Frida Kahlo vs. Cézanne, Picasso, Giacometti & Co.

Nach längerer Zeit ohne Ausstellungsbesuch zog es mich vergangene Woche in gleich zwei. An einem einzigen Tag absolvierte ich einen kleinen Parcours, der mich von Frida Kahlo im Bank Austria Kunstforum zu Cézanne, Picasso, Giacometti et al. im Leopoldmuseum führte und selbst wenn beide mit Namen werben, die im Ausstellungszirkus quasi Eigenläufer sind, so konnten sie unterschiedlicher nicht sein.

Frida Kahlo im Bank Austria Kunstforum

Bereits vergangenes Jahr erfreute mich die Neuigkeit, dass es endlich eine große Kahlo-Ausstellung in Österreich geben werde, geduldig wurde gewartet, um nachher vor lauter Unmut über die langen Warteschlangen, die sich vor dem Kunstforum auf der Freyung immer wieder dahinschlängelten, ernsthaft darüber nachzudenken, auf den Besuch der Ausstellung zu verzichten.

Zum Glück motivierten mich meine kunstinteressierten Eltern, die sich Kahlo nicht entgehen lassen wollten und aufgrund der Anreise aus der fernen Steiermark wurde gleich auch das Leopoldmuseum mit auf das Besuchsprogramm gesetzt. Zur Kahlo ging es am späten Vormittag, an einem Wochentag, was ich allen, die es irgendwie einrichten können, sehr empfehle, denn selbst am Donnerstag gegen 11 Uhr stand eine kleine Traube von Menschen vor dem Eingang. Die Wartezeit hielt sich zwar mit ca. 30 Minuten in Grenzen, aber was man diesbezüglich am Abend oder Wochenende vor sich hat, kann sich jeder vernünftige Mensch ausmalen.

Die Ausstellung selbst rechtfertigte dafür dann doch die Mühe des Anstellens, denn sie war schlicht und einfach überwältigend. Die Künstlerin beeindruckte nicht nur mit unglaublich farbenprächtigen, hervorragenden Malereien – die Serie ihrer Selbstportraits ist umwerfend – die Ergänzung der Ausstellung mit einer Reihe von Fotografien, die Kahlo und ihre Zeitgenossen zeigt, wirft Licht auf das bewegte, von großem Leid und leidenschaftlicher Liebe geprägte, Leben der Künstlerin. Gerade dadurch wird sie aber angreifbar und wandelt sich von der Ikone zum Menschen, ohne ihre Magie und ihr Charisma zu einzubüßen. Im Gegenteil, man findet sich tief bewegt von der großartigen Künstlerin, der wunderschönen Frau, die beim Verlassen der Ausstellung, nie wieder die mexikanische Malerin mit den zusammengewachsenen Augenbrauen und dem Damenbart sein wird. Allerwärmste Empfehlung, die Ausstellung läuft nur mehr bis 5. Dezember!

Picasso, Césanne, Giacometti & Co.

Im Leopoldmuseum hingegen kann man sich ansehen, was passiert, wenn man ein paar bekannte Namen auf ein Plakat druckt und sich sonst keinerlei Gedanken mehr macht, außer vom Klingeln der Museumskassa zu träumen. Leider hat der Trick wieder einmal funktioniert, schließlich bin ich ja selbst drauf reingefallen. Man hat also Sämtliches, was in der Sammlung der Fondation Beyeler Rang und Namen hat, einfach aufgestellt und -gehängt und sich, wie das so oft der Fall ist, bloß darauf verlassen, dass die Zugpferde ihren Dienst tun werden. Da hängt dann hier ein Monet und dort ein paar weniger interessante Picassos, den Cézanne gibt’s auch und ebenso den Giacometti, und weiter geht’s mit einem Jackson Pollock (hurrah, wer jemals dessen großflächige Bilder gesehen hat, lächelt mitleidig), ein Lichtenstein darf nicht fehlen, schon gar nicht der Andy Warhol. Gähn. Das muss man nicht gesehen haben.

Zum Glück war man mit der Kondition noch nicht am Ende und machte noch einen Streifzug durch die ständige Sammlung des Museums. Zumindest dort ließen sich, abseits der Klassiker, noch ein paar neue persönliche Neuentdeckungen machen. Zum Beispiel, dass die Malereien von Koloman Moser großartig sind. Wenn man sich nun in der Leopoldstiftung also auch Gedanken machen könnte, wie man Sonderausstellungen interessanter gestaltet, als bloß irgendwelche Bilder von bekannten Malern aufzuhängen (dafür wäre eigentlich das Kuratorium zuständig), dann würde mich das sehr freuen.

Susanne, 7. November 2010

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Gustav Mahler – Eine Ausstellung im Theatermuseum Wien

Vergangene Woche war es hoch an der Zeit sich endlich wieder einmal in ein Museum zu begeben. Als Besitzerin einer fast neuen KHM-Jahreskarte boten sich dafür einige Möglichkeiten an, ausgewählt wurde das Theatermuseum, welches bereits zu Jahresbeginn mit einer hervorragenden Thomas Bernhard Ausstellung überrascht hat.

Diesmal stand Mahler am Programm und nach dem einigermaßen enttäuschenden Besuch im Völkerkundemuseum und der Besichtigung der wenig inspirierten James Cook Schau, möchte ich gleich vorausschickend an die Damen und Herren Kuratoren jenes Museums die Empfehlung aussprechen, die paar Meter von der Burg zum Theatermuseum zu spazieren und sich dort anzusehen, wie man im 21. Jahrhundert eine großartige Ausstellung kuratiert.

Genau das nämlich ist das Fazit nach dem Besuch dieser Schau. Im ersten Stock des Museums, mit mehr Raum als im Erdgeschoß (wo man die Bernhard Ausstellung angesiedelt hatte), wandelt man durch das Leben und Schaffen des Gustav Mahler in Wien. Übersichtlich arrangiert, mit einer ausgewogenen und nicht ausufernden Mischung aus Schaustücken und begleitenden Informationen sowie behutsam integrierten visuellen Medien.

Gleich zu Beginn spaziert man in ein Wien Ende des 19. Jahrhunderts. Mahler kam 1875 als 15-jähriges Musiktalent in die Stadt, um hier seine Ausbildung zu beginnen, diese befand sich bereits im Umbruch des Fin de Siècle, überall wurde gebaut. Wien war Weltstadt und Schmelztiegel der Kulturen.

Passenderweise ziert gleich die erste Wandtafel ein Zitat, welches man gerne so manchem dummen Wahlkämpfer vor die Nase halten möchte: „1880 waren 62% der Wiener Bevölkerung außerhalb der Stadt geboren“ heißt es da, aufgebaut und mitgeprägt wurde genau jenes Bild des heutigen Wien von ausgebeuteten und rechtlosen Arbeitern und Arbeiterinnen aus dem kakanischen Vielvölkerreich. „Ziegelböhm“ ist Manchen noch heute ein Begriff.

Leider ist es kaum vorstellbar, dass sich aktuelle Hetzer und Demagogen besonders häufig ins Museum begeben, oder sich sonst irgendwie mit Tatsachen und Fakten auseinandersetzen, trotzdem beruhigt es den kunstaffinen Geist, dass man sich an so manchen Orten auch heute noch intensiv mit der Geschichte der Stadt auseinander setzt und dazu beiträgt, dass sie angreifbar und lebendig bleibt.

Weiter geht es in der Saalabfolge über eine kleine Aufreihung von Mahlers Wanderjahren, die ihn nach Prag, Budapest und einige weitere Orte führten, bis er schließlich wieder nach Wien zurückkehrte und hier die Leitung der Staatsoper übernahm. Man lernt Mahler als Komponisten genauso kennen, wie als Opernreformator, als Mann (Stichwort: Alma) und Teil der Wiener intellektuellen Gesellschaft, die in früheren Jahren aus einem Zirkel (dem sog. „Pernerstorfer-Kreis“) von sozialradikalen Reformdenkern wie Friedrich Nietzsche oder Viktor Adler bestand, sich später um Leute wie Carl Moll, Koloman Moser oder Josef Hoffmann (Hohe Warte) gruppierte.

Schlendert man gemächlich durch die Räume, kann man einerseits eine vielfältige, aber nicht überladene Auswahl an mit Mahler in Verbindung stehenden Schaustücken – von Briefen über Partituren, bis hin zu Fotos und anderen interessanten Gegenständen (amüsant die so genannte „Reisekappe“ Mahlers) – bestaunen und findet andererseits Schaukästen mit Bühnenbildentwürfen genauso wie diverse Kostüme aus Opernaufführungen. Nicht zuletzt begegnet einem immer wieder auch die ungemein bewegende Musik Mahlers.

Diesbezüglich hat man mit den Videopanoramen von Claudia Rohrmoser vermutlich das optimale Mittel gefunden, Musik im Raum nicht nur akustisch sondern auch visuell, und zwar auf ganz subtile Weise, erlebbar zu machen. Da stellt man sich sprichwörtlich unter das Adagietto aus der 5. Sinfonie oder das Andante Comodo aus der 9. und wird von oben herab mit unfassbar schöner Musik beträufelt, gleichzeitig von sehr emotionalen Visualisierungen der Künstlerin umspült.

Über die verschiedenen Stationen zieht sich die beeindruckende Schau, man erfährt über Mahlers Jahre in Wien mit den Kontroversen und  persönlichen Tragödien, wie dem Tod der erst 5-jährigen Tochter, ebenso wie über Anfeindungen und den aufkeimenden Antisemitismus in der Stadt, die den Künstler schließlich vertrieben und an die Metropolitan Opera in New York führten. Bis zuletzt blieb Wien jedoch seine Stadt, immer wieder kehrte Mahler heim, bis zu seinem frühen Tod, verursacht durch eine unheilbare Herzerkrankung. Am 18. Mai 1911 verstarb er, erst 51-jährig, nur wenige Tage nach seiner Heimkehr aus New York.

Ich gebe zu, dass ich durch Plaudereien mit meiner Ausstellungsbegleiterin nicht die volle Aufmerksamkeit auf alles, was zur Besichtigung stand, richtete, aber ich fand mich am Ende der Schau nicht nur umfassend informiert, sondern insgesamt von einer schönen Ausstellung und vor allem von einem Künstler, den ich bis dato nicht besonders gut gekannt habe, tief beeindruckt und bewegt.

Bis 3. Oktober hat man noch Gelegenheit sich selbst ein Bild davon zu machen, ich werde mit ziemlicher Sicherheit auch noch einmal einen Blick drauf werfen.

Susanne, 29. September 2010

Der einfache Mönch ist arm, aber froh

Für die Unternehmung diverser touristischer Aktivitäten im eigenen Land ist man zumeist vom Zusammentreffen zweier Bedingungen abhängig. Zum einen vom Besuch ausländischer Gäste, denen man einen Ausflug zu bestimmten Zielen, die man alleine nicht aufsuchen würde, als hochinteressant nahe bringen kann, zum anderen, auch aufgrund der entmutigenden Lage in Sachen öffentliche Verkehrsmittel, insbesondere der ÖBB, auf die Verfügbarkeit eines Autos.

Vergangene Woche trafen glücklicherweise beide Zustände gleichzeitig ein und ein Ausflug ins Stift Melk war in Windeseile vereinbart, schließlich wollte ich schon seit längerer Zeit einmal dort vorbei schauen, nicht nur wegen meiner Vorliebe für Umberto Eco (wer sich an Der Name der Rose erinnert, weiß dass der junge Adlatus von dort stammt), sondern weil ich mich generell für Architektur und Geschichte interessiere.

Zwei Freunde haben mich begleitet und bei stetem Regen ging es von Wien aus los in Richtung Melk. Wettertechnisch also beste Voraussetzungen, um sich innerhalb des Stiftes gemütlich umzusehen.

Das beeindruckende Barockensemble, welches über Melk thront, war in einer knappen Stunde erreicht, 2000 wurde es von der UNESCO samt umliegender Wachau, dem Stift Göttweig und der Altstadt von Krems zum Weltkulturerbe ernannt.

Der Blick auf das Stift schließlich bestätigt die Verleihung diverser internationaler Zertifikate, auch wenn man sich über deren Nutzen nicht wirklich sicher ist, architektonisch stellt das Gebäude auf jeden Fall eine herausragende Leistung dar und weckt große Vorfreude, sich das Ensemble auch von innen genauer anzusehen.

7.70 Euro Eintritt für Erwachsene, 4.50 für Studenten ist ein akzeptabler Preis und man machte sich sogleich, wenn auch etwas gebremst von einem gleichzeitig vor Ort abgesetzten Schwall hauptsächlich japanischer Touristen, erwartungsvoll auf den Weg ins Stiftsmuseum. Ich hatte mich zuvor, außer in Bezug auf die Anreise, kaum darüber informiert, die Webseite des Stiftes ist im Chic des 20. Jahrhunderts erstellt, wo man das Geld für diverse Modernisierungen gelassen hatte, wurde einem jedoch beim Eintritt ins Museum mehr als deutlich vor Augen geführt.

Leider haben sich die Verantwortlichen in Melk offenbar dafür entschieden, die architektonische Innenausstattung einem Diskothekendesigner zu überlassen. Die Räumlichkeiten, die man durchschreitet, brüllen einen wahlweise in grünem oder blauem Neonlicht an, es dominiert ein Make-Over-Stil der Marke „Clubbing-Lounge“ bzw. „das ist echt super modern“, oder man hält sich ans Swingerclubflair à la „Spiegelkabinett samt kitschige Barockengeln“. Getoppt wurde das Ganze von hässlichem Kunsthandwerk und einer Raumgestaltung, welche den Eindruck vermittelt, man hätte sie jener Sorte von Leuten übertragen, die gemeinhin in Heimarbeit Dinge produzieren, die sie dann auf örtlichen Zeltfesten oder Flohmärkten als „Kunst“ verkaufen.

Insgesamt wird durch diese völlig daneben gegangene Modernisierung wieder einmal offenbar was passiert, wenn man völlig ungeeigneten Leuten zu viel Geld in die Hand drückt. Ein typisch österreichisches Problem, wie mir scheint.

Die Tatsache, dass man hierzulande die Begriffe Modernisierung, Renovierung und Restaurierung verwechselt, hat schließlich dazu geführt, dass man im Stift Melk wunderschöne Barockräume zu einem völlig unpassenden „Erlebnisparcours“ verunstaltet hat. Eine Restaurierungkatastrophe, die mir noch heute den Magen umdreht und mich dafür plädieren lässt, den oder die Verantwortlichen für den Rest ihres Lebens wahlweise im neongrünen oder neonblauen Kitschdesasterraum einzusperren.

Die optische Verunstaltung war jedoch noch nicht das Ende der Geschichte. Leider. Neben den eher spärlichen und kaum ein Gesamtbild vermittelnden historischen Informationen, hat man sich bei der inhaltlichen Kuratierung im Museum ganz und gar der katholischen Indoktrination verschrieben. Da findet man dann an die Wand gemalte Glaubensbekenntnisse, die Krönung wird dem ganzen Hokuspokus schließlich in der Form von „Informationsschildern“ in vier Sprachen aufgesetzt.

In Bezug auf Geschichtsverfälschung hat man sich dort selbst übertroffen, indem man auf Texten, die in einem als sachlich verkleideten Informationsstil verfasst sind, mehr oder minder Missionierung betreibt. So las man also Phrasen wie „Diese neue geistige Strömung (gemeint ist die Aufklärung) beachtete manche menschliche Werte nicht, brachte aber auch viel Licht in manches Dunkel. Viele positive Werte dieser Entwicklung brachten große Fortschritte, manches jedoch ließ wichtige Bereiche verarmen“.  Oder: „Wieder einmal sollte eine Einseitigkeit, die Betonung menschlicher Vernunft, Prozesse einleiten, die etwas Ganzes auseinander teilen sollte“.

Die Interpretation derartiger Ungeheuerlichkeiten überlasse ich den Lesern selbst, mir wird beim Überdenken solcher Formulierungen auch nicht deshalb übel, weil ich gegen persönliche Glaubensbekenntnisse wäre. Jeder Mensch soll sich seines oder keines aussuchen, was aber erschütternd ist, ist die Tatsache, dass man hierzulande, zumindest was das Stift Melk betrifft, also in der katholischen Kirche, noch immer nicht die Bedeutung von historisch-wissenschaftlicher Dokumentation begriffen hat, sondern sich dafür entschieden hat, die Informationen über das Stift und seine Rolle in der Geschichte in einer Art Predigt über die Besucher zu stülpen. Man geht also wieder einmal davon aus, dass man selbst besser weiß, was für die Menschen wichtig und richtig ist, anstatt die am Stift interessierten Leute als mündige Individuen zu begreifen, die selbst in der Lage sind sich eine Meinung zu bilden.

Dazu ist anzumerken, dass ich vergangenes Jahr mehrere Tage in Südengland unterwegs war (die Berichte dazu finden sich in der Kategorie „Reise“) und dort nicht wenig Zeit in diversen Kathedralen zugebracht habe. Im Gegensatz zu Melk jedoch war man an all diesen Orten, die ihre Führungen noch dazu gratis anboten, in der Lage historisch akkurate Informationen zu vermitteln. Die Guides waren zumeist freiwillige Senioren und Seniorinnen, die über wirklich beeindruckende Sachkenntnis verfügten, kein einziges Mal fand sich irgendwo, egal ob auf Schildern oder bei diversen Führungen, auch nur ein klitzekleiner Versuch, mir als Besucherin, irgendeinen Glauben schmackhaft zu machen.

Als geringer Trost für die im Stift Melk dargebotene Travestie, kann ich wohl bloß anführen, dass man die verantwortlichen Clubbingdesigner wenigstens aus der Bibliothek fern gehalten hat – ich wäre vermutlich an Ort und Stelle in Tränen ausgebrochen, hätte man dort irgendwelche Leuchtröhren plaziert, einigermaßen beruhigt hatte ich mich erst nach dem Besuch des ausgezeichneten Rathauskellers in Melk, sowie nach dem daran angehängten Spaziergang durch den Klosterpark, der bis auf die Innengestaltung des Pavillons (Achtung Transzendenz!) Balsam für die aufgeklärte Seele war.

Susanne, 8. August 2010

Skizzen aus Wien – Nr. 48

Was macht man in Wien, wenn die Temperaturen die 30 Grad-Grenze überschreiten? Man geht ins Bad oder fährt an die alte Donau, zum Beispiel. Nachdem für mich beide Optionen wenig attraktiv sind – meine Sympathie für öffentliche Bäder hält sich in Grenzen, ebenso wie für das Baden in der Donau – gilt es Alternativen zu finden. Eine ganz hervorragende heißt „Museum“.

Ein Museum in der Sommerhitze ist nach einem Sprung ins Wasser wohl die nächstbeste Alternative zum Hitzschlag, dazu kommt schließlich noch der Zusatznutzen sich auf diesem Weg auch ein wenig zu bilden. Nachdem die Nationalbibliothek mit ihrer Ausstellung „Juden, Christen und Muslime – Interkultureller Dialog in alten Schriften“ ausfiel  – Montags geschlossen – wählten Freundin C. und ich das Museum für Völkerkunde, welches sich bloß ein paar Schritte weiter, ebenfalls in der Hofburg befindet. Zu diesem Zeitpunkt stand auch bereits mein Entschluss fest, mir eine Jahreskarte für das Kunsthistorische Museum zu kaufen, schließlich hatte ich es, als es in die Bernhard-Ausstellung im Theatermuseum ging, verabsäumt das zu tun, und nachdem auch das Völkerkundemuseum zum Komplex des KHM zählt, man es mit besagter Jahreskarte also auch mitbesuchen würde können, wollte ich mir eine weitere Kaufgelegenheit nicht entgehen lassen.

Über die Ausstellungen, die im Museum für Völkerkunde aktuell liefen, haben C. und ich uns nicht großartig informiert, Hauptanliegen war es, aus der völlig überhitzten Wohnung hinaus, in die erhoffte Kühle des Museums hinein zu kommen, außerdem war keine von uns beiden zuvor dort gewesen und schließlich versprach es auch ein kinderfreundlicher Ort zu sein, denn die temporären Hitzeferien wollten so gestaltet sein, dass auch C.s noch nicht ganz einjährige Tochter mit von der Partie sein konnte.

Bei mehr als 30 Grad Celsius fanden wir uns schließlich vorm Museum ein, der kurz zuvor getätigte Blick auf die Webseite hatte blasse Erinnerungen an eine Ausstellung über James Cook zurückgelassen, eine Rampe für den Kinderwagen gab es, bevor man noch nach einem Lift suchte, waren die paar zusätzlichen Stufen zur Museumskassa kinderwagentragenderweise bewältigt und wir standen schließlich vor einer ausnehmend höflichen Museumsangestellten.

Wie in Österreich gemeinhin üblich, verpackt man Sommeraktionen immer in lustige „Mit der Kirche ums Kreuz“-Kombos und als ich mir freudig gleich die Jahreskarte (29 Euro) kaufen wollte, schlug mir die nette Dame das Special vor, welches in der Zusatzaufgabe bestand, zunächst ein Ticket fürs Museum zu lösen und beim Hinausgehen dieses, gut aufzubewahrende Ticket, in eine Jahreskarte umzutauschen, der Endpreis würde schließlich bloß 27 Euro ausmachen. Trotz hitzebedingter Ausfallerscheinungen, sah ich mich in der Lage diesen Jahreskartenkaufparcours zu absolvieren.

Dann präsentierte Freundin C. noch ihre im letzten Waschgang gereinigte, leicht lädierte Jahreskarte – sie hatte sich das Ding bereits ein paar Monate vorher zugelegt – auch hier war die Angestellte äußerst freundlich, meinte nicht nur, ja es wäre schon ok, sie könne die Karte noch identifizieren, versprach aber darüber hinaus auch, sich kundig zu machen, wie man sie denn gegen eine Neue eintauschen könne. Alles würden wir beim Hinausgehen erfahren.

Los ging es also in die James Cook Ausstellung, die sich über die unterste Ebene erstreckte, das Museum war im Vergleich zu draußen angenehm temperiert und ruhig, da nur eine Handvoll anderer Leute dieselbe Idee wie wir hatten.

So wanderten wir schließlich knappe 2 Stunden durch die Ausstellung, über die ich nicht wirklich viel Positives sagen kann. Leider. Ich weiß nicht, was der Kurator, oder die Kuratorin, mit dieser James Cook Ausstellung bezwecken wollte, viel war es jedenfalls nicht. Es ging um Cooks drei Forschungsreisen in die südliche Hemisphäre und hätte in Bezug auf Kunst, Völkerkunde und Forschung sehr viel Potential geboten. Allein, man hatte die Objekte, z.B. Werkzeuge und Artefakte aus der Südsee, Masken, Stoffe, etc. einfach in die Schaukästen gestellt, ein paar Wandtexte erklärten zumindest wann man wo gewesen war, aber einen übergreifenden Konnex zwischen Forschung, Entdeckungsreisen, Ethnologie und Kunst herzustellen, war absolut nicht gelungen.

Am Eingang zur Ausstellung fehlte zunächst eine wirklich kompakte Einführung in die Thematik, auch eine umfangreichere Biographie von Cook, schließlich war ich mir bis zum Ende der Ausstellung nicht sicher, ob das jener Entdecker war, der auf seinen Reisen auch den Tod fand.

Zwar hatte man zaghaft zu didaktischen Mitteln des 20. Jahrhunderts gegriffen, es gab ein paar Videos, aber bereits das erste davon war eine Enttäuschung. Man hatte versucht, die damaligen Berechnungsmethoden für Längen- und Breitengrade anschaulich darzustellen, aber man scheiterte katastrophal, weil man zwar ein Beispiel für die Berechnung gab, dieses aber nicht in den Zusammenhang einer Formel stellte, ich also auch heute nicht meine Position berechnen würde können, für den Fall des Falles, dass man mich einmal auf dem offenen Meer aussetzt.

Bei den Schaustücken wiederum hatte man vergessen die Nummern ihrer Beschreibung auch neben die Stücke zu plazieren und selbst wenn die Erklärungen meist direkt darunter standen, war man sich bei Kästen mit mehr als 10 Exponaten nicht sicher, ob man nun einen Halsschmuck oder ein Werkzeug vor Augen hatte.

Und die Erklärungen schließlich richteten sich wohl wahlweise an Ethnologen, Seebären, oder sonstiges Fachpersonal, denn trotz Abschluss akademischer Studien waren weder C., noch ich in der Lage herauszufinden wozu man z.B. „Ösfässer“ benötigt. Die dazugehörige Tafel führte lediglich aus, dass sie auch in der Südsee gewöhnlich zum „Lenzen von Booten“ verwendet würden. Aha. Ja. Ok.

Das alles hat uns aber überhaupt nicht davon abgehalten diesen Museumsbesuch sehr zu genießen. Es war relativ kühl, das Personal war ausnehmend freundlich, selbst ein am Boden krabbelndes, zeitweise laut kicherndes Baby, schien niemanden zu stören und so wandelten wir von Saal zu Saal, amüsierten uns wahlweise über die Beschreibungen, die Gegenstände, oder zum Beispiel das große Talent der FPÖ immer wieder neue Niederungen der Dummheit auszuloten, wenn man sich dort z.B. beschwert was für ein Skandal es nicht wäre, Volkskunde- mit Völkerkundemuseum zusammenzulegen. Lustig war’s.

Schließlich wurden wir via Lautsprecheransage daran erinnert, dass das Museum in 10 Minuten schließen würde, wir begaben uns zum Ausgang, wo ich einerseits meine Jahrskarte endlich erwerben durfte, die nette Mitarbeiterin andererseits auch nicht darauf vergessen hatte, C. die nötigen Informationen für den Austausch ihrer Karte zu geben.

Fazit? Von kuratorischer Seite aus hätte man mehr machen können, viel mehr eigentlich, aber insgesamt war es ein abwechslungsreicher Besuch, der sich im kommenden Jahr durchaus wiederholen könnte. Schließlich darf ich jetzt mit meiner Jahreskarte rein. Als nächstes jedoch stehen ein lang geplanter Besuch der Bordonesaalsitzbank im Kunsthistorischen und die Mahlerausstellung im Theatermuseum am Programm. Ich werde mich beeilen müssen, schließlich habe ich nur ein Jahr Zeit.

Susanne, 18. Juli 2010

Skizzen aus Wien – Nr. 46

Naturgemäß sollte man einen Beitrag über eine Ausstellung zum Thema „Thomas Bernhard und das Theater“ mit einem seiner Lieblingswörter beginnen, andererseits wäre es wohl übertrieben, danach noch in eine der typischen Wort- und Satzkaskaden Bernhards zu ver- und über die grenzenlose Debilität der Österreicher herzufallen. Letzteres beherrscht Bernhard viel besser und lässt sich in seinen vielen Werken in zeitloser Gültigkeit nachlesen.

Somit also weiter zum Thema des heutigen Eintrages. Ich habe mich vergangene Woche das erste Mal in meinem Leben ins Theatermuseum in Wien begeben, um mir dort die Ausstellung „Thomas Bernhard und das Theater“ anzusehen. Freitag Nachmittag gegen halb zwei betrat ich also gemeinsam mit meiner Begleitung, die mich erst auf die Ausstellung aufmerksam gemacht hatte, das Museum und erstand zum günstigen Preis von 4,50 Euro die Eintrittskarte, wobei ich mich rückblickend doch etwas ärgere, warum ich mir nicht gleich die zum großartigen Preis von 29 Euro erhältliche Jahreskarte für das Kunsthistorische Museum gekauft habe. Diese Jahreskarte gilt nämlich auch für die Außenstellen des KHM, wovon das Theatermuseum eine ist und gerade beim Wandeln durch die Bernhard-Theaterausstellung wurde mir durch die verpasste Kaufgelegenheit schmerzlich bewusst, dass ich ja erst vor Kurzem dessen äußerst amüsantes Buch „Alte Meister“ gelesen hatte und mit dieser Jahreskarte sich auch für mich die Möglichkeit eröffnen würde, regelmäßig, so wie Bernhards Kunstkritiker Reger im Bordonesaal auf der Bordonesaalsitzbank zu sitzen und zu verifzieren, ob dort tatsächlich der von Bernhard beschriebene „Weißbärtige Mann“ von Tintoretto hängt.

Wie dem auch sei, ich und meine Begleitung fanden im Theatermuseum eine sehr liebevoll und hochinteressant gestaltete Bernhard-Ausstellung, in der sich in zwei kleineren Räumen, amüsant durch die Überschriften „Einerseits“ und „Andererseits“ getrennt, nicht nur handschriftliche Aufzeichnungen des Autors fanden, sondern auch Gelegenheiten sich Ausschnitte aus mittlerweile legendären Theateraufführungen anzusehen und Berichte über die dadurch ausgelösten Skandale nachzulesen. Besonders schön arrangiert die künstliche Empörung der Kronenzeitung zur Heldenplatzpremiere, samt hochempörtem Staberl-Kommentar. All das findet sich im einen Raum, im zweiten beschäftigt man sich intensiver mit Ausstattung und Kostümentwürfen, mehr mit dem Theater an sich als mit den zugrundeliegenden Stücken, und beleuchtet auch Bernhards familiären Hintergrund in Bezug auf seine frühe Förderung durch den Großvater. „Beleuchtet“ ist diesbezüglich auch gleich ein Stichwort, welches eine der Schwächen im zweiten Saal beschreibt. Da gibt es Schaukästen mit Fotos von der Mutter und dem Großvater, handschriftliche Aufzeichnungen und mehr, alles hochinteressant und einladend sich darüberzubeugen, um es genauer zu begutachten, leider jedoch hat man die Beleuchtung so schlecht platziert, dass gerade beim Darüberbeugen der eigene Schatten auf Bilder und Dokumente fällt.

Nichtsdestotrotz handelt es sich bei „Thomas Bernhard und das Theater“ um eine zwar kleine aber sehr feine Ausstellung, die ich jedem Bernhardbewunderer unbedingt ans Herz legen möchte. Umso mehr, als er oder sie auch dasselbe skurrile Glück haben könnte, so wie ich und meine Begleitung in eine sehr surreale „Besucherszene“ zu wandern, wie sie Bernhard wohl nicht besser hätte inszenieren können: Ein älteres Ehepaar befand sich gleichzeitig in der Ausstellung, wobei die weibliche Hälfte davon die meiste Zeit damit verbrachte, über die Schaukästen gebeugt vor sich hinzusudern und in Bezug auf eine offenbar gerade zu Ende gegangene Schülerführung z.B. meinte: „Wos mochn die Kinda do herinnen? Die verstehn des doch net! Warum bringen die die Kinder in die Ausstellung?“ oder aber sie starrte minutenlang auf die ausgefransten Jeans meiner Begleitung und zwar so intensiv, dass ich kurzfristig befürchtete, es würde Handgreiflichkeiten geben. Trotzallem war gerade dieses Ehepaar so grandios passend für diese Ausstellung, dass ich es, wäre ich verantwortliche Kuratorin gewesen, wohl selbst so angeordnet hätte: pro Stunde 1x Auftritt typisch bernardesker Charaktere. Wobei, wir sind ja in Wien. Und wie sich zeigt, ist eine Inszenierung gar nicht nötig, es sagt ja schon das der Ausstellung vorangestellte Bernhard-Zitat alles was man diesbezüglich wissen muss: „Österreich selbst ist nichts als eine Bühne„.

Ich werde also nochmal in mich gehen und darüber nachdenken, ob ich mir die KHM Jahreskarte nicht doch noch zulegen werde. Der Bordonesaal, die Bordonesaalsitzbank und die damit einhergehende Möglichkeit regelmäßiger, regerartiger Sitzungen ist wohl doch zu verlockend.

Die Ausstellung „Thomas Bernhard und das Theater“ läuft noch bis 4. Juli 2010 im Theatermuseum in Wien.

Susanne, 31. Jänner 2010