Skizzen aus Wien – Nr. 17

literary sandworm - Artwork ZOER

 

Schon hatte ich geglaubt, mich bis Juni von sämtlichen Schlagzeilen fernhalten und meine Nerven schonen zu dürfen, da kommen schon die nächsten Meldungen, die einem ungeübten Nachrichtenkonsumenten hierzulande zur Weißglut treiben mögen. Nicht so mich. Ich bin ein Profi und obwohl ich hier zur Debatte stellen wollte, wie obsolet die pseudo-feministische Kritik, an dem was den Grünen gerade zu schaffen macht, ist, obwohl ich die Horden, die in Bezug auf den Umgang mit der weiblichen Führungsriege dieser Partei gerne „Sexismus“ rufen, fragen wollte, warum sie nicht auch aufschreien, wenn man z.B. unsere ungeliebte Innenministerin mit sämtlichen nur erdenklichen Schimpfnamen belegt und überhaupt in den Raum stellen wollte, wie es in der Partei der Fleißigen und Anständigen eigentlich möglich ist, dass einem der ihren nach nur 3 Jahren Arbeit eine Abfindung von über 200.000 Euro zustehen soll, will ich den wertvollen Raum lieber einem widmen, der es wirklich verdient hat.

Ich habe mir mein nachrichten-nihilistisches Nervenschonprogramm nämlich zu Herzen genommen und meinen Kopf in ein Buch gesteckt. Und wurde belohnt. Mit mehreren Stunden unbeschreiblichen Lesevergnügens und anfallsartigen Lachstürmen, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe und die ich hier jedem, der es leid ist, sich über dies oder jenes aus dem tristen Alltag zu ärgern, nicht vorenthalten möchte. Vor allem aber ist der heutige Eintrag dem Autor gewidmet, denn auch wenn mich hier die Schuld trifft, erst aufgrund der Meldung seines Ablebens über ihn gestolpert zu sein, so soll ihm an dieser Stelle zumindest posthum Ehre erwiesen werden, denn die hat er auf jeden Fall mehr als verdient. Und Literaturkritik hat The Sandworm ohnehin noch keine veröffentlicht – höchste Zeit also!

David Foster Wallace ist der, um den sich in den folgenden Zeilen alles drehen soll. Schon mit seinem Debüt 1987 wurde er von der Literaturkritik als Genie, als das junge Talent der US-amerikanischen Literatur-Szene gefeiert, bekam Preise und wurde mit Lob überhäuft. Ich, wie gesagt, habe erst durch die traurige Meldung über seinen Tod, seinen Suizid, von ihm erfahren und möchte hier nicht über das Leben des Autors spekulieren, sondern viel mehr über sein Werk berichten. D.F.W. hat sich mit einem Roman namens „Infinite Jest“ – einem tausendseitigen Wälzer – in die allerhöchsten Sphären der sogenannten postmodernen amerikanischen Literatur katapultiert und wurde bereits als legitimer Nachfolger von Thomas Pynchon gefeiert. Dieses Werk hat mich interessiert und nach ein paar Mausklicks war es auch schon bestellt (1), zusammen mit einem weniger voluminösen Buch, welches ich zum Aufwärmen und Einlesen dazugekauft hatte – 4 Tage später fand sich beides in meinem Briefkasten (2). Mitschuld am Bestellen des Aufwärmbuches war mit Sicherheit sein Titel, der mich nicht unberechtigt vermuten ließ, dass es sich um eine recht humorige Angelegenheit handeln könnte, er lautete: „A supposedly fun thing I’ll never do again“ (3).

 

A supposedly fun thing I'll never do again - David Foster Wallace

 

Meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. Nicht nur stellte sich heraus, das sich D.F.W. der hochtrabenden Lobeshymen als voll und ganz würdig erwies, „A supposedly fun thing I’ll never do again“ ist mit Sicherheit nicht nur die unterhaltsamste Lektüre, die ich seit langem gelesen habe, sie hat mich auch mit ihrem literarischen Stil nachhaltig beeindruckt. Das Buch ist angelegt als Sammlung von insgesamt 7 Essays, die sich mit den unterschiedlichsten Themen beschäftigen. Erschienen 1997, stammen auch die Aufsätze aus den frühen 1990ern und richten sich an eine Leserschaft um die 30, wobei ich nicht davon ausgehen möchte, dass nicht wahlweise auch jüngere oder ältere Literaturliebhaber die Geschichten interessant und unterhaltsam finden könnten, der Inhalt wird aber wohl eher den sog. „thirtysomethings“ liegen, vor allem jenen, die belesen und eher amerikanophil veranlagt sind. Eine hierzulande möglicherweise recht eingeschränkte Zielgruppe, die dafür aber voll und ganz auf ihre Kosten kommt. Analysen über Tennis und die Psychologie des Qualifying für bestimmte ATP Tourniere (4), Literaturkritik und Notizen vom Set von David Lynchs „Lost Highway“ finden sich dort genauso wie Betrachtungen über den Besuch des State Fair von Illinois (5) und schließlich das Highlight, ein minutiöser Bericht über die Teilnahme des Autors an einer Luxuskreuzfahrt in die Karibik. Letzterer trug die Überschrift, die schließlich auch zum Buchtitel werden sollte und ist unter Garantie einer der besten Essays, die ich je gelesen habe.

D.F.W. schreibt unterhaltsam und mit großem Detailreichtum, er schafft es mühelos den Bogen zu spannen zwischen elaborierter Sprachverwendung und fast slapstickartiger Komik, er erzählt mit großer sprachlicher Finesse, ohne dass sein Text kompliziert oder unleserlich würde und fabuliert trotz allem mit bodenständiger Klarheit, ohne je banal zu werden. Zuviel soll nicht verraten werden, aber der Autor berichtet mit unglaublicher Leichtigkeit und gnadenloser Offenheit nicht nur über die Absurditäten, die das Leben und die Leute an Bord zu bieten haben, er nimmt sich auch selbst, als Fremdkörper unter den Kreuzfahrtprofis, nicht von der Kritik aus und verschafft dem Leser dieses fast 100-seitigen Essays Stunden ungetrübter Lesefreude. „A supposedly fun thing I’ll never do again“ von David Foster Wallace sei hiermit allerwärmstens empfohlen.

 

(1) danke Amazon.de!

(2) und wäre wohl auch dort verblieben, hätte ich es nicht unter Aufwand fast übermenschlicher Kräfte aus dem Postfach gezerrt, in welches es vom Briefträger unter maximaler Ausnützung des dort vorhandenen Platzes hineingepresst wurde.

(3) auf Deutsch: „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“

(4) auch österreichische Tennisfreunde kommen auf ihre Kosten, so finden Horst Skoff und Julian Knowle Erwähnung, wenn auch eher am Rande.

(5) eine Art landwirtschaftlicher Leistungsschau samt „Dingel-Dangel“ für Unterhaltungszwecke.

 

P.S.: falls Sie sich mit dem Stil in dem dieser Eintrag verfasst wurde schwer tun, dann wird ihnen vermutlich auch D.F.W. nicht gefallen, der wird nämlich nicht zu Unrecht von vielen „Meister der Fußnoten“ genannt…wobei meine hommageartige Anwendung dieses Instruments noch harmlos ist – zum ersten mal im Leben habe ich Fußnoten gelesen, die ihre eigenen Fußnoten hatten, sozusagen Fußfußnoten.

P.P.S.: ich kann hier bloß über die englische Originalfassung des Buches berichten, ob die deutsche Übersetzung gelungen ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Susanne 15. Februar 2009

 


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Skizzen aus Wien – Nr. 14

 

Mad Sandworm - Artwork ZOER

Österreich ist ein seltsames kleines Land. Regelmäßig überschätzt man hierzulande die Bedeutung unserer Nation in Bezug auf ihre Rolle auf der Weltbühne (ausgenommen z.B. Doping, Stichwort: Austria is a too small country… © Peter Schröcksnadel). Einen ganz besonderen Fall bildet in dieser Hinsicht die Medienszene. Am Printsektor dominiert die Kronenzeitung, das Fernsehen der ORF – beides würde ich nicht unbedingt als qualitativ hochwertige Medien bezeichnen, doch obwohl auch in Österreich mittlerweile Internet und Konsorten Einzug gehalten haben, von einer bunten Medienlandschaft (außer in Bezug auf die farbliche Darstellung), kann man wohl kaum sprechen. Da ist es dann besonders erstaunlich, wenn so genannte Qualitätszeitungen, oder Radiosender, die sich in den vergangenen Jahren einen Ruf erarbeitet haben, genau denselben Fehler machen, wie die Marktführer am Boulevard, wenn sie sich nämlich nicht mehr nur darauf beschränken qualitätsvolle Artikel, oder Radioprogramme zu machen, sondern den Begriff der Qualität schon per se rein auf das eigene Medium beschränkt sehen. Alle anderen produzieren natürlich nur Schrott. Der gemeine Journalist im jeweiligen Medium bleibt von der systemischen Selbstüberschätzung natürlich nicht verschont und läuft über die Jahre des gemütlichen Vor-Sich-Hinschreibens (oder Redens) Gefahr einer gewissen Hybris anheimzufallen. Nämlich jener, dass nicht nur das Medium für das er arbeitet das beste in Österreich sei, sondern überhaupt auch er selbst der beste Journalist, den es je gegeben habe. Irgendwann nimmt er dann für sich selber die Deutungsmacht über das, was hierzulande als gut oder schlecht zu gelten hat, in Anspruch.

Worauf ich hinaus will? Nun, ich bin sicher nicht die Einzige, die in den vergangenen Tagen den öffentlich ausgetragenen Streit zwischen den Herren Karl Fluch (Der Standard) und Martin Blumenau (FM4), ihres Zeichnes Musikredakteure im Bereich Pop/Rock bzw. alles was man nicht als E-Musik bezeichnet, mitverfolgt hat. Der Streit schien bereits seit längerer Zeit zu schwelen und nachdem sich Herr Blumenau offenbar am Montag dieser Woche nicht entblödete Herrn Fluch öffentlich zu kritisieren, brachen alle Dämme der Zurückhaltung und, soweit ich im Bilde bin, sind wir mittlerweile bei der 3. Veröffentlichung von Herrn Blumenau und der 2. Replik von Herrn Fluch angekommen. Das Ganze ist für die meisten Beobachter ein Heidenspaß, man braucht nur in den jeweiligen Postingforen nachzulesen und ich gebe zu, dass ich selber nicht darüberstehe, mich über die Sandkistenraufereien zweier sogenannter Qualitätsjournalisten zu amüsieren. 

Das Ganze hat aber einen weiteren Aspekt, den ich nicht aus dem Auge verlieren möchte. Dieser Blickpunkt wurde von Herrn Blumenau, unter dem Vorwand Herrn Fluch eine drüber zu ziehen, als Grund für seinen Zorn vorgeschoben: Die Lage der Nation in Sachen Musikkritik. Ich gebe zu, dass ich Herrn Blumenau noch nicht ein einziges Mal zugehört habe, Herrn Fluchs Kritiken lese ich regelmäßig, aber auch wenn ich mir bei ersterem keine Kritik erlauben sollte, bei letzterem oft nur deshalb zustimme, weil er offenbar einen annähernd ähnlichen Musikgeschmack zu haben scheint wie ich, so möchte ich trotz allem beide Herren zurechtweisen. Zum Einen, weil ich den Eindruck habe, dass es hierzulande offenbar bloß eine Handvoll von Musikredakteuren gibt, die sich ständig auf den selben Konzerten die Hand schütteln (oder eben nicht…) und dadurch die Zahl der lesbaren Musikrezensionen selbst niedrig halten, zum anderen, weil ich nicht verstehe, warum sich Musikredakteure, wenn sie schon das Privileg besitzen, in einem qualitativ höherwertigen Medium, gegen Bezahlung, arbeiten zu dürfen, trotz allem auf die immer gleichen Konzerte begeben, um dann zu erwartende Konzertberichte abzuliefern. Ich gebe zu, die Konzertlandschaft in Österreich ist einigermaßen trist und viele hochkarätige Musiker machen einen Bogen um unser Land, aber trotzdem verstehe ich nicht, warum ein Qualitätsmedium darauf zu bestehen scheint, ihre Journalisten trotz allem Massenware rezensieren zu lassen. Ein Beispiel? Wenn Herr oder Frau Superstar, die für einen billigen, faden, uninsprierten Pop (wahlweise zu ersetzen mit Hip Hop oder RnB) stehen, sich nach Wien bequemen, dann kann ich mir die gnadenlos bissige Musikkritik am nächsten Tag Wort für Wort vorstellen, ohne sie überhaupt lesen zu müssen. Warum also erspart man den Redakteuren diese Pflichtkonzertbesuche nicht einfach. Dass sich also die österreichische Rezensionskultur in einer scheinbar niemals endenden Talsohle befindet ist nicht erstaunlich, schließt aber den Schöpfer dieser blumig formulierten Beschreibung, Herrn Blumenau (nomen est omen…), ebenso wenig aus, wie den angegriffenen Herrn Fluch. Und das liegt vermutlich daran, dass hierzulande einmal ersessene Posten auf Lebenszeit ausgeübt werden, oder aber, weil man als Inhaber der jeweiligen Positionen, schon per se davon ausgeht, dass ausschließlich das eigene Medium Recht hat. Aber nachdem es nun eben hierzulande schon von vornherein wenige Medien gibt, und im Speziellen sehr wenige, die sich eingehender mit Qualitätsjournalismus beschäftigen, bleibt schließlich jene Handvoll Auserwählter übrig, die sich auf Lebenszeit auf immer wieder denselben Konzerten über den Weg laufen und immer wieder dieselben Rezensionen schreiben. Ich schließe mit Jean-Paul Sartre: „Die Hölle, das sind die anderen.“ 

Der Blogeintrag von Martin Blumenau

Die Replik(en) von Karl Fluch

 

Susanne, 28. Jänner 2009

The Sandworm

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The Sandworm versteht sich als Online-Feuilleton zu verschiedensten Themenbereichen. Von Reiseberichten über Musikkritiken, von Filmrezensionen bis hin zu sozialpolitischen Kommentaren zur Lage der Stadt, des Landes und der Welt. The Sandworm setzt sich grundsätzlich keine Grenzen worüber es berichten will und ist darauf ausgerichtet mit der Zeit zu wachsen. So ist unter anderem auch beabsichtigt, wahlweise Artikel auf englisch oder deutsch zu verfassen. The Sandworm möchte thematische Grenzen ebenso wie Trennlinien zwischen Textarten und Genres überschreiten, um neue Blicke auf Altes und erste Blicke auf Neues zu öffnen.