmal zu Lachstürmen reizt, ein anderes mal wieder tiefe Traurigkeit auslöst, Ekel oder Angewidertsein, Überraschung, Verblüffung und Mitgefühl. Ich habe noch kaum einen Autor gelesen, der einerseits so wortgewaltig ist, andererseits aber nie in unlesbares Kauderwelsch abdriftet, noch nie jemanden, der es schafft in Nebensätzen Lebensweisheiten unterzubringen, über die man selbst Wochen später noch staunt.

Es ist unnötig hier auf den Plot einzugehen, oder auf das, was genau passiert im Buch, ich denke auch nicht, dass es dem Autor vordergründig überhaupt um den Plot gegangen sein mag, wer sich eine schlüssige Kriminalgeschichte erwartet, hat sich das falsche Buch ausgesucht, wer jedoch Sprache, in allerhöchster Präzision erleben möchte, wer offen ist, sich auf diese Geschichte einzulassen, wer banal ausgedrückt so etwas wie den „Harry Potter für Erwachsene“ sucht, der hat ihn mit Infinite Jest garantiert gefunden. Und der wird, so wie ich, spätestens wenn sich das Buch seinem Ende zuneigt, dieses heimlich hinauszögern, weil er sich wünscht, dass dieses mehr als 1000-seitige Werk, das er in Händen hält, erst der Anfang einer vielbändigen Reihe sein möge, der wird nach dem Zuklappen des Buches verwirrt, glücklich und traurig zugleich sein und der wird nicht zuletzt dann wissen, dass er hier eines der Bücher gefunden hat, die es wert sind mehrmals gelesen zu werden.

David Foster Wallaces Infinite Jest sei hiermit vom Sandwurm ausdrücklich und eindringlich empfohlen (3)!

 

(1): Eine deutsche Übersetzung des Buches erscheint voraussichtlich im Herbst 2009, allen, die des Englischen ausreichend (es handelt sich um keine leichte Lektüre, im sprachtechnischen Sinn) mächtig sind, empfehle ich beim Original zu bleiben!

(2): Ich habe nicht alle Akronyme hier erklärt, ein wesentlicher Teil des Lesegenusses ist es auch, herauszufinden, was die einzelnen Abkürzungen bedeuten.

(3): In einer abschließenden Fußnote sei hier auch noch D.F.Ws brillanter Einsatz eben jener Fußnoten erwähnt. Diese entwickeln im Roman de facto ein Eigenleben, funktionieren zwar manchmal durchaus als Erklärung und Erläuterung, bilden aber oft eigene Erzählstränge, die z.B. im Falle einer peinlich genauen Filmographie von J.O. Incandenzas Oeuvre als Filmemacher nicht nur sprachlos machen, sondern die auch den ausdrücklichen Wunsch wecken, J.O.I. möge doch tatsächlich existiert haben, damit man sich eine an Irrwitz kaum zu übertreffende Filmauswahl auch wirklich anschauen würde können.

 

Susanne, 3. Mai 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 17

literary sandworm - Artwork ZOER

 

Schon hatte ich geglaubt, mich bis Juni von sämtlichen Schlagzeilen fernhalten und meine Nerven schonen zu dürfen, da kommen schon die nächsten Meldungen, die einem ungeübten Nachrichtenkonsumenten hierzulande zur Weißglut treiben mögen. Nicht so mich. Ich bin ein Profi und obwohl ich hier zur Debatte stellen wollte, wie obsolet die pseudo-feministische Kritik, an dem was den Grünen gerade zu schaffen macht, ist, obwohl ich die Horden, die in Bezug auf den Umgang mit der weiblichen Führungsriege dieser Partei gerne „Sexismus“ rufen, fragen wollte, warum sie nicht auch aufschreien, wenn man z.B. unsere ungeliebte Innenministerin mit sämtlichen nur erdenklichen Schimpfnamen belegt und überhaupt in den Raum stellen wollte, wie es in der Partei der Fleißigen und Anständigen eigentlich möglich ist, dass einem der ihren nach nur 3 Jahren Arbeit eine Abfindung von über 200.000 Euro zustehen soll, will ich den wertvollen Raum lieber einem widmen, der es wirklich verdient hat.

Ich habe mir mein nachrichten-nihilistisches Nervenschonprogramm nämlich zu Herzen genommen und meinen Kopf in ein Buch gesteckt. Und wurde belohnt. Mit mehreren Stunden unbeschreiblichen Lesevergnügens und anfallsartigen Lachstürmen, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe und die ich hier jedem, der es leid ist, sich über dies oder jenes aus dem tristen Alltag zu ärgern, nicht vorenthalten möchte. Vor allem aber ist der heutige Eintrag dem Autor gewidmet, denn auch wenn mich hier die Schuld trifft, erst aufgrund der Meldung seines Ablebens über ihn gestolpert zu sein, so soll ihm an dieser Stelle zumindest posthum Ehre erwiesen werden, denn die hat er auf jeden Fall mehr als verdient. Und Literaturkritik hat The Sandworm ohnehin noch keine veröffentlicht – höchste Zeit also!

David Foster Wallace ist der, um den sich in den folgenden Zeilen alles drehen soll. Schon mit seinem Debüt 1987 wurde er von der Literaturkritik als Genie, als das junge Talent der US-amerikanischen Literatur-Szene gefeiert, bekam Preise und wurde mit Lob überhäuft. Ich, wie gesagt, habe erst durch die traurige Meldung über seinen Tod, seinen Suizid, von ihm erfahren und möchte hier nicht über das Leben des Autors spekulieren, sondern viel mehr über sein Werk berichten. D.F.W. hat sich mit einem Roman namens „Infinite Jest“ – einem tausendseitigen Wälzer – in die allerhöchsten Sphären der sogenannten postmodernen amerikanischen Literatur katapultiert und wurde bereits als legitimer Nachfolger von Thomas Pynchon gefeiert. Dieses Werk hat mich interessiert und nach ein paar Mausklicks war es auch schon bestellt (1), zusammen mit einem weniger voluminösen Buch, welches ich zum Aufwärmen und Einlesen dazugekauft hatte – 4 Tage später fand sich beides in meinem Briefkasten (2). Mitschuld am Bestellen des Aufwärmbuches war mit Sicherheit sein Titel, der mich nicht unberechtigt vermuten ließ, dass es sich um eine recht humorige Angelegenheit handeln könnte, er lautete: „A supposedly fun thing I’ll never do again“ (3).

 

A supposedly fun thing I'll never do again - David Foster Wallace

 

Meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. Nicht nur stellte sich heraus, das sich D.F.W. der hochtrabenden Lobeshymen als voll und ganz würdig erwies, „A supposedly fun thing I’ll never do again“ ist mit Sicherheit nicht nur die unterhaltsamste Lektüre, die ich seit langem gelesen habe, sie hat mich auch mit ihrem literarischen Stil nachhaltig beeindruckt. Das Buch ist angelegt als Sammlung von insgesamt 7 Essays, die sich mit den unterschiedlichsten Themen beschäftigen. Erschienen 1997, stammen auch die Aufsätze aus den frühen 1990ern und richten sich an eine Leserschaft um die 30, wobei ich nicht davon ausgehen möchte, dass nicht wahlweise auch jüngere oder ältere Literaturliebhaber die Geschichten interessant und unterhaltsam finden könnten, der Inhalt wird aber wohl eher den sog. „thirtysomethings“ liegen, vor allem jenen, die belesen und eher amerikanophil veranlagt sind. Eine hierzulande möglicherweise recht eingeschränkte Zielgruppe, die dafür aber voll und ganz auf ihre Kosten kommt. Analysen über Tennis und die Psychologie des Qualifying für bestimmte ATP Tourniere (4), Literaturkritik und Notizen vom Set von David Lynchs „Lost Highway“ finden sich dort genauso wie Betrachtungen über den Besuch des State Fair von Illinois (5) und schließlich das Highlight, ein minutiöser Bericht über die Teilnahme des Autors an einer Luxuskreuzfahrt in die Karibik. Letzterer trug die Überschrift, die schließlich auch zum Buchtitel werden sollte und ist unter Garantie einer der besten Essays, die ich je gelesen habe.

D.F.W. schreibt unterhaltsam und mit großem Detailreichtum, er schafft es mühelos den Bogen zu spannen zwischen elaborierter Sprachverwendung und fast slapstickartiger Komik, er erzählt mit großer sprachlicher Finesse, ohne dass sein Text kompliziert oder unleserlich würde und fabuliert trotz allem mit bodenständiger Klarheit, ohne je banal zu werden. Zuviel soll nicht verraten werden, aber der Autor berichtet mit unglaublicher Leichtigkeit und gnadenloser Offenheit nicht nur über die Absurditäten, die das Leben und die Leute an Bord zu bieten haben, er nimmt sich auch selbst, als Fremdkörper unter den Kreuzfahrtprofis, nicht von der Kritik aus und verschafft dem Leser dieses fast 100-seitigen Essays Stunden ungetrübter Lesefreude. „A supposedly fun thing I’ll never do again“ von David Foster Wallace sei hiermit allerwärmstens empfohlen.

 

(1) danke Amazon.de!

(2) und wäre wohl auch dort verblieben, hätte ich es nicht unter Aufwand fast übermenschlicher Kräfte aus dem Postfach gezerrt, in welches es vom Briefträger unter maximaler Ausnützung des dort vorhandenen Platzes hineingepresst wurde.

(3) auf Deutsch: „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“

(4) auch österreichische Tennisfreunde kommen auf ihre Kosten, so finden Horst Skoff und Julian Knowle Erwähnung, wenn auch eher am Rande.

(5) eine Art landwirtschaftlicher Leistungsschau samt „Dingel-Dangel“ für Unterhaltungszwecke.

 

P.S.: falls Sie sich mit dem Stil in dem dieser Eintrag verfasst wurde schwer tun, dann wird ihnen vermutlich auch D.F.W. nicht gefallen, der wird nämlich nicht zu Unrecht von vielen „Meister der Fußnoten“ genannt…wobei meine hommageartige Anwendung dieses Instruments noch harmlos ist – zum ersten mal im Leben habe ich Fußnoten gelesen, die ihre eigenen Fußnoten hatten, sozusagen Fußfußnoten.

P.P.S.: ich kann hier bloß über die englische Originalfassung des Buches berichten, ob die deutsche Übersetzung gelungen ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Susanne 15. Februar 2009