Dai Sijie – Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Von 18. Bis 22. November lief eine Aktion in Wien, die es in dieser Form seit 2002 gibt und bei der jedes Jahr 100.000 Gratisbücher an die Wiener und Wienerinnen verteilt werden.

Ich hatte diesmal Gelegenheit das heurige Buch „Balzac und die kleine Schneiderin“ schon vorab zu lesen, man hat mir netterweise ein Rezensionsexemplar zukommen lassen und mir auch ein Interview mit dem Autor, Dai Sijie, einem in Frankreich lebenden Chinesen, gewährt.

Selbst wenn das Buch nicht dem entspricht was ich normalerweise lese, so ist es für die Aktion sehr gut gewählt. Schließlich geht es auch darum neue Leser zu begeistern und wenn man sich eine im Jahr 2007 von der Statistik Austria durchgeführte Befragung zur Erwachsenenbildung ansieht, so zeigt sich, dass immerhin 25% aller 25 – 64 Jährigen in Österreich im davor liegenden Jahr in ihrer Freizeit kein einziges Buch gelesen haben. Diesbezüglich also finde ich „Eine Stadt. Ein Buch“ eine lobenswerte Aktion.

Dai Sijie erzählt in „Balzac und die kleine Schneiderin“ die großteils autobiographisch inspirierte Geschichte eines jungen Chinesen, der zur Zeit der chinesischen Kulturrevolution gemeinsam mit seinem Freund zur Umerziehung aufs Land geschickt wird. Die Eltern der beiden waren als Ärzte und Intellektuelle als so genannte Staatsfeinde identifiziert worden, mit der Jugend sollte nicht das selbe passieren, sie sollten China als hart arbeitende, ehrliche Bauern dienen, so wie es der „große Vorsitzende“ Mao Zedong für sein Volk vorgesehen hatte.

So schickt man also auch die zwei Freunde, man schreibt das Jahr 1971, irgendwohin in die tiefste Provinz, um sie durch körperliche Schwerstarbeit zu rechten Menschen zu erziehen. Die Protagonisten stoßen dort jedoch auf einen „Kollegen“, der sich im Besitz eines Koffers befindet, welcher randvoll mit Klassikern aus der Literaturgeschichte ist. Balzac, Melville, und Konsorten. Und während sie im Nachbarsdorf eine hübsche junge Schneiderin zu erobern gedenken, zu deren Zwecke man sich auch der umwerfenden Literatur bedient, wird die Erzählkunst der großen Autoren nicht nur Hilfsmittel zur Verführung, sondern auch zur wichtigsten Stütze, um die menschenfeindlichen Lebensbedingungen zu ertragen.

Balzac und die kleine Schneiderin“ ist ein leicht zu lesendes Buch, es ist nicht hohe Literaturkunst, meiner Meinung nach, aber es ist auch nicht banal. Es vereint eine schöne, spannend erzählte, Geschichte, die den Leser mit einer sehr direkten, fast naiven Sprache, in ein dunkles Kapitel Chinas führt und welche das Werk somit auch zeithistorisch interessant macht. Ohne den Leser zu überfordern. Ein ideales Buch also, um Neueinsteigern, oder solchen, bei denen es schon eine Zeitlang her ist, seit sie den letzten Roman gelesen haben, einen Anreiz zu geben, einen kleinen Bruchteil ihrer Zeit dem Lesen zu widmen.

Was der Autor von all dem und mehr hält, habe ich ihn gestern schließlich selber fragen können. In der Lobby des Grand Hotels am Ring, kommt mir Dai Sijie in traditionellem chinesischem Outfit entgegen und schenkt mir einen Teil seiner Zeit, um mir Rede und Antwort zu stehen.

Während des Gesprächs entpuppt er sich als überaus intelligenter, freundlicher und bescheidener, vor allem aber auch als kritikfähiger Gesprächspartner. Es müssten nicht alle zum Lesen überredet werden, meint er, als ich ihn frage, was er davon hält, dass knapp ein Viertel der Bevölkerung nicht liest. Und ich verstehe auch gleich, dass er das nicht dogmatisch meint, sondern im Gegenteil, er hat kein Problem damit, wenn jemand nicht lesen möchte und sich lieber für Fußball interessiert. Es soll sich jeder frei entscheiden dürfen.

Zwingen könne man ohnehin niemanden, aber trotz allem sei Lesen doch eine noble Freizeitbeschäftigung, ebenso wie die Aktion, im Rahmen welcher sein Werk an die Wiener verschenkt wird.

Schreiben würde er, wie die meisten Autoren, um etwas zu erzählen, wobei er den ganz großen Schriftstellern dieses Ziel abspricht. Da ist er der Ansicht, dass diese hauptsächlich schreiben, um die anderen von ihrem Talent zu beeindrucken. Das Resultat, also das was man als Weltliteratur bezeichnet, war für ihn, der wie seine Protagonisten im Buch zur Umerziehung geschickt worden war, jedoch ein Grund, warum er die Strapazen und die Hoffnungslosigkeit während dieser Zeit, überhaupt überlebt hätte.

Rettungsring ist die Literatur für ihn heute keiner mehr, es wäre sein Metier, sagt er, und man weiß nicht so recht, ob er das nicht mit einer gewissen Wehmut so sieht. Es wäre auch jetzt nicht immer leicht, man müsse eben Geld verdienen und er tue sich schwer mit Französisch, einer Sprache, die er erst spät gelernt hat. Auf Chinesisch würde er gerne publizieren, bloß, seine Bücher würden in China nicht verlegt werden. Aber so sei das eben. Aktuell lese er übrigens am liebsten südamerikanische Literatur, insbesondere Borges.

Ob der Westen mehr Druck auf China ausüben sollte, um den politischen Wandel zu beschleunigen? Dai Sijie meint, dass im Westen doch auch eine sehr große Doppelmoral herrsche. China würde produzieren und investieren, und solange die westlichen Länder am Geld interessiert wären, würde sich auch politisch nicht viel ändern.

Auf die Frage, ob die Literatur dazu im Stande sei, politische Veränderungen herbeizuführen, kommt ein kurzes „Non“ und dann lächelt er.

Susanne, 23. November 2010

Konzertbericht – Badly Drawn Boy, Wien 2010

Seine erfolgreicheren Zeiten liegen zwar schon länger zurück, trotzdem hat es mich gefreut, dass sich Badly Drawn Boy vergangenen Dienstag wieder einmal zu einem Konzert in Wien eingefunden hat. Das letzte liegt schon länger zurück, 2006, wenn ich mich nicht täusche und damals konnte er locker noch die Arena füllen, diesmal war’s schon im Wuk mit Bestuhlung nicht mehr ganz so voll.

Zu Unrecht, denn der schlecht gezeichnete Bub – der im bürgerlichen Namen Damon Gough heißt – ist ein talentierter Singer/Songwriter, der auch ohne Filmmusikhype („About a Boy„) gute Songs zu bieten hat.

So bestritt er den ersten Teil des Abends mit neuem Material, über das ich nicht viel sagen kann, außer, dass es sehr gefällig ist und tat seinen Anhängern nach einer kurzen Pause dann auch noch den Gefallen ein paar ältere Songs zu spielen.

Für mich erfreulich, dass sich das großartige „Silent Sigh“ darunter befand, „About A Boy“ gab er ebenfalls zum Besten, auf meinen persönlichen Favoriten „Pissing in the Wind“ (ja das Lied heißt so…) musste ich verzichten, und das, obwohl Gough, grantig wie immer – und, davon bin ich zu 99% überzeugt, mit derselben Haube bekleidet wie beim letzten Gig in der Arena – zwar explizit nach etwaigen Wünschen fragte, diese auch artig vom Publikum entgegengerufen bekam, sie aber allesamt mit „thanks, but I’m not gonna play any of them“ doch nicht erfüllen wollte. Ach, das Leben als trauriger Songwriter ist ein hartes.

Nichtsdestotrotz war es ein nettes Konzert, das das lange Warten auf den nächsten lohnenswerten Gig, irgendwann, hoffentlich bald, etwas verkürzt hat.

Susanne, 18. November 2010

Frida Kahlo vs. Cézanne, Picasso, Giacometti & Co.

Nach längerer Zeit ohne Ausstellungsbesuch zog es mich vergangene Woche in gleich zwei. An einem einzigen Tag absolvierte ich einen kleinen Parcours, der mich von Frida Kahlo im Bank Austria Kunstforum zu Cézanne, Picasso, Giacometti et al. im Leopoldmuseum führte und selbst wenn beide mit Namen werben, die im Ausstellungszirkus quasi Eigenläufer sind, so konnten sie unterschiedlicher nicht sein.

Frida Kahlo im Bank Austria Kunstforum

Bereits vergangenes Jahr erfreute mich die Neuigkeit, dass es endlich eine große Kahlo-Ausstellung in Österreich geben werde, geduldig wurde gewartet, um nachher vor lauter Unmut über die langen Warteschlangen, die sich vor dem Kunstforum auf der Freyung immer wieder dahinschlängelten, ernsthaft darüber nachzudenken, auf den Besuch der Ausstellung zu verzichten.

Zum Glück motivierten mich meine kunstinteressierten Eltern, die sich Kahlo nicht entgehen lassen wollten und aufgrund der Anreise aus der fernen Steiermark wurde gleich auch das Leopoldmuseum mit auf das Besuchsprogramm gesetzt. Zur Kahlo ging es am späten Vormittag, an einem Wochentag, was ich allen, die es irgendwie einrichten können, sehr empfehle, denn selbst am Donnerstag gegen 11 Uhr stand eine kleine Traube von Menschen vor dem Eingang. Die Wartezeit hielt sich zwar mit ca. 30 Minuten in Grenzen, aber was man diesbezüglich am Abend oder Wochenende vor sich hat, kann sich jeder vernünftige Mensch ausmalen.

Die Ausstellung selbst rechtfertigte dafür dann doch die Mühe des Anstellens, denn sie war schlicht und einfach überwältigend. Die Künstlerin beeindruckte nicht nur mit unglaublich farbenprächtigen, hervorragenden Malereien – die Serie ihrer Selbstportraits ist umwerfend – die Ergänzung der Ausstellung mit einer Reihe von Fotografien, die Kahlo und ihre Zeitgenossen zeigt, wirft Licht auf das bewegte, von großem Leid und leidenschaftlicher Liebe geprägte, Leben der Künstlerin. Gerade dadurch wird sie aber angreifbar und wandelt sich von der Ikone zum Menschen, ohne ihre Magie und ihr Charisma zu einzubüßen. Im Gegenteil, man findet sich tief bewegt von der großartigen Künstlerin, der wunderschönen Frau, die beim Verlassen der Ausstellung, nie wieder die mexikanische Malerin mit den zusammengewachsenen Augenbrauen und dem Damenbart sein wird. Allerwärmste Empfehlung, die Ausstellung läuft nur mehr bis 5. Dezember!

Picasso, Césanne, Giacometti & Co.

Im Leopoldmuseum hingegen kann man sich ansehen, was passiert, wenn man ein paar bekannte Namen auf ein Plakat druckt und sich sonst keinerlei Gedanken mehr macht, außer vom Klingeln der Museumskassa zu träumen. Leider hat der Trick wieder einmal funktioniert, schließlich bin ich ja selbst drauf reingefallen. Man hat also Sämtliches, was in der Sammlung der Fondation Beyeler Rang und Namen hat, einfach aufgestellt und -gehängt und sich, wie das so oft der Fall ist, bloß darauf verlassen, dass die Zugpferde ihren Dienst tun werden. Da hängt dann hier ein Monet und dort ein paar weniger interessante Picassos, den Cézanne gibt’s auch und ebenso den Giacometti, und weiter geht’s mit einem Jackson Pollock (hurrah, wer jemals dessen großflächige Bilder gesehen hat, lächelt mitleidig), ein Lichtenstein darf nicht fehlen, schon gar nicht der Andy Warhol. Gähn. Das muss man nicht gesehen haben.

Zum Glück war man mit der Kondition noch nicht am Ende und machte noch einen Streifzug durch die ständige Sammlung des Museums. Zumindest dort ließen sich, abseits der Klassiker, noch ein paar neue persönliche Neuentdeckungen machen. Zum Beispiel, dass die Malereien von Koloman Moser großartig sind. Wenn man sich nun in der Leopoldstiftung also auch Gedanken machen könnte, wie man Sonderausstellungen interessanter gestaltet, als bloß irgendwelche Bilder von bekannten Malern aufzuhängen (dafür wäre eigentlich das Kuratorium zuständig), dann würde mich das sehr freuen.

Susanne, 7. November 2010

Teşekkür ederim – oder die Schwierigkeit für das Türkische passende Eselsbrücken zu finden

Kurz vor dem Aufbruch nach Istanbul hatte ich mich mit einer Freundin darüber unterhalten, dass dies die weiteste Reise in den Osten sein würde, die ich je unternommen habe. Zur Untermauerung meiner These meinte ich, dass ich bis dato nicht weiter östlich als Prag gewesen wäre, woraufhin Freundin N. vernünftigerweise einwandte, dass Wien östlicher liege als Prag und mir somit auch gleich aufzeigte, dass die Grenzen zwischen Ost und West eher im Kopf verortet sind, als auf der Landkarte.

Zum Glück fiel mir dann noch ein, dass ich mit Tallin doch noch weiter östlich auf dem Globus gereist war, als nach Wien, was schließlich auch belanglos war, da die Reise in die Türkei ohnehin vor der Tür stand und mein kosmopolitisches Ego nicht länger unter der reisetechnischen Kränkung leiden musste, es noch nicht besonders weit in den Osten geschafft zu haben.

Gemeinsam mit einer Gruppe von Twitteranten und Bloggern ging es vergangenen Mittwoch schließlich los, am frühen Nachmittag traf man im Hotel in der Altstadt Istanbuls ein, für die nächsten zwei Tage war katastrophales Schlechtwetter angesagt.

Nichtsdestotrotz wurde bei leichtem Nieselregen gleich eine Tour in die Altstadt gestartet und nach dem ersten obligaten türkischen Kaffee landete man im Großen Bazar, der dermaßen unübersichtlich war, dass wir nach ziellosem Bummel durch die, in der überdachten Anlage kreuz und quer laufenden Geschäftsgassen, nach dem Weg fragen mussten, um mit möglichst wenig Umweg in Richtung Hafen bzw. Eminönü zu gelangen, wo das erste gemeinsame Abendessen im Restaurant Hamdi reserviert war.

Man wendet sich also an einen der Händler und, wie sich in den nächsten Tagen herausstellt, haben nicht wenige darunter Zeit in Österreich oder Deutschland verbracht, der gefragte junge Mann outete sich mit passendem Akzent als kurzfristiger Einwohner von Bayern, schickte uns in die richtige Richtung und verabschiedete sich stimmungsvoll mit „Pfiat’di“.


Von diesen immer wieder gehörten deutschsprachigen Einsprengseln abgesehen, gestaltete sich die Anneignung von zumindest einigen wichtigen türkischen Floskeln als ziemliche Herausforderung. Zum Einen, weil die Sprache so gut wie keine Möglichkeit bot, sich mit irgendwelchen Lateinkenntnissen an Wortstämmen oder -wurzeln zu orientieren, zum anderen weil durch diese völlige Fremdartigkeit auch die Einprägung selbst kurzer Worte nahezu unmöglich war.

Darüber hinaus boten sich wenig Möglichkeiten für Eselsbrücken und wenn, dann hatten sie nicht den gewünschten Effekt, sondern erwiesen sich eher als Hemmnis. Als Beispiel dafür seien die zwei Bedeutungen von „Danke“ angeführt. Nummer Eins schreibt sich sağol wird aber so ähnlich wie „Sau“ ausgesprochen, Nummer zwei heißt teşekkür ederim, wobei der erste Teil der Phrase ähnlich klingt wie die wenig charmante Wiener Bezeichnung „Teschek“. Man will sich also bedanken, hat aber bloß Assoziationen zu Beleidigungen im Kopf. Nicht wirklich förderlich für die Anbahnung von Kommunikation.

Als Ausgleich dafür sei die dumm-rassistische FPÖ Kampagne gegen die türkische Beschriftung von Milchpackungen erwähnt, ich kann nämlich diesbezüglich über den ersten positiven Lerneffekt hetzerischer Propaganda berichten. Ich wusste bereits vor meinem ersten Aufenthalt in der Türkei, dass Milch dort Süt heißt. Haha!

Auf dem Weg zum Hafen nahmen wir gleich auch noch den um einiges sympathischeren Gewürzbazar mit, wobei sich der Sympathiefaktor nicht bloß auf die Nützlichkeit der feilgebotenen Waren (Gewürze, Süßigkeiten, Tee u.Ä.) bezog – im großen Bazar findet sich meines Erachtens nach hauptsächlich Ramsch in allen möglichen Ausgestaltungen, die Besichtigung lohnt sich auch nur um des Besichtigens einer Touristenattraktion Willen – auch die, wie soll ich sagen, interkulturelle Kommunikation gestaltete sich in letzterem um einiges schwieriger. Dabei ist zwar der Faktor miteinzurechnen, dass ich ohne männliche Begleitung unterwegs war, aber die „Zuwendung“ der diversen Verkäufer an den Ständen nahm mitunter kastrationsfantasienauslösende Qualitäten an, welche nur durch große zen-buddhistische Anstrengungen und mantraartige mit Dauerlächeln versehene „No thank you“ Entgegnungen meinerseits in Zaum zu halten waren. Überbordende Aufdringlichkeit wurde aber auch von männerbegleiteten Reisekolleginnen berichtet.

Trotz dieser leicht irritierenden, nennen wir sie Kommunikationsschwierigkeiten, zwischen den Geschlechtern, war der erste Eindruck von Istanbul ein durch und durch positiver. Die Stadt präsentiert sich als typische Großstadt, mit einer bunten Mischung aus Einheimischen und Besuchern und wer, so wie ich, gern in Großstädten ist, der fühlt sich auch in Istanbul auf Anhieb wohl.

Erwähnenswert sind die kulinarischen Köstlichkeiten, die man dort vorgesetzt bekommt und die unsere Gruppe in nicht bescheidenem Ausmaß auch konsumiert hat. Die türkische Spezialvariante des Essengehens bedeutet ein Dauerauftragen diversester großartig schmeckender Vor- Haupt- und Nachspeisen, das mitunter bedenkliche Ausmaße annimmt, vor allem wenn man sich bereits an den Vorspeisen satt gegessen hat, die nachfolgenden Speisen aber ebenso appetitlich aussehen, dass man sich aus Angst etwas zu versäumen, trotzdem nötigt zumindest noch einen Bissen zu kosten.

Was die touristische Erkundung der Stadt betrifft, so kann man rund um die Altstadt, über die Galata-Brücke bis ins Beyoğlu -Viertel das Meiste zu Fuß erledigen. Das ist auch die beste Variante, es sei denn, es gibt wie am vergangenen Donnerstag der Fall, sintflutartige Regenfälle.

Das meiste vom touristischen Programm habe ich an dem Tag auch absolviert – Hagia Sophia, Blaue Moschee (eigentlich Sultanahmed Moschee), Zisterne – bis ich vor dem Besuch des Topkapi-Palastes w.o. gab, weil ich nicht nur völlig durchnässt, sondern auch etwas unterkühlt war. Topkapi musste warten, dafür gab es eine warme Dusche bevor es später am Nachmittag doch noch einmal nach draußen ging.

Dort regnete es immer noch in Strömen und ich fühlte mich durch die sturzbachartigen Wassermassen, die über die Straßen Istanbuls flossen kurzfristig an Passagen aus Schillers Bürgschaft erinnert, das Gute daran war aber der kurzfristige Entschluss am nächsten Tag einen klassischen Hammam aufzusuchen, schließlich war die Wettervorhersage ähnlich dem Donnerstag und als Saunafreundin konnte ich mir dieses Erlebnis kaum entgehen lassen. Der Zufall wollte es zudem, dass wir beim Spaziergang durch den Regen auf einen überaus einladenden Hammamkandidaten gestoßen waren.

Der nächste Tag war dann doch etwas freundlicher und gestattete einen Spaziergang über die Galatabrücke und nachfolgende Erkundung des Beyoğlu-Viertels, samt durch das Vorhandensein eines Liftes erleichterte „Erklimmung“ des Galata-Turms, welcher eine hervorragende Aussicht über ganz Instanbul bot.

Am Nachmittag ging es schließlich wie geplant in den Hammam, ein Erlebnis, das jeden Cent, des nicht gerade billigen Vergnügens wert war. Freunde des Saunierens dürfen sich darunter eine Art Personenwaschmaschine im besten Sinne des Wortes vorstellen. Männer und Frauen werden getrennt gewaschen, im Frauenbereich herrscht zwar ein einigermaßen hoher Lärmpegel, schließlich werden die zu waschenden Kandidatinnen in einer Art Rondo in der Mitte einer großen runden, ganz in Marmor gehaltenen, Halle, samt kuppelartigem Dach, im Kreise aufgelegt und hernach von den jeweiligen Wäscherinnen – sprich Masseurinnen – geschrubbt, gewalkt und massiert. Den Abschluss bildet eine herzhafte Kopfwäsche, gereinigt und glücklich verlässt man schließlich die kommunale Waschanlage.

Und selbst wenn die Prozedur etwas ruppig klingt, so ist sie durch und durch angenehm, nicht nur, aber auch, hervorgerufen durch die große Herzlichkeit der Masseurinnen, die beim Waschen und Massieren Erinnerungen an Bäder, die man in der Kindheit genommen hat, wecken, verfeinert durch den angenehmen, aber nicht aufdringlichen, Geruch der verwendeten Seifen. Wer vernünftig ist, wählt, so wie ich, das Vollwaschprogramm, das sich „kompletter orientalischer Luxus-Service“ nennt und ein „original osmanisches Sultan Bade-Servis“ inkludiert und nicht unberechtigterweise verspricht, dass man sich hernach wie neu geboren fühlt. Kostet 50 Euro, ist aber wie gesagt, jeden Cent wert.

Ganz nebenbei bemerkt war der Freitag auch der türkische Nationalfeiertag, wobei man erstaunliche Flexibilität bewies und die angesetzte Parade wegen Schlechtwetters ganz einfach auf den Sonntag verschob, das kurzfristig abgesagte Feuerwerk fand schließlich doch noch am Freitag Abend statt und soll, ich saß wieder einmal beim Essen, grandios gewesen sein.

Am Samstag hatte sich die Schlechtwetterfront endlich verzogen und der Tag stand einerseits im Zeichen des noch nachzuholenden Besuches des Topkapi Palastes, der zweite Programmpunkt des Tages war eine Schifffahrt auf die asiatische Seite, schließlich hätte ich es nicht verkraftet, meine Füße nicht auf einen anderen Kontinent zu setzen, nachdem dieser nur wenige Kilometer entfernt lag.

Die Wanderung durch den Topkapi Palast rechtfertigte auch den Verzicht darauf am Donnerstag, denn diesmal war der Himmel blau, die Sonne schien und der Blick auf das Marmara Meer oder in Richtung Galata Brücke war schlicht und einfach ergreifend schön. Das war auch die Schifffahrt nach Üsküdür – auf die asiatische Seite – Fährenschiffe verkehren von Eminönü zu den jeweiligen Stationen in atemberaubendem Takt, die Kosten sind mit ca. 75 Eurocent schwindelerregend niedrig.

Asien entpuppte sich schließlich als annähernd ähnlich dem europäischen Teil Istanbuls, wobei die Erfahrung wohl in Abhängigkeit der Ausstiegsstelle variierte, ich befand mich in einem etwas trashigerem Teil, Reisekollegen berichteten von gehobeneren Vierteln. Sehenswert ist das ganze wohl in jedem Fall, vor allem der Besuch eines hiesigen Marktes war ein Erlebnis.

Der letzte Abend stand wieder im Zeichen der traditionellen türkischen Küche – ein Restaurant im Beyoğlu-Viertel war ausgewählt worden, die Konsumation von unfassbar guten Speisen endete nur aufgrund anwesender türkischer Farsi Live-Musik und körperlicher Bewegung in Form von Tanzen nicht in einem kapitalen Essens-Overkill, die bewegungsfreudige Minderheit schließlich wagte sich nachher sogar noch in das Istanbuler Nachtleben, welches soweit überblickbar unglaublich viele Leute beherbergt.

Am letzten Tag fand sich noch Zeit für einen abschließenden Besuch des Gewürzmarktes und sich Eindecken mit sämtlichen nötigen und unnötigen Mitbringseln, die Sonne schien, die Temperaturen waren herrlich warm, es fiel ziemlich schwer sich in den Bus zu setzen und abzureisen. Istanbul wird mir in positiver Erinnerung bleiben. Nicht nur weil sich mein Bild vom sog. Orient, mit allen Vor- und Nachteilen, nunmehr etwas realistischer zeichnet, selbst ein Selbstmordanschlag am Abreisetag trübt diesen Eindruck nicht, sondern weil die Reise innerhalb einer sehr sympathischen Gruppe von Leuten stattgefunden hat und von einer liebenswerten Gastgeberin und Organisatorin zu einem unvergesslichen Erlebnis gestaltet wurde.

Hilfreiche Informationen

Veranstaltungsinfos: Die Reise nach Istanbul wurde unter dem Titel #Twistanbul von Meral Akin-Hecke veranstaltet und organisiert, es sind weitere #Twistanbul-Reisen geplant, eine Teilnahme daran kann ich nur allerwärmstens empfehlen, Informationen darüber finden sich entweder auf der FB-Seite bzw. erfährt man am besten, wenn man @kigo auf Twitter folgt.

Unterbringung: Unsere Reisegruppe war im Hotel Erboy in der Istanbuler Altstadt untergebracht. Es handelte sich um ein nettes kleines Hotel, mit gratis Wi-Fi in allen Zimmern (unerlässlich für webaffine Reisegruppen), welches sich in Gehweite zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten (Hagia Sophia, Blaue Moschee, Topkapi) befand.

Hammam: Der von mir besuchte Cağaloğlu Hammam befand sich in der Istanbuler Altstadt und wird von einem New York Times Bestseller als einer von 1000 Orten bezeichnet, die man gesehen haben muss, bevor man stirbt. Nachdem ich noch keinen anderen Hammam besucht habe, kann ich nicht beurteilen, inwiefern es sich in einem weniger beworbenen, touristischen Hammam gemütlicher badet, gut möglich, dass es sich lohnt einen weniger stark frequentierten aufzusuchen.

Restaurants: Sämtliche von der Gruppe besuchte Restaurants kann ich uneingeschränkt weiterempfehlen. Das Restaurant Hamdi liegt nahe am Hafen in Eminönü und bietet so wie das am letzten Abend besuchte Mekan in Beyoğlu traditionelle türkische Küche. Beide sind einen Besuch wert. Das ebenfalls im Beyoğlu-Viertel gelegene Restaurant Otto ist eine hippere Restaurantvariante mit eklektischer Speisenkarte, die von Burgern und Pasta bis hin zu türkischen Speisen eine bunte Auswahl bietet. Daneben gibt es dort kreative Cocktails, die Namen wie „Kiss my Otto“ tragen.

 

Susanne, 5. November 2010