Skizzen aus Wien – Nr. 43

Noch ist das Jahr 2009 nicht zu Ende und ich möchte die Gelegenheit nutzen einen Beitrag zu einem Gedenkjahr zu leisten, in dem wir nicht nur den 200. Geburtstag von Charles Darwin (1809 – 1882), einem der bedeutendsten Wissenschaftler der Neuzeit, feiern, sondern auch den 150. Jahrestag seines Hauptwerkes „On the Origin of Species. By Means of Natural Selection“ (dt. „Über die Entstehung der Arten“). 

Ich habe mir schon viele Jahre lang vorgenommen, dieses Buch endlich zu lesen, nicht nur weil es mir mein akademischer Mentor als wissenschaftliche Pflichtlektüre ans Herz gelegt hat, sondern weil er insbesondere erwähnt hat, dass es in einem wunderschönen Englisch geschrieben wäre. Bis heuer also hat es schließlich gedauert, dass ich mir die beiden Jubiläen zum Anlass genommen und nicht nur „On the Origin of Species“, sondern quasi als Einleitung und zum besseren Verständnis des Werdegangs von Darwin auch dessen Reisebericht „The Voyage of the Beagle“ (dt. „Die Fahrt der Beagle“) gelesen habe. Diese beiden Bücher möchte ich im Folgenden auch den Sandwurmlesern näher bringen. 

Was mich an Darwin immer fasziniert hat, war nicht bloß die Tatsache, dass er mit seiner Evolutionstheorie die Wissenschaft revolutioniert hat, ich würde sagen, er hat nach Galileo Galilei den Menschen erneut ein Stück weiter vom selbsterschaffenen Thron im Universum gestoßen (1), sondern auch die Art und Weise wie er diese herausragende Theorie entwickelt hat, die bis auf wenige kleinere Punkte bis heute nicht widerlegt ist. Was also war Charles Darwin für ein Mensch und wie war es ihm möglich, zu seinen Erkenntnissen zu gelangen, sich schließlich zu überwinden und diese gegen eine Sturmflut entrüsteter und beleidigter Fachkollegen, eine empörte Öffentlichkeit und insbesondere die Kirche zu veröffentlichen und verteidigen? Diese Fragen waren es, die mich vor Beginn der Lektüre am meisten interessiert haben und die Darwin selbst in seinen Schriften schließlich auch ausführlich beantwortet hat.

Charles Darwin war erst 22 Jahre als er auf der HMS Beagle anheuerte und in der Funktion eines sog. „official naturalist“, also eine Art offiziell an Bord befindlichem Naturforscher, unter der Aufsicht von Kapitän Robert Fitz Roy am 27. Dezember 1831 von Devonport (England) aus in See stach. Fast 5 Jahre würde er unterwegs sein und während dieser Reise nicht nur große Teile des südamerikanischen Kontinents erforschen, sondern bis nach Neuseeland und Australien reisen, um erst am 2. Oktober 1836 wieder in seine Heimat zurückzukehren. Mit einem völlig veränderten Bild von der Welt und mit ersten Ansätzen und Gedanken zur späteren Evolutionstheorie.

Darwin war während der Reise auf der Beagle, bis auf die längeren Seewege, die er unter schlimmen Anfällen von Seekrankheit hinter sich brachte, zumeist zu Land unterwegs. Der Hauptteil der Zeit fiel auf die Erforschung Südamerikas (2), das Buch jedoch ist nicht chronologisch angelegt sondern beschäftigt sich in den einzelnen Kapiteln mit verschiedenen geographischen Zonen und Orten. Nachdem die fast 500 Seiten dieses Buchs kaum detailliert beschrieben werden können, möchte ich mich in meinen Ausführungen diesbezüglich zurückhalten und mich auf die wichtigsten Eindrücke, mit denen mich die Lektüre dieses Reiseberichts zurückgelassen hat, beschränken. Zum Einen ist es für mich, die ich selbst sehr viel in der Welt unterwegs bin und Reisen immer als viel mehr als bloße Erholung oder Studienzweck betrachte, nämlich vordergründig immer als Horizonterweiterung, erfreulich zu lesen, wie Charles Darwin seine Expeditionen durchgeführt hat. Während der gesamten Zeit war er ständig mit offenen Augen unterwegs, hat in bester wissenschaftlicher Manier aufmerksam beobachtet, hat sich nicht von vorgefertigten oder damals als State-of-the-Art geltenden Fachmeinungen ablenken oder einschüchtern lassen (3). Hat mit den unterschiedlichsten Leuten geredet, hat abertausende Proben von Tieren, Pflanzen und Gesteinen gesammelt und nach England geschickt, um sie dort von Fachkollegen untersuchen, analysieren und klassifizieren zu lassen. Eine hervorragende, breit gefächerte, Ausbildung in Cambridge (4) ermöglichte ihm die detaillierte Analyse geologischer Formationen und der Verbreitung bestimmter Tier- und Pflanzenarten über bestimmte Regionen, was schließlich bereits während der Reise erstmals zu ernsthaften Zweifeln am Ursprung der Arten führte. So fand Darwin zunehmend Beweise dafür, dass sich geologische Strukturen nicht rapide durch gewaltige Umstürze und Abbrüche entwickelt hatten, sondern im Gegenteil durch sehr langsame Verschiebungen und Transformationen. Auch machte er sich darüber Gedanken, wo sich welche Säugetiere fanden und begann die Annahme, sämtliche Spezies wären singulär und jede für sich einzigartig erschaffen in Frage zu stellen. Schließlich beschreibt Darwin auch Begegnungen mit verschiedensten Eingeborenenvölkern und insbesondere auch seine Sichtweise in Bezug auf die weit verbreitete Sklaverei, welche er in einem besonders emotionalen Plädoyer auf das strikteste ablehnt – diese Passagen zählen wohl zu den interessantesten des Buches. 

Nicht zuletzt ist Darwins Reisebericht auch eine meisterhafte literarische Leistung, eine brillante Erzählung, in der evident wird, dass der Autor viel mehr war als bloßer Wissenschaftler, dass er ein Bewunderer der Natur war, ein Neugieriger, jemand der sich nicht von vorgefertigten Meinungen leiten ließ, der aber immer darauf bedacht war, sich so umfassend wie möglich über seine Studienobjekte zu informieren. Diese Eigenschaften machen es auch verständlich, wie seine Überlegungen zur späteren Evolutionstheorie entstehen konnten, illustrieren den Nährboden jener Gedanken, welche schließlich erst im Jahre später veröffentlichten Hauptwerk „On the Origin of Species. By Means of Natural Selection“ von ihm ausgeführt und verteidigt wurden. Jenes Werk ist schließlich das beste Beispiel für das Genie Darwins, weil die Publikation nicht nur, wie auf der Rückseite des Buchs zurecht vermerkt „eines der wichtigsten je veröffentlichten Bücher“ ist, sondern es darüber hinaus auch noch leicht lesbar und nachvollziehbar formuliert ist.

Dazu ist zunächst zu erwähnen, dass sich Darwin nach seiner Rückkehr von der Reise mit der Beagle und in den Jahren danach als Wissenschaftler bereits einen Namen gemacht hatte. Er war über die Grenzen Englands hinaus als Naturforscher bekannt und hatte sozusagen einen Ruf zu verlieren. Seine Überlegungen bereiteten ihm nicht zuletzt deswegen Skrupel, weil als Fazit sämtlicher Gedanken und Theorien das Resultat stand, dass weder der Mensch noch jegliche andere Arten auf der Erde (von Gott) einzigartig kreiert worden waren und dass diese Theorie schließlich nicht mehr und nicht weniger ein Affront gegen Kirche und Religion wäre bzw. um es mit den Worten Darwins zu formulieren, eine Veröffentlichung dieser Thesen nichts anderes bedeutete als einen Mord zu gestehen („it is like confessing a murder“). Darwin war jedoch zur damaligen Zeit nicht mehr der Einzige, der sich handfeste Überlegungen in Bezug auf die Entstehung der Arten machte, auch andere Wissenschaftler setzten sich mit evolutionstheoretischen Spekulationen auseinander, insbesondere ein jüngerer Forscher namens Alfred Russel Wallace, dessen anstehende Veröffentlichung Darwin dazu drängte seine eigenen Ergebnisse zu publizieren (dazu ist zu erwähnen, dass Darwin dem Kollegen nicht die Show stahl – beide Männer präsentierten ihre Ergebnisse gemeinsam), was schließlich dazu führte, dass sich „On the Origin of Species“ wie ein relativ schnell verfasstes wissenschaftliches, nahezu im Vortragsstil dargelegtes, Argument liest.

Gerade diese stilistische Besonderheit verleiht dem Buch, meiner Meinung nach, seine Einzigartigkeit und seinen Nachdruck. Beim Lesen des in vierzehn Kapitel geteilten Werkes, kann man sich Charles Darwin nahezu bildlich beim Ausführen und Verteidigen seiner Theorie vorstellen, viel mehr noch es handelt sich bei diesem Buch wohl um die beeindruckendste wissenschaftliche Publikation, fast im klassischen Stile einer Verteidigungsrede verfasst, die ich je gelesen habe. Dies deshalb, weil man spürt, dass sich Darwin der Ungeheuerlichkeit seiner Theorie bewusst war, dass er wusste, dass seine Ausführungen von nicht wenigen als persönliche Beleidigung, ja als Blasphemie, aufgefasst werden würden. Umso mehr jedoch ist man schließlich von Darwins hervorragender Präsentationsstrategie beeindruckt, denn auch wenn er sich im Klaren darüber war, dass er wohl recht hatte, wählte er nicht einen überheblichen, dogmatischen Stil, sondern präsentierte seine Evolutionstheorie als Verteidigungsschrift, die er mit größter Demut, aber mit nachdrücklichen Beweisen vortrug (5). 

Immer wieder rechtfertigt er sich, dass er seine Argumente in der Eile nicht bis zum letzten Buchstaben ausführen könne, immer wieder aber bringt er genügend Beweise vor, die seine Thesen untermauern. Mehr als einmal entschuldigt er sich für die abrisshafte Darstellung, um seinen wohl zahlreichen Gegner gleich darauf mit einer in größter Bescheidenheit dargelegten empirischen Beweiskette den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er schildert und erklärt, er rechtfertigt und verteidigt sich, er deduziert und induziert und am Ende seiner Ausführung kommt man zum Schluss, dass Charles Darwin auf die bestmögliche Art, stilistisch wie wissenschaftlich-analytisch Recht hat. Dass das Werk als „wissenschaftliche Literatur“ klassifiziert ist, trägt schließlich auch Darwins bereits oben erwähntem schriftstellerischen Talent Rechnung. Was schließlich auch evident werden lässt, dass jegliche Anschuldigung in Bezug auf Blasphemie oder Gotteslästerung außer Acht gelassen werden kann, denn Darwin leistet viel mehr, er liefert eine wissenschaftliche, vernunft-basierte Theorie über die Entstehung und Entwicklung der Arten und hat es dabei gar nicht nötig sich hinter lächerlichem Hokus-Pokus zu verstecken, weil er der Natur rein gar nichts von ihrer Faszination nimmt, im Gegenteil, gerade die Tatsache, dass sich die Arten auf eine so faszinierende Weise entwickelt haben, stellt sie als viel interessanter und beeindruckender dar, als irgendein biblisches Kindermärchen. Viel besser lässt sich das mit Darwins eigenen Worten ausdrücken, sie bilden den letzten Satz der besprochenen Publikation: „There is grandeur in this view of life, with its several powers, having been originally breathed into a few forms or into one; and that, whilst this planet has gone cycling on according to the fixed law of gravity, from so simple a beginning endless forms most beautiful and most wonderful have been, and are being, evolved.“ (6).

Selbst wenn beide Bücher mit manchen detaillierten Ausführungen über geologische Formationen und dergleichen einige Längen aufweisen, Darwin macht sie durch seinen wunderschönen Schreibstil mehr als wett. Ein Faktum übrigens, welches mich endlich auch verstehen lässt, warum mir mein Professor diese Lektüre so sehr ans Herz gelegt hat – es handelt sich um eine wohl längst vergessene Kunst, Wissenschaftler derart umfassend auszubilden, dass sie auch in der Lage sind einen lesbaren, schön formulierten Satz aufs Papier zu bringen, was mich meinen heutigen Eintrag mit dem Wunsch beschließen lässt, dass, sofern nicht bereits geschehen, jeder und jede, die sich auch nur Ansatzweise mit Wissenschaft auseinandersetzen, ob beruflich oder privat, Charles Darwin allerschnellstens auf ihre Leseliste setzen sollten, dass zumindest „On the Origin of Species“ Pflichtlektüre in den Einführungsveranstaltungen jeglicher wissenschaftlicher Fachdisziplin sein sollte und dass der Ausdrucksweise und Verständlichkeit einer wissenschaftlichen Publikation ebenso hohe Wertigkeit zugestanden wird, wie ihrem fachspezifischen Inhalt. Nicht zuletzt finden sich in den beiden Publikationen auch die grundlegenden Tugenden, die in der Wissenschaft aktuell immer mehr verloren zu gehen scheinen wieder: Neugier, fächerübergreifende Forschung, Empirie, logische Schlussfolgerung, der Blick über den Tellerrand und die kritische Hinterfragung der eigenen Thesen, Offenheit für unorthodoxe Ansätze und gleichzeitiger Respekt vor den wissenschaftlichen „Konkurrenten“, alles Eigenschaften, die meiner Meinung nach den richtigen Forscher, die echte Wissenschaftlerin erst ausmachen.

 

(1)    Was übrigens gut so ist.

(2)    Die gesamte Route der Beagle ist hier grafisch dargestellt.

(3)    Er hat aber die geltende Fachmeinung gekannt und sich gegebenenfalls daran orientiert.

(4)    Darwin war wohl auf die Gebiete Geologie und Botanik spezialisiert, war aber am besten Wege Pastor zu werden…

(5)    Darwin hat sich in den Jahren davor quasi als klassischer Naturforscher und Empiriker betätigt und sämtliche Schlussfolgerungen, die er aus seinen Beobachtungen gezogen hatte, mehrfach ausgetestet oder von Experten austesten lassen. So betätigte er sich als Taubenzüchter, kreuzte Pflanzen im eigenen Garten, beobachtete wie lange Samenkörner in Salzwasser überleben können usw. usf.

(6)   „Es ist wahrlich etwas Erhabenes um die Auffassung, daß der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder gar nur einer einzigen Form eingehaucht hat und daß, während sich unsere Erde nach den Gesetzen der Schwerkraft im Kreise bewegt, aus einem so schlichten Anfang eine unendliche Zahl der schönsten und wunderbarsten Formen entstand und noch weiter entsteht.“ (Das Wort „Schöpfer“ fügte Darwin übrigens erst in späteren Ausgaben des Buches bei.)

 

Susanne, 27. Dezember 2009

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Frohe Weihnachten – Merry Christmas!

In wenigen Tagen ist Weihnachten und ich möchte mich hiermit bei den Sandworm-Lesern und Leserinnen bedanken und allen schöne Feiertage wünschen.

In a few days it’s Christmas and I would hereby like to thank the readers of The Sandworm and to wish you all peaceful holidays.

Susanne, 20. Dezember 2009

On Art – Jeff Sher

Last week I got an email from Bob Dylan. Not from him personally of course, but rather from his record company, who was kind enough to inform me, that Dylan’s latest video „Little Drummer Boy“ was being released and could be viewed on Amazon.com. I didn’t lose much time and headed over to Amazon, where I found some information as to the fact that the entire proceeds of Dylan’s new album „Christmas in the Heart“ would go to charitable causes, mainly to people who don’t have enough money to feed themselves or their families. I already own the album, but hadn’t spent any of my own money on it and so I felt bad for a while, because after all Dylan’s cause is a noble one.

Feeling somewhat guilty I decided I’d still watch the video, where only seconds later I found myself in the middle of an astonishing work of art. The video had been done by an artist called Jeff Sher, and it confirmed my long held belief, that Dylan knows what he’s doing. Not only that, but he also knows what other people are doing (right).

After all he’s made some great videos – „Subterranean Homesick Blues“ comes to mind – on the Album „Together Through Life“ he used photographies of Bruce Davidson in the clip for „Beyond Here Lies Nothing“. There wouldn’t have been any reason to doubt that Jeff Sher was the right choice.

I was really moved by the way he had made the clip, the way the pictures spoke to me, about what Christmas means to me personally. Which is not so much that it’s a religious holiday, but rather one where you get together with your family, reunite and have a good time.

Actually, I was so impressed that I started looking around on the web to find more information about Sher and a moment later, I decided that I would just go ahead and write him an email, to let him know how much I liked his video. I did that because I was thinking about my own feelings of satisfaction, when people who don’t even know me, comment on my work. I admit, I love that. And I thought maybe Mr. Sher would too. So I wrote him that email.

To my surprise he wrote back, only a few hours later and not only did he write back, he thanked me for complimenting him and was nice enough to share some insights into his work for the video as well as some very interesting details about his personal background.

His grandfather, he says, was actually from Vienna (Austria), which is where I’m sitting at the moment, but he had left the city right after World War I to emigrate to the US. He had worked as a barber here, but was apparently an extremely talented man, speaking seven languages. Unfortunately he died young and much of his life remains a mystery to Mr. Sher, who must have, however, inherited some of his grandfather’s talents.

Jeff Sher works in New York City now, he paints and he’s an experimental filmmaker. Successfully so! You can see some of his artwork on the New York Times Opinionater Blog, and not to forget, he’s responsible for the latest Bob Dylan video.

Mr. Sher was kind enough to share some photos with me (and with permission, the rest of the world as of now…) and told me a little bit about how it all happened. He’s admittedly a great Dylan fan, as am I, and he was asked to do the video for „Little Drummer Boy“ by the people working for Dylan. They told him that „he wants you to do what you do“, which actually makes me very jealous, because I continually find myself imagining how it would be if Dylan, or rather the people who work for him, told me something like that one day. Anyhow, Mr. Sher was left completely free in his choice of theme for the video. They only gave him five weeks time, which he spent painting picture after picture, which needed to be filmed, in order to create the video. Mr. Sher ended up painting around 2000 pictures, a workload, which is beautifully illustrated by the picture he sent along displaying all the paintings neatly stacked in his home.

Which makes one appreciate a work of art even more. Coincident or not, the fact that I live in Vienna and Mr. Sher having a grandfather who came from here, more so, the fact that he actually came here himself in 1969 and still remembers the morbid atmosphere of the town (nothing has changed…), the wine, the old master paintings at the Kunsthistorische Museum, and apparently to this day fancies the Austrian experimental film-maker Peter Kubelka, all that seems like it was made for being written here on my blog. Dylan meets Sher meets The Sandworm. A Christmas Carol.

More information about Jeff Sher:

The New York Times‘ Opinionator Blog

Jeff Sher’s Website

Jeff Sher on Youtube

Jeff Sher on Twitter

Susanne, 13 December 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 42

Gestern Vormittag war einer jener Tage, die gleich in der Früh ausgezeichnet beginnen. Ich schalte meinen Computer ein und in der Mailbox ist eine Nachricht von Bob Dylan. Natürlich nicht von ihm persönlich, aber von seiner Plattenfirma, die mir höflichst mitteilt, dass Dylan ein neues Video veröffentlicht hat, welches man sich auf Amazon ansehen kann. Was ich auch sofort mache und mich Sekunden später mitten in einem Kunstwerk wiederfinde.

Ich schlage also vor, sich das Video jetzt selbst anzusehen, bevor Sie weiterlesen. Schalten Sie auf den Vollbildmodus (Der Clip trägt den Namen „Little Drummer Boy„).

Bob Dylan ist bekannt für kreative Videos, man denke nur an „Subterranean Homesick Blues“ (alles auf Youtube zu finden), er ist selbst auch als bildender Künstler tätig und verwendete für das Video zu „Beyond Here Lies Nothing“ (am Album „Together Through Life“) die Fotografien von Bruce Davidson. Es überrascht also nicht, dass er auch am neuen Weihnachtsalbum („Christmas in the Heart“) einen Künstler für die Gestaltung seines Videos ausgesucht hat. Ich sah mir also den Clip an – „Little Drummer Boy“ – und fand mich durch die darin montierten Aquarelle mit einem Mal in einer anderen Welt, fand mich emotional durch sie angesprochen, weil sie genau das darstellen was Weihnachten für mich bedeutet: Geborgenheit, Wiedersehen, Zusammensein.

Das Video hat mich so sehr angesprochen, dass ich dem Künstler, der übrigens Jeff Sher heißt (alle Infos weiter unten), eine Email geschrieben und ihm zur hervorragenden Arbeit gratuliert habe. Ich ging in diesem Falle einfach von mir selbst aus – ich freue mich wenn mir unbekannte Leute zu meiner Arbeit, meinen Texten gratulieren.

Zu meiner Überraschung geht es ihm offenbar genauso, denn am selben Abend kam eine Nachricht zurück, in er der sich nicht nur für mein Email bedankte, sondern mir auch noch zwei Fotos mitschickte, mir etwas über die Arbeit an dem Video für Bob Dylan sowie ein wenig über seinen persönlichen Hintergrund erzählte. Netterweise gab er mir die Erlaubnis, diese Informationen mit den Kunst- und Musikliebhabern unter den Sandworm-Lesern zu teilen.

Jeff Sher ist bildender Künstler, malt und gestaltet experimentelle Filme und veröffentlicht unter Anderem auch auf dem New York Times‘ Opinionator Blog hin und wieder seine Arbeiten. Sein Großvater stammt übrigens aus Wien, verließ die Stadt aber irgendwann kurz nach dem ersten Weltkrieg, um in die USA zu emigrieren. Für Jeff Sher und seine Familie war er eine eher mysteriöse Figur, bekannt ist auf jeden Fall, dass er in Wien als Friseur gearbeitet hat und offensichtlich sehr talentiert war – er sprach z.B. sieben Sprachen. Vielleicht hat er etwas davon an seinen Enkel vererbt, der jedenfalls ist ebenfalls hochtalentiert und hat neben seiner künstlerischen Tätigkeit auch auf Wien nicht vergesssen. So kam er im Jahr 1969 für ein ganzes Schuljahr lang hierher und scheint bis heute von der morbiden Atmosphäre Wiens beeindruckt. Jedenfalls hat er den Wein, die Bruegels und Dürers und das Kunsthistorische Museum in guter Erinnerung behalten. Und er ist ein großer Bewunderer des Experimentalfilmers Peter Kubelka.

Das Video für Dylan kam kurzfristig zustande. Jeff Sher outete sich als großer Fan Dylans, vor allem aber meinte er, es wäre großartig gewesen, dass Dylan bzw. die Leute, die ihn beauftragt haben, ihm völlig freie Hand gelassen hätten. Ein Videoclip solle es werden, Inhalt egal, Hauptsache Artwork von Jeff Sher. „He wants you to do what you do“ hätten die Leute, die mit Dylan arbeiten gesagt. (Und eben versuche ich mir vorzustellen, wie es wäre, wenn die Leute, die mit Dylan arbeiten, soetwas einmal zu mir sagten.)

Was für eine Arbeit insgesamt in dem Video steckt, hat mir Jeff Sher in einem sehr persönlichen Bild, das er mitgeschickt hat, verdeutlicht: es zeigt sämtliche Einzelbilder, die er malen musste um sie für den Clip abzufilmen (innerhalb von nur 5 Wochen). Alles in allem ungefähr 2000 Bilder!

Es war also gestern einer jener Tage, die gleich in der Früh gut beginnen. Ein hervorragendes, bewegendes, Video, der Entschluss dem Künstler direkt mitzuteilen, wie sehr mir seine Arbeit gefallen hat und darauf eine sehr persönliche Antwort von einem offenbar sehr sympathischen Jeff Sher. Ich werde mich also auf die Suche nach Shers Bildern in Wien machen, vielleicht gibt es auch einmal eine Ausstellung. Sandworm-Leser werden rechtzeitig davon erfahren.

Zusätzliche Informationen zu Jeff Sher:

Opinionator Blog der New York Times

Jeff Shers Webseite

Jeff Sher auf Youtube

Jeff Sher auf Twitter

Susanne, 10. Dezember 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 41

Mittlerweile schreiben wir den 6. Dezember, das Jahr geht unzweifelhaft zu Ende und nachdem ich mir kaum erwarte, dass heuer noch weitere der von mir angebeteten Musikgötter in Wien Halt machen werden, lasse ich das Musikjahr 2009 schon heute Revue passieren und werfe noch einmal einen kurzen Blick auf die Konzerte, die ich besucht habe.

Es war kein besonders intensives Konzertjahr, alles in allem habe ich sechs besucht, wobei ich zwei davon gleich von vorneherein links liegen lassen muss, da ich es über das Foyer des WUK nicht mal in den Konzertsaal geschafft habe. (Falls es jemanden interessiert, am Programm standen Mark Lanegan & Greg Dulli zu Beginn des Jahres und Portugal. The Man Mitte November.) Somit verbleibt die relativ magere Ausbeute von 4 Konzerten, bei denen ich nicht nur physisch anwesend war. Hier also noch einmal ein kurzer Abriss:

Der erste Termin stand im März am Programm und war für mich rückblickend betrachtet das Konzerthighlight des Jahres 2009. Es handelt sich um den Auftritt von Candi Staton, der alles bot, was man sich von einem fantastischen Konzert erwartet. Großartige Stimmung, eine gut gelaunte Staton, die mit hervorragender Stimme, toller Band und ausgezeichneten Backing Vocalists überzeugte. Und trotz des relativ melancholischen Songwriting-Schwerpunktes der beiden jüngsten Alben, hat es die Frau geschafft, das ganze im Porgy&Bess anwesende Publikum mitzureißen. Partystimmung, Rat und Trost für unter der Krise und sonstigem Lebensschmerz leidende Zuhörer (…everything’s gonna be alright…), die eine oder andere nachdenkliche Nummer (Elvis’ „In the Ghetto“) und jede Menge mitreißende, tanzbare Songs aus den verschiedensten Schaffensperioden der Künstlerin. Facit: Einfach genial.

Bis zum nächsten Konzert musste ich dann doch einige Zeit warten und zwar bis Juli, als dann Lambchop im WUK auftraten. Nicht mein erster Lambchop-Abend und somit keine musikalischen Überraschungen, aber für ein relativ langweiliges Monat im Jahr eine willkommene Abwechslung. Frontman Kurt Wagner und Band boten gewohnt gediegenen, entspannten Alt-Country.

Wieder musste ich mich bis zum nächsten Termin etwas gedulden, die Sommermonate sind da eher eine Qual, weil ich mich für Festivals absolut nicht interessiere und sofern es sich gar nicht vermeiden lässt, lieber Solo-Shows der Artists, die ich sehen möchte, ins Auge fasse. Diesbezüglich hat es dann doch bis Oktober gedauert, bis die jeweilige Konzertsaison auch für mich wieder interessant wurde. Magnolia Electric Co., die ich bereits zwei Jahre zuvor in der Wiener Szene erlebt habe, schafften es schließlich mit einer mitreißenden Show, den ersten Kälteeinbruch vergessen zu machen. Jason Molina, der vor kurzem aus Krankheitsgründen Shows absagen musste, befand sich in Hochform, möge er bald gesund werden, denn ich würde mir einen neuerlichen Wien Besuch der Truppe nicht entgehen lassen.

Kurz darauf stand für mich die musikalische (und in Bezug auf Frontman Willy Vlautin, auch literarische) Neuentdeckung des Jahres am Terminkalender: Richmond Fontaine traten im Gasthaus Vorstadt, das sich als sehr nette Konzert-Location entpuppte, auf und lieferten eine großartige Show, die sich in Bezug auf die mir bekannten CD-Veröffentlichungen der Truppe und dem was an diesem Abend live gespielt wurde, als Mischung aus ruhig-entspanntem bis traurig-nachdenklichem Alt-Country beschreiben lässt. Daraus resultierte die große Freude meinerseits, endlich wieder Neues entdeckt zu haben und zwar in gleich zweifacher Weise, da die Personalunion aus hervorragendem Singer-Songwriter UND großartigem Schriftsteller ja nicht gerade häufig vorkommt und sich, wenn man weiß, wie viele gute Leute immer wieder einen Bogen um Wien machen, hierorts noch seltener live erleben lässt.

Das Abschlusskonzert des Jahres 2009 schließlich bestritt Kris Kristofferson, dessen musikalisches Oeuvre ich erst heuer so richtig kennen und schätzen gelernt habe. Diesbezüglich war es auch ein passender Konzertjahresausklang, der mit Anfang November die meist doch eher melancholisch eingefärbte Jahreszeit eröffnet hat. Kristofferson ließ an jenem Abend auch keine Wünsche offen und spielte sich kreuz und quer durch seinen Songkalender, ganz allein auf der Bühne der neuen Halle F der Wiener Stadthalle, lediglich mit Gitarre und Mundharmonika ausgerüstet. Seine warme tiefe Stimme und die als ehrlich empfundene Herzlichkeit dem Publikum gegenüber waren wohl diejenigen Faktoren, mit denen vermutlich auch die hargesottensten Konzertgeher des Abends weichgekocht wurden, die weiblichen Gäste lagen ihm ohnehin zu Füßen. Ein mit dem Song „Don’t Tell Me How the Story Ends“ sehr bewegender Ausklang, gefolgt von einer mehr als 20-minütigen Signierstunde am Bühnenrand, beschlossen für mich ein Konzertjahr, in dem es zwar quantitativ keine Exzesse gab, welches mich dafür aber qualitativ mehr als zufrieden gestellt hat und somit in bester Erinnerung bleiben wird.

Ein Ausblick? Schwer zu sagen, was 2010 bringen wird. Ich hatte bereits heuer auf einen Abstecher von Conor Oberst und seiner Mystic Valley Band gehofft, vielleicht schaut er im neuen Jahr nach Wien, dann wäre die 2010-er Konzertsaison auf jeden Fall gerettet, auch wenn sich sonst niemand mehr hierher verirren sollte. Natürlich würde es mich auch sehr freuen Okkervil River wieder zu sehen. Die Partie rund um den genialen Songwriter Will Sheff wird vermutlich bald ein neues Album herausbringen, dann wäre auch eine größere Tour wieder angesagt. Als besonderen Weihnachtswunsch, welchen ich als ceterum censeo eigentlich ans Ende aller meiner Einträge anfügen könnte, wäre dann noch die Hoffung darauf zu erwähnen, dass Bob Dylan bald wieder nach Wien kommen möge. Dessen erst vor kurzem veröffentlichtes Weihnachtsalbum „Christmas in the Heart“ kann ich übrigens allerwärmstens empfehlen. Man sollte sich durch von einander abschreibende Rezensenten (national wie international) nicht beirren lassen, das Album ist weder seltsam, noch skurril oder absurd, sondern eben ein Weihnachtsalbum und wer zu Weihnachten Weihnachtsmusik hören möchte, der liegt damit absolut richtig.

Susanne, 6. Dezember 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 40

Nach dem Sturm der Entrüstung über die Schweizer Volkabstimmung – der sog. Minarettabstimmung – hat mich die Kommentardebatte auf der Webseite von Christoph Chorherr dazu veranlasst selber ein paar Gedanken dazu aufzugreifen.

Ich habe mich dort an zweiter Stelle der Kommentierenden, im Eindruck ich wäre die erste, selbst verewigt und bin heute zur Seite zurückgekehrt, um zu sehen, was sich dort getan hat. Mittlerweile gibt es 42 Kommentare dazu, ein paar Kommentierende haben mir zugestimmt, andere wiederum gaben sich ähnlich kritisch. Diesbezüglich möchte ich nun ausführen worum es mir geht.

Ich sehe mich im politischen Spektrum wohl eher weiter links angesiedelt, generell basiert meine politische Verwurzelung in einer Mischung aus aufgeklärt, rational-humanistischem und vor allem kritischen Denken. Letzteres ist mir besonders wichtig, da ich aus der Wissenschaft komme und gelernt habe, dass in Bezug auf verschiedenste stark polarisierende Themen, meist auf beiden Seiten manipuliert wird, was das Zeug hält. Diesbezüglich neige ich zunächst mal eher dazu nachzudenken und zu hinterfragen. Mich selbst und alle anderen. Dass ich nicht neutral bin oder sein kann liegt auf der Hand, die vielbeschworene Objektivität ist ja auch bloß relativ und wer wissenschaftliche Studien liest, weiß das.

Ich habe also bereits vor dieser Minarettabstimmung überlegt wie sie wohl ausgehen mag und war mir relativ sicher, dass die Schweizer dafür stimmen würden. Trotz Umfragen. Gerade wegen der Umfragen (vielleicht sollte man auch diesbezüglich endlich einsehen, wie unzuverlässig dieses Instrument ist). Es war wohl wie in Österreich, wenn danach gefragt wird, ob man FPÖ-Wähler sei. Derartige Umfragen unterschätzen chronisch das Wählerpotential, weil die Befragten nicht zugeben wollen, dass sie diese Partei wählen. Sie antworten in Richtung sozialer Erwünschtheit. Genauso verhält es sich mit den meisten gesellschaftspolitischen Fragen, die in der Öffentlichkeit ungern diskutiert werden. Im Falle des Minarettverbots eben der gesamte Themenkreis rund um den Islam.

Als das Abstimmungsergebnis schließlich da war, folgte, wie ebenfalls erwartet, der große öffentliche Aufschrei. Während die Rechten still und zufrieden vor sich hinlächelten, stellte sich die Linke sowie öffentliche Vertreter aus diesen Reihen wieder einmal hin und gab mit großer Betroffenheit altbekannte Äußerungen von sich. Skandal riefen die einen, manche schämten sich sogar öffentlich, andere wiederum deklarierten totale Solidarität mit den muslimischen Mitbürgern. Und ich? Ich war wiedereinmal sprachlos, weil genau das eingetreten war, was ich erwartet hatte.

Sprachlos, aber hauptsächlich enttäuscht. Weil es offenbar nicht mehr möglich ist ein Thema sachlich und faktenbasiert zu diskutieren, da sich die Lager bereits soweit gespalten haben und die jeweilige Seite sich bloß noch in ihren eigenen verzerrten Weltbildern zu bestätigen sucht. Was glauben Sie, wird mir jemand, der ausgewiesener Islam-Hasser ist, antworten, wenn ich ihn darum bitte, mich über diese Glaubensgemeinschaft aufzuklären? Wie wird mir ein absoluter Befürworter diese Religionsgemeinschaft darstellen? Genau!

Und so, bin ich der Meinung, kommen wir nicht weiter. Dass nämlich eine unterschwellige, oder wenn man sich in den diversen Online-Foren, ja selbst unter Christoph Chorherrs Kommentaren umsieht, offen zutage trendende Angst vor dem Islam herrscht kann wirklich niemand mehr leugnen. Diese Angst findet man in allen westlichen Ländern, in den USA genauso wie in Großbritannien, Deutschland, in Österreich und eben der Schweiz.

Vor nicht allzu langer Zeit hat ein SPD Politker namens Thilo Sarrazin ein ausgesprochen islamkritisches Interview gegeben. Dass seine Aussagen die guten Sitten der höflichen Meinungsäußerung weit überschritten haben, kann ich nicht leugnen, dass er damit aber in ein Wespennest gestochen hat, dass sich einige – auch linke – Intellektuelle erstmals getraut haben, anzumerken, dass da vielleicht wirklich etwas falsch läuft, davor sollte man ebenfalls nicht die Augen verschließen.

Denn gerade die Linke geht dieses Thema an! Und gerade dort findet man erstaunlicherweise das größte Kopf-in-den-Sand-stecken. Viel mehr noch, man findet immer wieder sehr intelligente Leute, die aus falsch verstandenem Humanismus, Toleranz für Intoleranz fordern. Bester Beweis dafür z.B. eine Urteilsbegründung in Deutschland, die zwar mittlerweile bereits revidiert ist, die aber allein beim Gedanken, dass derartiges möglich ist, Kopfschütteln auslösen sollte.

Ich lebe in Mitteleuropa, in einer Wertegemeinschaft, die sich ein rechtsstaatliches System mit hohem Blutzoll erkämpft hat – lesen sie diesbezügliche Literatur aus den Zeiten der Aufklärung (ich empfehle z.B. Voltaire) – und in der wir nicht einmal heute bei einer rechtlichen Gleichstellung aller Bürger und Bürgerinnen angelangt sind. Homosexuelle werden noch immer diskriminiert, Frauen sind noch weit entfernt von faktischer Gleichberechtigung, besonders in Österreich. Ich kann und will nicht tolerieren, wenn man sich in manchen Ländern überlegt, die Scharia auf Gemeindeebene als Rechtsgrundlage heranzuziehen. Schwimmunterricht in dem Mädchen in Ganzkörperkleidung von Buben getrennt werden müssen, entspricht nicht meiner Vorstellung von Geschlechtergleichberechtigung. Wir haben ein System von Rechtsnormen welches in Österreich und in Europa gültig ist und an welches ich mich und auch jeder andere sich halten sollte. Entscheidungen über Streitigkeiten, zivil- sowie strafrechtlich, haben vor Gericht zu erfolgen und ich wähne mich glücklich in einem Land zu leben, in dem es keine Todesstrafe mehr gibt.

Wenn man nun über das Zusammenleben mit muslimischen Mitbürgern diskutiert, dann merke ich, dass es eine Art blinden Fleck bei meinen links-liberal angesiedelten Diskussionskollegen gibt. Äußert man sich kritisch, wird man schnell als Rassist dargestellt, als intolerant, als fremdenfeindlich usw. usf. Ich selbst tue mir schwer hier meine Formulierungen so zu finden, um nicht ebenfalls sofort in das Eck der Polemie gestellt zu werden. Aber, und jetzt komme ich zum wichtigsten Punkt dieser Ausführung: die Angst vor dem Islam gibt es, sie existiert real! In Österreich und sonst wo. In der Schweiz jetzt sogar amtlich und ich halte es für unglaublich wichtig, dass sich gerade die Linke dieses Themas annimmt. Und zwar sachlich und rational begründet, aber eben kritisch. Um die rechtslastigen muss ich mir keine Sorge machen, dieses Feld bespielen schon FPÖ, ÖVP und SPÖ mit Erfolg. Es geht mir hier um eine ernsthafte Auseinandersetzung, gerade weil Österreich geschichtlich derart belastet ist.

Wer die Äußerungen von Politikern gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts kennt, weiß wovon ich spreche. Man soll und darf dieses sensible Thema nicht einfach den Rechten überlassen, genauso wenig wie man den Fehler begehen sollte, alles was sich dort abspielt gnadenlos zu beschönigen. Die Zeiten der Multi-Kulti-Spaßgesellschaft sind eindeutig vorbei und niemand wird einen linken Politiker ernst nehmen, der bei Integrationsfragen davon zu schwärmen beginnt, was für eine Bereicherung nicht alle Migranten in Österreich sind. Ja sie können eine Bereicherung sein, der Großteil von ihnen ist es auch, aber die Augen vor Kriminalität und Frauenfeindlichkeit zu verschließen, vor Homophobie und vor dem Potential, dass der Islam auch ein gewisses Feld für Islamisten darstellt, auch hierzulande, das ist in Zeiten wie diesen nicht nur dumm, sondern gefährlich.

Es gibt genügend sachliche Argumente, wissenschaftliche Studien, die den Mehrwert der Zuwanderung in Österreich dokumentieren, es gilt die Debatte an sich zu reißen und zwar in einer vernunftgesteuerten rationalen Art und Weise. In einer Gesprächsführung in der nicht jeder, der sich kritisch äußert ins andere Lager dividiert und ausgegrenzt wird. Wenn die Linke im Land diese Möglichkeit nicht nutzt und ergreift und zwar bald, wenn sie weiterträumt und verharmlost, dann werden sich auch hierzulande bald wieder viele für die eigenen Landsleute schämen müssen, die Hände über den Kopf schlagen und darüber lamentieren, ob wir in Österreich noch immer nichts dazu gelernt haben. Denn das nächste Volksbegehren steht vermutlich bereits in den Startlöchern.

Susanne, 1. Dezember 2009