Skizzen aus Wien – Nr. 41

Mittlerweile schreiben wir den 6. Dezember, das Jahr geht unzweifelhaft zu Ende und nachdem ich mir kaum erwarte, dass heuer noch weitere der von mir angebeteten Musikgötter in Wien Halt machen werden, lasse ich das Musikjahr 2009 schon heute Revue passieren und werfe noch einmal einen kurzen Blick auf die Konzerte, die ich besucht habe.

Es war kein besonders intensives Konzertjahr, alles in allem habe ich sechs besucht, wobei ich zwei davon gleich von vorneherein links liegen lassen muss, da ich es über das Foyer des WUK nicht mal in den Konzertsaal geschafft habe. (Falls es jemanden interessiert, am Programm standen Mark Lanegan & Greg Dulli zu Beginn des Jahres und Portugal. The Man Mitte November.) Somit verbleibt die relativ magere Ausbeute von 4 Konzerten, bei denen ich nicht nur physisch anwesend war. Hier also noch einmal ein kurzer Abriss:

Der erste Termin stand im März am Programm und war für mich rückblickend betrachtet das Konzerthighlight des Jahres 2009. Es handelt sich um den Auftritt von Candi Staton, der alles bot, was man sich von einem fantastischen Konzert erwartet. Großartige Stimmung, eine gut gelaunte Staton, die mit hervorragender Stimme, toller Band und ausgezeichneten Backing Vocalists überzeugte. Und trotz des relativ melancholischen Songwriting-Schwerpunktes der beiden jüngsten Alben, hat es die Frau geschafft, das ganze im Porgy&Bess anwesende Publikum mitzureißen. Partystimmung, Rat und Trost für unter der Krise und sonstigem Lebensschmerz leidende Zuhörer (…everything’s gonna be alright…), die eine oder andere nachdenkliche Nummer (Elvis’ „In the Ghetto“) und jede Menge mitreißende, tanzbare Songs aus den verschiedensten Schaffensperioden der Künstlerin. Facit: Einfach genial.

Bis zum nächsten Konzert musste ich dann doch einige Zeit warten und zwar bis Juli, als dann Lambchop im WUK auftraten. Nicht mein erster Lambchop-Abend und somit keine musikalischen Überraschungen, aber für ein relativ langweiliges Monat im Jahr eine willkommene Abwechslung. Frontman Kurt Wagner und Band boten gewohnt gediegenen, entspannten Alt-Country.

Wieder musste ich mich bis zum nächsten Termin etwas gedulden, die Sommermonate sind da eher eine Qual, weil ich mich für Festivals absolut nicht interessiere und sofern es sich gar nicht vermeiden lässt, lieber Solo-Shows der Artists, die ich sehen möchte, ins Auge fasse. Diesbezüglich hat es dann doch bis Oktober gedauert, bis die jeweilige Konzertsaison auch für mich wieder interessant wurde. Magnolia Electric Co., die ich bereits zwei Jahre zuvor in der Wiener Szene erlebt habe, schafften es schließlich mit einer mitreißenden Show, den ersten Kälteeinbruch vergessen zu machen. Jason Molina, der vor kurzem aus Krankheitsgründen Shows absagen musste, befand sich in Hochform, möge er bald gesund werden, denn ich würde mir einen neuerlichen Wien Besuch der Truppe nicht entgehen lassen.

Kurz darauf stand für mich die musikalische (und in Bezug auf Frontman Willy Vlautin, auch literarische) Neuentdeckung des Jahres am Terminkalender: Richmond Fontaine traten im Gasthaus Vorstadt, das sich als sehr nette Konzert-Location entpuppte, auf und lieferten eine großartige Show, die sich in Bezug auf die mir bekannten CD-Veröffentlichungen der Truppe und dem was an diesem Abend live gespielt wurde, als Mischung aus ruhig-entspanntem bis traurig-nachdenklichem Alt-Country beschreiben lässt. Daraus resultierte die große Freude meinerseits, endlich wieder Neues entdeckt zu haben und zwar in gleich zweifacher Weise, da die Personalunion aus hervorragendem Singer-Songwriter UND großartigem Schriftsteller ja nicht gerade häufig vorkommt und sich, wenn man weiß, wie viele gute Leute immer wieder einen Bogen um Wien machen, hierorts noch seltener live erleben lässt.

Das Abschlusskonzert des Jahres 2009 schließlich bestritt Kris Kristofferson, dessen musikalisches Oeuvre ich erst heuer so richtig kennen und schätzen gelernt habe. Diesbezüglich war es auch ein passender Konzertjahresausklang, der mit Anfang November die meist doch eher melancholisch eingefärbte Jahreszeit eröffnet hat. Kristofferson ließ an jenem Abend auch keine Wünsche offen und spielte sich kreuz und quer durch seinen Songkalender, ganz allein auf der Bühne der neuen Halle F der Wiener Stadthalle, lediglich mit Gitarre und Mundharmonika ausgerüstet. Seine warme tiefe Stimme und die als ehrlich empfundene Herzlichkeit dem Publikum gegenüber waren wohl diejenigen Faktoren, mit denen vermutlich auch die hargesottensten Konzertgeher des Abends weichgekocht wurden, die weiblichen Gäste lagen ihm ohnehin zu Füßen. Ein mit dem Song „Don’t Tell Me How the Story Ends“ sehr bewegender Ausklang, gefolgt von einer mehr als 20-minütigen Signierstunde am Bühnenrand, beschlossen für mich ein Konzertjahr, in dem es zwar quantitativ keine Exzesse gab, welches mich dafür aber qualitativ mehr als zufrieden gestellt hat und somit in bester Erinnerung bleiben wird.

Ein Ausblick? Schwer zu sagen, was 2010 bringen wird. Ich hatte bereits heuer auf einen Abstecher von Conor Oberst und seiner Mystic Valley Band gehofft, vielleicht schaut er im neuen Jahr nach Wien, dann wäre die 2010-er Konzertsaison auf jeden Fall gerettet, auch wenn sich sonst niemand mehr hierher verirren sollte. Natürlich würde es mich auch sehr freuen Okkervil River wieder zu sehen. Die Partie rund um den genialen Songwriter Will Sheff wird vermutlich bald ein neues Album herausbringen, dann wäre auch eine größere Tour wieder angesagt. Als besonderen Weihnachtswunsch, welchen ich als ceterum censeo eigentlich ans Ende aller meiner Einträge anfügen könnte, wäre dann noch die Hoffung darauf zu erwähnen, dass Bob Dylan bald wieder nach Wien kommen möge. Dessen erst vor kurzem veröffentlichtes Weihnachtsalbum „Christmas in the Heart“ kann ich übrigens allerwärmstens empfehlen. Man sollte sich durch von einander abschreibende Rezensenten (national wie international) nicht beirren lassen, das Album ist weder seltsam, noch skurril oder absurd, sondern eben ein Weihnachtsalbum und wer zu Weihnachten Weihnachtsmusik hören möchte, der liegt damit absolut richtig.

Susanne, 6. Dezember 2009

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Skizzen aus Wien – Nr. 26

musical sandworm - Artwork ZOER

 

Dienstag, 21. April 2009, Porgy & Bess, Wien. Auftritt von Candi Staton & Band und der erste ernstzunehmende Konzerttermin in diesem Jahr. Ich war zwar physisch bereits im Jänner beim Termin von Marc Lanegan und Greg Dulli im Wuk anwesend, außer dass dieses Konzert, soweit ich es hören konnte, akustisch recht angenehm klang, kann ich jedoch nicht viel mehr darüber berichten, da ich im Foyer in eine hochinteressante Diskussion verwickelt wurde und es so nicht einmal bis in den Konzertsaal geschafft habe. Anders jetzt bei Candi Staton. Ich hatte bereits die Hoffnung aufgegeben, vor dem Sommer noch ein akzeptables Konzert zu sehen, da hat mir mein Blogkollege Martin vom geplanten Auftritt erzählt, die Karten waren schnell gekauft und vergangenen Dienstag war es soweit.

Im Gegensatz zu meinem letzten Besuch im Porgy & Bess (Skizzen aus Wien Nr. 8 ) haben sich die Veranstalter diesesmal gottseidank dafür entschieden, die Bestuhlung wegzulassen, einem vergnüglichen Konzerterlebnis stand also nichts im Wege. Zwar hatte ich, nach dem was auf den letzten zwei Alben Statons zu hören ist, eher mit einem besinnlicheren Ton gerechnet, es kam aber ganz anders. Candi Staton, mittlerweile 66 Jahre alt, betrat die Bühne sichtlich gut gelaunt und legte los. Begleitet von einer exzellenten Band (darunter auch einer ihrer Söhne, zuständig für Percussions) kündigte sie gleich selbst an, dass es sich hier um eine Party handle. Ein besonders sympathischer Aspekt war übrigens die Tatsache, dass die beiden Background Sänger nicht in den wortwörtlichen Background verbannt waren, sondern ebenbürtig neben Staton vorne auf der Bühne ihren wohlverdienten Platz fanden. Was folgte war ein unerwartet mitreißendes Konzert, in dem auch der eine oder andere besinnlich-traurige Song nicht unterschlagen wurde (z.B. eine ausgezeichnete Version von Presleys „In The Ghetto“), in dem aber das Wohlbefinden des Publikums ein Hauptanliegen der Künstlerin und ihrer musikalischen Unterstützung zu sein schien. Staton zeigte sich als zutiefst sympathische Performerin, die den Abend fast im Zwiegespräch mit den Zuhörern bestritt und die vom ersten Augenblick an mit ihrer unglaublichen Energie und einer fantastischen Stimme beeindruckte. Die gute Laune Statons übertrug sich sofort aufs Publikum, songtechnisch war dann auch für Jeden und Jede etwas dabei. Von „I’d Rather Be An Old Man’s Sweetheart“ und „Stand By Your Man“, bis zu „Who’s Hurting Now“ (vom aktuellen Album) und der mit dem Publikum gemeinsam gesungenen weiteren Presley-Nummer „Suspicious Minds“. Nicht zu vergessen auch „Young Hearts, Run Free“, jenem Song, mit dem Staton 1976, anno disco, einen veritablen Hit geliefert hat.

Stilistisch im Cross-Over zwischen Soul, Funk, Country, R&B und Gospel, gab es zwischen den Songs Aufmunterung und Durchhalteparolen für die weltwirtschaftskrisengeplagten Zuhörer – „everything’s gonna be alright“  – oder Staton philosophierte über ihr Leben und ihre Lieder, die sich zum allergrößten Teil mit jenem Thema beschäftigen, das auch den Rest der Menschheit permanent in Atem hält: die Liebe. Trotz allem aber musste man an diesem Abend nicht die Taschentücher auspacken (dafür empfehle ich private Hörabende der letzten beiden Alben Statons), sondern konnte wahlweise mitsingen, -klatschen oder -tanzen. Sprichwörtlich lud Staton dann noch zum Kirchenbesuch ein – wer ihre Biographie liest lernt, dass sie sehr lange ausschließlich im Kirchenchor sang, um persönliche Probleme zu bewältigen – trotz allem gab es aber keine Missionierungsversuche, im Gegenteil, es ging ja auch in die „Church of Soul“ und nach diesem Konzert kann ich guten Gewissens sagen, dass ich in dieser Glaubenskongregation sofort Kirchgängerin würde. Nach zwei Zugaben ging der Abend schließlich zu Ende und ich kann nicht behaupten, dass ich beim Verlassen der Konzertlocation auch nur ein unzufriedenes Gesicht erblickt hätte. Dazu fällt mir ein, dass Candi Staton bereits nach dem ersten Song des Abends zum Publikum meinte: „I’m so glad I came today“, darauf kann ich nach diesem Konzert bloß eines erwidern: „So were we, Candi, so were we!“.

Allen, die Soul und verwandte Musikrichtungen schätzen, seien Candi Statons aktuelles Album „Who’s Hurting Now“, sowie der Vorgänger „His Hands“ wärmstens empfohlen, mir bekannt auch noch eine Zusammenfassung ihrer Alben „I’m Just A Prisoner“ und „Stand By Your Man“, die sich „Candi Staton – The Sweetheart of Soul“ nennt und einen guten Einblick in ihre künstlerische Arbeit Ende der 1960er und Anfang der 1970er gibt. Wer sein Herz für Soul et. al. noch nicht entdeckt hat, dem empfehle ich die Compilation „Dirty Laundry – the Soul Of Black Country“, eine exzellente Songsammlung, welche die unterschiedlichen Zugänge afroamerikanischer Gesangskoryphäen wie Bobby Womack, The Pointer Sisters, James Brown, Solomon Burke oder eben auch Candi Staton zur Country-Musik eindrucksvoll darlegt und für Genrenovizen ein idealer Einstieg ist (ein herzliches Dankeschön diesbezüglich an Mitblogger Martin!).

Hier noch der Link zu Candi Statons Webseite für alle, die mehr über sie wissen möchten.

Und nachdem in meinem Fall der Konzertkalender derzeit wieder völlig leer ist, noch schnell ein paar Hinweise auf die nächsten interessanten Alben, die eine längere konzertfreie Phase möglicherweise (mir auf jeden Fall) erträglicher machen. Da gibt es Bob Dylans „Together Through Life“ sowie Conor Oberst and The Mystic Valley Band mit „Outer South“. Wer sonst noch über geheime Informationen in Sachen Konzerte, Wien und Albenreleases verfügt, bitte keine Hemmungen und Kommentar an The Sandworm!

 

Susanne, 26. April 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 8

sandworm

 

Wir befinden uns fast mitten im Dezember und das Jahr geht langsam aber sicher seinem Ende zu. Im Kalender fehlen zwar noch ein paar Tage, trotzdem Grund genug einen Rückblick auf das heurige Konzertjahr zu tun. Denn, auch wenn es kaum jemand glauben mag, für mich ist die heurige Saison beendet, mein Konzertkalender 2008 ist voll. Und – es war ein gutes Jahr was die Ausbeute an Konzerten betrifft, selbst die Tatsache, dass ich mehr als vier Monate dieses Jahres nicht in Wien verbracht habe, hat sich, bis auf die persönliche Katastrophe einen der spärlich gesäten Auftritte des Herrn Dylan versäumt zu haben, nicht negativ auf meine Bilanz ausgewirkt.

Einen fulminanten Auftakt fand 2008 bereits im Februar. Altmeister Neil Young gab sich ein Stelldichein im Austria Center Vienna und legte einen Auftritt hin, von dem sich viele 20-jährige noch einiges abschauen könnten. Musikalische Virtuosität, samt beeindruckender Agilität – gerockt wurde bis die Saiten der Gitarre rissen – ließen die Besucher selbst die uncharmante Atmosphäre des Austria Center vergessen, dass die Wiener Linien wieder mal nicht mehr fuhren und mehrere hundert Konzertbesucher schließlich zu Fuß über die Reichsbrücke in die Stadt zurücksuchten, konnte die Stimmung ebenfalls nicht trüben. Mehr dazu im Konzertbericht von meinem werten Blog-Kollegen Martin (Februar 2008).

Die danach folgende Wien-Pause wurde meinerseits kaum wahrgenommen, bis auf die oben erwähnte schmerzhafte Nachricht, dass Bob Dylan, nach mittlerweile gefühlten 100 Jahren endlich wieder mal nach Wien kommt, ausgerechnet wenn ich nicht dort bin. Aber NY hat mehr als entschädigt (siehe dazu die jeweiligen Einträge) und mit dem Auftritt von Conor Oberst und seiner Mystic Valley Band war im September wieder alles gut. Die Band hatte die Wiener Arena für ihr Gastspiel gewählt, noch dazu einen der letzten lauen Spätsommerabende, an denen man auch noch draußen sitzen konnte und so tat die etwa einstündige Verspätung mit der Mr. Oberst die Bühne betrat kaum weh. Der junge Mann bot dann trotz fortgeschrittener Illuminierung ein wunderbares Konzert, das neue Album („Conor Oberst“) kann ich jedermann nur wärmstens ans Herz legen.

Das nächste Highlight bildete der Double-Header Lambchop/Calexico, der beherzt der katastrophalen Akustik im Gasometer trotzte. Das besagte Akustikproblem war mir schon vor meinem ersten Besuch in der Konzertlocation zu Ohren (!) gekommen, es hat sich bestätigt und lässt sich treffenderweise mit „Bahnhofshallenatmosphäre“ beschreiben. Wie dem auch sei – beide Bands überzeugten – stellenweise kam dann doch noch eine Stimmung auf, als säße man auf der Veranda, blicke über die Weiten Arizonas und nähme genüsslich einen Schluck vom eisgekühlten Corona (mit Limettenscheibe!).  Da konnte einem selbst die Oktoberkälte nichts mehr anhaben.

Der November bot schließlich sage und schreibe zwei Höhepunkte. Nummer eins: Okkervil River, die leidergottes im Rahmen des Blue Bird Festivals im Porgy&Bess auftraten (Please Mr. Sheff – solo show next time!), die dilletantische Technik (der Lichttechniker versteht offenbar kein Englisch) und ein sitzendes Publikum aber ganz einfach links liegen ließen und ein phänomenales Konzert boten. Für Okkervil River („The Stand Ins“), wie auch für die beiden oben erwähnten Bands (Calexico mit „Carried To Dust“ und Lambchop mit „Oh (Ohio)“), gelten ebenfalls dringendste Albenempfehlungen.

Nummer zwei: Wovenhand. Bandleader David Eugene Edwards trieb mit seinen Mannen die apokalyptischen Reiter durchs WUK und hätte thematisch gerne auch am Krampustag auftreten können. Nichts desto trotz auch am 27. November eine energiegeladene Performance, die uns Zuhörern kräftig die Leviten las und uns präventiv gleich fürs kommende Jahr für alle noch nicht begangenen Sünden büßen ließ.

Und da sagt sich das vor Glück überströmende Herz der Musikliebhaberin schließlich „mehr brauchst du nicht, um bis zum Ende dieses Jahres von einem voll und ganz gelungenen Konzertjahr zu sprechen!“. Möge auch 2009 dem in nichts nachstehen, für alle, die schon jetzt über geheime Insiderinformationen verfügen – immer gerne an The Sandworm!

 

Wer die oben bejubelten Bands noch nicht kennt, hier die Links zu den jeweiligen MySpace Seiten:

Neil Young

 

Conor Oberst

 

Lambchop

 

Calexico

 

Okkervil River

 

Wovenhand

 

Artwork „Sandworm“: zoer

 

Susanne, 8. Dezember 2008

Skizzen aus NY – Nr. 7

 

Stefan Nemeth   (Stefan Németh)

 

Nach mehr als zwei Monaten in New York kann ich vom ersten musikalischen Highlight dieses Aufenthaltes berichten. Es stimmt schon, ich habe mich die meiste Zeit hier nicht wirklich intensiv mit dieser Kunstform beschäftigt und mein Interesse Live-Konzerte zu besuchen hielt sich ebenfalls in Grenzen. Wer will schon Billy Joel oder Josef Ratzinger in irgendwelchen Baseballstadien erleben? Ich nicht. Und somit hat meine Aufmerksamkeit bis dato der bildenden Kunst gegolten.

Gestern jedoch durfte ich, in Zeiten musikalischer Revivals und Re-Revivals, einen wirklich interessanten, unerwartet innovativen Musikabend erleben. Nach einem einigermaßen ermüdenden Arbeitstag flatterte die Einladung in ein Etablissement namens „Knitting Factory“ in mein elektronisches Postfach und obwohl ich totmüde war und meine Augen kaum noch offen halten konnte, kam mir dieser Name bekannt vor und nach kurzer Recherche wusste ich: das muss ich mir ansehen. 

Ich habe, zugegebenermaßen, eine gewaltige Schwäche für den sogenannten Underground – und damit meine ich diesmal ausnahmsweise nicht die New Yorker U-Bahn – düstere Spelunken und abgefuckte Konzertvenues lassen mein Herz höher schlagen. Hier kann man nicht nur die skurrilsten Gestalten erleben und mitunter ausnehmend interessante Gespräche führen, auch musikalisch ist es zumeist ein Garant für hochgradiges Amüsement und/oder die Entdeckung ungeschliffener Musikdiamanten. Hin und wieder sind auch bereits geschliffene dabei, das hängt von der jeweiligen Sichtweise ab.

Nachdem ich die Ausweiskontrolle zur Feststellung des legalen Trinkalters passiert hatte, marschierte ich nichts ahnend in Richtung Konzertraum, aus dem mir bereits dumpfe Klänge entgegendröhnten. Mit der Tür zum Aufführungssaal schien sich gleichzeitig auch das Tor zur Hölle zu öffnen – vor der Bühne hatten drei satanische Wesen Aufstellung genommen und bearbeiteten Micro, E-Gitarre und Schlagzeug, auf dass es einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die Truppe, die sich „Bonedust“ nannte und deren Name offenbar Programm war, bestand, wie sich erst auf den zweiten Blick herausstellte, aus drei Frauen, die, in burtonesker Kostümierung (Stichwort „The Nightmare before Christmas“) wahlweise auf die Drums eindroschen, die Saiten an den Rand des Berstens brachten oder in markerschütternder Fasson ins Mikrophon brüllten. Sicherheitshalber hielt ich mich im Hintergrund, auch aus Angst, ich könnte bei zu intensivem Konsum dieser musikalischen Kost auf Lebzeiten unter Albträumen leiden, trotz allem war ich wie der Rest der Zuhörer fasziniert. Die für mich brennendste Frage: Wenn es schon Angstanfälle auslöst, sich derlei anzuhören, was veranlasst jemanden dazu, Musik wie diese herzustellen?! 

Nach etwa 45 Minuten war der Spuk dann vorbei und dass die drei Damen ihre eigenen Instrumente schließlich selbst abbauen und wegtragen mussten, verlieh der ganzen Show dann noch den Extratouch an Pathos – gequälte, malträtierte Satansbrut, die auch noch dazu verurteilt war ihren eigenen Krempel wegzuräumen. Ein erstes Highlight des Abends.

Der zweite Act fiel Bierkonsum und Zigarettenrauchen zum Opfer. Dass dies soviel Zeit in Anspruch nahm, liegt aber nicht, wie manche vermuten würden, an der psychologischen Reaktion zu „Bonedust“, die sicherlich darin liegen könnte, das entstandene Angstausmaß mit übermäßigem Alkohol- und Zigarettenkonsum zu betäuben, sondern viel mehr an der Tatsache, dass die Konsumierung dieser Stimulantien in New York nie und nimmer in einer viertel Stunde zu bewältigen ist. Schließlich ist Rauchen im Lokal nicht mehr erlaubt, man muss raus auf die Straße, Alkohol wiederum darf beim besten Willen nicht nach draußen mitgenommen werden. Wer dann auch noch aufs Klo musste, hätte selbst beim dritten Musikact die Hälfte, und somit den Höhepunkt des Abends, versäumt.

 

    (Martin Siewert)

 

Besagter bestand aus Stefan Németh (seines Zeichens Österreicher) und Martin Siewert (in Wien lebender Deutscher), die gemeinsam als „Nemeth“ für ein denkwürdiges Musikerlebnis sorgten. Beide Musiker waren einander gegenüber aufgestellt, Stefan Németh am Synthesizer, Martin Siewert mit Synthesizer, Hawaii- und E-Gitarre, und begannen über die Dauer von nicht ganz einer Stunde eine Klangkulisse aufzubauen, die Ihresgleichen sucht! Langsam schwebende Klänge, grillenartiges Zirpen, Herzrhythmusstörungen auslösende Beats, morriconeartige Gitarrenriffs bauten sich da auf, wurden wieder zu leiseren, flächenartigen Klangteppichen heruntergeschraubt, breiteten sich bis in die letzten Winkel des dunklen Saals aus und legten sich über die bewegungslosen, auf ihren Stehplätzen festgefroren scheinenden Zuhörer. Immer wieder entstand durch diese Kompositionen eine fast unerträgliche Spannung – die mit grünen, gelben und roten Drähten verkabelten Geräte der Musiker, die bis auf wenige Blickkontakte hochkonzentriert „arbeiteten“ und bloß über ihre Instrumente kommunizierten, weckten Assoziationen mit Filmszenen in denen Bomben entschärft werden müssen. Wird er den richtigen Draht durchschneiden? Fliegt hier bald alles in die Luft?! Endlich – ein ryhthmischer Drumbeat, der die aufgestaute Spannung mitnimmt und das Publikum in die nächste Klangwelle spült. 

Zwei „Lieder“ wurden an diesem Abend bloß gespielt, das erste ca. dreißig, das letzte etwa fünfzehn Minuten lang, trotz allem – nachdem der letzte Ton verklungen war, erwachten die hypnotisierten Zuhörer aus ihrer Trance und konnten endlich wie befreit den beiden Performern den würdigen Tribut zollen. Frenetischer Applaus, alle waren glücklich, ein musikalisches Erlebnis der Sonderklasse.

 

Susanne, 22. Mai 2008

 

Weiterführende Links:

http://www.thrilljockey.com/artists/index.html?id=11190

 

http://siewert.klingt.org/


es war fantastisch …

neil-young.gif

(AP)

 

Zwischen 00.30 und 1 Uhr morgens, in der Nacht vom 22. auf der 23. Februar, konnte beobachtet werden, wie hunderte glückliche Menschen in dieser warmen und windigen Februarnacht zu Fuß über die Reichsbrücke in Richtung Innenstadt zogen. Schuld daran war Neil Young. Er hatte zuvor nicht nur ein vollends mitreißendes, sondern auch mehr als 3 Stunden langes Konzert im Austria Center abgeliefert und damit die U-Bahn-Heimreise unmöglich gemacht. Taxis waren nicht zu bekommen und so machte man sich halt zu Fuß auf den Weg – bei guter Stimmung kein Problem und gut war sie, die Stimmung am Ende dieses Abends.

Nachdem seine Frau Pegi die Besucher mit einem feinen, rund 40minütigen Country-Set eingestimmt hatte, begann Neil Young gegen 21 Uhr sein Konzert mit From Hank to Hendrix. Eine gute Stunde bestritt er alleine, meist an einer der vielen Gitarren, die um ihn herum aufgebaut waren, hin und wieder auch am großen (A Man Needs a Maid) oder kleinen Klavier (After the Gold Rush). Alleine auf der Bühne wirkte Young mitunter etwas verloren und orientierungslos, nichtsdestotrotz war er an der Gitarre souverän und gut bei Stimme und schenkte dem Publikum schließlich Heart of Gold und Old Man als letzte Songs des Akustik-Sets. Auf das, was nach einer kurzen Umbaupause kommen sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch niemand vorbereitet. Young tauchte mit Band wieder auf und riß das Publikum mit einem großartigen Mr. Soul sofort aus der fast besinnlichen Stimmung des ersten Konzertteiles. Nach zwei oder drei weiteren Songs war der Saal mit den ersten Akkorden von Hey, Hey, My, My auf den Beinen und waren die Gänge und der Bereich am Bühnenrand dicht mit Menschen gefüllt, auch wenn die Security genau das zu verhindern versucht hatte. Die Menschen begannen im Takt zu springen, der Saalboden schwang bedrohlich mit. Gesessen ist ab diesem Zeitpunkt niemand mehr. Über einige Songs aus seinem letzten Album Chrome Dreams II und Klassiker wie Down by the River und Powderfinger (und ein wunderbares, dem verstorbenen Crazy Horse-Mitglied Danny Whitten gewidmetes Winterlong) spielte sich Young ans Ende seiner fast dreistündigen Darbietung, ohne auch nur ein bißchen an Energie oder Spielfreude zu verlieren, im Gegenteil. Die Zugaben brachten Cinnamon Girl und schließlich Rockin‘ in the Free World, was den Saalboden wieder in Schwingungen versetzte und ein paar recht jungen Menschen sogar unerwartete Gelegenheit zum Stagediving bot.

Ein unglaubliches, ein fantastisches Konzert. Was Young und seine großartige Band geboten haben, bekommt man nicht alle Tage zu sehen, nicht in Wien und wohl auch nicht anderswo. Ein Konzert des Jahres, ohne Zweifel. Das trau ich mich zu sagen, obwohl es erst Ende Februar ist.

(Martin)