Skizzen aus Wien – Nr. 18

Austria in NY

 

Draußen vor meinem Fenster tanzen die Schneeflocken auf und ab, der Winter, wenngleich im astronomischen Sinne natürlich noch hochaktuell, will und will kein Ende nehmen. Die wintermüde Stimmung scheint sich auf sämtliche Lebensbereiche ausgedehnt zu haben, denn so wie im Sommer nachrichtenbedingt nicht viel Interessantes zu berichten ist, hat sich derzeit offenbar auch ein „Winterloch“ aufgetan. Die Wirtschaftskrise verschlimmert sich von Tag zu Tag, das ist nichts Neues, mittlerweile warnen sogar in den Qualitätszeitungen selbsternannte Propheten vor dem nahenden Weltuntergang und ich warte geradezu auf Zeitgenossen, die sich Das-Leben-des-Brian-artig an die nächste Straßenecke stellen und vor der Apokalypse warnen.

Das TV-Programm lässt nun zwar auch schon seit vielen Jahren zu wünschen übrig, aber ein kurzer fernbedienungskausaler Zwischenstopp bei der Übertragung des Opernballs hat mich, in Bezug auf meine Zweifel an der Seriosität diverser Untergangsszenarien, dann doch wieder stutzig werden lassen – ist das wirklich ALLES was Österreich an Kultur zu bieten hat? WILL sich unser Land tatsächlich so präsentieren? International? Durch die Oper tanzende Balletteleven, Lipizzaner, Mozartkugeln und Sängerknaben? Offenbar ja. Und selbst wenn WIR dieses Jahr zum zweiten Mal für den Oscar nominiert sind, vergangenes Jahr die Trophäe gewonnen haben – WIR versteht sich – so hat sich seit Jahren nichts an dem Bild, das Österreich im Ausland präsentiert und präsentieren will geändert. Lederhosen und Dirndl, Jodeln und Schifoan, wer daran zweifelt, der soll sich das oben dargestellte Foto sehr genau ansehen. Dabei handelt es sich um die Werbekampagne, mit der „Spezialitäten aus Austria“ in NY beworben wurden, und zwar nicht 1952, sondern 2008.

Ich blicke aus dem Fenster, die Flocken fallen noch immer und ich hoffe inständig, dass sie das auch jetzt noch heftig aufflammende Schamgefühl unter sich begraben mögen.

 

Susanne, 22. Februar 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 17

literary sandworm - Artwork ZOER

 

Schon hatte ich geglaubt, mich bis Juni von sämtlichen Schlagzeilen fernhalten und meine Nerven schonen zu dürfen, da kommen schon die nächsten Meldungen, die einem ungeübten Nachrichtenkonsumenten hierzulande zur Weißglut treiben mögen. Nicht so mich. Ich bin ein Profi und obwohl ich hier zur Debatte stellen wollte, wie obsolet die pseudo-feministische Kritik, an dem was den Grünen gerade zu schaffen macht, ist, obwohl ich die Horden, die in Bezug auf den Umgang mit der weiblichen Führungsriege dieser Partei gerne „Sexismus“ rufen, fragen wollte, warum sie nicht auch aufschreien, wenn man z.B. unsere ungeliebte Innenministerin mit sämtlichen nur erdenklichen Schimpfnamen belegt und überhaupt in den Raum stellen wollte, wie es in der Partei der Fleißigen und Anständigen eigentlich möglich ist, dass einem der ihren nach nur 3 Jahren Arbeit eine Abfindung von über 200.000 Euro zustehen soll, will ich den wertvollen Raum lieber einem widmen, der es wirklich verdient hat.

Ich habe mir mein nachrichten-nihilistisches Nervenschonprogramm nämlich zu Herzen genommen und meinen Kopf in ein Buch gesteckt. Und wurde belohnt. Mit mehreren Stunden unbeschreiblichen Lesevergnügens und anfallsartigen Lachstürmen, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe und die ich hier jedem, der es leid ist, sich über dies oder jenes aus dem tristen Alltag zu ärgern, nicht vorenthalten möchte. Vor allem aber ist der heutige Eintrag dem Autor gewidmet, denn auch wenn mich hier die Schuld trifft, erst aufgrund der Meldung seines Ablebens über ihn gestolpert zu sein, so soll ihm an dieser Stelle zumindest posthum Ehre erwiesen werden, denn die hat er auf jeden Fall mehr als verdient. Und Literaturkritik hat The Sandworm ohnehin noch keine veröffentlicht – höchste Zeit also!

David Foster Wallace ist der, um den sich in den folgenden Zeilen alles drehen soll. Schon mit seinem Debüt 1987 wurde er von der Literaturkritik als Genie, als das junge Talent der US-amerikanischen Literatur-Szene gefeiert, bekam Preise und wurde mit Lob überhäuft. Ich, wie gesagt, habe erst durch die traurige Meldung über seinen Tod, seinen Suizid, von ihm erfahren und möchte hier nicht über das Leben des Autors spekulieren, sondern viel mehr über sein Werk berichten. D.F.W. hat sich mit einem Roman namens „Infinite Jest“ – einem tausendseitigen Wälzer – in die allerhöchsten Sphären der sogenannten postmodernen amerikanischen Literatur katapultiert und wurde bereits als legitimer Nachfolger von Thomas Pynchon gefeiert. Dieses Werk hat mich interessiert und nach ein paar Mausklicks war es auch schon bestellt (1), zusammen mit einem weniger voluminösen Buch, welches ich zum Aufwärmen und Einlesen dazugekauft hatte – 4 Tage später fand sich beides in meinem Briefkasten (2). Mitschuld am Bestellen des Aufwärmbuches war mit Sicherheit sein Titel, der mich nicht unberechtigt vermuten ließ, dass es sich um eine recht humorige Angelegenheit handeln könnte, er lautete: „A supposedly fun thing I’ll never do again“ (3).

 

A supposedly fun thing I'll never do again - David Foster Wallace

 

Meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. Nicht nur stellte sich heraus, das sich D.F.W. der hochtrabenden Lobeshymen als voll und ganz würdig erwies, „A supposedly fun thing I’ll never do again“ ist mit Sicherheit nicht nur die unterhaltsamste Lektüre, die ich seit langem gelesen habe, sie hat mich auch mit ihrem literarischen Stil nachhaltig beeindruckt. Das Buch ist angelegt als Sammlung von insgesamt 7 Essays, die sich mit den unterschiedlichsten Themen beschäftigen. Erschienen 1997, stammen auch die Aufsätze aus den frühen 1990ern und richten sich an eine Leserschaft um die 30, wobei ich nicht davon ausgehen möchte, dass nicht wahlweise auch jüngere oder ältere Literaturliebhaber die Geschichten interessant und unterhaltsam finden könnten, der Inhalt wird aber wohl eher den sog. „thirtysomethings“ liegen, vor allem jenen, die belesen und eher amerikanophil veranlagt sind. Eine hierzulande möglicherweise recht eingeschränkte Zielgruppe, die dafür aber voll und ganz auf ihre Kosten kommt. Analysen über Tennis und die Psychologie des Qualifying für bestimmte ATP Tourniere (4), Literaturkritik und Notizen vom Set von David Lynchs „Lost Highway“ finden sich dort genauso wie Betrachtungen über den Besuch des State Fair von Illinois (5) und schließlich das Highlight, ein minutiöser Bericht über die Teilnahme des Autors an einer Luxuskreuzfahrt in die Karibik. Letzterer trug die Überschrift, die schließlich auch zum Buchtitel werden sollte und ist unter Garantie einer der besten Essays, die ich je gelesen habe.

D.F.W. schreibt unterhaltsam und mit großem Detailreichtum, er schafft es mühelos den Bogen zu spannen zwischen elaborierter Sprachverwendung und fast slapstickartiger Komik, er erzählt mit großer sprachlicher Finesse, ohne dass sein Text kompliziert oder unleserlich würde und fabuliert trotz allem mit bodenständiger Klarheit, ohne je banal zu werden. Zuviel soll nicht verraten werden, aber der Autor berichtet mit unglaublicher Leichtigkeit und gnadenloser Offenheit nicht nur über die Absurditäten, die das Leben und die Leute an Bord zu bieten haben, er nimmt sich auch selbst, als Fremdkörper unter den Kreuzfahrtprofis, nicht von der Kritik aus und verschafft dem Leser dieses fast 100-seitigen Essays Stunden ungetrübter Lesefreude. „A supposedly fun thing I’ll never do again“ von David Foster Wallace sei hiermit allerwärmstens empfohlen.

 

(1) danke Amazon.de!

(2) und wäre wohl auch dort verblieben, hätte ich es nicht unter Aufwand fast übermenschlicher Kräfte aus dem Postfach gezerrt, in welches es vom Briefträger unter maximaler Ausnützung des dort vorhandenen Platzes hineingepresst wurde.

(3) auf Deutsch: „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“

(4) auch österreichische Tennisfreunde kommen auf ihre Kosten, so finden Horst Skoff und Julian Knowle Erwähnung, wenn auch eher am Rande.

(5) eine Art landwirtschaftlicher Leistungsschau samt „Dingel-Dangel“ für Unterhaltungszwecke.

 

P.S.: falls Sie sich mit dem Stil in dem dieser Eintrag verfasst wurde schwer tun, dann wird ihnen vermutlich auch D.F.W. nicht gefallen, der wird nämlich nicht zu Unrecht von vielen „Meister der Fußnoten“ genannt…wobei meine hommageartige Anwendung dieses Instruments noch harmlos ist – zum ersten mal im Leben habe ich Fußnoten gelesen, die ihre eigenen Fußnoten hatten, sozusagen Fußfußnoten.

P.P.S.: ich kann hier bloß über die englische Originalfassung des Buches berichten, ob die deutsche Übersetzung gelungen ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Susanne 15. Februar 2009

 


Skizzen aus Wien – Nr. 16

musical sandworm - Artwork ZOER

Ich war wieder mal viel zu optimistisch. Keineswegs hat gab’s im Februar bis jetzt nennenswert Positives zu berichten. Die Grünen demontieren sich systematisch und scheinen das nicht mal zu bemerken bzw. befinden sich offenbar noch auf der schon einmal an dieser Stelle beschriebenen 1. Stufe der Kübler-Ross’schen Trauerphasen (zur Erinnerung: es handelt sich um den Prozess des Verleugnens). In der österreichischen Bundesverwaltung werden ganz munter Millionenbeträge veruntreut und das mittlerweile komatöse Wahlvolk regt sich darüber scheinbar auch nicht mehr auf. Und mich quält das Dilemma, soll ich aktuelle Nachrichten überhaupt noch verfolgen und mich täglichen Wutausbrüchen aussetzen, oder ist es sinnvoller eine Art Nachrichten-Nihilismus zu praktizieren und sich nur den schönen Künsten zu widmen, einem guten Buch oder vielleicht einer beruhigenden CD?

Die geistige Lethargie, die sich seit Jahren in diesem Land fast epidemieartig ausgebreitet hat, lässt sich gut mit dem Zitat eines Posters mit dem Nicknamen Ralf M., der auf derstandard.at zum Schlamassel der Grünen folgendes anzumerken hatte, zusammenfassen:

Langsam gehen mir die Wahloptionen aus...Der Demokratie fehlt irgendwie der gewisse Reiz wenn man nur die Wahl zwischen Not und Elend hat.“

Sie haben vollkommen recht Herr M.! Dieses Sentiment ist hierzulande jedoch nichts Neues – seit gefühlten Jahrzehnten scheint sich unser Land wieder in einem geistigen Tiefschlaf zu befinden. Politiker können schalten und walten wie sie wollen, haarsträubende Äußerungen von Menschen, die ein öffentliches Amt ausüben, resultieren schon lange nicht mehr in Rücktritten, im Gegenteil, diese Menschen werden im gelindesten Fall ignoriert, im schlimmsten Fall befördert (siehe 3. Nationalratspräsident…). Was nun die aktuelle Misere der Grünen anlangt, so ist es natürlich so, dass die Funktionäre der Partei sehr genau wissen, dass die sprichwörtliche Kacke am Dampfen ist, dass sich aber auch bei den Grünen mittlerweile eine Art Polit-Sprache breitgemacht hat, die sich durch nichts mehr von den bekannten Floskeln der anderen Parteien in unserem Land unterscheidet. Das ist umso bedauerlicher, da gerade die Grünen für Viele noch ein sicherer Hafen bei den Wahlen waren, eine Alternative, die man zumindest ohne größeres Bauchweh ankreuzen konnte, eine Wahl nach der man sich auch nach dem Urnengang noch halbwegs in den Spiegel schauen konnte.

Wie hätte man reagieren sollen? Eine ausgemachte Strategie habe ich auch nicht parat, aber mir fällt zum Vergleich dazu und als Alternative, wie man die Arbeit als Politiker vielleicht auch mal anders angehen hätte können, nur der derzeitige Welthoffnungsträger Barack Obama ein. Der meinte in der vergangenen Woche auf die Fehlbesetzung in seinem Kabinett schlicht und einfach, er habe es vergeigt („I screwed up“) und wolle das wieder gutmachen. Was für eine erfrischende Ehrlichkeit. Derartiges ist hierzulande seit Ewigkeiten nicht mehr zu hören gewesen. Welcher Politiker hat auf Fehler oder Misswirtschaft in seinem Ressort jemals mit dem Eingeständnis reagiert, etwas falsch gemacht zu haben? Ich kann mich an keinen erinnern. Und genau dasselbe passiert jetzt bei den Grünen. Nein, Fehler wurden keine gemacht, wir haben so entschieden, wie es das Beste für die Partei war..bla..bla..bla…die Sorgen der Wähler würden ernst genommen usw. usf.

Nun, die Rechung wird im Juni präsentiert werden, aber nach dem allgemeinen Tenor in den Online-Foren kann sich jeder ausrechnen, dass die Europaparlamentswahlen mit einer Schlappe für die Grünen enden werden. Wer darüber Zweifel hegt, dem empfehle ich die Lektüre der Kolumne von Rainer Nikowitz im aktuellen Profil. Der hat schon jetzt eine realistische und vor allem hochamüsante Prognose, wie die Reaktionen der Grünen auf die verlorene Wahl aussehen werden. Damit findet sich für mich auch ein ausgezeichneter Kompromiss zwischen oben erwähntem Nachrichten-Nihilismus und dem Bedürfnis, sich doch hin und wieder darüber zu informieren, was in unserem Land los ist. Herr Nikowitz hat mir netterweise bereits jetzt Einblick verschafft was im Juni passieren wird, ergo kann ich mich bis dahin ohne schlechtes Gewissen meinen Steckenpferden widmen, kann getrost die täglichen Meldungen in diversen Zeitungen ignorieren und setze mich auch nicht der Gefahr aus an einer chronischen Gastritis zu erkranken. Dafür bin ich ihm wirklich sehr dankbar.

Profil-Kolumne von Rainer Nikowitz

 

Susanne, 7. Februar 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 15

Josefstadt Jänner 09

Es war eine unterhaltsame Woche. Krönender Abschluss eines unterhaltsamen Jänners. Da ist eine Partei, die für sich all das beansprucht, was man unter Ethik und Moral subsumiert, gerade dabei, sich vor aller Augen zu demontieren und scheint dabei wirklich keine Peinlichkeit auszulassen. Da erzählt ein Landeshauptmann „Negerwitze“ und kann allen Ernstes nicht verstehen, warum der Rest des Landes das nicht lustig findet. Da liefern sich zwei alteingesessene Musikjournalisten einen Schlagabtausch und werfen sich gegenseitig die Abgedroschenheit ihrer Artikel vor, glauben aber nach wie vor fest daran, dass sie den Begriff Qualitätsjournalismus mit erfunden haben. Ach, die Liste der Jänner-Highlights ist lang und ich kann nicht verleugnen, dass mich das eher ängstlich auf das restliche Jahr blicken lässt. Kann man den Unterhaltungswert dieses Monats überhaupt noch überbieten? Und – Faschingdienstag ist doch erst Ende Februar! Man könnte aber, wenn man so wie ich, die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, dem ganzen doch noch einen positiven Aspekt abgewinnen. Wie wäre es, wenn man sich die, zugegeben gewagte, Spekulation erlaubt, dass sich jetzt nach einem fulminanten Jahresauftakt, alle Beteiligten ausgetobt hätten und nun den Rest des Jahres als vom Volk gewählte Politiker, als Wahrer eines gewissen qualitativen Anspruches in der Medienszene, als ….(bitte nach Belieben einfügen), bereits im zweiten Monat des neuen Jahres über sich hinauswachsen und in ihrem Amt, ihrem Beruf, bloß noch danach streben, das wirklich Allerbeste zu geben? Zu hoffnungsfroh?

 

Susanne, 1. Februar 2009