Konzertbericht – Lambchop, Konzerthaus Wien, 2012

Bevor es noch zum Schnee von gestern wird, schnell ein paar Worte zum Lambchop Gig im Wiener Konzerthaus. Was soll ich sagen, Kurt Wagner, Mastermind von Lambchop, ist, soweit ich seine Konzerte gesehen habe, stets ein Garant für gute Live-Musik. Insbesondere, wie es sich zeigte, wenn das Ganze in einer Location stattfindet, die für hervorragende Akustik steht.

Den Opener machte Courtney Tidwell, über die ich nicht viele Worte verlieren möchte, weil sie mit ihren Eigenproduktionen einfach nicht meinen Musikgeschmack getroffen hat. Und im Rahmen des Lambchop-Auftritts verschwand sie als Backing- und Harmonyvocalistin trotz guter Stimme, einfach hinter etwas zu vielen „iiihhs“ und „uuuhs“.

Endlich betrat Wagner die Bühne – er hatte sich schon in der Pause ganz unaffektiert zum Einstimmen seiner Gitarre begeben – ein Typ der grundsympathisch und ohne Allüren scheint und legte mit einem Sprechgesang los, der in die erste Nummer des neuen Albums mündete.

Die Umgebung im Konzerthaus schien ihn sichtlich zu beeindrucken und er meinte nach der ersten Begrüßung auch ganz bescheiden, dass er sich sehr geehrt fühlte in diesem Rahmen aufzutreten und fügte hinzu: „let’s hope we don’t screw up„. Haben sie nicht.

Im ersten Teil spielte man sich, soweit ich das beurteilen kann, durch das gesamte neue Album „Mr. M“. Eine etwas abgespecktere Version davon, vorgetragen von einer Truppe aus insgesamt 5 Personen (Bass, Keyboards, Backingvocals, Drums, Piano), und natürlich Wagner, der selbst an der Gitarre werkte und sang.

Mein persönlicher Höhepunkt war die Nummer „Nice Without Mercy“ bei der die gesamte Band das erste Mal musikalisch so richtig zusammen zu kommen schien. Schließlich hatte man sich durch „Mr. M“ durchgespielt und man hatte tatsächlich den Eindruck, dass Wagner mehr als zufrieden mit der Darbietung war. Zu Recht.

Zum Abschluss und mit zwei Zugaben brachte man dann noch ein paar ältere Nummern. Wagner holte endlich auch den Steel Pedal Gitarristen auf die Bühne, der, wenn es nach mir gegangen wäre, durchaus auch im ersten Teil hätte dabei sein können. Dazwischen hatte sich während der einzelnen Nummern eine humorige Bühnendiskussion zwischen Wagner und dem Pianisten, der dabei den Pausenclown gab, entwickelt. Es schien als wäre die Spannung von der Truppe abgefallen und man musizierte jetzt bloß noch aus reinem Vergügen.

So kam es schließlich dazu, dass die Eingangsnummer zum Ende – unter dem Motto „end it like you start it“ – in einer für Lambchop-Verhältnisse kaum fassbar rockigen Stimmung noch mal dargeboten wurde. Ein trefflicher Ausklang. Ein großartiges Konzert.

Susanne, 29. Februar 2012

The Sandworm empfiehlt – Lambchop „Mr. M“

Es ist eine Weile her seit der letzen Rezension eines Albums, aber wie’s der Zufall will, trat man an mich heran und fragte höflich nach, ob ich Interesse hätte das neue Oeuvre von Kurt Wagner aka Lambchop mal anzuhören und meine Meinung kund zu tun. Zufällig ist Lambchop auch eine jener Bands die ich zu fast jeder Zeit gerne höre. Bis dato hab ich Wagners Truppe einmal im Wuk und einmal im Gasometer live erlebt und bis auf die bekannten akustischen Probleme in letzterem Venue, war das jedes Mal ein Genuss.

Was gibt es nun zu sagen zu „Mr. M“? Was mir beim erstmaligen Anhören spontan in den Sinn kam, ist, dass es ein optimales „Frühstücks-Album“ ist. Das ist keineswegs ein geringschätziges Urteil, im Gegenteil, insbesondere nach dem Aufstehen lege ich besonderen Wert auf Musik, die mich in angemessener Weise in den Tag holt. Das Gehör ist noch ausgeruht und empfindlich, ich schätze in diesem Zustand nichts kompliziertes oder anstrengendes. Gewisse Spielarten der Klassik, oder zum Beispiel Guy Clarke oder Joe Henry. In dieser Hinsicht ist „Mr. M“ geradezu optimal.

Nachdem ich mir die Songs aber nun auch über den Tag verteilt angehört habe, muss ich meine spontane Kategorisierung auch schon wieder in den Wind schreiben. Lambchops „Mr. M“ ist ein Album, dass man sich in diversen Situationen, in denen man besonders entspannt und milde gestimmt ist, zu jeder Tageszeit anhören kann.

Ob beim Spaziergang durch die Stadt, bei dem man geneigt ist, der grantigen Sorte von Wienern die Songzeilen „Don’t know what the fuck they’re talking about“ etwas lauter zuzusingen. Oder beim Gang durchs Museum. Lambchop verträgt sich zum Beispiel hervorragend mit den gängigen Impressionisten. Zum Glas Rotwein im Café, oder dem gemütlichen „lounging“ zu Hause passt es ebenfalls ausgezeichnet.

Besonders gut geeignet sind da zum Beispiel die instrumentale Eingangsnummer „Betty’s Overture“. Oder das jazzige „Kind Of“. Alles in allem ein sehr gelungenes Album.

Wer Kurt Wagner übrigens live erleben möchte – was ich aufgrund der beiden bereits besuchten Konzerte nur dringlich empfehlen kann – dem bietet sich am 27. Februar im Wiener Konzerthaus eine hervorragende Gelegenheit. Den Opener macht an dem Abend Cortney Tidwell, die einige vom Kooperationsalbum mit Wagner (Kort, „Invariable Heartache“) kennen. Es sollte ein lohnenswerter Konzertabend werden.

Zur Einstimmung findet sich hier noch das erste offizielle Video „Gone Tomorrow„. Weitere Infos zum Konzerthaus gibt’s auf Facebook und Twitter. Enjoy.

Susanne, 18. Februar 2012

Konzertbericht – Lyle Lovett and his Acoustic Group, Wien 2011

Wieder mal eines dieser Konzerte, die man auf Anraten besucht und die sich letztlich als hervorragende Wahl erweisen, obwohl man außer dem Namen und ein paar Celebrity-Facts so gut wie nichts über den Künstler weiß. So auch vergangenen Montag, als Lyle Lovett and his Acoustic Group im Wuk Station machten und ich mich allein auf die Empfehlung „das wird super werden“ verlassen hatte.

Gemeinsam mit gefühlten 5 Personen standen meine Konzertbegleiter und ich zu Beginn in einem Publikum, welches hierzulande beim sogenannten Americana-Genre wie gewohnt eine seltsame Mischung aus allerlei Charakteren war. Vom jüngeren Fan, der sein bestes Country-Western/Gothic-Charm Hemd (Totenköpfe und Rosen) ausführte, über den älteren untersetzen Typen, der den Kopf seiner Frau als Kamera-Stativ zu verwenden wusste, bis zum Hobby-Fotografen, der mir zunächst den Weg in die erste Reihe versperrte und trotz 1-A Kameraausrüstung jedes Foto, wie ich hinter ihm stehend bezeugen konnte, vergeigte.

Das war aber letztlich Nebensache, denn Lyle Lovett und seine Bandkollegen legten gleich in bester Country Manier los und boten etwas mehr als zwei Stunden ein phänomenales Konzert, das von klassischem Country über Country-Rock, bis zu Jazz und Blues reichte. Nach ungefähr der Hälfte des Konzertes gab der Hobby Fotograf endlich W.O. und machte Platz in der ersten Reihe, der Rest war pures Vergnügen.

Lovett war ebenfalls bester Laune, ausgezeichnet bei Stimme und unterhielt die Leute im Publikum auch zwischen den Songs mit netten Anekdoten. Nicht unerwähnt soll auch die Band bleiben, insbesondere Geiger und Gitarrist erwiesen sich als hervorragende Musiker und Sänger. Die Tatsache, dass die Zahl der Zuseher sich in Grenzen hielt, bewirkte schließlich, dass sich das Ganze ein wenig wie eine Privatvorstellung gestaltete. So sollte man jedes Konzert erleben können. Ein denkwürdiger Abend in jedem Fall. Thank you Mr. Lovett!

Susanne, 22. Juli 2011

Konzertbericht – Bright Eyes, Wien 2011

Auch wenn schon wieder ein paar Tage vergangen sind, es ist Sonntag und als Konzertkritik geht die Wochenfrist noch durch. Deshalb hier ein kurzer Erlebnisbericht vom Bright Eyes Konzert des vergangenen Dienstags.

Groß war die Freude, als man vernahm, dass Conor Oberst mit seiner Bandkonstellation namens „Bright Eyes“ wieder ein Album herausbringen würde. Der in depressiver Selbstverleugnung geschulte Fan, hat sich diesbezüglich sicherlich ein stilles Lächeln erlaubt.

Anfang Februar war es dann soweit. Mit „The People’s Key“ ging das neue Oeuvre in den Verkauf. Ich selbst zähle nicht zu den aus den „Teenage Angst“- Zeiten stammenden Anhängerinnen von Oberst und war bereits vom, unter dem Titel „Conor Oberst and the Mystic Valley Band“ getätigten Ausflug ins Americana-Genre sehr angetan, fand also am entspannten Grundtenor der neuen CD großen Gefallen.

Der Konzerttermin war Pflicht, bereits der 2008 in der Arena abgehaltene Mystic Valley Gig war großartig, davon, dass Oberst auch 2011 eine gute Show bieten würde, war auszugehen.

Bei wechselhaftem Wetter versammelte sich also eine ziemlich eigenartige Mischung aus Oberst/Bright Eyes-Fans, die vom Birkenstockschlapfenträger über den mittelalterlichen Hipster bis zum vermutlich vom letzten Konzert noch übrig gebliebenen, schwer einzuordnenden, älteren Zeitgenossen reichte.

Mit noch nie dagewesener Pünktlichkeit begannen „Two Gallants“ ein rockiges Vorprogramm, das mit einem phänomenalen Wolkenbruch ausklang. Das Wetter beruhigte sich wieder und die zweite Vorband namens „Jenny&Johnny„, deren Line-up sich nur durch eine, im nachfolgenden Konzert des Headliners bestätigte , „besondere Beziehung“ zu Bright Eyes erklären ließ, spielte sich durch ein hübsches, aber uninspiriertes Set, das einer meiner Konzertbegleiter treffend mit folgenden Worten beschrieb: „Denselben Indy-Song spielen die jetzt 12 mal“.

Endlich war es dann soweit, Oberst betrat mit seiner Truppe die Bühne und legte, das kann man gut und gerne so formulieren, einen großartigen Auftritt hin. Mit dem ersten Song „Firewall“ aus dem aktuellen Album ging es los, es folgte eine schöne Mischung aus neuem und älterem Bright Eyes-Material, Conor Oberst war sichtlich gut gelaunt, die Stimmung im Publikum hervorragend, alle fanden sich in irgendeinem Song wieder, zum Mitsingen wurde genügend Auswahl geboten.

Nach einer gemeinsamen Einlage mit „Jenny & Johnny“ neigt sich das Konzert seinem Ende zu, nach der Bandvorstellung schließt man mit „Shell Games“ ebenfalls vom neuen Album, die Songzeile „here it comes that heavy love“ beschreibt wohl auch gut die erfreuliche Tatsache, dass Conor Oberst seine adoleszente Weltuntergangsstimmung hinter sich gelassen hat.

Ob er sich mit „Bright Eyes“ wieder melden wird, oder ein völlig neues Projekt in Angriff nimmt, ist nebensächlich, fest steht, dass man hier einen großartigen Musiker und Entertainer vor sich hat, auf dessen nächstes Album man gespannt sein darf. Vermutlich hat er die Rezeptur dafür bereits im Kopf.

1o. Juli 2011

Das Konzertjahr 2010

Sah es zu Beginn des Jahres noch mau aus mit interessanten Konzerten, kamen im Frühjahr endlich die ersten Termine daher, bis zum Sommerende sollten sich zum Glück noch ein paar interessante Gigs dazugesellen, der Spätherbst hat dann musiktechnisch doch eher enttäuscht. Trotz allem kann ich in Anbetracht der Konzerte, die ich schließlich besucht haben, nicht von einem schlechten Musikjahr sprechen, im Gegenteil, es waren ein paar ganz große Highlights dabei, untenstehend eine kurze Nachbetrachtung und Bewertung:

Bob Dylan – Linz, 9. Juni 2010

Nach einer Ewigkeit war es heuer so weit und ich konnte Bob Dylan endlich wieder einmal live erleben. Das hat sich voll und ganz ausgezahlt. Zwar war die Location unter jeder Kritik, die Tatsache jedoch, dass ich den von mir so bewunderten Musikhelden ganz vorne an der Bühne erleben durfte, hat dies mehr als wett gemacht. Dylan ist und bleibt eine Koryphäe und gerade die Verweigerung seine Klassiker so zu spielen, wie er sie vor 30+ Jahren interpretiert hat, macht ihn zu einem aktuell noch immer spannenden, nachhaltig beeindruckenden Musiker. Ich würde jederzeit wieder in eines seiner Konzerte gehen.

Willie Nelson – Wien, 20. Juni

Dass Outlawcountry-Legende und Marijuanaexperte Willie Nelson noch nach Wien kommt, hätte ich fast nicht mehr für möglich gehalten, umso mehr hat es mich gefreut, dass ich ihn im Juni live sehen konnte. Und trotz seiner mittlerweile 77 Jahre, beeindruckte Nelson mit einer großartigen Stimme und einer ebenso großartigen Show.

Eels – Wien, 12. September

Die last-minute Entscheidung mir die Eels doch anzusehen, hat sich als großer Glücksfall entpuppt, die im Rock-Taliban-Outfit auftretende Band, samt charismatischem Frontman E. spielte in der Arena bei mildem spätsommerlichen Wetter ein phänomenales Konzert, und verpasst damit nur knapp den Titel „Konzerthighlight des Jahres 2010“.

Wilco – Wien, 23. September

Der Truppe aus Chicago, rund um Frontman Jeff Tweedy, und ihrem Wien-Debüt gebührt dieses Jahr der Titel „absolutes Konzerthighlight“. Und das trotz der Tatsache, dass ich zwei, drei Songs brauchte um sozusagen den Vibe zu fühlen, und trotz der Katastrophenlocation Gasometer, war es insgesamt ein pures Vergnügen dieser Band bei der „Arbeit“ zuzusehen. Tweedy war bester Laune und großartig bei Stimme, konferierte mit dem Publikum, die Bandkollegen toppten das Ganze mit phänomenaler Musik – insgesamt ein Konzert bei dem einem, wenn man sich zurückerinnert, heute noch ein Glitzern in die Augen steigt. Hoffentlich kommen sie sehr bald wieder nach Wien.

Badly Drawn Boy, 16. November

Mehr aus Mangel an Alternativen begab ich mich im November zum Konzert von Badly Drawn Boy, immerhin hatte er vor einigen Jahren in der Arena ein gutes Konzert abgeliefert, der Abend im Wuk kam aber über das Attribut „nett“ leider nicht hinaus. Nicht mehr und nicht weniger.

Insgesamt also wohl ein Konzertjahr dessen Höhepunkte sich zwischen Juni und September abspielten, erstaunlich, denn generell bin ich es gewöhnt, dass sich zumindest das eine oder andere Highlight auch irgendwann im November/Dezember bzw. Februar/März finden lässt. Egal, 2010 war das zwar leider nicht der Fall, die Konzerte in der Jahresmitte haben mich voll und ganz zufrieden gestellt, bleibt nun noch die Wunschliste für 2011.

Ich hatte bereits 2010 auf Conor Oberst und Okkervil River gehofft, ersterer wird Wien hoffentlich im neuen Jahr mit seiner Formation „Bright Eyes“ einen Besuch abstatten. Bright Eyes bringen im Februar ein neues Album auf den Markt, erste Tourdaten gibt es bereits. Okkervil River produzierten zwar 2010 das Album eines gewissen Roky Erickson („True Love Cast Out All Evil“), auf ein eigenes Album lassen sie hingegen schon länger warten, ebenso wie auf eine Europa-Tour. Nun, wir werden ja sehen, wer sich 2011 nach Wien verirrt, ich hoffe zumindest dass es sich um ähnliche Kaliber wie Nelson, Dylan, Wilco und Co handelt.

Susanne 17. Dezember 2010

Konzertbericht – Badly Drawn Boy, Wien 2010

Seine erfolgreicheren Zeiten liegen zwar schon länger zurück, trotzdem hat es mich gefreut, dass sich Badly Drawn Boy vergangenen Dienstag wieder einmal zu einem Konzert in Wien eingefunden hat. Das letzte liegt schon länger zurück, 2006, wenn ich mich nicht täusche und damals konnte er locker noch die Arena füllen, diesmal war’s schon im Wuk mit Bestuhlung nicht mehr ganz so voll.

Zu Unrecht, denn der schlecht gezeichnete Bub – der im bürgerlichen Namen Damon Gough heißt – ist ein talentierter Singer/Songwriter, der auch ohne Filmmusikhype („About a Boy„) gute Songs zu bieten hat.

So bestritt er den ersten Teil des Abends mit neuem Material, über das ich nicht viel sagen kann, außer, dass es sehr gefällig ist und tat seinen Anhängern nach einer kurzen Pause dann auch noch den Gefallen ein paar ältere Songs zu spielen.

Für mich erfreulich, dass sich das großartige „Silent Sigh“ darunter befand, „About A Boy“ gab er ebenfalls zum Besten, auf meinen persönlichen Favoriten „Pissing in the Wind“ (ja das Lied heißt so…) musste ich verzichten, und das, obwohl Gough, grantig wie immer – und, davon bin ich zu 99% überzeugt, mit derselben Haube bekleidet wie beim letzten Gig in der Arena – zwar explizit nach etwaigen Wünschen fragte, diese auch artig vom Publikum entgegengerufen bekam, sie aber allesamt mit „thanks, but I’m not gonna play any of them“ doch nicht erfüllen wollte. Ach, das Leben als trauriger Songwriter ist ein hartes.

Nichtsdestotrotz war es ein nettes Konzert, das das lange Warten auf den nächsten lohnenswerten Gig, irgendwann, hoffentlich bald, etwas verkürzt hat.

Susanne, 18. November 2010

Konzertbericht – Wilco, Wien 2010

Etwas mehr als eine Woche war vergangen und nach dem großartigen Gig von den Eels folgte gleich darauf ein ebenso geniales Konzert von Wilco. Derartige paradiesische Zustände ist man in Wien nicht gewohnt und man wünschte das ganze Jahr würde sich so gestalten, aber gut, auch wenn der Konzerthimmel für den Herbst bis dato düster ist, will ich mich bei der bisherigen Ausbeute gar nicht beschweren.

Auf jeden Fall habe ich mich am Donnerstagabend aufgemacht, um mit Wilco eine Truppe zu sehen, die bis dato noch nie in Wien war und die mich trotz anhaltender Abneigung gegen die Un-Location Gasometer dort hin gelockt hat. Die Akustik ist noch immer bescheiden und ich bin der Meinung, dass ich als totale fachtechnische Banausin, hätte man mir den Auftrag erteilt, ein ebenso „gutes“ klangliches Resultat erzielt hätte, wie die Leute, die für diesen Pfusch verantwortlich waren. Unter der, in umgekehrter Richtung laufenden Schallfortpflanzung – also nicht wie üblich von vorne nach hinten – leiden vor allem klangtechnisch leisere Bands wie vor etwa zwei Jahren Lambchop oder im aktuellen Fall die Vorgruppe Wilcos, bestehend aus einem gewissen John Grant.

Bei rockigeren Gruppen fällt das zum Glück nicht mehr ins Gewicht, besonders dann nicht, wenn man weiter vorne steht, was sich im Falle von Wilco dann auch bestätigte.

Pünktlich um 9 Uhr betrat die Truppe aus Chicago die Bühne und bewies, dass sich der wahre Wert einer Band erst bestätigt, wenn sie auch Live das hält, was sie auf ihren Alben verspricht. Wilco haben sich diesbezüglich selbst übertroffen, denn auch wenn ich gestehe, dass ich erst ab dem dritten Song so richtig begann, das Konzert zu genießen, so steigerten sie sich Lied um Lied so gewaltig, dass am Ende reine Glückseligkeit stand.

Bandleader Jeff Tweedy und seine Leute waren musiktechnisch großartig unterwegs und durchliefen verschiedenste Stile, vom countryesken bis zum 70ies Feeling mit pflichtgemäßem Hammond-Orgelklang, von ein wenig an Santana erinnernde Gitarrensoli bis zum Steel-Pedal-Sound, alles überstrahlt vom Frontman, der unfassbar gut bei Stimme war.

Das ganze Konzert mutierte schließlich irgendwann zu einer Art Gruppenglücksextase, die sich bis zum Schluss nicht nur durch geniale Songs, sondern auch durch die sympathische Art der Band aufschaukelte. Mitverantwortlich dafür war Jeff Tweedy, der, auch wenn man zu Beginn schon vermutet hatte, dass er nicht so der gesprächige Typ sei, sich nach einigen Liedern dem Publikum mehr als zuwandte und mit ihm bis zum Ende des Gigs in einen Dialog trat, der jedem Anwesenden das Gefühl geben musste, direkt angesprochen zu werden.

Wilco scheinen auch eine eingeschworene Fangemeinde zu haben, denn da wurde mitgeklatscht und wurden Songwünsche auf die Bühne gerufen, Höhepunkt war wohl ein zu einem dreiviertel ganz vom Publikum gesungener Songs, der die Beteiligten nicht nur als textsicher, sondern auch als ungemein harmonisch outete. Alle waren begeistert.

Nach drei Zugaben war das Vergnügen dann leider doch irgendwann vorbei, bleibt noch der Trost, dass man zumindest die Alben wieder öfter anhören kann, und die Hoffnung, Tweedy habe nicht zu sehr mit dem Publikum geflirtet, als er meinte, Wien wäre bis dato die „best crowd“ auf der Tour gewesen und gegen Ende hin schließlich gestand: we really like it here! Ja, wir mögen euch auch und hoffen, dass ihr uns bald wieder beehrt in Wien.

Susanne 25. September 2010

Konzertbericht – Eels, Wien 2010

Nachdem ich im ersten Halbjahr die Altherrenpartie in Sachen Konzerte absolviert habe, war es hoch an der Zeit, den Jüngeren wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Wobei dies keineswegs ein „x ist besser als y“ werden soll, aber als ich vergangenen Sonntag die Arena Wien betrat, um mir die Eels anzusehen, wurde mir sofort wieder klar, warum ich Stehkonzerte eindeutig vorziehe. Rock’n’Roll et. al. sitzend konsumieren zu müssen, ist schlicht und einfach eine Zumutung.

Wie gesagt, die Eels standen am Programm und ich hatte bereits die Wochen zuvor damit verbracht, hin- und herzuüberlegen, ob ich mir die Band überhaupt anschauen soll. Ich kannte sie nicht so gut und das eine Album, das mir ans Herz gelegt worden war, hat mich beim ersten Hören nicht überzeugt. „Daisies of the Galaxy“ nennt sich das Ding und ich beschloss es vergangenes Wochenende noch ein paar Mal durchzuhören, um mir ev. die Entscheidung „Konzertbesuch ja vs. nein“ zu erleichtern.

Das klang dann auch schon viel besser und nachdem ich mich noch bei anderen Leuten kundig gemacht hatte bzw. der Sonntag bis zum frühen Abend nicht sonderlich produktiv verbracht worden war, entschied ich mich kurzerhand – geschuldet auch der Angst „etwas“ versäumen zu können – mir diese Band rund um einen gewissen Mark Oliver Everett, besser bekannt als E, anzusehen.

Das Wetter war großartig, ein lauer Abend, das Konzert hatte man ins Freie verlegt und schon beim Betreten der Arena war mir wie gesagt klar, warum ich die oben erwähnten Stehkonzerte so schätze. Man wandert herum, kauft sich ein Bier, oder auch zwei, steht in der Menge, plaudert mit Freunden, vor, während und nach dem Konzert, und wenn ordentlich in die Seiten gegriffen wird, kann man, so man will, mitshaken.

Der Opener, oder ich muss sagen, der Pre-Opener, war mit einem Bauchredner (kein Witz) mehr als skurril besetzt, irgendwie aber auch wieder passend. Die Zeit bis zur Vorgruppe verbrachte man dann mit Gesprächen, die sich darum drehten, inwiefern es zielführend wäre, ob der tristen beruflichen Aussichten in Akademia, nicht doch auch noch auf Bauchredner umzusatteln, verwarf den Karrierewechsel aber kurzfristig wieder, um das 80ies Styling der Vorband, die aus einer Musikerin namens Alice Gold bestand, zu erörtern. Musikalisch war man auf jeden Fall zufrieden.

Hernach hatte man von Veranstalterseite beschlossen die Zeit bis zum Auftritt des Headliners mit einem Medley aus „deine Lieblingsklassiker als Fahrstuhlmusik“ zu überbrücken, endlich, kurz nach 21 Uhr war es soweit: E betrat die Bühne. Ausgerüstet mit einer E-Gitarre (wie passend!), bekleidet mit einem weißen Jumpsuit, Kopftuch und dunklen Brillen, der Rest seines Gesichtes war verborgen hinter einem gigantischen Vollbart der Marke „Der Mann aus den Bergen“ bzw. „Yusuf Islam“ (formerly known as Cat Stevens).


Nach und nach gesellten sich die Bandkollegen zum Frontman, man hielt sich durch die Bank an Es Stylingvorgaben: Sonnenbrille, mehr oder weniger dichte Gesichtsbehaarung, größtenteils Kopfbedeckung. Was man die nächsten eineinhalb Stunden dann aber zu hören bekam, war Rock der Extraklasse. Teils aufgelockert durch langsamere Nummern, aber zwischendurch immer wieder extrem dynamisch und abgefahren, jammten die Eels, insbesondere E, der sich nach jeder Nummer wieder eine andere Gitarre umhängen ließ, was die Saiten hielten. Dazwischen countryeske Töne – lang lebe die Pedal-Steel-Gitarre! – oder erstklassiger Funk.

Was die Setlist betrifft, so kann ich keine vollständige Aufzählung liefern, weil ich die Eels bis zum vergangenen Sonntag ja nicht wirklich kannte, aber erwähnenswert sind eine großartige Coverversion von „Summer in the City“ und eigene Nummern wie „I Like Birds“ oder „Dog Faced Boy“.

Kurz vor Ende der Show dann die Bandvorstellung, die der Frontman nicht ohne passenden ironischen Unterton absolvierte – als erstes und fast am ausgiebigsten dankte er einem Typen, der in der letzten Zeit unter einer schlimmen Verkühlung gelitten hat, aber es trotzdem auf die Bühne geschafft hat – nämlich sich selber. Tosender Applaus. Der Rest der Band folgte, dann wurde weitergerockt und sogar Eislutscher hat der gute Mann noch verteilt. We love you E!


Nach der großen Befriedigung, mit dem Konzertbesuch eine hervorragende Entscheidung getroffen zu haben, und dem Vorsatz sich in Hinkunft etwas eingehender mit der Musik der Eels zu befassen, sinnierte ich am Heimweg noch einmal über Dinge, die mir bereits während des gesamten Konzertes durch den Kopf gegangen waren.

Hätte auf der Bühne ein Vermummungsverbot gegolten, die Eels wären nie zum Auftritt gelangt, und selbst wenn die gesamte Truppe optisch an eine Bande islamistischer Extremisten erinnerte, dieser Eindruck war nach dem ersten Erklingen ihrer großartigen Musik genau so schnell irrelevant, wie sich der Wunsch breit machte, man möge doch allen potentiellen Terroristen eine E-Gitarre in die Hand drücken. Rock’n’Roll Jihad. Damit wäre der Welt wohl mit Sicherheit gedient, selbst wenn man in Kauf nimmt, dass der prozentuale Anteil von Gitarrenvirtuosen eher gering ausfiele.


Mögen diesbezüglich die Worte Es, der vor einiger Zeit tatsächlich als potentiell terrorverdächtig angehalten wurde, auf möglichst viele der sogenannten „suspekten Individuen“ zutreffen: „Not every guy with short hair and a long beard is a terrorist. Some of us just want to rock.“

Susanne, 14. September 2010

Konzertbericht – Willie Nelson, Wien 2010

Eines stand bereits beim Betreten der Halle F fest, das Publikum, das sich Willie Nelson ansehen wollte, war bei weitem countryesker als jenes, welches sich vergangenes Jahr zum Gig von Kris Kristofferson eingefunden hatte. Da waren einige bestickte Westernhemden auszumachen, nicht wenige sogenannte Fringe Jackets (die Rauhlederklassiker mit den Fransen auf der Rückenpartie und an den Ärmeln) und selbst die Stetson-Dichte war auffällig. Zwei Merchandise-Verkäufer, von denen der eine in breitem (aufgesetztem?) Texas-Akzent „Get your Willie Nelson shirt…“ proklamierte, schufen eine Rodeo-ähnliche Atmosphäre. Die Halle würde wohl voll werden.

Genau so war es auch. Bis auf wenige Plätze weiter hinten war der Saal gut gefüllt. Die Bühnendekoration war mit einer Flagge im Hintergrund etwas weniger spartanisch als bei Kristofferson, zudem war auch Bandgear aufgebaut. Ein Klavier, Schlagzeug – beschränkt auf ein mit Besen bedientes Tom – Percussions und im Vordergrund die liebevoll plazierte legendäre Gitarre Willie Nelsons. „Trigger“ nennt er sie und spielt bereits so lange drauf, dass sie am Klangkörper ein gar nicht so kleines Loch aufweist.

Fast pünktlich begann schließlich das Konzert, Nelson betrat die Bühne und startete mit dem Klassiker „Whiskey River“. Gut gelaunt und in erstaunlich guter Form absolvierte der mittlerweile 77-Jährige schließlich ein nicht ganz zweistündiges Konzert, in dem er nicht nur eine Vielzahl seiner eigenen Songs zum Besten gab, sondern auch auf diverseste Widmungen an Vorbilder oder Wegbegleiter nicht vergaß.

Stilistisch spannte er mit seiner Band, aus der ein hervorragender Mundharmonikaspieler herausstach, einen Bogen vom Blues, über Rock und Country bis zum Jazz und wieder retour. So bekam man ein Medley aus „Funny How Time Slips Away/Crazy/Nightlife“  ebenso zu hören wie die Klassiker „On The Road Again“ „Angel Flying Too Close To The Ground“ oder „Blue Eyes Crying In The Rain“. Tributes gab es an Waylon Jennings („Good Hearted Woman“) und Hank Williams („Jambalaya“, „Hey Good Lookin’“) dazu noch jede Menge anderer Songs aus eigener oder fremder Feder. Zum Beispiel „You Were Always On My Mind“, „I’m The Man With The Blues“, „Me And Paul“, oder „To All The Girls I’ve Loved Before“.

Willie Nelson befand sich, wie erwähnt, in bester Stimmung, seine Gitarre schien mit ihm verwachsen zu sein und so spielte er sich trotz, oder vielleicht wegen, seines fortgeschrittenen Alters nicht nur durch großartige Soli, egal ob Jazz, Blues oder Country – komplimentiert vom Mann an der Mundharmonika – sondern beeindruckte auch nachhaltig mit seiner immer noch erstaunlich kräftigen Stimme, die er von ruhigen, tieferen Tönen bis zu den für ihn typischen nasal-schnarrenden, höheren Lagen ausreizte. Ganz nebenbei schreckte er auch nicht davor zurück, den Mitsingdrang des Publikums zu befriedigen.

Jeder schöne Abend muss ein Ende haben – oder wie Willie sagen würde „the party’s over“ – und so erleuchtete der charismatische Countryboy mit „I Saw The Light“ noch einmal Saal und Publikum. Ein paar Autogramme gab’s noch, ein beherzter Fan, der sein allerschönstes Western-Pailletten-Outfit trug, sprang beherzt auf die Bühne und durfte die Hände seines Idols schütteln, der Rest klatschte und sang sich durch das letzte Lied, schließlich verabschiedete sich Nelson und verschwand hinter die Bühne.

Praise the Lord, I’ve seen the light“. Möge ihn der tägliche Marihuanakonsum noch für ein paar weitere Konzerte hierzulande konservieren.

Susanne, 21. Juni 2010

Konzertbericht – Bob Dylan, Linz 2010

Gestern abend trat Bob Dylan in Linz auf. Ich war dabei, was im Grunde genommen recht ungewöhnlich ist, da ich normalerweise versuche für Konzerte nicht allzu weit von dort zu pendeln, wo ich im Moment gerade lebe. Aktuell ist das Wien. Aber für Bob Dylan mache ich jederzeit eine Ausnahme also fuhr ich gestern Abend nach Linz.

Eigentlich hätte ich nach Bratislava fahren sollen, dort hatte er auch einen Termin gebucht, es ging aber nach Westen statt nach Osten, vor allem wegen der Tatsache, dass die Tickets fürs Konzert in Bratislava wesentlich teurer waren als in Linz. Bis heute ist mir der Grund dafür schleierhaft.

Egal, im Auto auf der A1 war die Distanz schnell bewältigt, für die Kurzweil war zuerst Willie Nelson verantwortlich – der spielt übrigens nächsten Sonntag in Wien, The Sandworm wird berichten – später sozusagen als Einstimmung Dylan selber. In Linz angekommen musste ich übrigens bloß einmal nach dem Weg zum Stadion fragen – die Musik habe ich vorsichtshalber abgedreht, ich fand es dann doch irgendwie peinlich am Weg zum Dylan Konzert Dylan zu hören.

Schon beim Parken vor dem Stadion hatte sich der Himmel verfinstert, ein Wolkenbruch war im Anmarsch, da man die Türen noch verschlossen hielt, setzte ich mich an die Seite und beobachtete die anderen. Das Publikum entsprach nicht unbedingt dem was ich mir normalerweise erwartet hätte, aber ich war durch das vorjährige Kristoffersonkonzert schon vorbereitet darauf, dass diese Art von Musik hier in Österreich, vermutlich ganz Europa, sehr vielschichtige Liebhaber anzog.

Als es zu regnen begann, stellte ich mich in die Schlange vor dem Einlass und hoffte, man würde die Türen öffnen bevor wettertechnisch der Teufel los war. Hat man nicht. Und so stand die Menschentraube plattgedrückt an die nur von einem Minimaldach geschützte Stadionwand und beobachete, fühlte, wie dunkelschwarze Wolken ihre ganze Last auf einmal los wurden. Die Stimmung war aber gut – Vertreter einer Linzer Radiostation verteilten Zuckerl und Kondome – was haben wir gelacht. Dylan hat schon recht wenn er singt: „Things have changed“.

Endlich ließ man uns ins total charmfreie Stadion, die meisten waren in der Zwischenzeit klatschnass. Wenigstens war es warm und ich vertrieb mir die Zeit bis zum Konzertstart mit dem Herumwandern durch die Halle. Man hatte offenbar auf die Anwesenheit von ein paar Beat-Anhängern gesetzt. Über die Lautsprecher spielte man eine Lesung von Jack Kerouacks „On the Road“ ein, ich bin nicht sicher, ob das angekommen ist, die Hintergrundmusik stammte kurioserweise von Barbara Streisand. Irgendwie passte diese komische Mischung aber auch wieder zur Stimmung in der Halle.

Fast pünktlich, nachdem der Meister offenbar die Erlaubnis gegeben hatte, die paar vor der Bühne Stehenden – unter die ich mich dann selber mischte – gewähren zu lassen, ging es los. Ohne viel Zeremoniell begaben sich Dylan und seine Musiker an die Instrumente, es gab kaum Deko, im Vordergrund standen die Musik und natürlich Bob. Mehr war auch gar nicht nötig.

Der Abend begann mit einem ordentlichen Blues. Ich kann und werde nicht auf die Setlist eingehen – nur soviel – Dylans Songs klingen nicht mehr wie das, was man von den alten Alben kennt, insgesamt aber hat ihnen diese musikalische Metamorphose sehr, sehr gut getan. Zum einen weil die Band aus erstklassigen Musikern bestand, man hatte die Instrumentenanforderungen für Stilrichtungen vom Blues, über Country bis hin zu Rock n’ Roll voll abgedeckt. Stehbass, Pedal-Steel-Guitar, Banjo, Keyboards im Hammondorgelklang, alles war da und wurde von der, so muss ich dazu erwähnen, überaus stylischen Band, professionellst bedient. Die modische Slickness dieser Truppe hat mich auch einiges an Aufmerksamkeit gekostet. Allesamt schienen wie aus einem modernisierten 1930er Gangster/Untergrundlokal-Filmset herausgenommen. Im Anzug, teilweise mit Fedora, Cowboyboots schufen etwas Westernatmosphäre. Ein Augen- und Ohrenschmaus.

Dylan selber trug ein skurriles Outfit, das ich als maoistisch anghauchtes Tombstone-Totengräber-Ensemble beschreiben würde. Weißes Hemd, Bootlace Tie mit Metallspange, Schwarzer Gehrock, schwarze Hose, beides weiß berändert, sehr coole Boots, am Kopf einen weißen Cordobés Hut. Vor allem aber schien er gut gelaunt zu sein und was folgte, kann man wohl am besten als eine sehr gut eingespielte Jam-Session beschreiben, die vom Blues zu einer Art Rockabilly, über Country-Klänge und die eine oder andere leisere Nummer bis zum Rock meanderte.

Insgesamt, so mein Eindruck, ist Dylans bevorzugte Richtung derzeit der Blues, was ich nur gutheißen kann, ist der Stil doch auch einer meiner persönlichen Favoriten und nicht wenige meiner Dylan-Lieblingsnummern sind blueslastig.

Der Meister pendelte also zwischen Keybords, Gitarre und Mundharmonika, legte den einen oder anderen inspirierten Hüftschwung ein und sorgte alles in allem für einen großartigen Abend. Mit mittlerweile 69 Jahren, in und mit seinen Liedern gereift, kann ich meinen Eindruck nicht anders formulieren, als in einer Art mathematischer Formel: Dylan = Musik = Lyrik. Wer sich also bei einem Bob Dylan Gig erwartet, dass der Alte auf der Bühne sitzt und seine Lieder so wiedergibt, wie er sie vor 30 oder mehr Jahren gesungen und gespielt hat, der hat nichts von Dylan oder von Musik insgesamt verstanden.

Ich und – so konnte ich aus den Unterhaltungen, die zwischen den Songs rund um mich stattfanden, feststellen – viele Andere, waren begeistert. Als Dylan schließlich nach Nummern wie „I’ll be your Baby tonight“, „Highway 61 Revisited“ oder „Like a Rolling Stone“ den Abend mit „Forever Young“ schloss, war im Publikum mehr als spürbar, dass die meisten von Herzen wünschten, die Worte zu diesem Lied mögen vor allem ihm selber gelten.

Mein persönliches Fazit des Abends bestand darin, dass ich 19 Jahre nach dem ersten Besuch eines Dylan Konzertes feststellen kann, dass sich gleichermaßen alles wie nichts geändert hat und Dylan jener Musiker ist, der diese scheinbare Unvereinbarkeit am allerbesten verkörpert. Ganz nebenbei bemerkt, muss ich festhalten, dass ich Männer mit coolen Boots schon immer mehr als sympathisch fand.

Susanne, 13. Juni 2010