Skizzen aus Wien – Nr. 26

musical sandworm - Artwork ZOER

 

Dienstag, 21. April 2009, Porgy & Bess, Wien. Auftritt von Candi Staton & Band und der erste ernstzunehmende Konzerttermin in diesem Jahr. Ich war zwar physisch bereits im Jänner beim Termin von Marc Lanegan und Greg Dulli im Wuk anwesend, außer dass dieses Konzert, soweit ich es hören konnte, akustisch recht angenehm klang, kann ich jedoch nicht viel mehr darüber berichten, da ich im Foyer in eine hochinteressante Diskussion verwickelt wurde und es so nicht einmal bis in den Konzertsaal geschafft habe. Anders jetzt bei Candi Staton. Ich hatte bereits die Hoffnung aufgegeben, vor dem Sommer noch ein akzeptables Konzert zu sehen, da hat mir mein Blogkollege Martin vom geplanten Auftritt erzählt, die Karten waren schnell gekauft und vergangenen Dienstag war es soweit.

Im Gegensatz zu meinem letzten Besuch im Porgy & Bess (Skizzen aus Wien Nr. 8 ) haben sich die Veranstalter diesesmal gottseidank dafür entschieden, die Bestuhlung wegzulassen, einem vergnüglichen Konzerterlebnis stand also nichts im Wege. Zwar hatte ich, nach dem was auf den letzten zwei Alben Statons zu hören ist, eher mit einem besinnlicheren Ton gerechnet, es kam aber ganz anders. Candi Staton, mittlerweile 66 Jahre alt, betrat die Bühne sichtlich gut gelaunt und legte los. Begleitet von einer exzellenten Band (darunter auch einer ihrer Söhne, zuständig für Percussions) kündigte sie gleich selbst an, dass es sich hier um eine Party handle. Ein besonders sympathischer Aspekt war übrigens die Tatsache, dass die beiden Background Sänger nicht in den wortwörtlichen Background verbannt waren, sondern ebenbürtig neben Staton vorne auf der Bühne ihren wohlverdienten Platz fanden. Was folgte war ein unerwartet mitreißendes Konzert, in dem auch der eine oder andere besinnlich-traurige Song nicht unterschlagen wurde (z.B. eine ausgezeichnete Version von Presleys „In The Ghetto“), in dem aber das Wohlbefinden des Publikums ein Hauptanliegen der Künstlerin und ihrer musikalischen Unterstützung zu sein schien. Staton zeigte sich als zutiefst sympathische Performerin, die den Abend fast im Zwiegespräch mit den Zuhörern bestritt und die vom ersten Augenblick an mit ihrer unglaublichen Energie und einer fantastischen Stimme beeindruckte. Die gute Laune Statons übertrug sich sofort aufs Publikum, songtechnisch war dann auch für Jeden und Jede etwas dabei. Von „I’d Rather Be An Old Man’s Sweetheart“ und „Stand By Your Man“, bis zu „Who’s Hurting Now“ (vom aktuellen Album) und der mit dem Publikum gemeinsam gesungenen weiteren Presley-Nummer „Suspicious Minds“. Nicht zu vergessen auch „Young Hearts, Run Free“, jenem Song, mit dem Staton 1976, anno disco, einen veritablen Hit geliefert hat.

Stilistisch im Cross-Over zwischen Soul, Funk, Country, R&B und Gospel, gab es zwischen den Songs Aufmunterung und Durchhalteparolen für die weltwirtschaftskrisengeplagten Zuhörer – „everything’s gonna be alright“  – oder Staton philosophierte über ihr Leben und ihre Lieder, die sich zum allergrößten Teil mit jenem Thema beschäftigen, das auch den Rest der Menschheit permanent in Atem hält: die Liebe. Trotz allem aber musste man an diesem Abend nicht die Taschentücher auspacken (dafür empfehle ich private Hörabende der letzten beiden Alben Statons), sondern konnte wahlweise mitsingen, -klatschen oder -tanzen. Sprichwörtlich lud Staton dann noch zum Kirchenbesuch ein – wer ihre Biographie liest lernt, dass sie sehr lange ausschließlich im Kirchenchor sang, um persönliche Probleme zu bewältigen – trotz allem gab es aber keine Missionierungsversuche, im Gegenteil, es ging ja auch in die „Church of Soul“ und nach diesem Konzert kann ich guten Gewissens sagen, dass ich in dieser Glaubenskongregation sofort Kirchgängerin würde. Nach zwei Zugaben ging der Abend schließlich zu Ende und ich kann nicht behaupten, dass ich beim Verlassen der Konzertlocation auch nur ein unzufriedenes Gesicht erblickt hätte. Dazu fällt mir ein, dass Candi Staton bereits nach dem ersten Song des Abends zum Publikum meinte: „I’m so glad I came today“, darauf kann ich nach diesem Konzert bloß eines erwidern: „So were we, Candi, so were we!“.

Allen, die Soul und verwandte Musikrichtungen schätzen, seien Candi Statons aktuelles Album „Who’s Hurting Now“, sowie der Vorgänger „His Hands“ wärmstens empfohlen, mir bekannt auch noch eine Zusammenfassung ihrer Alben „I’m Just A Prisoner“ und „Stand By Your Man“, die sich „Candi Staton – The Sweetheart of Soul“ nennt und einen guten Einblick in ihre künstlerische Arbeit Ende der 1960er und Anfang der 1970er gibt. Wer sein Herz für Soul et. al. noch nicht entdeckt hat, dem empfehle ich die Compilation „Dirty Laundry – the Soul Of Black Country“, eine exzellente Songsammlung, welche die unterschiedlichen Zugänge afroamerikanischer Gesangskoryphäen wie Bobby Womack, The Pointer Sisters, James Brown, Solomon Burke oder eben auch Candi Staton zur Country-Musik eindrucksvoll darlegt und für Genrenovizen ein idealer Einstieg ist (ein herzliches Dankeschön diesbezüglich an Mitblogger Martin!).

Hier noch der Link zu Candi Statons Webseite für alle, die mehr über sie wissen möchten.

Und nachdem in meinem Fall der Konzertkalender derzeit wieder völlig leer ist, noch schnell ein paar Hinweise auf die nächsten interessanten Alben, die eine längere konzertfreie Phase möglicherweise (mir auf jeden Fall) erträglicher machen. Da gibt es Bob Dylans „Together Through Life“ sowie Conor Oberst and The Mystic Valley Band mit „Outer South“. Wer sonst noch über geheime Informationen in Sachen Konzerte, Wien und Albenreleases verfügt, bitte keine Hemmungen und Kommentar an The Sandworm!

 

Susanne, 26. April 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 25

literary sandworm

 

Eigentlich hatte ich vorgehabt heute eine umfassende Rezension von David Foster Wallaces Infinite Jest zu veröffentlichen, das Wetter jedoch hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, denn nachdem sich dieses Buch absolut nicht als „Unterwegs-Buch“ eignet (über 1000 Seiten und laut Küchenwaage ein Gewicht von exakt 1.100 Gramm) und eine auf die Wohnung begrenzte Lektüre meinem durch die langen und harten Wintermonate extrem ausprägten Sonnen- und Farbhunger diametral entgegenstand, mussten in der vergangenen Woche transporttauglichere Bücher herhalten, was schließlich dazu geführt hat, dass ich Infinite Jest noch nicht fertig lesen konnte und folglich auch nicht rezensieren kann. Nachdem es aber trotz allem wieder einmal höchst an der Zeit ist, ein paar Literaturempfehlungen zu geben, erlaube ich mir noch vor der Rezension von D.F.W.s Hauptwerk, den Sandwurm-Lesern ein paar kleinere Lesevorschläge aus dem Fundus jener Bücher zu unterbreiten, die ich vor kurzem gelesen, und welche einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben.

 

Arthur & George, published by Random House, Vintage 2006

Nummer eins und damit auch an 1. Stelle der Bücher, die ich ohne jede Einschränkung allerwärmstens empfehlen kann: Arthur & George von Julian Barnes. Der Autor hat mit diesem Buch nicht nur ein exzellent erzähltes, hervorragend recherchiertes und ab der ersten Seite fesselndes Werk geschaffen, er liefert gleichzeitig einen eindringlichen Appell an Zivilcourage und Antirassismus mit, ohne dabei jemals zu predigen oder die Moralkeule zu schwingen. Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit, den sogenannten „Great Wyrley Outrages“, im Großbritannien rund um die Wende zum 20. Jahrhundert und beschreibt wie sich die Lebenswege zweier grundverschiedener Männer durch dieses Ereignis zufällig kreuzen. Der eine – George Edalji – dunkelhäutiger Brite indischer Abstammung, arbeitet sich diszipliniert bis zum Advokaten hoch, der andere – Arthur Conan Doyle – wird durch die Erfindung der Romanfigur des Sherlock Holmes weltberühmt und bereits zu Lebzeiten zur bewunderten und respektierten Person des öffentlichen Interesses. Julian Barnes hat mit Arthur & George ein absolut brillantes Erzählwerk geschaffen, welches spannend, berührend und aufwühlend ist, aber auch nachdenklich macht, umso mehr, als der mehr als hundert Jahre alte Fall erstaunliche Aktualität besitzt. Barnes‘ ausgefeilter, eleganter Stil schließlich runden das Leseerlebnis ab, wer des Englischen mächtig ist, unbedingt im Original lesen!

 

Elisabeth Gaskell, North and South, published by Penguin Popular Classics 1994

Auf dem aktuell zweiten Platz liegt mit einem weiteren englischen Buch Elizabeth Gaskells North and South. Gaskell war Zeitgenössin bekannter britischer Autorinnen wie Emily oder Charlotte Brontë (über letztere hat sie auch eine Biographie veröffentlicht), sie hat ihre relative Unbekanntheit jedoch keinesfalls verdient. In diesem Sinne soll ihr hier die Aufmerksamkeit zukommen, die ihr eigentlich zustünde. Wer, so wie ich, den literarischen Stil angloamerikanischer Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts schätzt (z.B. Hardy, Thackeray, die Brontë Schwestern, Austen, Wharton, James…), dem sei hiermit garantiert, dass ihm auch Elizabeth Gaskell gefallen wird. North and South ist diesbezüglich ein ungemein spannendes, ereignisreiches Buch, das in England, in der Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts, spielt und die Geschichte einer jungen Frau namens Margaret Hale erzählt. Dabei geht es keineswegs bloß um Heirats- und Liebesgeschichten (keine Angst, die gibt es auch!), Gaskell setzt sich kritisch mit den Auswirkungen der Industrialisierung, der Kluft zwischen den sozialen Klassen und der Ausbeutung von Arbeitskräften auseinander. Einziger Wermutstropfen ist dabei eine etwas oberflächliche Einflechtung eben erwähnter Liebesgeschichte, die denn auch etwas abrupt im – Achtung Spoiler! – von Beginn an vorauszusehenden Happy Ending mündet. Nichtsdestotrotz ist North and South sehr zu empfehlen, aufgrund seiner Einteilung in relativ kurze Kapitel (das Buch wurde als Serie in einer Zeitschrift veröffentlicht) eignet es sich besonders als U-Bahn- und Bus-Buch.

 

Marcel Proust, Im Schatten junger Mädchenblüte, erschienen im Suhrkamp Verlag 2004

Nummer drei schließlich das bis dato einzige deutschsprachige Buch, welches ich im noch jungen Jahr auf meiner Leseliste abhaken kann, welches aber durch seinen Umfang die allgemeine Verteilung zwischen den beiden Sprachen, in welchen ich mich derzeit in der Lage sehe anspruchsvolle Literatur zu lesen, doch fast ausgewogen erscheinen lässt: Marcel Prousts Im Schatten junger Mädchenblüte. Obwohl ich des Französischen mächtig bin, haben mich der Umfang und die Komplexität des Lebenswerkes Prousts, welches aus insgesamt sieben Teilen besteht und den Titel Auf der Suche nach der verlorenen Zeit trägt, dann doch zur deutschen Übersetzung greifen lassen und ich wurde bis dato nicht enttäuscht. Prousts ausführlicher, extrem detailreicher Stil nimmt einen von Beginn an mit auf eine Reise, die unablässig Bilder vorm inneren Auge heraufziehen lässt und welche die Lektüre dieser Erzählung zu einem nie langweiligen, ungemein imaginativen Leseabenteuer macht. Selbst wenn Proust seitenweise das langsame Leben an der Küste der Normandie, an die sich der mittlerweile im Jugendalter befindliche Protagonist mit seiner Großmutter zurückgezogen hat, um die Sommermonate zu genießen, beschreibt, nie sind seine Schilderungen langatmig. Launisch berichtet er von der ersten Liebe zur jungen Gilberte, oder von jener zu Albertine, von der feinen Gesellschaft der Belle Époque oder einfach vom Blick aus seinem Fenster aufs Meer. Im Schatten junger Mädchenblüte ist über 800 Seiten lang, macht aber große Lust sich einen Schritt weiter auf die Suche zu begeben, die Suche nach der Zeit, die bei der Lektüre Prousts zwar verloren geht, aber niemals vergeudet ist. Im Gegenteil – unbedingt lesen!

Abschließend noch ein musikalischer Tipp: obwohl es bereits so ausgesehen hat, als ob dieses Jahr konzerttechnisch eine Totalkatastrophe wird, gibt es am Dienstag, dem 21. April, den ersten Lichtblick: Soul-Ikone Candi Staton tritt im Porgy & Bess auf!

 

Susanne, 19. April 2009