Konzertbericht – Bright Eyes, Wien 2011

Auch wenn schon wieder ein paar Tage vergangen sind, es ist Sonntag und als Konzertkritik geht die Wochenfrist noch durch. Deshalb hier ein kurzer Erlebnisbericht vom Bright Eyes Konzert des vergangenen Dienstags.

Groß war die Freude, als man vernahm, dass Conor Oberst mit seiner Bandkonstellation namens „Bright Eyes“ wieder ein Album herausbringen würde. Der in depressiver Selbstverleugnung geschulte Fan, hat sich diesbezüglich sicherlich ein stilles Lächeln erlaubt.

Anfang Februar war es dann soweit. Mit „The People’s Key“ ging das neue Oeuvre in den Verkauf. Ich selbst zähle nicht zu den aus den „Teenage Angst“- Zeiten stammenden Anhängerinnen von Oberst und war bereits vom, unter dem Titel „Conor Oberst and the Mystic Valley Band“ getätigten Ausflug ins Americana-Genre sehr angetan, fand also am entspannten Grundtenor der neuen CD großen Gefallen.

Der Konzerttermin war Pflicht, bereits der 2008 in der Arena abgehaltene Mystic Valley Gig war großartig, davon, dass Oberst auch 2011 eine gute Show bieten würde, war auszugehen.

Bei wechselhaftem Wetter versammelte sich also eine ziemlich eigenartige Mischung aus Oberst/Bright Eyes-Fans, die vom Birkenstockschlapfenträger über den mittelalterlichen Hipster bis zum vermutlich vom letzten Konzert noch übrig gebliebenen, schwer einzuordnenden, älteren Zeitgenossen reichte.

Mit noch nie dagewesener Pünktlichkeit begannen „Two Gallants“ ein rockiges Vorprogramm, das mit einem phänomenalen Wolkenbruch ausklang. Das Wetter beruhigte sich wieder und die zweite Vorband namens „Jenny&Johnny„, deren Line-up sich nur durch eine, im nachfolgenden Konzert des Headliners bestätigte , „besondere Beziehung“ zu Bright Eyes erklären ließ, spielte sich durch ein hübsches, aber uninspiriertes Set, das einer meiner Konzertbegleiter treffend mit folgenden Worten beschrieb: „Denselben Indy-Song spielen die jetzt 12 mal“.

Endlich war es dann soweit, Oberst betrat mit seiner Truppe die Bühne und legte, das kann man gut und gerne so formulieren, einen großartigen Auftritt hin. Mit dem ersten Song „Firewall“ aus dem aktuellen Album ging es los, es folgte eine schöne Mischung aus neuem und älterem Bright Eyes-Material, Conor Oberst war sichtlich gut gelaunt, die Stimmung im Publikum hervorragend, alle fanden sich in irgendeinem Song wieder, zum Mitsingen wurde genügend Auswahl geboten.

Nach einer gemeinsamen Einlage mit „Jenny & Johnny“ neigt sich das Konzert seinem Ende zu, nach der Bandvorstellung schließt man mit „Shell Games“ ebenfalls vom neuen Album, die Songzeile „here it comes that heavy love“ beschreibt wohl auch gut die erfreuliche Tatsache, dass Conor Oberst seine adoleszente Weltuntergangsstimmung hinter sich gelassen hat.

Ob er sich mit „Bright Eyes“ wieder melden wird, oder ein völlig neues Projekt in Angriff nimmt, ist nebensächlich, fest steht, dass man hier einen großartigen Musiker und Entertainer vor sich hat, auf dessen nächstes Album man gespannt sein darf. Vermutlich hat er die Rezeptur dafür bereits im Kopf.

1o. Juli 2011

Musik für alle Lebenslagen – Reisesongs

Immer dann, wenn man sich aufmacht die eigene Wohnung, die Stadt oder gar das Land zu verlassen, kann man das meiner Meinung nach als Reise interpretieren. Schließlich kann es durchaus aufregend sein, halb Wien im 13A zu durchqueren und wer jemals in die Graz-Köflacher-Bahn gestiegen ist, der weiß, man muss nicht ins wilde Kurdistan reisen, um ein Abenteuer zu erleben.

Nachdem auch die so genannte „Urlaubszeit“ näher rückt, habe ich mir heute ein paar Gedanken zum Thema Reisemusik gemacht. „Traveling Songs“ klingt etwas mehr nach dem, was ich beschreiben will und bezeichnet eine gewisse Art von Musik, die, egal ob man mit dem Auto, im Flugzeug, zu Fuß, per Schiff, Bahn oder mit sonstigen Verkehrsmitteln unterwegs ist, die Reise von A nach B unterhaltsamer gestaltet. Das impliziert eine gewisse Leichtigkeit, einen mittelschnellen Rhythymus, hin und wieder auch dezidiert mit Reisen verbundenen Liedtext und soll insgesamt eine entspannte, zurückgelehnte Stimmung erzeugen – mein englischer Lieblingsbegriff umschreibt das ganze am treffendsten mit „laid back“. Im Folgenden also eine Auswahl meiner Lieblingsreiselieder, samt den auf Youtube auffindbaren Clips.

1. Willie Nelson „On the road again“ (u.A. auf On the Road Again/2002): Der Klassiker unter den Reiseliedern, vor allem weil es darin auch einzig und allein um die Freude am Unterwegssein – in Nelsons Fall am Touren – geht. Die Lyrics treffen dann auch den Kern der Sache, den Grund warum sich die meisten von uns gern auf Reisen begeben: „On the road again. Goin‘ places that I’ve never been.
Seein‘ things that I may never see again. And I can’t wait to get on the road again“.

2. Bright Eyes/Conor Oberst „Another Travelin’ Song“ (I’m wide awake it’s morning/2005), „Sausalito“ (Conor Oberst/2008). Nachdem auch hinter Bright Eyes hauptsächlich Conor Oberst steckt und ich mich absolut nicht entscheiden konnte, welches der beiden Lieder ich bevorzuge, empfehle ich einfach beide. Ersteres ist noch eher im klassischen Bright Eyes-Stil gehalten, die rhythmischen Drums lassen aber bereits anklingen, dass sich Oberst langsam in Richtung Süden bewegt.

Dort kommt er über den Umweg „Cassadaga“ (2007) samt Band auch an. Und zwar gleich South of the Border in Mexico, wo „Sausalito“ entstand, ein Song, der mit großartigem Vintage-Gitarren-Sound versehen, zu gemütlichem Fußwippen einlädt.

3. Grateful Dead „Truckin’“ (Skeletons From The Closet: The Best Of The Grateful Dead/1990): The Grateful Dead würde ich gut und gerne als Meister des „laid back“ bezeichnen. Unabhängig davon, ob sie sich ihren Namen eher durch potentere chemische Hilfsmittel gemacht haben – ein Umstand der dazu führte, dass man ihre Anhänger nicht nur aufgrund des Bandnamens als „Deadheads“ bezeichnete – braucht man meines Erachtens weder legale noch illegale Drogen, um die entspannungsinduzierende Wirkung ihrer Musik genießen zu können. „Truckin’“ ist darüber hinaus mehr als ein bloßes Lied für Unterwegs, es befasst sich in seinem Fazit mit dem ganzen Leben, das ja nichts anderes als eine Reise ist, und bilanziert mit einem Spruch, den man sich merken sollte: „Sometimes the light’s all shinin‘ on me; Other times I can barely see. Lately it occurs to me, What a long, strange trip it’s been“.

Die Liste ließe sich wohl endlos fortsetzen, ich habe aber beschlossen, sie kurz zu halten, vor allem weil sich Reiselieder kaum auf einen bestimmten Stil oder eine bestimmte Musikrichtung beschränken lassen. Das Hauptmerkmal, an dem man einen „Traveling Song“ erkennt, ist meines Erachtens nach seine Wirkung auf den Zuhörer. Wenn er in der Lage ist, nach den ersten paar Takten ein entspanntes Lächeln, eine Art losgelöste Heiterkeit, wie man sie eben beim Reisen verspüren sollte, zu erzeugen, dann ist er ein Reisesong. Wer sich übrigens über die schlechte Soundqualität auf Youtube ärgert – ich kann ohne Einschränkung empfehlen, sich die oben genannten Alben zuzulegen.

Susanne, 29. Mai 2010

Skizzen aus Wien – Nr. 29

musical sandworm - artwork zoer

Wenn die Temperaturen steigen, dann gibt es kaum Schöneres als sich einen Platz draußen zu suchen, im besten Fall vielleicht eine Terrasse oder einen ruhigeren Gastgarten, optimalerweise in der Nähe eines breiten Flusses, auf dem man dann zurückgelehnt mit einem kühlen Drink in der Hand seinen Blick ruhen und seinen Tagträumen freien Lauf lassen kann. Meine Suche nach einem derartigen Ort führte mich gestern Abend in die Wiener Praterstraße, zum mexikanischen Lokal „Tacos Lopez“, wo ich trotz uncharmantem Gastgarten – statt einem Fluss strömte der Wiener Individualverkehr vorbei – sehr gutes Essen und vor allem ausgezeichnete Margaritas vorfand. Die seltsame Verquickung von uninspirierter Lokalität und anregenden Speisen und Getränken schließlich trugen meine Gedanken weiter und weckten Erinnerungen an die mexikanische Grenzstadt Tijuana: ein heruntergekommenes, dreckiges, infernalisches Konglomerat aus Ramschläden, Bordellen, Drogen- und Medikamentenumschlagsplatz, in dem sich am Wochenende Horden von jungen Amerikanern, die zu Hause keinen legalen Alk kriegen, ins Koma trinken und sich nebenbei billige mexikanische Huren kaufen. Nichtsdestotrotz – ich habe schon immer ein Faible für eine Mischung aus Schön und Hässlich gehabt, meine gedankliche Reise nach Tijuana war keineswegs albtraumhaft, viel eher spülte sie amüsant skurrile Erinnerungen an die Oberfläche, die mäanderartig von der ersten Bekanntschaft mit dem, für Zucker gehaltenen, Salzrand am Margarita-Glas, über den Kauf eines als hundertprozentig aus Silber gefertigt angepriesenen Nickelarmbandes, bis hin zur Begegnung mit einem US-amerikanischen Zollbeamten, der mir beim Wiedereintritt in die Vereinigten Staaten in Bezug auf meine artige Deklarierung des eingeführten Mezcal augenzwinkernd den Konsum des darin eingelegten Wurmes eindringlichst ans Herz legte, da ich dadurch in den Genuss eines LSD-artigen Trips käme (Zitat: „You gotta eat the worm – it’s like dropping acid“) führten. Bis mir schließlich klar wurde, dass man eine ideale Sommerstimmung überall erzeugen kann, wenn man über die dafür benötigte, allerwichtigste, Zutat verfügt: die richtige Musik. Deswegen möchte ich den heutigen Eintrag auch den bereits angekündigten und zufällig optimal zum Thema passenden musikalischen Neuerscheinungen der letzten Wochen widmen: den aktuellen Tonträgern von Bob Dylan und Conor Oberst.

Beide scheinen auf den ersten Blick wenig gemeinsam zu haben, trotz allem sind sie sich auf diesen beiden jüngsten Veröffentlichungen sehr ähnlich, indem sie sich musikalisch an einem „South of the Border“-Klang ausgerichtet haben, welcher im Falle Dylans etwas stärker ausgeprägt und musikalisch um eine Spur entspannter daher kommt, als Obersts Album, das etwas mehr zum Country-Rock tendiert. Nicht zu vergessen, den von Musikkritikern am Beginn von Obersts Karriere gerne strapazierten Hinweis, dieser sei, wenn man sein Songwriting betrachtet, unter Umständen der neue Dylan. Wie immer man das betrachten will, ich schätze beide Musiker über die Maßen und war demnach sehr gespannt auf deren jüngste Veröffentlichungen.

Bob Dylan, Together Through Life, VÖ: 24. April 2009, Sony Music

Beginnen wir bei Dylan. Aus rein chronologischen Gründen. Sein Album „Together Through Life“ erschien Ende April und ist sein mittlerweile 33. Studio-Album. Die Musikpresse reagierte mit unterschiedlichsten Rezensionen, manch alteingesessener Dylan Fan war enttäuscht, weil seiner Meinung nach der Meister mit diesem Werk die Musikgeschichte nicht ein weiteres mal zu revolutionieren vermochte, für andere wiederum ist jeder neue Song von Dylan schon per se weltbewegend, allein weil er eben von Dylan höchstpersönlich stammt und alles was von Dylan stammt, hat weltbewegend zu sein. Ich selber sehe das relativ entspannt. Ich gebe zu, ich bin Dylan Fan, trotzdem werde ich es tunlichst vermeiden, irgendwelche musikhistorischen Vergleiche anzustreben, geschweige denn eine Analyse vor dem Hintergrund des gesamten Dylan-Kanons zu versuchen. Ich fühle mich zu keinem von Beiden befähigt, ich bin viel mehr eine Kraut-und-Rüben Dylan-Hörerin. Ich mische bunt und höre das, wonach mir der Sinn steht. Im Bezug auf das neueste Album also kann ich mich nicht beschweren, es ist vielleicht keine musikgeschichtliche Revolution, es ist aber trotz allem ein gutes Album geworden. Mit bluesigen Noten und Tex-Mex Feeling, mit einigen Songs, die durch David Hidalgos (Los Lobos) Akkordeonspiel richtiggehend geadelt werden, mit launischen Texten, die mal abgeklärt, mal einfach entspannt sind und dem einen oder anderen ausgezeichneten Song. Mein aktueller Favorit „This Dream of You“.

Conor Oberst And The Mystic Valley Band, Outer South, VÖ: 6. Mai 2009, Merge Records

Conor Oberst begab sich nach dem Album Cassadaga (2007), welches er noch unter dem Bandnamen „Bright Eyes“ veröffentlicht hat, nach Mexico und hatte vorgehabt nach langer Zeit wieder ein Solo-Album zu veröffentlichen. Irgendwie kam dort jedoch eine Truppe von Freunden und Bekannten zusammen und Oberst fand sich plötzlich inmitten der Mystic Valley Band wieder. Das Resultat davon war „Conor Oberst“ (2008). Erwachsener und viel entspannter klingt Oberst auf diesem Tonträger, vor allem geht auch er musikalisch stärker in Richtung Country-Rock, eine stilistische Entwicklung, die ich nur gutheißen kann, die aber offenbar einige seiner hartgesottenen Indie-Anhänger etwas verstört. Oberst macht trotzdem was er will, gut so, denn mit „Outer South“ hat er – noch stärker auf das Kollektiv Mystic Valley Band gestützt – den Nachfolger dieses Tex-Mex-Country-Alt-Rock-Fabrikats veröffentlicht. Da lamentieren dann die einen, dass es nicht gut wäre, wenn man Freunde auf seinem Album singen lässt, die anderen wiederum beklagen, dass Oberst der neue entspanntere Stil überhaupt nicht bekäme, alle scheinen sich die von Teenager-Angst besetzten früheren Bright Eyes Alben herbeizuwünschen. Selber schuld ist in diesem Fall meine Antwort, denn Oberst hat mit dem neuen Tonträger ein musikalisches Oeuvre veröffentlicht, das sich insgesamt sehr gut anhört. Da finden sich dann rockig-abgeklärte Nummern à la „Roosevelt Room“, country-lastigere Songs wie „Big Black Nothing“ oder entspannte Tracks wie „Ten Women“. Mein aktueller Favorit: „I got the Reason #2“. Auf jeden Fall bekommt man beim Zuhören das Gefühl, dass hier schlicht und einfach unverkrampft gejammt wird und wirklich gute Musik ganz nebenbei entsteht, unabhängig davon ob jetzt Oberst höchstpersönlich am Mikro steht, oder nicht.

Alles in Allem hat man mit diesen Alben zwei ausgezeichnete Sommerplatten, die, egal wo man sie anhört, gute Laune aufkommen lassen. Ob man sich nun in Texas, zurückgelehnt auf der Terrasse einer alten Hacienda, mit Blick auf den Rio Grande, oder im abgefuckten Hinterhof einer Bar in Tijuana befindet. Im einfachsten Fall tut es sogar die eigene Couch. Dann benötigt man nur noch einen halbwegs funktionstüchtigen CD-Player – einschalten, kaltes Getränk in die Hand, zurücklehnen, Augen zu – und schon ist man „South of the Border“.

Susanne, 24. Mai 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 26

musical sandworm - Artwork ZOER

 

Dienstag, 21. April 2009, Porgy & Bess, Wien. Auftritt von Candi Staton & Band und der erste ernstzunehmende Konzerttermin in diesem Jahr. Ich war zwar physisch bereits im Jänner beim Termin von Marc Lanegan und Greg Dulli im Wuk anwesend, außer dass dieses Konzert, soweit ich es hören konnte, akustisch recht angenehm klang, kann ich jedoch nicht viel mehr darüber berichten, da ich im Foyer in eine hochinteressante Diskussion verwickelt wurde und es so nicht einmal bis in den Konzertsaal geschafft habe. Anders jetzt bei Candi Staton. Ich hatte bereits die Hoffnung aufgegeben, vor dem Sommer noch ein akzeptables Konzert zu sehen, da hat mir mein Blogkollege Martin vom geplanten Auftritt erzählt, die Karten waren schnell gekauft und vergangenen Dienstag war es soweit.

Im Gegensatz zu meinem letzten Besuch im Porgy & Bess (Skizzen aus Wien Nr. 8 ) haben sich die Veranstalter diesesmal gottseidank dafür entschieden, die Bestuhlung wegzulassen, einem vergnüglichen Konzerterlebnis stand also nichts im Wege. Zwar hatte ich, nach dem was auf den letzten zwei Alben Statons zu hören ist, eher mit einem besinnlicheren Ton gerechnet, es kam aber ganz anders. Candi Staton, mittlerweile 66 Jahre alt, betrat die Bühne sichtlich gut gelaunt und legte los. Begleitet von einer exzellenten Band (darunter auch einer ihrer Söhne, zuständig für Percussions) kündigte sie gleich selbst an, dass es sich hier um eine Party handle. Ein besonders sympathischer Aspekt war übrigens die Tatsache, dass die beiden Background Sänger nicht in den wortwörtlichen Background verbannt waren, sondern ebenbürtig neben Staton vorne auf der Bühne ihren wohlverdienten Platz fanden. Was folgte war ein unerwartet mitreißendes Konzert, in dem auch der eine oder andere besinnlich-traurige Song nicht unterschlagen wurde (z.B. eine ausgezeichnete Version von Presleys „In The Ghetto“), in dem aber das Wohlbefinden des Publikums ein Hauptanliegen der Künstlerin und ihrer musikalischen Unterstützung zu sein schien. Staton zeigte sich als zutiefst sympathische Performerin, die den Abend fast im Zwiegespräch mit den Zuhörern bestritt und die vom ersten Augenblick an mit ihrer unglaublichen Energie und einer fantastischen Stimme beeindruckte. Die gute Laune Statons übertrug sich sofort aufs Publikum, songtechnisch war dann auch für Jeden und Jede etwas dabei. Von „I’d Rather Be An Old Man’s Sweetheart“ und „Stand By Your Man“, bis zu „Who’s Hurting Now“ (vom aktuellen Album) und der mit dem Publikum gemeinsam gesungenen weiteren Presley-Nummer „Suspicious Minds“. Nicht zu vergessen auch „Young Hearts, Run Free“, jenem Song, mit dem Staton 1976, anno disco, einen veritablen Hit geliefert hat.

Stilistisch im Cross-Over zwischen Soul, Funk, Country, R&B und Gospel, gab es zwischen den Songs Aufmunterung und Durchhalteparolen für die weltwirtschaftskrisengeplagten Zuhörer – „everything’s gonna be alright“  – oder Staton philosophierte über ihr Leben und ihre Lieder, die sich zum allergrößten Teil mit jenem Thema beschäftigen, das auch den Rest der Menschheit permanent in Atem hält: die Liebe. Trotz allem aber musste man an diesem Abend nicht die Taschentücher auspacken (dafür empfehle ich private Hörabende der letzten beiden Alben Statons), sondern konnte wahlweise mitsingen, -klatschen oder -tanzen. Sprichwörtlich lud Staton dann noch zum Kirchenbesuch ein – wer ihre Biographie liest lernt, dass sie sehr lange ausschließlich im Kirchenchor sang, um persönliche Probleme zu bewältigen – trotz allem gab es aber keine Missionierungsversuche, im Gegenteil, es ging ja auch in die „Church of Soul“ und nach diesem Konzert kann ich guten Gewissens sagen, dass ich in dieser Glaubenskongregation sofort Kirchgängerin würde. Nach zwei Zugaben ging der Abend schließlich zu Ende und ich kann nicht behaupten, dass ich beim Verlassen der Konzertlocation auch nur ein unzufriedenes Gesicht erblickt hätte. Dazu fällt mir ein, dass Candi Staton bereits nach dem ersten Song des Abends zum Publikum meinte: „I’m so glad I came today“, darauf kann ich nach diesem Konzert bloß eines erwidern: „So were we, Candi, so were we!“.

Allen, die Soul und verwandte Musikrichtungen schätzen, seien Candi Statons aktuelles Album „Who’s Hurting Now“, sowie der Vorgänger „His Hands“ wärmstens empfohlen, mir bekannt auch noch eine Zusammenfassung ihrer Alben „I’m Just A Prisoner“ und „Stand By Your Man“, die sich „Candi Staton – The Sweetheart of Soul“ nennt und einen guten Einblick in ihre künstlerische Arbeit Ende der 1960er und Anfang der 1970er gibt. Wer sein Herz für Soul et. al. noch nicht entdeckt hat, dem empfehle ich die Compilation „Dirty Laundry – the Soul Of Black Country“, eine exzellente Songsammlung, welche die unterschiedlichen Zugänge afroamerikanischer Gesangskoryphäen wie Bobby Womack, The Pointer Sisters, James Brown, Solomon Burke oder eben auch Candi Staton zur Country-Musik eindrucksvoll darlegt und für Genrenovizen ein idealer Einstieg ist (ein herzliches Dankeschön diesbezüglich an Mitblogger Martin!).

Hier noch der Link zu Candi Statons Webseite für alle, die mehr über sie wissen möchten.

Und nachdem in meinem Fall der Konzertkalender derzeit wieder völlig leer ist, noch schnell ein paar Hinweise auf die nächsten interessanten Alben, die eine längere konzertfreie Phase möglicherweise (mir auf jeden Fall) erträglicher machen. Da gibt es Bob Dylans „Together Through Life“ sowie Conor Oberst and The Mystic Valley Band mit „Outer South“. Wer sonst noch über geheime Informationen in Sachen Konzerte, Wien und Albenreleases verfügt, bitte keine Hemmungen und Kommentar an The Sandworm!

 

Susanne, 26. April 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 8

sandworm

 

Wir befinden uns fast mitten im Dezember und das Jahr geht langsam aber sicher seinem Ende zu. Im Kalender fehlen zwar noch ein paar Tage, trotzdem Grund genug einen Rückblick auf das heurige Konzertjahr zu tun. Denn, auch wenn es kaum jemand glauben mag, für mich ist die heurige Saison beendet, mein Konzertkalender 2008 ist voll. Und – es war ein gutes Jahr was die Ausbeute an Konzerten betrifft, selbst die Tatsache, dass ich mehr als vier Monate dieses Jahres nicht in Wien verbracht habe, hat sich, bis auf die persönliche Katastrophe einen der spärlich gesäten Auftritte des Herrn Dylan versäumt zu haben, nicht negativ auf meine Bilanz ausgewirkt.

Einen fulminanten Auftakt fand 2008 bereits im Februar. Altmeister Neil Young gab sich ein Stelldichein im Austria Center Vienna und legte einen Auftritt hin, von dem sich viele 20-jährige noch einiges abschauen könnten. Musikalische Virtuosität, samt beeindruckender Agilität – gerockt wurde bis die Saiten der Gitarre rissen – ließen die Besucher selbst die uncharmante Atmosphäre des Austria Center vergessen, dass die Wiener Linien wieder mal nicht mehr fuhren und mehrere hundert Konzertbesucher schließlich zu Fuß über die Reichsbrücke in die Stadt zurücksuchten, konnte die Stimmung ebenfalls nicht trüben. Mehr dazu im Konzertbericht von meinem werten Blog-Kollegen Martin (Februar 2008).

Die danach folgende Wien-Pause wurde meinerseits kaum wahrgenommen, bis auf die oben erwähnte schmerzhafte Nachricht, dass Bob Dylan, nach mittlerweile gefühlten 100 Jahren endlich wieder mal nach Wien kommt, ausgerechnet wenn ich nicht dort bin. Aber NY hat mehr als entschädigt (siehe dazu die jeweiligen Einträge) und mit dem Auftritt von Conor Oberst und seiner Mystic Valley Band war im September wieder alles gut. Die Band hatte die Wiener Arena für ihr Gastspiel gewählt, noch dazu einen der letzten lauen Spätsommerabende, an denen man auch noch draußen sitzen konnte und so tat die etwa einstündige Verspätung mit der Mr. Oberst die Bühne betrat kaum weh. Der junge Mann bot dann trotz fortgeschrittener Illuminierung ein wunderbares Konzert, das neue Album („Conor Oberst“) kann ich jedermann nur wärmstens ans Herz legen.

Das nächste Highlight bildete der Double-Header Lambchop/Calexico, der beherzt der katastrophalen Akustik im Gasometer trotzte. Das besagte Akustikproblem war mir schon vor meinem ersten Besuch in der Konzertlocation zu Ohren (!) gekommen, es hat sich bestätigt und lässt sich treffenderweise mit „Bahnhofshallenatmosphäre“ beschreiben. Wie dem auch sei – beide Bands überzeugten – stellenweise kam dann doch noch eine Stimmung auf, als säße man auf der Veranda, blicke über die Weiten Arizonas und nähme genüsslich einen Schluck vom eisgekühlten Corona (mit Limettenscheibe!).  Da konnte einem selbst die Oktoberkälte nichts mehr anhaben.

Der November bot schließlich sage und schreibe zwei Höhepunkte. Nummer eins: Okkervil River, die leidergottes im Rahmen des Blue Bird Festivals im Porgy&Bess auftraten (Please Mr. Sheff – solo show next time!), die dilletantische Technik (der Lichttechniker versteht offenbar kein Englisch) und ein sitzendes Publikum aber ganz einfach links liegen ließen und ein phänomenales Konzert boten. Für Okkervil River („The Stand Ins“), wie auch für die beiden oben erwähnten Bands (Calexico mit „Carried To Dust“ und Lambchop mit „Oh (Ohio)“), gelten ebenfalls dringendste Albenempfehlungen.

Nummer zwei: Wovenhand. Bandleader David Eugene Edwards trieb mit seinen Mannen die apokalyptischen Reiter durchs WUK und hätte thematisch gerne auch am Krampustag auftreten können. Nichts desto trotz auch am 27. November eine energiegeladene Performance, die uns Zuhörern kräftig die Leviten las und uns präventiv gleich fürs kommende Jahr für alle noch nicht begangenen Sünden büßen ließ.

Und da sagt sich das vor Glück überströmende Herz der Musikliebhaberin schließlich „mehr brauchst du nicht, um bis zum Ende dieses Jahres von einem voll und ganz gelungenen Konzertjahr zu sprechen!“. Möge auch 2009 dem in nichts nachstehen, für alle, die schon jetzt über geheime Insiderinformationen verfügen – immer gerne an The Sandworm!

 

Wer die oben bejubelten Bands noch nicht kennt, hier die Links zu den jeweiligen MySpace Seiten:

Neil Young

 

Conor Oberst

 

Lambchop

 

Calexico

 

Okkervil River

 

Wovenhand

 

Artwork „Sandworm“: zoer

 

Susanne, 8. Dezember 2008