Konzertbericht – Willie Nelson, Wien 2010

Eines stand bereits beim Betreten der Halle F fest, das Publikum, das sich Willie Nelson ansehen wollte, war bei weitem countryesker als jenes, welches sich vergangenes Jahr zum Gig von Kris Kristofferson eingefunden hatte. Da waren einige bestickte Westernhemden auszumachen, nicht wenige sogenannte Fringe Jackets (die Rauhlederklassiker mit den Fransen auf der Rückenpartie und an den Ärmeln) und selbst die Stetson-Dichte war auffällig. Zwei Merchandise-Verkäufer, von denen der eine in breitem (aufgesetztem?) Texas-Akzent „Get your Willie Nelson shirt…“ proklamierte, schufen eine Rodeo-ähnliche Atmosphäre. Die Halle würde wohl voll werden.

Genau so war es auch. Bis auf wenige Plätze weiter hinten war der Saal gut gefüllt. Die Bühnendekoration war mit einer Flagge im Hintergrund etwas weniger spartanisch als bei Kristofferson, zudem war auch Bandgear aufgebaut. Ein Klavier, Schlagzeug – beschränkt auf ein mit Besen bedientes Tom – Percussions und im Vordergrund die liebevoll plazierte legendäre Gitarre Willie Nelsons. „Trigger“ nennt er sie und spielt bereits so lange drauf, dass sie am Klangkörper ein gar nicht so kleines Loch aufweist.

Fast pünktlich begann schließlich das Konzert, Nelson betrat die Bühne und startete mit dem Klassiker „Whiskey River“. Gut gelaunt und in erstaunlich guter Form absolvierte der mittlerweile 77-Jährige schließlich ein nicht ganz zweistündiges Konzert, in dem er nicht nur eine Vielzahl seiner eigenen Songs zum Besten gab, sondern auch auf diverseste Widmungen an Vorbilder oder Wegbegleiter nicht vergaß.

Stilistisch spannte er mit seiner Band, aus der ein hervorragender Mundharmonikaspieler herausstach, einen Bogen vom Blues, über Rock und Country bis zum Jazz und wieder retour. So bekam man ein Medley aus „Funny How Time Slips Away/Crazy/Nightlife“  ebenso zu hören wie die Klassiker „On The Road Again“ „Angel Flying Too Close To The Ground“ oder „Blue Eyes Crying In The Rain“. Tributes gab es an Waylon Jennings („Good Hearted Woman“) und Hank Williams („Jambalaya“, „Hey Good Lookin’“) dazu noch jede Menge anderer Songs aus eigener oder fremder Feder. Zum Beispiel „You Were Always On My Mind“, „I’m The Man With The Blues“, „Me And Paul“, oder „To All The Girls I’ve Loved Before“.

Willie Nelson befand sich, wie erwähnt, in bester Stimmung, seine Gitarre schien mit ihm verwachsen zu sein und so spielte er sich trotz, oder vielleicht wegen, seines fortgeschrittenen Alters nicht nur durch großartige Soli, egal ob Jazz, Blues oder Country – komplimentiert vom Mann an der Mundharmonika – sondern beeindruckte auch nachhaltig mit seiner immer noch erstaunlich kräftigen Stimme, die er von ruhigen, tieferen Tönen bis zu den für ihn typischen nasal-schnarrenden, höheren Lagen ausreizte. Ganz nebenbei schreckte er auch nicht davor zurück, den Mitsingdrang des Publikums zu befriedigen.

Jeder schöne Abend muss ein Ende haben – oder wie Willie sagen würde „the party’s over“ – und so erleuchtete der charismatische Countryboy mit „I Saw The Light“ noch einmal Saal und Publikum. Ein paar Autogramme gab’s noch, ein beherzter Fan, der sein allerschönstes Western-Pailletten-Outfit trug, sprang beherzt auf die Bühne und durfte die Hände seines Idols schütteln, der Rest klatschte und sang sich durch das letzte Lied, schließlich verabschiedete sich Nelson und verschwand hinter die Bühne.

Praise the Lord, I’ve seen the light“. Möge ihn der tägliche Marihuanakonsum noch für ein paar weitere Konzerte hierzulande konservieren.

Susanne, 21. Juni 2010

Chouffe, Chouffe, Chouffe

Brüssel ist eine Stadt, die man nicht um ihrer selbst willen besucht. Ich zumindest nicht. Brüssel ist viel mehr eine Stadt in die man fährt, wenn man dort etwas zu erledigen hat, oder eingeladen wurde. Wie ich zum Beispiel.

Nicht, dass ich Brüssel als Stadt unbedingt klein reden möchte. Vor Jahren, damals lebte ich in Paris, hatte ich herausgefunden, dass man mit dem Hochgeschwindigkeitszug TGV nur etwa eine Stunde dorthin benötigte und wäre fast hingefahren. Dann hab ich’s mir überlegt und fuhr nach Marseille, eine Stadt, in die man unbedingt um ihrer selbst willen fahren sollte. Ich habe damals beschlossen, ich würde erst nach Brüssel fahren, wenn man mich dorthin einlädt.

Zwei Jahre später war es soweit und die EU höchstpersönlich bezahlte die Reise. Also fuhr ich hin. Einen ganzen Tag lang habe ich mich dann umgesehen und festgestellt, dass ich mit meiner Voreingenommenheit zum Teil recht gehabt hatte. Brüssel ist tatsächlich nicht besonders aufregend. Es gibt einen kleinen, sehr schönen historischen Kern, der im Grand Place sein Zentrum findet, durch die Gässchen rund herum kann man gut und gerne ein paar Stunden sehr gemütlich flanieren, das berühmte Manneken Pis entdeckt man meist erst deswegen, weil sich zu jeder Tageszeit dort eine Traube von Touristen gebildet hat, die ihm bei seinem endlosen Wasserlassen zusieht.

Vor kurzem war es wieder so weit und ich bin als Teil einer österreichischen Blogger- und Bloggerinnen-Gemeinschaft, wieder gefördert von der Europäischen Union in Form eines Reisezuschusses, initiiert durch den Wiener Gemeinderat Marco Schreuder und auf Einladung der  Grünabgeordneten Ulrike Lunacek und Eva Lichtenberger erneut nach Brüssel gereist. Viel Zeit blieb auch diesmal nicht – ein ziemlich dichter Parcours durch europäische und österreichische Institutionen stand am Programm (mehr darüber kommende Woche in meiner Kolumne auf zurPolitik.com), lediglich der Anreisetag sowie die Abende standen zur touristischen Disposition.

Nachdem ich nun der Stadt bereits einiges an touristischer Wertigkeit abgesprochen habe, muss ich mich doch um eine gewisse Ehrenrettung bemühen. Brüssel ist, auch wenn man nicht eingeladen ist, allemal eine Durchreise wert. Und zwar vor allem wegen seiner kulinarischen Reize.

Bereits beim ersten Aufenthalt galt mein Hauptaugenmerk der Suche nach einem gewissen „Léon de Bruxelles“. So nennt sich eine Lokalkette, die ich in Paris gerne wegen eines bestimmten Gerichts frequentiert hatte: „Moules Frites“ – zu deutsch Muscheln mit Pommes. Dass ich das Brüsseler Restaurant nicht sofort fand, lag einzig und allein daran, dass ich nicht klug genug war, zu erkennen, dass der topographische Namenszusatz in Brüssel selbst völlig unützes Beiwerk war, das Lokal hieß dort logischerweise schlicht und einfach „Chez Léon“.

Bei der vor kurzem erfolgten Reise hat es sich nun auf wundersame Weise ergeben, dass am ersten Tag, in kleinere Grüppchen aufgesplittert und auf der Suche nach Essbarem, ausgerechnet meine Gruppe plötzlich vor dem Lokal stand. Besser hätte ich es nicht planen können. Moules Frites – erledigt. Passenderweise gab es ein Mittagsmenü samt jenem Getränk, welches auch gleich den zweiten kulinarischen Fokus der Reise bildete: Bier.

Wer nach Brüssel kommt sollte sich auch bei den unzähligen Biersorten kundig machen. Mitunter lohnt sich das. Zum Glück hatte ich einige gerstensaftaffine Bloggerkollegen und -kolleginnen an meiner Seite, während der viertägigen Reise gab es also genug Gelegenheiten, da und dort einen Schluck zu kosten und so gröbere Leberschäden zu vermeiden.

Zum Bier ist folgendes zu sagen. Es gibt in Belgien vermutlich so viele Biersorten, dass man sie kaum in einem Jahresaufenthalt in Brüssel durchtesten würde können. Es gibt dunkle und helle, leichte und sehr, sehr starke, es gibt Weißbiere und Pilse und es gibt die notorischen Fruchtbiere. Dorn in den Augen so mancher Reinheitsgebotsapostel, Suchtfaktor für wieder andere. Ich persönlich konnte weder dem Bananen-, noch dem Mangobier viel abgewinnen, Kirschbier (Kriek) ging gerade so, mein Favorit eindeutig Himbeerbier. Unter den restlichen Bieren erinnere ich mich noch mit Schaudern an ein Starkbier (10+Vol.%), welches hauptsächlich nach Ethanol schmeckte und dankenswerterweise von meinem biertechnisch unerschütterlichen Mittester ausgetrunken wurde. Der Name dieses Bieres ist mir entfallen, ob das bereits diversen Ausfallserscheindungen geschuldet war, will und kann ich nicht beurteilen.

Zwischendurch muss gegessen werden und diesbezüglich gibt es in Brüssel noch mehr im Angebot als Muscheln mit Pommes. Pommes alleine zum Beispiel. Erfunden von den Belgiern, von den Amerikanern frankophoniert und dann auch noch befreit, heißen sie in Brüssel immer noch Frites. Und die allerbesten gibt es bei Antoines Frittenbude am Place Jourdan, mitten im EU-Viertel. EU-Volk und Einheimische schwärmen in den jeweiligen Pausen gern zum Platz und holen sich die eine oder andere Tüte, klassisch belgisch natürlich mit sehr viel Mayonnaise. Schließlich brauchte man für die abendliche Biertesterei auch eine ordentliche Unterlage.

Der Sieger dieses Tests wurde schließlich am letzten Abend gekürt und nennt sich Chouffe. Ein hervorragender Name, der sich auch nach mehreren Gläsern noch verständlich aussprechen lässt, und dessen phonetische Eigenschaft so einprägsam war, dass noch mindestens eine Mittesterin dem Chouffe-Effekt erlag. Wie der aussieht? Man bestellt einfach. Ein Chouffe und noch ein Chouffe. Chouffe, Chouffe, Chouffe.

Hilfreiche Informationen:

Anreise: Günstige Direktflüge aus Wien gibt es aktuell mit Austrian Airlines oder Brussels Airlines. Die Flugzeit beträgt etwas weniger als 2 Stunden. Der Transfer vom Flughafen ins Stadtzentrum kostet aktuell um die 5 Euro. Ein Dreitagespass für die öffentlichen Verkehrsmittel in Brüssel kostet 9,50 Euro (exkl. Fahrt zum Flughafen).

Unterbringung: Diverse Hotelbörsen vermitteln günstige Zimmer, die Bloggergruppe war im Hotel Floris Ustel Midi in Bahnhofsnähe untergebracht. Diesbezüglich kann ich selbst keine Beschwerden vorbringen, außer, dass die Gegend rund um das Hotel eher als heruntergekommen zu bezeichnen ist, Mitreisende haben darüber hinaus u.A. über Probleme mit dem W-Lan in ihren Zimmern berichtet.

Chez Léon: 18 Rue de Boucher

Friterie chez Antoine: Place Jourdan

Susanne, 17. Juni 2010

Konzertbericht – Bob Dylan, Linz 2010

Gestern abend trat Bob Dylan in Linz auf. Ich war dabei, was im Grunde genommen recht ungewöhnlich ist, da ich normalerweise versuche für Konzerte nicht allzu weit von dort zu pendeln, wo ich im Moment gerade lebe. Aktuell ist das Wien. Aber für Bob Dylan mache ich jederzeit eine Ausnahme also fuhr ich gestern Abend nach Linz.

Eigentlich hätte ich nach Bratislava fahren sollen, dort hatte er auch einen Termin gebucht, es ging aber nach Westen statt nach Osten, vor allem wegen der Tatsache, dass die Tickets fürs Konzert in Bratislava wesentlich teurer waren als in Linz. Bis heute ist mir der Grund dafür schleierhaft.

Egal, im Auto auf der A1 war die Distanz schnell bewältigt, für die Kurzweil war zuerst Willie Nelson verantwortlich – der spielt übrigens nächsten Sonntag in Wien, The Sandworm wird berichten – später sozusagen als Einstimmung Dylan selber. In Linz angekommen musste ich übrigens bloß einmal nach dem Weg zum Stadion fragen – die Musik habe ich vorsichtshalber abgedreht, ich fand es dann doch irgendwie peinlich am Weg zum Dylan Konzert Dylan zu hören.

Schon beim Parken vor dem Stadion hatte sich der Himmel verfinstert, ein Wolkenbruch war im Anmarsch, da man die Türen noch verschlossen hielt, setzte ich mich an die Seite und beobachtete die anderen. Das Publikum entsprach nicht unbedingt dem was ich mir normalerweise erwartet hätte, aber ich war durch das vorjährige Kristoffersonkonzert schon vorbereitet darauf, dass diese Art von Musik hier in Österreich, vermutlich ganz Europa, sehr vielschichtige Liebhaber anzog.

Als es zu regnen begann, stellte ich mich in die Schlange vor dem Einlass und hoffte, man würde die Türen öffnen bevor wettertechnisch der Teufel los war. Hat man nicht. Und so stand die Menschentraube plattgedrückt an die nur von einem Minimaldach geschützte Stadionwand und beobachete, fühlte, wie dunkelschwarze Wolken ihre ganze Last auf einmal los wurden. Die Stimmung war aber gut – Vertreter einer Linzer Radiostation verteilten Zuckerl und Kondome – was haben wir gelacht. Dylan hat schon recht wenn er singt: „Things have changed“.

Endlich ließ man uns ins total charmfreie Stadion, die meisten waren in der Zwischenzeit klatschnass. Wenigstens war es warm und ich vertrieb mir die Zeit bis zum Konzertstart mit dem Herumwandern durch die Halle. Man hatte offenbar auf die Anwesenheit von ein paar Beat-Anhängern gesetzt. Über die Lautsprecher spielte man eine Lesung von Jack Kerouacks „On the Road“ ein, ich bin nicht sicher, ob das angekommen ist, die Hintergrundmusik stammte kurioserweise von Barbara Streisand. Irgendwie passte diese komische Mischung aber auch wieder zur Stimmung in der Halle.

Fast pünktlich, nachdem der Meister offenbar die Erlaubnis gegeben hatte, die paar vor der Bühne Stehenden – unter die ich mich dann selber mischte – gewähren zu lassen, ging es los. Ohne viel Zeremoniell begaben sich Dylan und seine Musiker an die Instrumente, es gab kaum Deko, im Vordergrund standen die Musik und natürlich Bob. Mehr war auch gar nicht nötig.

Der Abend begann mit einem ordentlichen Blues. Ich kann und werde nicht auf die Setlist eingehen – nur soviel – Dylans Songs klingen nicht mehr wie das, was man von den alten Alben kennt, insgesamt aber hat ihnen diese musikalische Metamorphose sehr, sehr gut getan. Zum einen weil die Band aus erstklassigen Musikern bestand, man hatte die Instrumentenanforderungen für Stilrichtungen vom Blues, über Country bis hin zu Rock n’ Roll voll abgedeckt. Stehbass, Pedal-Steel-Guitar, Banjo, Keyboards im Hammondorgelklang, alles war da und wurde von der, so muss ich dazu erwähnen, überaus stylischen Band, professionellst bedient. Die modische Slickness dieser Truppe hat mich auch einiges an Aufmerksamkeit gekostet. Allesamt schienen wie aus einem modernisierten 1930er Gangster/Untergrundlokal-Filmset herausgenommen. Im Anzug, teilweise mit Fedora, Cowboyboots schufen etwas Westernatmosphäre. Ein Augen- und Ohrenschmaus.

Dylan selber trug ein skurriles Outfit, das ich als maoistisch anghauchtes Tombstone-Totengräber-Ensemble beschreiben würde. Weißes Hemd, Bootlace Tie mit Metallspange, Schwarzer Gehrock, schwarze Hose, beides weiß berändert, sehr coole Boots, am Kopf einen weißen Cordobés Hut. Vor allem aber schien er gut gelaunt zu sein und was folgte, kann man wohl am besten als eine sehr gut eingespielte Jam-Session beschreiben, die vom Blues zu einer Art Rockabilly, über Country-Klänge und die eine oder andere leisere Nummer bis zum Rock meanderte.

Insgesamt, so mein Eindruck, ist Dylans bevorzugte Richtung derzeit der Blues, was ich nur gutheißen kann, ist der Stil doch auch einer meiner persönlichen Favoriten und nicht wenige meiner Dylan-Lieblingsnummern sind blueslastig.

Der Meister pendelte also zwischen Keybords, Gitarre und Mundharmonika, legte den einen oder anderen inspirierten Hüftschwung ein und sorgte alles in allem für einen großartigen Abend. Mit mittlerweile 69 Jahren, in und mit seinen Liedern gereift, kann ich meinen Eindruck nicht anders formulieren, als in einer Art mathematischer Formel: Dylan = Musik = Lyrik. Wer sich also bei einem Bob Dylan Gig erwartet, dass der Alte auf der Bühne sitzt und seine Lieder so wiedergibt, wie er sie vor 30 oder mehr Jahren gesungen und gespielt hat, der hat nichts von Dylan oder von Musik insgesamt verstanden.

Ich und – so konnte ich aus den Unterhaltungen, die zwischen den Songs rund um mich stattfanden, feststellen – viele Andere, waren begeistert. Als Dylan schließlich nach Nummern wie „I’ll be your Baby tonight“, „Highway 61 Revisited“ oder „Like a Rolling Stone“ den Abend mit „Forever Young“ schloss, war im Publikum mehr als spürbar, dass die meisten von Herzen wünschten, die Worte zu diesem Lied mögen vor allem ihm selber gelten.

Mein persönliches Fazit des Abends bestand darin, dass ich 19 Jahre nach dem ersten Besuch eines Dylan Konzertes feststellen kann, dass sich gleichermaßen alles wie nichts geändert hat und Dylan jener Musiker ist, der diese scheinbare Unvereinbarkeit am allerbesten verkörpert. Ganz nebenbei bemerkt, muss ich festhalten, dass ich Männer mit coolen Boots schon immer mehr als sympathisch fand.

Susanne, 13. Juni 2010

The Sandworm empfiehlt – Willy Vlautin „Lean on Pete“

Vergangenes Jahr habe ich Willy Vlautin und seine Band „Richmond Fontaine“ für mich entdeckt und ganz nebenbei herausgefunden, dass auch ein vielversprechender Schriftsteller in Vlautin steckt.

Sein Debütroman The Motel Life war schnell gelesen und hat stilistisch wie auch erzählerisch überzeugt. Sparsamer Spracheinsatz, eine sehr direkte, ganz nah am Alltagsjargon der Protagonisten angelegte Prosa und die ausgesprochen bildhafte Schilderung der Ereignisse verliehen der Geschichte eine Realitätsnähe, wie man sie in der Literatur ganz selten findet. Darüber hinaus bildeten auch die gewählten Charaktere des Buches eine Abweichung von der Norm, handelte es sich doch um Repräsentanten jenes Teils der Gesellschaft, die man allgemein als Ausgestoßene, Randgruppen oder Verlierer bezeichnet.

Auch Vlautins zweites Buch „Northline“ hält sich an die oben beschriebene Grundstruktur und schafft es, trotz einer anfänglichen Sorge meinerseits, darin bloß „mehr desselben“ vorzufinden, eine gleichermaßen abgründige wie bewegende Geschichte zu erzählen. Dass das Augenmerk Vlautins auf den Absteigern der Gesellschaft ruht, oder gar auf jenen, die von vornherein keine Chance haben, hat Literaturkritiker, die sein Debüt mit großem Wohlwollen, ja mit dem einen oder anderen euphorischen Lobesgesang begleitet haben, dazu veranlasst, ihn gerne auch als Schriftsteller der „Disenfranchised“, der Entrechteten, in der Tradition von John Steinbeck oder Raymond Carver, zu preisen.

Dementsprechend neugierig war ich also auf das jüngste Werk des Autors, welches erst vor Kurzem unter dem Titel „Lean on Pete“ erschienen ist. Vergangene Woche war es so weit und wie bei den beiden Vorgängern hatte ich das Buch innerhalb von zwei Nachmittagen fertig gelesen.

In „Lean on Pete“ erzählt der 15-jährige Charley Thompson seine Geschichte. Mit seinem Vater, einem einfachen Arbeiter, nach Portland, Oregon, gezogen, ohne Mutter, die irgendwann als er noch klein war abgehauen ist, findet sich der Junge in einer fremden Stadt ohne nennenswertes soziales Netzwerk, mit einer einzigen verblassenden Erinnerung an eine liebenswerte Tante, die in Wyoming gelebt hat, wieder.

Während seiner Streifzüge durch die Nachbarschaft entdeckt er eine Pferderennbahn, zufällig trifft er dort auf den Trainer Del, der ihn – es ist Sommer und die Schule hat noch geschlossen – als Stallburschen und Hilfskraft einstellt. Eines von Dels Pferden trägt den Namen „Lean on Pete“ und es wird, nachdem Charleys Vater in einer Schlägerei zu Tode kommt, zur einzigen Ansprache des nunmehr völlig auf sich gestellten Jungen.

Charlie zieht heimlich in die Sattelkammer neben Petes Box und lebt von den unregelmäßigen Lohnzahlungen Dels. Er lernt schließlich sehr schnell, dass Del seine Pferde als bloßes Rennmaterial sieht, das er nur so lange erhält, als es in der Lage ist, wenigstens das eine oder andere mal zu gewinnen, und der Schlächter schnell zum Ausweg wird, wenn die Tiere nicht mehr wollen oder können. Als Charley sich überzeugt sieht, dass Lean on Pete das nächste Schlachtpferd sein würde, stiehlt er in seiner Verzweiflung Dels Truck, samt Anhänger und macht sich mit dem Pferd auf die Fahrt nach Wyoming, auf die Suche nach seiner einzigen Verwandten.

Vlautin eröffnet mit dieser Szene einen Prozess, den man auch aus seinen Vorgängerromanen kennt, es beginnt sozusagen eine Art Passion, ein Leidensweg, der den Jungen, der immer noch Kind ist, durch eine Abfolge von Missgeschicken, von Begegnungen mit, meist, den falschen Leuten, an die Grenzen seiner Belastbarkeit treibt. Vlautin gelingt es auch diese Reise mit wenig Pathos, mit gerade noch genügend Realismus zu beschreiben, um nicht ins Kitschige abzugleiten. Und es wäre auch nicht der Vlautin, den man aus seinen früheren Romanen kennt, würde nicht am Ende doch noch Hoffnung aufkeimen.

Lean on Pete“ ist also genau das, was man vom Autor Willy Vlautin bisher zu schätzen wusste. Es ist die Auseinandersetzung mit den Außenseitern der Gesellschaft, mit Leuten, denen man üblicherweise aus dem Weg geht, oder über deren Schicksale man sich nur begrenzt informiert, weil man meistens gar nicht so genau wissen möchte, was sich darin wirklich abspielt.

Das Buch ist gewohnt spannend und schafft es, ebenso wie seine Vorgänger, die Leserin bereits nach den ersten Seiten mitten ins Geschehen zu ziehen. Trotz allem aber fehlt etwas. War ich nach der Lektüre von Vlautins erstem Buch (The Motel Life) innerlich aufgewühlt und tief beeindruckt, und selbst beim zweiten Roman (Northline) positiv überrascht, dass der Autor mit einer ähnlichen Geschichte trotz allem noch Neues zu erzählen wusste, so fehlte mir dieses Gefühl am Ende von „Lean on Pete“. Viel mehr macht sich die Sorge breit, dass Vlautin als Schriftsteller vielleicht doch nur verschiede Varianten einer Geschichte in sich trägt und vor allem, dass sich diese Varianten bald nicht mehr viel von einander unterscheiden würden.

Ich kann „Lean on Pete“ noch immer als gutes Buch empfehlen, nicht als sehr gute, aber als in sich schlüssige, stimmige Geschichte, die vielleicht einen kleinen Schuss zuviel an Pathos mitschwingen lässt, etwas zu viel an Verzweiflung und Unglück, eine Erzählung, die ein wenig zu sehr überzeichnet, selbst wenn man bei der Lektüre sicher ist, dass es ähnliche Schicksale in noch schlimmerem Ausmaß geben kann, ja muss, aber ich bin eine optimistische Anhängerin Vlautins und ich hoffe darauf, dass er als Autor die Kurve kratzen wird. Dass er den Leser im nächsten Werk wieder positiv überraschen wird. Darauf hoffe ich nicht nur, weil mir Vlautin persönlich sympathisch ist, sondern auch weil ich ihn stilistisch und davon ausgehend, was er in seinen ersten zwei Büchern an literarischen Versprechen gemacht hat, als Schrifsteller einschätze, der im Moment vielleicht noch seinen Weg sucht, der aber durchaus in der Lage ist, diese Versprechen einzulösen.

Susanne, 6. Juni 2010