Das Konzertjahr 2010

Sah es zu Beginn des Jahres noch mau aus mit interessanten Konzerten, kamen im Frühjahr endlich die ersten Termine daher, bis zum Sommerende sollten sich zum Glück noch ein paar interessante Gigs dazugesellen, der Spätherbst hat dann musiktechnisch doch eher enttäuscht. Trotz allem kann ich in Anbetracht der Konzerte, die ich schließlich besucht haben, nicht von einem schlechten Musikjahr sprechen, im Gegenteil, es waren ein paar ganz große Highlights dabei, untenstehend eine kurze Nachbetrachtung und Bewertung:

Bob Dylan – Linz, 9. Juni 2010

Nach einer Ewigkeit war es heuer so weit und ich konnte Bob Dylan endlich wieder einmal live erleben. Das hat sich voll und ganz ausgezahlt. Zwar war die Location unter jeder Kritik, die Tatsache jedoch, dass ich den von mir so bewunderten Musikhelden ganz vorne an der Bühne erleben durfte, hat dies mehr als wett gemacht. Dylan ist und bleibt eine Koryphäe und gerade die Verweigerung seine Klassiker so zu spielen, wie er sie vor 30+ Jahren interpretiert hat, macht ihn zu einem aktuell noch immer spannenden, nachhaltig beeindruckenden Musiker. Ich würde jederzeit wieder in eines seiner Konzerte gehen.

Willie Nelson – Wien, 20. Juni

Dass Outlawcountry-Legende und Marijuanaexperte Willie Nelson noch nach Wien kommt, hätte ich fast nicht mehr für möglich gehalten, umso mehr hat es mich gefreut, dass ich ihn im Juni live sehen konnte. Und trotz seiner mittlerweile 77 Jahre, beeindruckte Nelson mit einer großartigen Stimme und einer ebenso großartigen Show.

Eels – Wien, 12. September

Die last-minute Entscheidung mir die Eels doch anzusehen, hat sich als großer Glücksfall entpuppt, die im Rock-Taliban-Outfit auftretende Band, samt charismatischem Frontman E. spielte in der Arena bei mildem spätsommerlichen Wetter ein phänomenales Konzert, und verpasst damit nur knapp den Titel „Konzerthighlight des Jahres 2010“.

Wilco – Wien, 23. September

Der Truppe aus Chicago, rund um Frontman Jeff Tweedy, und ihrem Wien-Debüt gebührt dieses Jahr der Titel „absolutes Konzerthighlight“. Und das trotz der Tatsache, dass ich zwei, drei Songs brauchte um sozusagen den Vibe zu fühlen, und trotz der Katastrophenlocation Gasometer, war es insgesamt ein pures Vergnügen dieser Band bei der „Arbeit“ zuzusehen. Tweedy war bester Laune und großartig bei Stimme, konferierte mit dem Publikum, die Bandkollegen toppten das Ganze mit phänomenaler Musik – insgesamt ein Konzert bei dem einem, wenn man sich zurückerinnert, heute noch ein Glitzern in die Augen steigt. Hoffentlich kommen sie sehr bald wieder nach Wien.

Badly Drawn Boy, 16. November

Mehr aus Mangel an Alternativen begab ich mich im November zum Konzert von Badly Drawn Boy, immerhin hatte er vor einigen Jahren in der Arena ein gutes Konzert abgeliefert, der Abend im Wuk kam aber über das Attribut „nett“ leider nicht hinaus. Nicht mehr und nicht weniger.

Insgesamt also wohl ein Konzertjahr dessen Höhepunkte sich zwischen Juni und September abspielten, erstaunlich, denn generell bin ich es gewöhnt, dass sich zumindest das eine oder andere Highlight auch irgendwann im November/Dezember bzw. Februar/März finden lässt. Egal, 2010 war das zwar leider nicht der Fall, die Konzerte in der Jahresmitte haben mich voll und ganz zufrieden gestellt, bleibt nun noch die Wunschliste für 2011.

Ich hatte bereits 2010 auf Conor Oberst und Okkervil River gehofft, ersterer wird Wien hoffentlich im neuen Jahr mit seiner Formation „Bright Eyes“ einen Besuch abstatten. Bright Eyes bringen im Februar ein neues Album auf den Markt, erste Tourdaten gibt es bereits. Okkervil River produzierten zwar 2010 das Album eines gewissen Roky Erickson („True Love Cast Out All Evil“), auf ein eigenes Album lassen sie hingegen schon länger warten, ebenso wie auf eine Europa-Tour. Nun, wir werden ja sehen, wer sich 2011 nach Wien verirrt, ich hoffe zumindest dass es sich um ähnliche Kaliber wie Nelson, Dylan, Wilco und Co handelt.

Susanne 17. Dezember 2010

Konzertbericht – Bob Dylan, Linz 2010

Gestern abend trat Bob Dylan in Linz auf. Ich war dabei, was im Grunde genommen recht ungewöhnlich ist, da ich normalerweise versuche für Konzerte nicht allzu weit von dort zu pendeln, wo ich im Moment gerade lebe. Aktuell ist das Wien. Aber für Bob Dylan mache ich jederzeit eine Ausnahme also fuhr ich gestern Abend nach Linz.

Eigentlich hätte ich nach Bratislava fahren sollen, dort hatte er auch einen Termin gebucht, es ging aber nach Westen statt nach Osten, vor allem wegen der Tatsache, dass die Tickets fürs Konzert in Bratislava wesentlich teurer waren als in Linz. Bis heute ist mir der Grund dafür schleierhaft.

Egal, im Auto auf der A1 war die Distanz schnell bewältigt, für die Kurzweil war zuerst Willie Nelson verantwortlich – der spielt übrigens nächsten Sonntag in Wien, The Sandworm wird berichten – später sozusagen als Einstimmung Dylan selber. In Linz angekommen musste ich übrigens bloß einmal nach dem Weg zum Stadion fragen – die Musik habe ich vorsichtshalber abgedreht, ich fand es dann doch irgendwie peinlich am Weg zum Dylan Konzert Dylan zu hören.

Schon beim Parken vor dem Stadion hatte sich der Himmel verfinstert, ein Wolkenbruch war im Anmarsch, da man die Türen noch verschlossen hielt, setzte ich mich an die Seite und beobachtete die anderen. Das Publikum entsprach nicht unbedingt dem was ich mir normalerweise erwartet hätte, aber ich war durch das vorjährige Kristoffersonkonzert schon vorbereitet darauf, dass diese Art von Musik hier in Österreich, vermutlich ganz Europa, sehr vielschichtige Liebhaber anzog.

Als es zu regnen begann, stellte ich mich in die Schlange vor dem Einlass und hoffte, man würde die Türen öffnen bevor wettertechnisch der Teufel los war. Hat man nicht. Und so stand die Menschentraube plattgedrückt an die nur von einem Minimaldach geschützte Stadionwand und beobachete, fühlte, wie dunkelschwarze Wolken ihre ganze Last auf einmal los wurden. Die Stimmung war aber gut – Vertreter einer Linzer Radiostation verteilten Zuckerl und Kondome – was haben wir gelacht. Dylan hat schon recht wenn er singt: „Things have changed“.

Endlich ließ man uns ins total charmfreie Stadion, die meisten waren in der Zwischenzeit klatschnass. Wenigstens war es warm und ich vertrieb mir die Zeit bis zum Konzertstart mit dem Herumwandern durch die Halle. Man hatte offenbar auf die Anwesenheit von ein paar Beat-Anhängern gesetzt. Über die Lautsprecher spielte man eine Lesung von Jack Kerouacks „On the Road“ ein, ich bin nicht sicher, ob das angekommen ist, die Hintergrundmusik stammte kurioserweise von Barbara Streisand. Irgendwie passte diese komische Mischung aber auch wieder zur Stimmung in der Halle.

Fast pünktlich, nachdem der Meister offenbar die Erlaubnis gegeben hatte, die paar vor der Bühne Stehenden – unter die ich mich dann selber mischte – gewähren zu lassen, ging es los. Ohne viel Zeremoniell begaben sich Dylan und seine Musiker an die Instrumente, es gab kaum Deko, im Vordergrund standen die Musik und natürlich Bob. Mehr war auch gar nicht nötig.

Der Abend begann mit einem ordentlichen Blues. Ich kann und werde nicht auf die Setlist eingehen – nur soviel – Dylans Songs klingen nicht mehr wie das, was man von den alten Alben kennt, insgesamt aber hat ihnen diese musikalische Metamorphose sehr, sehr gut getan. Zum einen weil die Band aus erstklassigen Musikern bestand, man hatte die Instrumentenanforderungen für Stilrichtungen vom Blues, über Country bis hin zu Rock n’ Roll voll abgedeckt. Stehbass, Pedal-Steel-Guitar, Banjo, Keyboards im Hammondorgelklang, alles war da und wurde von der, so muss ich dazu erwähnen, überaus stylischen Band, professionellst bedient. Die modische Slickness dieser Truppe hat mich auch einiges an Aufmerksamkeit gekostet. Allesamt schienen wie aus einem modernisierten 1930er Gangster/Untergrundlokal-Filmset herausgenommen. Im Anzug, teilweise mit Fedora, Cowboyboots schufen etwas Westernatmosphäre. Ein Augen- und Ohrenschmaus.

Dylan selber trug ein skurriles Outfit, das ich als maoistisch anghauchtes Tombstone-Totengräber-Ensemble beschreiben würde. Weißes Hemd, Bootlace Tie mit Metallspange, Schwarzer Gehrock, schwarze Hose, beides weiß berändert, sehr coole Boots, am Kopf einen weißen Cordobés Hut. Vor allem aber schien er gut gelaunt zu sein und was folgte, kann man wohl am besten als eine sehr gut eingespielte Jam-Session beschreiben, die vom Blues zu einer Art Rockabilly, über Country-Klänge und die eine oder andere leisere Nummer bis zum Rock meanderte.

Insgesamt, so mein Eindruck, ist Dylans bevorzugte Richtung derzeit der Blues, was ich nur gutheißen kann, ist der Stil doch auch einer meiner persönlichen Favoriten und nicht wenige meiner Dylan-Lieblingsnummern sind blueslastig.

Der Meister pendelte also zwischen Keybords, Gitarre und Mundharmonika, legte den einen oder anderen inspirierten Hüftschwung ein und sorgte alles in allem für einen großartigen Abend. Mit mittlerweile 69 Jahren, in und mit seinen Liedern gereift, kann ich meinen Eindruck nicht anders formulieren, als in einer Art mathematischer Formel: Dylan = Musik = Lyrik. Wer sich also bei einem Bob Dylan Gig erwartet, dass der Alte auf der Bühne sitzt und seine Lieder so wiedergibt, wie er sie vor 30 oder mehr Jahren gesungen und gespielt hat, der hat nichts von Dylan oder von Musik insgesamt verstanden.

Ich und – so konnte ich aus den Unterhaltungen, die zwischen den Songs rund um mich stattfanden, feststellen – viele Andere, waren begeistert. Als Dylan schließlich nach Nummern wie „I’ll be your Baby tonight“, „Highway 61 Revisited“ oder „Like a Rolling Stone“ den Abend mit „Forever Young“ schloss, war im Publikum mehr als spürbar, dass die meisten von Herzen wünschten, die Worte zu diesem Lied mögen vor allem ihm selber gelten.

Mein persönliches Fazit des Abends bestand darin, dass ich 19 Jahre nach dem ersten Besuch eines Dylan Konzertes feststellen kann, dass sich gleichermaßen alles wie nichts geändert hat und Dylan jener Musiker ist, der diese scheinbare Unvereinbarkeit am allerbesten verkörpert. Ganz nebenbei bemerkt, muss ich festhalten, dass ich Männer mit coolen Boots schon immer mehr als sympathisch fand.

Susanne, 13. Juni 2010

Musik für alle Lebenslagen – Teil I: Herzschmerz

Nach dem Start der gleichnamigen Serie in Sachen Literatur, schien es mehr als naheliegend mich auch in Bezug auf die Musik bestimmten Themengebieten zu widmen und eine Auswahl meiner, in den jeweiligen Kategorien führenden, Songs vorzustellen. Insbesondere, weil ich mich in letzter Zeit wieder verstärkt mit musikalischen Themen beschäftige und mich auf diverse ins Haus stehende Konzerte freue. Außerdem liegt der letzte hier getätigte musikalische Eintrag auch schon eine Weile zurück, höchste Zeit also wieder etwas stärkere thematische Variabilität einzuführen.

Was nun den heutigen Themenbereich angeht, so habe ich im Unterschied zur Literaturserie bewusst nicht das Thema Liebe per se gewählt, sondern mich gleich dem verzweifelten Bruder der Kategorie, dem Herzschmerz, gewidmet. Der Grund dafür ist, dass man sich, meiner persönlichen Meinung nach, in Hochzeiten der Liebe wohl weniger dem Musikhören, als anderen Beschäftigungen widmet, ich halte auch nicht viel von kitschigen Deklarationen à la „unser Lied“, viel mehr hat man von der Musik, wenn die Liebe erst einmal am Ende angelangt ist und man tröstlich festellt, dass man sein Leid, gerne auch in fast masochistischer Art und Weise, mit der einen oder anderen musikalischen Größe teilen kann.

Und selbst wenn Musikpräferenzen, wie ich meine, mit der Zeit viel stärker variieren, als das in der Literatur der Fall ist, so will ich zumindest einen relativ aktuellen Ausschnitt aus meinen persönlichen Herzschmerz-Favoriten hier vorstellen. In den meisten Fällen fand sich auch ein entsprechendes YouTube-Video, die nachfolgende Reihung ist weder chronologisch noch nach Präferenz geordnet:

1. Willie Nelson „Blue Eyes Crying In The Rain“ (The Essential Willie Nelson/2003): dieses Lied ist eigentlich schuld an der Schaffung dieser Serie, denn erst gestern habe ich es entdeckt und mich sogleich in die darin ausgedrückte Wehmut verhört. Der Song wurde zwar nicht von Nelson selbst geschrieben, sondern von einem Songwriter namens Fred Rose und wurde auch von Größen wie Hank Williams oder Elvis Presley gesungen, mir persönlich aber gefällt Nelsons Version am besten. Allein Textzeilen wie „Love is like a dying ember, only memories remain“ verleiten zum hörbaren Seufzen. Der YouTube Clip ist eine sehr nette Live-Version. Er lässt auch die Vorfreude auf das kommende Wien Konzert Willie Nelsons rapide steigen.

2.  Okkervil River „Girl in Port“ (The Stage Names/2007): ein wunderschönes Lied, das nicht nur die Leiden des gemeinen Rock- und Popstars ausführlich illustriert, sondern eines jeden, der sich öfter auf längere Reisen begibt. In jedem Hafen ein Mädchen (wahlweise ein junger Mann), aber trotzdem irgendwie verloren, dauernd unterwegs und beschäftigt mit der endlose Suche nach der richtigen, echten, Liebe: „I’m just a guest, I’m not a part, my tender head, with my easy heart, these several years out on the sea, made me empty, cold, and clear, pour yourself into me“. (Der Clip ist kein offizieller Okkervil River Clip, es findet sich aber sonst keine passende Version im Web).

3. Bob Dylan „Red River Shore“ (Tell Tale Signs: The Bootleg Series Vol. 8, Rare and Unreleased 1989 – 2006/2008): Was Willy Nelson in wenigen Worten singt, beschreibt Bob Dylan, den ich persönlich für den besten Songwriter aller Zeiten halte, ausführlichst im 7:36 Minuten langen Song „Red River Shore“ – die verlorene Liebe. Während sich der Song musikalisch mit diversesten hinzutretenden Instrumenten – besonders schön die Harmonika – langsam aufbaut, nimmt auch die Aussichtslosigkeit im Text immer verzweifeltere Ausmaße an. Eine meiner Lieblingspassagen: „Now I’m wearing the cloak of misery, and I’ve tasted jilted love,
and the frozen smile upon my face, fits me like a glove. But I can’t escape from the memory, of the one that I’ll always adore, all those nights when I lay in the arms, of the girl from the Red River shore.“ Nachdem der Meister seine Kinder streng bewacht, gibt es zu diesem Lied leider nur Cover-Versionen auf Youtube, die ich wirklich niemandem zumuten möchte, das Album, auf welchem sich der Song befindet, ist aber in jeder Hinsicht sehr empfehlenswert.

4. Black Crowes „Seeing Things“ (Shake Your Money Maker/1990): Bluesiger Southern Rock, gepaart mit der genialen Stimme von Chris Robinson und man weiß wie schmerzhaft Liebe sein kann, wenn man erkannt hat, dass man betrogen wurde: „I used to dream, of better days that never came, sorry ain’t nothin‘ to me, I’m gone and that’s the way it must be. So please I’ve done my time, lovin‘ you is such a crime, you won’t find me down on, on my knees, won’t find me over backwards baby, just to please“.

5. Candi Staton „It’s Not Easy Letting Go“ (His Hands/2006): Candi Staton zählt zu jenen Sängerinnen, denen es glücklicherweise gelungen ist, nach ihrem Karrierehoch in den 1970ern jüngst ein Comeback zu schaffen. Liebesleid scheint sie auf diesem Weg ständig begleitet zu haben und sie schafft es wie kaum eine andere, dies über ihre Stimme auszudrücken. In „It’s Not Easy Letting Go“ singt sie über die Kraft, die es kostet, eine totgelaufene Beziehung zu beenden und nach vorn zu schauen. „It might be hard but I gotta move on with my life, I can’t keep looking back at the misery and strife, I do the best I can, but my heart still needs to mend“. Das Video ist wieder ein sehr kitschiges Youtube Fan-Fabrikat, man sollte sich auf die Akustik konzentrieren.

6. Pointer Sisters „Fairytale“ (That’s A Plenty/1974): Liebesschmerz, wenn man ihn erst einmal halbwegs verkraftet hat, kann sich gern auch in zufriedene Genugtuung verwandeln, am besten beschrieben durch folgende Songzeilen: „There’s no need to explain anymore,
I tried my best to love you,
now I’m walkin‘ out the door.
You used me, you’ve deceived me, and you never seem to need me,
but I’ll bet, you won’t forget me when I go
(Oh no, no, no)“. Zum Abschluss daher mit den Pointer Sisters ein Licht am Horizont und als Draufgabe auch ein sehr vergnügliches Video aus den guten alten Zeiten.

Die Liste ließe sich sicher noch endlos fortsetzen, schließlich dreht sich nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Musik ein Gutteil der Kreationen um die Liebe, trotz allem besteht das Leben aber nicht allein daraus, weshalb es es zum Glück noch weitere Themengebiete gibt, über die ich mir in den kommenden Einträgen ausführlich Gedanken machen werde. Vorschläge und Einwände sind diesbezüglich herzlich willkommen.

Susanne, 11. April 2010

Skizzen aus Wien – Nr. 47

Nach einem unereignisreichen Jahresbeginn hatte ich zwischendurch schon fast den Eindruck, es würde ein konzertloses 2010 werden. Die Wochen vergingen und es wurde März, ohne dass ich auch nur von einem, für mich zumindest halbwegs interessanten, Termin in Sachen Live-Musik erfuhr. Gut ich gebe zu, es waren schon welche dabei, die ich mir hätte ansehen können – Lyle Lovett & John Hiatt (sollen grandios gewesen sein), oder Henry Rollins (ebenfalls). Aber erstere haben mich einfach nicht genug interessiert, letzterer ist eher so was wie ein Held aus Teenagerzeiten, die wohlgemerkt auch schon wieder lang vorbei sind. Also ging das Warten weiter.

Bis Anfang vergangener Woche. Da hat mir meine wichtigste Konzertinformationsquelle – mein gelegentlicher Co-Blogger Martin – ein sehr erfreuliches Email geschickt. Ein paar Tage später dann ein weiteres, mit noch erfreulicheren Nachrichten. Was schließlich darin resultierte, dass ich den heutigen Eintrag für ein paar musikalische Konzertempfehlungen nutzen möchte:

Bob Dylan – 9. Juni: Bratislava – 12 Juni: Linz

Es scheint fast als ob insgeheime Bitten meinerseits erhört wurden, denn seit Jahren wünsche ich mir, Bob Dylan endlich wieder einmal live sehen zu können. Ja ich weiß, 2008 war er in Wien, aber was kann ich dafür, dass ich zu dem Zeitpunkt ausnahmsweise in New York war. Wie dem auch sei. Wir schreiben 2010 und auch wenn die Details noch nicht feststehen, so gibt es die Ankündigung, dass Dylan Mitte Juni in Linz und, in noch größerer Nähe zu Wien, in Bratislava, auftreten wird. Viel mehr ist dazu wohl nicht zu sagen. Dylan muss man zumindest 1x im Leben live erlebt haben. Meine Devise ist in dieser Hinsicht, je öfter, desto besser.

Willie Nelson – 20. Juni – Halle F – Wien

Manche können seinen nasalen Sing-Sang nicht ausstehen, andere wieder – darunter ich – schätzen ihn gerade deswegen. Daneben gehört er zu den lebenden Legenden des Country und nachdem er mittlerweile auch schon seine 76 Jahre am Buckel hat, sollte jeder der sich für Country/Alternative Country interessiert, die seltene Gelegenheit nutzen, sich den Mann live anzusehen. Wenn er noch ebenso viel Herz und Energie in seine Live-Auftritte steckt wie sein Weggefährte in Sachen Outlaw-Country Kris Kristofferson (die Rezension von dessen hervorragendem Konzert vergangenen November findet sich hier), dann steht einem fantastischen Abend nichts im Weg. Vor allem weil sich Nelson auch diversen Neuerungen seines Genres nicht in den Weg stellt, im Gegenteil, mit seinem 2006 erschienenen Album „Songbird“ ist ihm ein ganz großer Wurf gelungen. Nicht zuletzt weil er sich als Produzenten eines der Aushängeschilder der jüngeren amerikanischen Indie-Szene dazugeholt hat. Ryan Adams zeichnet auf diesem Album für einen modernen, rockigen Anstrich der Nummern verantwortlich und schüttelt auch allerletzte Anflüge von Verstaubtheit aus dem nicht mehr jungen Genre Country. Hingehen und mitnäseln.

Wilco – 23. September – Gasometer Wien

Obwohl ich mich nicht für die Konzertlocation erwärmen kann, tut es trotzdem gut, eine jener Bands in Wien zu erleben, die in den vergangenen Jahren immer wieder für qualitativ hochwertige Alben gesorgt hat. Wilco, die sich im sog. Alternative Rock Genre, tummeln, machen Musik, die man jederzeit gern hört, weil sie eine Qualität pflegen, die sich am besten mit den Worten „laid back“ (ungefähr als „entspannt zurückgelehnt“ zu übersetzen) beschreiben lässt. Bis September ist auch noch genügend Zeit, die Alben wieder genauer durchzuhören und wenn die Gerüchte, nach denen die Akustik im Gasometer drastisch verbessert wurde hoffentlich stimmen, dann steht einem relaxten, frühherbstlichen Konzertabend wohl nichts im Weg.

Somit sind also einige sehr erfreuliche Konzerttermine bereits im Kalender eingetragen, und weil Bescheidenheit eine Zierde ist, hoffe ich auf baldige Ergänzungen und zwar zumindest von Seiten Connor Oberst (höchste Zeit) und Okkervil River (gleichfalls). Die oben erwähnten Konzerte, sofern sie planmäßig stattfinden, werden hierorts selbstverständlich ausführlich rezensiert.

Susanne, 7. März 2010

On Art – Jeff Sher

Last week I got an email from Bob Dylan. Not from him personally of course, but rather from his record company, who was kind enough to inform me, that Dylan’s latest video „Little Drummer Boy“ was being released and could be viewed on Amazon.com. I didn’t lose much time and headed over to Amazon, where I found some information as to the fact that the entire proceeds of Dylan’s new album „Christmas in the Heart“ would go to charitable causes, mainly to people who don’t have enough money to feed themselves or their families. I already own the album, but hadn’t spent any of my own money on it and so I felt bad for a while, because after all Dylan’s cause is a noble one.

Feeling somewhat guilty I decided I’d still watch the video, where only seconds later I found myself in the middle of an astonishing work of art. The video had been done by an artist called Jeff Sher, and it confirmed my long held belief, that Dylan knows what he’s doing. Not only that, but he also knows what other people are doing (right).

After all he’s made some great videos – „Subterranean Homesick Blues“ comes to mind – on the Album „Together Through Life“ he used photographies of Bruce Davidson in the clip for „Beyond Here Lies Nothing“. There wouldn’t have been any reason to doubt that Jeff Sher was the right choice.

I was really moved by the way he had made the clip, the way the pictures spoke to me, about what Christmas means to me personally. Which is not so much that it’s a religious holiday, but rather one where you get together with your family, reunite and have a good time.

Actually, I was so impressed that I started looking around on the web to find more information about Sher and a moment later, I decided that I would just go ahead and write him an email, to let him know how much I liked his video. I did that because I was thinking about my own feelings of satisfaction, when people who don’t even know me, comment on my work. I admit, I love that. And I thought maybe Mr. Sher would too. So I wrote him that email.

To my surprise he wrote back, only a few hours later and not only did he write back, he thanked me for complimenting him and was nice enough to share some insights into his work for the video as well as some very interesting details about his personal background.

His grandfather, he says, was actually from Vienna (Austria), which is where I’m sitting at the moment, but he had left the city right after World War I to emigrate to the US. He had worked as a barber here, but was apparently an extremely talented man, speaking seven languages. Unfortunately he died young and much of his life remains a mystery to Mr. Sher, who must have, however, inherited some of his grandfather’s talents.

Jeff Sher works in New York City now, he paints and he’s an experimental filmmaker. Successfully so! You can see some of his artwork on the New York Times Opinionater Blog, and not to forget, he’s responsible for the latest Bob Dylan video.

Mr. Sher was kind enough to share some photos with me (and with permission, the rest of the world as of now…) and told me a little bit about how it all happened. He’s admittedly a great Dylan fan, as am I, and he was asked to do the video for „Little Drummer Boy“ by the people working for Dylan. They told him that „he wants you to do what you do“, which actually makes me very jealous, because I continually find myself imagining how it would be if Dylan, or rather the people who work for him, told me something like that one day. Anyhow, Mr. Sher was left completely free in his choice of theme for the video. They only gave him five weeks time, which he spent painting picture after picture, which needed to be filmed, in order to create the video. Mr. Sher ended up painting around 2000 pictures, a workload, which is beautifully illustrated by the picture he sent along displaying all the paintings neatly stacked in his home.

Which makes one appreciate a work of art even more. Coincident or not, the fact that I live in Vienna and Mr. Sher having a grandfather who came from here, more so, the fact that he actually came here himself in 1969 and still remembers the morbid atmosphere of the town (nothing has changed…), the wine, the old master paintings at the Kunsthistorische Museum, and apparently to this day fancies the Austrian experimental film-maker Peter Kubelka, all that seems like it was made for being written here on my blog. Dylan meets Sher meets The Sandworm. A Christmas Carol.

More information about Jeff Sher:

The New York Times‘ Opinionator Blog

Jeff Sher’s Website

Jeff Sher on Youtube

Jeff Sher on Twitter

Susanne, 13 December 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 42

Gestern Vormittag war einer jener Tage, die gleich in der Früh ausgezeichnet beginnen. Ich schalte meinen Computer ein und in der Mailbox ist eine Nachricht von Bob Dylan. Natürlich nicht von ihm persönlich, aber von seiner Plattenfirma, die mir höflichst mitteilt, dass Dylan ein neues Video veröffentlicht hat, welches man sich auf Amazon ansehen kann. Was ich auch sofort mache und mich Sekunden später mitten in einem Kunstwerk wiederfinde.

Ich schlage also vor, sich das Video jetzt selbst anzusehen, bevor Sie weiterlesen. Schalten Sie auf den Vollbildmodus (Der Clip trägt den Namen „Little Drummer Boy„).

Bob Dylan ist bekannt für kreative Videos, man denke nur an „Subterranean Homesick Blues“ (alles auf Youtube zu finden), er ist selbst auch als bildender Künstler tätig und verwendete für das Video zu „Beyond Here Lies Nothing“ (am Album „Together Through Life“) die Fotografien von Bruce Davidson. Es überrascht also nicht, dass er auch am neuen Weihnachtsalbum („Christmas in the Heart“) einen Künstler für die Gestaltung seines Videos ausgesucht hat. Ich sah mir also den Clip an – „Little Drummer Boy“ – und fand mich durch die darin montierten Aquarelle mit einem Mal in einer anderen Welt, fand mich emotional durch sie angesprochen, weil sie genau das darstellen was Weihnachten für mich bedeutet: Geborgenheit, Wiedersehen, Zusammensein.

Das Video hat mich so sehr angesprochen, dass ich dem Künstler, der übrigens Jeff Sher heißt (alle Infos weiter unten), eine Email geschrieben und ihm zur hervorragenden Arbeit gratuliert habe. Ich ging in diesem Falle einfach von mir selbst aus – ich freue mich wenn mir unbekannte Leute zu meiner Arbeit, meinen Texten gratulieren.

Zu meiner Überraschung geht es ihm offenbar genauso, denn am selben Abend kam eine Nachricht zurück, in er der sich nicht nur für mein Email bedankte, sondern mir auch noch zwei Fotos mitschickte, mir etwas über die Arbeit an dem Video für Bob Dylan sowie ein wenig über seinen persönlichen Hintergrund erzählte. Netterweise gab er mir die Erlaubnis, diese Informationen mit den Kunst- und Musikliebhabern unter den Sandworm-Lesern zu teilen.

Jeff Sher ist bildender Künstler, malt und gestaltet experimentelle Filme und veröffentlicht unter Anderem auch auf dem New York Times‘ Opinionator Blog hin und wieder seine Arbeiten. Sein Großvater stammt übrigens aus Wien, verließ die Stadt aber irgendwann kurz nach dem ersten Weltkrieg, um in die USA zu emigrieren. Für Jeff Sher und seine Familie war er eine eher mysteriöse Figur, bekannt ist auf jeden Fall, dass er in Wien als Friseur gearbeitet hat und offensichtlich sehr talentiert war – er sprach z.B. sieben Sprachen. Vielleicht hat er etwas davon an seinen Enkel vererbt, der jedenfalls ist ebenfalls hochtalentiert und hat neben seiner künstlerischen Tätigkeit auch auf Wien nicht vergesssen. So kam er im Jahr 1969 für ein ganzes Schuljahr lang hierher und scheint bis heute von der morbiden Atmosphäre Wiens beeindruckt. Jedenfalls hat er den Wein, die Bruegels und Dürers und das Kunsthistorische Museum in guter Erinnerung behalten. Und er ist ein großer Bewunderer des Experimentalfilmers Peter Kubelka.

Das Video für Dylan kam kurzfristig zustande. Jeff Sher outete sich als großer Fan Dylans, vor allem aber meinte er, es wäre großartig gewesen, dass Dylan bzw. die Leute, die ihn beauftragt haben, ihm völlig freie Hand gelassen hätten. Ein Videoclip solle es werden, Inhalt egal, Hauptsache Artwork von Jeff Sher. „He wants you to do what you do“ hätten die Leute, die mit Dylan arbeiten gesagt. (Und eben versuche ich mir vorzustellen, wie es wäre, wenn die Leute, die mit Dylan arbeiten, soetwas einmal zu mir sagten.)

Was für eine Arbeit insgesamt in dem Video steckt, hat mir Jeff Sher in einem sehr persönlichen Bild, das er mitgeschickt hat, verdeutlicht: es zeigt sämtliche Einzelbilder, die er malen musste um sie für den Clip abzufilmen (innerhalb von nur 5 Wochen). Alles in allem ungefähr 2000 Bilder!

Es war also gestern einer jener Tage, die gleich in der Früh gut beginnen. Ein hervorragendes, bewegendes, Video, der Entschluss dem Künstler direkt mitzuteilen, wie sehr mir seine Arbeit gefallen hat und darauf eine sehr persönliche Antwort von einem offenbar sehr sympathischen Jeff Sher. Ich werde mich also auf die Suche nach Shers Bildern in Wien machen, vielleicht gibt es auch einmal eine Ausstellung. Sandworm-Leser werden rechtzeitig davon erfahren.

Zusätzliche Informationen zu Jeff Sher:

Opinionator Blog der New York Times

Jeff Shers Webseite

Jeff Sher auf Youtube

Jeff Sher auf Twitter

Susanne, 10. Dezember 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 29

musical sandworm - artwork zoer

Wenn die Temperaturen steigen, dann gibt es kaum Schöneres als sich einen Platz draußen zu suchen, im besten Fall vielleicht eine Terrasse oder einen ruhigeren Gastgarten, optimalerweise in der Nähe eines breiten Flusses, auf dem man dann zurückgelehnt mit einem kühlen Drink in der Hand seinen Blick ruhen und seinen Tagträumen freien Lauf lassen kann. Meine Suche nach einem derartigen Ort führte mich gestern Abend in die Wiener Praterstraße, zum mexikanischen Lokal „Tacos Lopez“, wo ich trotz uncharmantem Gastgarten – statt einem Fluss strömte der Wiener Individualverkehr vorbei – sehr gutes Essen und vor allem ausgezeichnete Margaritas vorfand. Die seltsame Verquickung von uninspirierter Lokalität und anregenden Speisen und Getränken schließlich trugen meine Gedanken weiter und weckten Erinnerungen an die mexikanische Grenzstadt Tijuana: ein heruntergekommenes, dreckiges, infernalisches Konglomerat aus Ramschläden, Bordellen, Drogen- und Medikamentenumschlagsplatz, in dem sich am Wochenende Horden von jungen Amerikanern, die zu Hause keinen legalen Alk kriegen, ins Koma trinken und sich nebenbei billige mexikanische Huren kaufen. Nichtsdestotrotz – ich habe schon immer ein Faible für eine Mischung aus Schön und Hässlich gehabt, meine gedankliche Reise nach Tijuana war keineswegs albtraumhaft, viel eher spülte sie amüsant skurrile Erinnerungen an die Oberfläche, die mäanderartig von der ersten Bekanntschaft mit dem, für Zucker gehaltenen, Salzrand am Margarita-Glas, über den Kauf eines als hundertprozentig aus Silber gefertigt angepriesenen Nickelarmbandes, bis hin zur Begegnung mit einem US-amerikanischen Zollbeamten, der mir beim Wiedereintritt in die Vereinigten Staaten in Bezug auf meine artige Deklarierung des eingeführten Mezcal augenzwinkernd den Konsum des darin eingelegten Wurmes eindringlichst ans Herz legte, da ich dadurch in den Genuss eines LSD-artigen Trips käme (Zitat: „You gotta eat the worm – it’s like dropping acid“) führten. Bis mir schließlich klar wurde, dass man eine ideale Sommerstimmung überall erzeugen kann, wenn man über die dafür benötigte, allerwichtigste, Zutat verfügt: die richtige Musik. Deswegen möchte ich den heutigen Eintrag auch den bereits angekündigten und zufällig optimal zum Thema passenden musikalischen Neuerscheinungen der letzten Wochen widmen: den aktuellen Tonträgern von Bob Dylan und Conor Oberst.

Beide scheinen auf den ersten Blick wenig gemeinsam zu haben, trotz allem sind sie sich auf diesen beiden jüngsten Veröffentlichungen sehr ähnlich, indem sie sich musikalisch an einem „South of the Border“-Klang ausgerichtet haben, welcher im Falle Dylans etwas stärker ausgeprägt und musikalisch um eine Spur entspannter daher kommt, als Obersts Album, das etwas mehr zum Country-Rock tendiert. Nicht zu vergessen, den von Musikkritikern am Beginn von Obersts Karriere gerne strapazierten Hinweis, dieser sei, wenn man sein Songwriting betrachtet, unter Umständen der neue Dylan. Wie immer man das betrachten will, ich schätze beide Musiker über die Maßen und war demnach sehr gespannt auf deren jüngste Veröffentlichungen.

Bob Dylan, Together Through Life, VÖ: 24. April 2009, Sony Music

Beginnen wir bei Dylan. Aus rein chronologischen Gründen. Sein Album „Together Through Life“ erschien Ende April und ist sein mittlerweile 33. Studio-Album. Die Musikpresse reagierte mit unterschiedlichsten Rezensionen, manch alteingesessener Dylan Fan war enttäuscht, weil seiner Meinung nach der Meister mit diesem Werk die Musikgeschichte nicht ein weiteres mal zu revolutionieren vermochte, für andere wiederum ist jeder neue Song von Dylan schon per se weltbewegend, allein weil er eben von Dylan höchstpersönlich stammt und alles was von Dylan stammt, hat weltbewegend zu sein. Ich selber sehe das relativ entspannt. Ich gebe zu, ich bin Dylan Fan, trotzdem werde ich es tunlichst vermeiden, irgendwelche musikhistorischen Vergleiche anzustreben, geschweige denn eine Analyse vor dem Hintergrund des gesamten Dylan-Kanons zu versuchen. Ich fühle mich zu keinem von Beiden befähigt, ich bin viel mehr eine Kraut-und-Rüben Dylan-Hörerin. Ich mische bunt und höre das, wonach mir der Sinn steht. Im Bezug auf das neueste Album also kann ich mich nicht beschweren, es ist vielleicht keine musikgeschichtliche Revolution, es ist aber trotz allem ein gutes Album geworden. Mit bluesigen Noten und Tex-Mex Feeling, mit einigen Songs, die durch David Hidalgos (Los Lobos) Akkordeonspiel richtiggehend geadelt werden, mit launischen Texten, die mal abgeklärt, mal einfach entspannt sind und dem einen oder anderen ausgezeichneten Song. Mein aktueller Favorit „This Dream of You“.

Conor Oberst And The Mystic Valley Band, Outer South, VÖ: 6. Mai 2009, Merge Records

Conor Oberst begab sich nach dem Album Cassadaga (2007), welches er noch unter dem Bandnamen „Bright Eyes“ veröffentlicht hat, nach Mexico und hatte vorgehabt nach langer Zeit wieder ein Solo-Album zu veröffentlichen. Irgendwie kam dort jedoch eine Truppe von Freunden und Bekannten zusammen und Oberst fand sich plötzlich inmitten der Mystic Valley Band wieder. Das Resultat davon war „Conor Oberst“ (2008). Erwachsener und viel entspannter klingt Oberst auf diesem Tonträger, vor allem geht auch er musikalisch stärker in Richtung Country-Rock, eine stilistische Entwicklung, die ich nur gutheißen kann, die aber offenbar einige seiner hartgesottenen Indie-Anhänger etwas verstört. Oberst macht trotzdem was er will, gut so, denn mit „Outer South“ hat er – noch stärker auf das Kollektiv Mystic Valley Band gestützt – den Nachfolger dieses Tex-Mex-Country-Alt-Rock-Fabrikats veröffentlicht. Da lamentieren dann die einen, dass es nicht gut wäre, wenn man Freunde auf seinem Album singen lässt, die anderen wiederum beklagen, dass Oberst der neue entspanntere Stil überhaupt nicht bekäme, alle scheinen sich die von Teenager-Angst besetzten früheren Bright Eyes Alben herbeizuwünschen. Selber schuld ist in diesem Fall meine Antwort, denn Oberst hat mit dem neuen Tonträger ein musikalisches Oeuvre veröffentlicht, das sich insgesamt sehr gut anhört. Da finden sich dann rockig-abgeklärte Nummern à la „Roosevelt Room“, country-lastigere Songs wie „Big Black Nothing“ oder entspannte Tracks wie „Ten Women“. Mein aktueller Favorit: „I got the Reason #2“. Auf jeden Fall bekommt man beim Zuhören das Gefühl, dass hier schlicht und einfach unverkrampft gejammt wird und wirklich gute Musik ganz nebenbei entsteht, unabhängig davon ob jetzt Oberst höchstpersönlich am Mikro steht, oder nicht.

Alles in Allem hat man mit diesen Alben zwei ausgezeichnete Sommerplatten, die, egal wo man sie anhört, gute Laune aufkommen lassen. Ob man sich nun in Texas, zurückgelehnt auf der Terrasse einer alten Hacienda, mit Blick auf den Rio Grande, oder im abgefuckten Hinterhof einer Bar in Tijuana befindet. Im einfachsten Fall tut es sogar die eigene Couch. Dann benötigt man nur noch einen halbwegs funktionstüchtigen CD-Player – einschalten, kaltes Getränk in die Hand, zurücklehnen, Augen zu – und schon ist man „South of the Border“.

Susanne, 24. Mai 2009