Skizzen aus Wien – Nr. 43

Noch ist das Jahr 2009 nicht zu Ende und ich möchte die Gelegenheit nutzen einen Beitrag zu einem Gedenkjahr zu leisten, in dem wir nicht nur den 200. Geburtstag von Charles Darwin (1809 – 1882), einem der bedeutendsten Wissenschaftler der Neuzeit, feiern, sondern auch den 150. Jahrestag seines Hauptwerkes „On the Origin of Species. By Means of Natural Selection“ (dt. „Über die Entstehung der Arten“). 

Ich habe mir schon viele Jahre lang vorgenommen, dieses Buch endlich zu lesen, nicht nur weil es mir mein akademischer Mentor als wissenschaftliche Pflichtlektüre ans Herz gelegt hat, sondern weil er insbesondere erwähnt hat, dass es in einem wunderschönen Englisch geschrieben wäre. Bis heuer also hat es schließlich gedauert, dass ich mir die beiden Jubiläen zum Anlass genommen und nicht nur „On the Origin of Species“, sondern quasi als Einleitung und zum besseren Verständnis des Werdegangs von Darwin auch dessen Reisebericht „The Voyage of the Beagle“ (dt. „Die Fahrt der Beagle“) gelesen habe. Diese beiden Bücher möchte ich im Folgenden auch den Sandwurmlesern näher bringen. 

Was mich an Darwin immer fasziniert hat, war nicht bloß die Tatsache, dass er mit seiner Evolutionstheorie die Wissenschaft revolutioniert hat, ich würde sagen, er hat nach Galileo Galilei den Menschen erneut ein Stück weiter vom selbsterschaffenen Thron im Universum gestoßen (1), sondern auch die Art und Weise wie er diese herausragende Theorie entwickelt hat, die bis auf wenige kleinere Punkte bis heute nicht widerlegt ist. Was also war Charles Darwin für ein Mensch und wie war es ihm möglich, zu seinen Erkenntnissen zu gelangen, sich schließlich zu überwinden und diese gegen eine Sturmflut entrüsteter und beleidigter Fachkollegen, eine empörte Öffentlichkeit und insbesondere die Kirche zu veröffentlichen und verteidigen? Diese Fragen waren es, die mich vor Beginn der Lektüre am meisten interessiert haben und die Darwin selbst in seinen Schriften schließlich auch ausführlich beantwortet hat.

Charles Darwin war erst 22 Jahre als er auf der HMS Beagle anheuerte und in der Funktion eines sog. „official naturalist“, also eine Art offiziell an Bord befindlichem Naturforscher, unter der Aufsicht von Kapitän Robert Fitz Roy am 27. Dezember 1831 von Devonport (England) aus in See stach. Fast 5 Jahre würde er unterwegs sein und während dieser Reise nicht nur große Teile des südamerikanischen Kontinents erforschen, sondern bis nach Neuseeland und Australien reisen, um erst am 2. Oktober 1836 wieder in seine Heimat zurückzukehren. Mit einem völlig veränderten Bild von der Welt und mit ersten Ansätzen und Gedanken zur späteren Evolutionstheorie.

Darwin war während der Reise auf der Beagle, bis auf die längeren Seewege, die er unter schlimmen Anfällen von Seekrankheit hinter sich brachte, zumeist zu Land unterwegs. Der Hauptteil der Zeit fiel auf die Erforschung Südamerikas (2), das Buch jedoch ist nicht chronologisch angelegt sondern beschäftigt sich in den einzelnen Kapiteln mit verschiedenen geographischen Zonen und Orten. Nachdem die fast 500 Seiten dieses Buchs kaum detailliert beschrieben werden können, möchte ich mich in meinen Ausführungen diesbezüglich zurückhalten und mich auf die wichtigsten Eindrücke, mit denen mich die Lektüre dieses Reiseberichts zurückgelassen hat, beschränken. Zum Einen ist es für mich, die ich selbst sehr viel in der Welt unterwegs bin und Reisen immer als viel mehr als bloße Erholung oder Studienzweck betrachte, nämlich vordergründig immer als Horizonterweiterung, erfreulich zu lesen, wie Charles Darwin seine Expeditionen durchgeführt hat. Während der gesamten Zeit war er ständig mit offenen Augen unterwegs, hat in bester wissenschaftlicher Manier aufmerksam beobachtet, hat sich nicht von vorgefertigten oder damals als State-of-the-Art geltenden Fachmeinungen ablenken oder einschüchtern lassen (3). Hat mit den unterschiedlichsten Leuten geredet, hat abertausende Proben von Tieren, Pflanzen und Gesteinen gesammelt und nach England geschickt, um sie dort von Fachkollegen untersuchen, analysieren und klassifizieren zu lassen. Eine hervorragende, breit gefächerte, Ausbildung in Cambridge (4) ermöglichte ihm die detaillierte Analyse geologischer Formationen und der Verbreitung bestimmter Tier- und Pflanzenarten über bestimmte Regionen, was schließlich bereits während der Reise erstmals zu ernsthaften Zweifeln am Ursprung der Arten führte. So fand Darwin zunehmend Beweise dafür, dass sich geologische Strukturen nicht rapide durch gewaltige Umstürze und Abbrüche entwickelt hatten, sondern im Gegenteil durch sehr langsame Verschiebungen und Transformationen. Auch machte er sich darüber Gedanken, wo sich welche Säugetiere fanden und begann die Annahme, sämtliche Spezies wären singulär und jede für sich einzigartig erschaffen in Frage zu stellen. Schließlich beschreibt Darwin auch Begegnungen mit verschiedensten Eingeborenenvölkern und insbesondere auch seine Sichtweise in Bezug auf die weit verbreitete Sklaverei, welche er in einem besonders emotionalen Plädoyer auf das strikteste ablehnt – diese Passagen zählen wohl zu den interessantesten des Buches. 

Nicht zuletzt ist Darwins Reisebericht auch eine meisterhafte literarische Leistung, eine brillante Erzählung, in der evident wird, dass der Autor viel mehr war als bloßer Wissenschaftler, dass er ein Bewunderer der Natur war, ein Neugieriger, jemand der sich nicht von vorgefertigten Meinungen leiten ließ, der aber immer darauf bedacht war, sich so umfassend wie möglich über seine Studienobjekte zu informieren. Diese Eigenschaften machen es auch verständlich, wie seine Überlegungen zur späteren Evolutionstheorie entstehen konnten, illustrieren den Nährboden jener Gedanken, welche schließlich erst im Jahre später veröffentlichten Hauptwerk „On the Origin of Species. By Means of Natural Selection“ von ihm ausgeführt und verteidigt wurden. Jenes Werk ist schließlich das beste Beispiel für das Genie Darwins, weil die Publikation nicht nur, wie auf der Rückseite des Buchs zurecht vermerkt „eines der wichtigsten je veröffentlichten Bücher“ ist, sondern es darüber hinaus auch noch leicht lesbar und nachvollziehbar formuliert ist.

Dazu ist zunächst zu erwähnen, dass sich Darwin nach seiner Rückkehr von der Reise mit der Beagle und in den Jahren danach als Wissenschaftler bereits einen Namen gemacht hatte. Er war über die Grenzen Englands hinaus als Naturforscher bekannt und hatte sozusagen einen Ruf zu verlieren. Seine Überlegungen bereiteten ihm nicht zuletzt deswegen Skrupel, weil als Fazit sämtlicher Gedanken und Theorien das Resultat stand, dass weder der Mensch noch jegliche andere Arten auf der Erde (von Gott) einzigartig kreiert worden waren und dass diese Theorie schließlich nicht mehr und nicht weniger ein Affront gegen Kirche und Religion wäre bzw. um es mit den Worten Darwins zu formulieren, eine Veröffentlichung dieser Thesen nichts anderes bedeutete als einen Mord zu gestehen („it is like confessing a murder“). Darwin war jedoch zur damaligen Zeit nicht mehr der Einzige, der sich handfeste Überlegungen in Bezug auf die Entstehung der Arten machte, auch andere Wissenschaftler setzten sich mit evolutionstheoretischen Spekulationen auseinander, insbesondere ein jüngerer Forscher namens Alfred Russel Wallace, dessen anstehende Veröffentlichung Darwin dazu drängte seine eigenen Ergebnisse zu publizieren (dazu ist zu erwähnen, dass Darwin dem Kollegen nicht die Show stahl – beide Männer präsentierten ihre Ergebnisse gemeinsam), was schließlich dazu führte, dass sich „On the Origin of Species“ wie ein relativ schnell verfasstes wissenschaftliches, nahezu im Vortragsstil dargelegtes, Argument liest.

Gerade diese stilistische Besonderheit verleiht dem Buch, meiner Meinung nach, seine Einzigartigkeit und seinen Nachdruck. Beim Lesen des in vierzehn Kapitel geteilten Werkes, kann man sich Charles Darwin nahezu bildlich beim Ausführen und Verteidigen seiner Theorie vorstellen, viel mehr noch es handelt sich bei diesem Buch wohl um die beeindruckendste wissenschaftliche Publikation, fast im klassischen Stile einer Verteidigungsrede verfasst, die ich je gelesen habe. Dies deshalb, weil man spürt, dass sich Darwin der Ungeheuerlichkeit seiner Theorie bewusst war, dass er wusste, dass seine Ausführungen von nicht wenigen als persönliche Beleidigung, ja als Blasphemie, aufgefasst werden würden. Umso mehr jedoch ist man schließlich von Darwins hervorragender Präsentationsstrategie beeindruckt, denn auch wenn er sich im Klaren darüber war, dass er wohl recht hatte, wählte er nicht einen überheblichen, dogmatischen Stil, sondern präsentierte seine Evolutionstheorie als Verteidigungsschrift, die er mit größter Demut, aber mit nachdrücklichen Beweisen vortrug (5). 

Immer wieder rechtfertigt er sich, dass er seine Argumente in der Eile nicht bis zum letzten Buchstaben ausführen könne, immer wieder aber bringt er genügend Beweise vor, die seine Thesen untermauern. Mehr als einmal entschuldigt er sich für die abrisshafte Darstellung, um seinen wohl zahlreichen Gegner gleich darauf mit einer in größter Bescheidenheit dargelegten empirischen Beweiskette den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er schildert und erklärt, er rechtfertigt und verteidigt sich, er deduziert und induziert und am Ende seiner Ausführung kommt man zum Schluss, dass Charles Darwin auf die bestmögliche Art, stilistisch wie wissenschaftlich-analytisch Recht hat. Dass das Werk als „wissenschaftliche Literatur“ klassifiziert ist, trägt schließlich auch Darwins bereits oben erwähntem schriftstellerischen Talent Rechnung. Was schließlich auch evident werden lässt, dass jegliche Anschuldigung in Bezug auf Blasphemie oder Gotteslästerung außer Acht gelassen werden kann, denn Darwin leistet viel mehr, er liefert eine wissenschaftliche, vernunft-basierte Theorie über die Entstehung und Entwicklung der Arten und hat es dabei gar nicht nötig sich hinter lächerlichem Hokus-Pokus zu verstecken, weil er der Natur rein gar nichts von ihrer Faszination nimmt, im Gegenteil, gerade die Tatsache, dass sich die Arten auf eine so faszinierende Weise entwickelt haben, stellt sie als viel interessanter und beeindruckender dar, als irgendein biblisches Kindermärchen. Viel besser lässt sich das mit Darwins eigenen Worten ausdrücken, sie bilden den letzten Satz der besprochenen Publikation: „There is grandeur in this view of life, with its several powers, having been originally breathed into a few forms or into one; and that, whilst this planet has gone cycling on according to the fixed law of gravity, from so simple a beginning endless forms most beautiful and most wonderful have been, and are being, evolved.“ (6).

Selbst wenn beide Bücher mit manchen detaillierten Ausführungen über geologische Formationen und dergleichen einige Längen aufweisen, Darwin macht sie durch seinen wunderschönen Schreibstil mehr als wett. Ein Faktum übrigens, welches mich endlich auch verstehen lässt, warum mir mein Professor diese Lektüre so sehr ans Herz gelegt hat – es handelt sich um eine wohl längst vergessene Kunst, Wissenschaftler derart umfassend auszubilden, dass sie auch in der Lage sind einen lesbaren, schön formulierten Satz aufs Papier zu bringen, was mich meinen heutigen Eintrag mit dem Wunsch beschließen lässt, dass, sofern nicht bereits geschehen, jeder und jede, die sich auch nur Ansatzweise mit Wissenschaft auseinandersetzen, ob beruflich oder privat, Charles Darwin allerschnellstens auf ihre Leseliste setzen sollten, dass zumindest „On the Origin of Species“ Pflichtlektüre in den Einführungsveranstaltungen jeglicher wissenschaftlicher Fachdisziplin sein sollte und dass der Ausdrucksweise und Verständlichkeit einer wissenschaftlichen Publikation ebenso hohe Wertigkeit zugestanden wird, wie ihrem fachspezifischen Inhalt. Nicht zuletzt finden sich in den beiden Publikationen auch die grundlegenden Tugenden, die in der Wissenschaft aktuell immer mehr verloren zu gehen scheinen wieder: Neugier, fächerübergreifende Forschung, Empirie, logische Schlussfolgerung, der Blick über den Tellerrand und die kritische Hinterfragung der eigenen Thesen, Offenheit für unorthodoxe Ansätze und gleichzeitiger Respekt vor den wissenschaftlichen „Konkurrenten“, alles Eigenschaften, die meiner Meinung nach den richtigen Forscher, die echte Wissenschaftlerin erst ausmachen.

 

(1)    Was übrigens gut so ist.

(2)    Die gesamte Route der Beagle ist hier grafisch dargestellt.

(3)    Er hat aber die geltende Fachmeinung gekannt und sich gegebenenfalls daran orientiert.

(4)    Darwin war wohl auf die Gebiete Geologie und Botanik spezialisiert, war aber am besten Wege Pastor zu werden…

(5)    Darwin hat sich in den Jahren davor quasi als klassischer Naturforscher und Empiriker betätigt und sämtliche Schlussfolgerungen, die er aus seinen Beobachtungen gezogen hatte, mehrfach ausgetestet oder von Experten austesten lassen. So betätigte er sich als Taubenzüchter, kreuzte Pflanzen im eigenen Garten, beobachtete wie lange Samenkörner in Salzwasser überleben können usw. usf.

(6)   „Es ist wahrlich etwas Erhabenes um die Auffassung, daß der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder gar nur einer einzigen Form eingehaucht hat und daß, während sich unsere Erde nach den Gesetzen der Schwerkraft im Kreise bewegt, aus einem so schlichten Anfang eine unendliche Zahl der schönsten und wunderbarsten Formen entstand und noch weiter entsteht.“ (Das Wort „Schöpfer“ fügte Darwin übrigens erst in späteren Ausgaben des Buches bei.)

 

Susanne, 27. Dezember 2009

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Skizzen aus Wien – Nr. 32

The Sandworm - artwork zoer

Es ist eine Weile her seit den letzten Skizzen und ich musste erst nachsehen, welche Nummer der Eintrag damals hatte, war ich doch in den vergangenen Wochen so damit beschäftigt diverse Reiseberichte zu publizieren, kluge Mobiltelefone zu testen oder mich von den Politikstrapazen der Grünen Vorwahlen zu erholen, dass ich mich an derlei Details schon lange nicht mehr erinnern konnte. Ein Blick auf das Datum der letzten Skizze zeigte mir auch, dass der Eintrag mittlerweile mehr als zwei  Monate zurückliegt!

Nun, trotz ungewöhnlich warmer Tage hier in Wien, lässt es sich nicht leugnen, dass der Herbst so gut wie vor der Tür steht, Reisen und damit verbundene Berichte stehen demnächst nicht am Programm, höchste Zeit also auch hierorts wieder ein bisschen Routine einziehen zu lassen und einen kleinen Ausblick auf die nächsten Wochen und Monate zu geben. Im Vordergrund werden wie gewohnt die Themen Musik und Literatur stehen, dem Film möchte ich gerne etwas mehr Raum widmen, sollte mir nicht doch noch der Geduldsfaden reißen, dann wird die Berichterstattung zum derzeit noch in der Sommerpause verweilenden Politikexperiment Grüne Vorwahlen fortgesetzt werden und auch sonst sollen jede Menge weitere kulturaffine Themen Platz finden. Auch die Zweisprachigkeit soll beibehalten, der eine oder andere englische Eintrag hier veröffentlicht werden. Wer weiß, vielleicht packt mich doch noch einmal das Fernweh und es gibt im auslaufenden Jahr noch einen kleinen Reisebericht. Eröffnet soll die neue Skizzen-Saison mit einer musikalisch-literarisch-cineastischen Rundschau werden:

Musik

Das bisherige Konzertjahr war eher weniger ereignisreich, ein Jahr ganz im Zeichen der Wirtschaftskrise. Bis auf den fulminanten Auftritt von Candi Staton im Porgy & Bess diesen März sowie einem gemütlichen Abend mit Lambchop im Wuk Anfang Juli, war eigentlich wenig los in Wien – bedingt natürlich auch durch meinen sehr selektiven Musikgeschmack. Trotz allem hoffe ich auf einen starken Herbst und es gibt auch bereits ein Event, das, sollte sich nichts mehr tun in der Konzertbranche, mein Musikjahr zufriedenstellend ausklingen lassen wird: Am 5. November wird Kris Kristofferson in der Wiener Stadthalle auftreten, im Oktober erscheint sein neues Album „Closer To The Bone“ – die Vorfreude ist groß.  Davor werde ich vielleicht noch einen Abstecher ins Wuk machen – dort spielt am 12. Oktober eine Truppe namens Magnolia Electric Co, die ich bereits vor zwei Jahren in der Wiener Szene erleben konnte und die für eine äußerst gefällige Mischung aus Folk/Country/Indie – oder was man gemeinhin gern als Alt-Country bezeichnet – steht. Mit „Josephine“ hat die Band rund um Jason Molina erst vor kurzem ein sehr schönes neues Studioalbum veröffentlicht. Vielleicht macht auch Conor Oberst mit seiner Mystic Valley Band noch einen Abstecher nach Wien – im Mai war mit „Outer South“ das neue Album erschienen, ein Konzert würde also ausgezeichnet in den Terminkalender passen!

Literatur

Im heurigen Sommer wurde trotz aktiven Reisens und nachheriger Berichterstattung auch einiges gelesen, unter anderem:

Consider the Lobster“ von David Foster Wallace: Wieder eine Sammlung von Essays, die DFWs Stellung als mein aktuell absoluter Lieblinglingsautor zementiert hat und die hierorts zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher rezensiert werden soll. DFWs Debüt-Roman „The Broom of the System“ liegt bereits in meinem Regal und wird ebenfalls demnächst gelesen werden.

Revolutionary Road“ von Richard Yates: Zu Beginn des Jahres kam die Verfilmung des Romans in die Kinos, ich habe sie bisher noch nicht gesehen, Richard Yates’ Roman auf jeden Fall ist, um es mit einem Wort auszudrücken, brillant. Stilistisch erinnert Yates ein wenig an F. Scott Fitzgerald, so schreibt er in einer eindringlichen, sehr plastischen Manier, die einen lakonisch-distanzierten Unterton aufweist und so auf ungemein treffende Weise das Leiden der beiden Protagonisten, des Ehepaars Frank und April Wheeler, am Leben in der verspießerten amerikanischen Vorstadt anschaulich macht. Allerhöchste Leseempfehlung!

The Brief Wondrous Life of Oscar Wao“ von Junot Diaz: Bei diesem zu Beginn des Jahres sehr gehypten Roman zeigt sich was passiert, wenn Literatur-Rezensenten von einander abzuschreiben beginnen. Irgendwann hat offenbar irgendwer einmal geschrieben, dass Junot Diaz der neue Foster Wallace wäre, was sich dann in den Rezensionen fortpflanzte und dazu führte, dass auch ich mir das Buch gekauft habe. Eines ist auf jeden Fall festzuhalten, Junot Diaz hat wirklich nichts gemein mit Foster Wallace, es scheint offenbar zu genügen, dass man Fußnoten verwendet, um mit ihm verglichen zu werden. Nicht, dass Diaz ein schlechter Autor wäre, mir hat die Geschichte, die er erzählt, durchaus gut gefallen, vom Aufbau und Stil her würde ich ihn am ehesten noch mit Jeffrey Eugenides vergleichen, trotz allem wurde mir bei der Lektüre nicht klar, warum man diesen Mann als neues US-amerikanisches Literaturtalent feiert, warum dieses Buch mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Es ist zugegebenermaßen gut, aber nicht sehr gut und vor allem weit entfernt von herausragend. Stilistisch reicht es in keinem Fall an Größen wie z.B. Yates heran, oder eben an David Foster Wallace. Ich würde es eher wie der San Francisco Chronicle im Klappentext zusammenfassen: „a kick-ass work of modern fiction“, sehr unterhaltsam, Junot Diaz ist vielleicht ein Quentin Tarantino der Literaturszene, aber kein herausragender Schriftsteller.

The Voyage of the Beagle“ von Charles Darwin: Wir befinden uns immer noch im Darwin-Jahr, Grund genug für mich, endlich auch einmal die Werke von ihm zu lesen. Die Lektüre des erwähnten Reiseberichts habe ich bereits abgeschlossen, um das Bild abzurunden, lese ich aktuell gerade das Hauptwerk Darwins „On the Origin of Species By Means of Natural Selection“. Beide Werke sollen zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher rezensiert werden, soviel sei bereits erwähnt, es handelt sich bei beiden Büchern um hervorragende Beispiele von Wissenschaftsliteratur in höchster Perfektion und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich um wissenschaftliche Werke, die auch allerhöchsten literarischen Ansprüchen gerecht werden.

Film

Filmtechnisch gestehe ich, dass ich seltener ins Kino gehe, als ich es eigentlich möchte, dass man aber glücklicherweise – der DVD sei Dank – sehr viele herausragende Filme jederzeit auch daheim ansehen kann. Wobei diesbezüglich erwähnenswert ist, dass es so mancher Film hierzulande gar nicht erst in die Kinos schafft und man so gesehen darauf angewiesen ist, einen Verleih zu finden, der einem auch ausgefallene Werke zukommen lässt – mein Dank gilt dabei vorwiegend meinem überaus zuvorkommenden Blog-Kollegen Martin. Einer dieser Filme, der hierbei auch gleich wärmstens empfohlen sei, nennt sich „The Three Burials of Melquiades Estrada“ – ein skurriler und unglaublich fesselnder Film, bei dem Tommy Lee Jones nicht nur die Hauptrolle übernahm, sondern auch Regie führte. Jones verkörpert darin einen Rancharbeiter im Westen von Texas, der bis an seine Grenzen geht, um das seinem, von einem Grenzpolizisten erschossenen, Freund gegebene Versprechen einzulösen, ihn in seiner mexikanischen Heimat zu beerdigen. Sehenswert!

Im Oktober schließlich eröffnet wie gewohnt die Viennale ihre Pforten und ich habe mir vorgenommen, meine letztjährige Frequenz zu verdoppeln. Das sollte nicht schwer sein, denn ich habe vergangenes Jahr sage und schreibe einen (1) Film gesehen, wobei sich jedoch „Chop Shop“ von Regisseur Ramin Bahrani als hervorragende Wahl herausstellte. Mal sehen, ob mir das heuer gleich zweimal gelingt.

In diesem Sinne sei hiermit der Skizzen-Spätsommer eröffnet, über jedwede Kritik, Anregung oder Tipps freut sich wie immer – der Sandwurm.

Susanne, 30. August 2009

Demokratie für Anfänger – Teil IV

 

literary sandworm - artwork zoer

 

Am 30. November 1834 schreibt Charles Darwin im Bericht über seine Reise auf der HMS Beagle (The Voyage of the Beagle, 1845) Folgendes:

Early on Sunday morning we reached Castro, the ancient capital of Chiloe, but now a most forlorn and deserted place. The usual quadrangular arrangement of Spanish towns could be traced, but the streets and plaza were coated with fine green turf, on which sheep were browsing. (1)

Sicherlich werden Sie sich fragen, was das mit dem aktuellen Demokratiekurs zu tun hat. Nun, ich werde versuchen den Zusammenhang auf den nächsten Absätzen darzulegen bzw. zumindest den gedanklichen Faden, der beim Lesen dieses Satzes gesponnen wurde, zu erläutern.

Seit 28. April, also seit etwas mehr als einem Monat, bin ich Grüne Vorwählerin und warte wie alle anderen Anwärter auf meine Aufnahme als Unterstützerin der Wiener Grünen, um am 15. November auf der Landesversammlung stimmberechtigt zu sein, also direkten Einfluss auf die Wahl der Kandidaten für die Wiener Landtags- und Gemeinderatswahlen ausüben zu können. Seit diesem Tag hat sich viel getan, es wurden neue Bekanntschaften geschlossen, persönliche Gespräche geführt, es gab Diskurse im Internet, manche davon mehr, manche weniger erfreulich, alles in Allem aber, so behaupte ich, dreht sich die Debatte um ein Faktum: werden die Unterstützer aufgenommen, oder nicht bzw. wie ist ein winziger Satz im Statut der Wiener Grünen zu interpretieren? Nebenbei lese ich wie gewöhnlich vor mich hin, derzeit oben angegebenen Reisebericht von Charles Darwin (dem ich gelegentlich eine eigenständige Rezension widmen möchte). Was mich beim Lesen dieses Buches fasziniert, ist die Tatsache, dass Darwin sich als erst 22-Jähriger auf eine fast fünfjährige, nicht ungefährliche, Reise auf der HMS Beagle begeben hatte, eine Reise, auf der er nicht nur viele Erfahrungen machte, welche mit Sicherheit sein weiteres Leben signifikant beeinflussten, sondern auch abertausende Präparate und Proben sammeln konnte, welche als Forschungsgrundlagen für die erst Jahre später veröffentlichte Evolutionstheorie (On the Origin of Species, 1859) dienten. Charles Darwin war also ein junger Mann, der mit offenen Augen durch die Welt ging und sich auf diese Weise frisch und wenig voreingenommen eine völlig neue Meinung über den Ursprung der Arten bildete.

In Bezug auf mein aktuelles Demokratieexperiment lassen sich hier durchaus Parallelen finden. Demokratie erfordert offene Augen und die Anstrengung, sich damit so wenig vorurteilsbehaftet wie möglich zu beschäftigen. Darüber hinaus ist eine prozesshafte Auseinandersetzung wesentlich, um die jeweiligen mit ihr verbundenen Werte und Regeln immer wieder neu auf ihre Tauglichkeit prüfen und beim Auftreten von Fehlentwicklungen korrigieren zu können. Im vorliegenden Testfall Wiener Grüne geht es darum, dass sich Politiker gerne als weltoffen und vor allem als unerbittliche Verteidiger demokratischer Grundprinzipen geben, auf dass das Volk, dessen Vertretung sie – durch Wahlen dazu ermächtigt – übernommen haben, sicher sein kann, dass weder der Staat an sich, noch einzelne Vertreter dieses Staates, die ihnen anvertraute Repräsentation missbräuchlich verwenden mögen. Die Wiener Grünen erleben derzeit hautnah, was passiert, wenn „das Volk“ sich die in der jeweiligen Staatsverfassung (das sind auf kleinerer Ebene auch die Wiener Grünen bzw. im aktuellen Fall deren Statuten) verankerten Prinzipien genauer ansieht und sie gegebenenfalls auf ihre Tauglichkeit oder ihren Wahrheitsgehalt überprüft. In derartigen Fällen kann es dann passieren, dass es ganz plötzlich zu einer Art Rollentausch kommt, in dem die Politiker, die bis dato mehr oder weniger ungestört vor sich hin gearbeitet haben, sich direkter mir ihrem Wahlvolk konfrontiert sehen als ihnen lieb ist, ja, in dem plötzlich das so genannte Volk die Kontrolle und Überprüfung der Einhaltung demokratischer Regeln übernimmt. Derartige Konfrontationen bzw. Rollentausche dürften nicht allen Politikern ausnahmslos angenehm sein, das zeigen auch die verschiedenen Argumentationsstränge, die sich über die Debatte, wie besagtes Statut nun tatsächlich auszulegen sei, in den vergangenen Wochen entsponnen haben. Alles in Allem kristallieren sich zwei Gruppen von Personen aus diesen Wiener Grünen heraus – die Anpassungs- und Änderungsfreudigen und die Reformresistenten.

 

Grüne Vorwahlen

 

Das bringt mich nun wieder zu Charles Darwin zurück. Der politische Prozess ist in seinen Grundstrukturen wohl an die Prinzipien der Evolution angelehnt – „survival of the fittest“ also und wer es sich zu bequem macht, überlebt zwar im einen oder anderen Fall, findet sich aber mitunter allein auf einem Eiland als träge Schildkröte wieder, die zwar keine natürlichen Feinde hat und als einziges Individuum in ihrem Staate die direkteste Demokratie, die überhaupt möglich ist, leben kann, die aber vermutlich auch furchtbar einsam ist (und keine Wähler mehr hat…).

Einige Evolutionsschritte weiter landen wir dann beim Schaf und befinden uns direkt im obigen Zitat. Schafe sind Herdentiere und unabhängig davon, dass es sich um friedliebende Tiere handelt, schreibt man ihnen mitunter auch sehr große Dummheit zu. Ob diese Zuschreibung zurecht erfolgt, kann ich nicht bestätigten, da ich mich aktuell nicht mit der Intelligenzforschung an Schafen beschäftige, aber im übertragenen Sinne glauben auch so manche Amtsinhaber, das träge Wahlvolk sei die ihnen zum Hüten überlassene Schafsherde. Manchmal wird jedoch selbst die friedlichste Herde bockig und lässt sich ohne Einspruch nicht alles gefallen, in unserem Falle hat sich im, wenn auch kleinen, Versuchsfeld, eine besondere Spezies dieses Herdentiers hervorgetan, nämlich das browsende Schaf. Dass Darwin mit der Verwendung dieses Begriffs nicht prophetische Voraussicht in Bezug auf das Internet und seine Möglichkeiten bewiesen hat, liegt auf der Hand, übersetzt meint er ja bloß die Tätigkeit des Grasens, trotz allem musste ich bei der Vorstellung „browsender Schafe“ zwangsläufig lächeln und nachdem die werten Kursteilnehmer mittlerweile wissen, dass ich einen Hang zum Gleichnis habe, war der Weg von Darwin zum demokratisch aufbegehrenden Web-User nicht mehr weit, der Bogen spannt sich nun vom gemütlichen Herdentier bis hin zum Internet-Benutzer, der sich irgendwann nicht mehr mit browsen allein zufrieden geben wollte und sein demokratisches Grundbedürfnis in aktiver Teilnahme an oben erwähntem Prozess zu stillen gedachte.

Was das vorläufig Fazit aus dieser Geschichte betrifft, so befinden sich die Grünen Vorwähler derzeit in einer Art Warteposition, da noch nicht klar ist, ob man sie tatsächlich als Unterstützer akzeptiert. Eines aber steht auf jeden Fall fest, der Versuch sich aktiver am politischen Prozess zu beteiligen war mit Sicherheit bereits jetzt schon ein lohnenswerter und selbst wenn die browsenden Schafe in Charles Darwins Reisebericht die Vorstellung nahelegen, dass sich die betroffenen Politiker schon längst aus dem Staub gemacht haben und die Herde nunmehr allein auf weiter Flur ist, so möchte ich dem ausdrücklich widersprechen, denn selbst Darwin wusste nicht, was sich hinter dem nächsten Hügel verbirgt, der einzige Weg dies herauszufinden war für ihn, den Hügel zu erklimmen, um sich selbst ein Bild davon zu machen, was hinter der Anhöhe liegt. Was er natürlich auch getan hat und was ihn am 06. Dezember 1834 just zur nächsten hochinteressanten Begegnung führte, jener mit einem vermeintlich gezähmten Fuchs, wozu er Folgendes zu berichten hat:

A fox (Canis fulvipes), of a kind said to be peculiar to the island, and very rare in it, and which is a new species, was sitting on the rocks. He was so intently absorbed in watching the work of the officers, that I was able, by quietly walking up behind, to knock him on the head with my geological hammer. This fox, more curious or more scientific, but less wise, than the generality of his brethren, is now mounted in the museum of the Zoological Society. (2)

Ob es sich dabei um gerade jenen Fuchs handelt, über den ich im ersten Teil meines Demokratiekurses geschrieben habe, und wenn ja, wer von den beiden Parteien letztlich der Fuchs ist, darüber möchte ich vordergründig nicht spekulieren, außer dass ich darauf hinweise, dass es sich mit größerer Wahrscheinlichkeit um die Spezies reformunwilliger Politiker handeln könnte, als um jene des demokratieinteressierten Wählers. Doch bevor jetzt irgendjemand einen Aufruf zu einem gewalttätigen Umsturz aus diesen Zeilen liest, möchte ich lieber darauf aufmerksam machen, dass ich persönlich ausschließlich friedliche Absichten hege, viel mehr, dass ich auch sicher bin, dass der Großteil der grünen Vorwähler das ebenso sieht und nachdem sich in den vergangenen Wochen auch so einiges Positives getan hat, sollten sich diejenigen, die sich dafür interessieren an diesem demokratiepolitischen Experiment noch mitzumachen, auf jeden Fall noch vor dem 15. Juni bei den Grünen Vorwahlen registrieren. Oder noch besser, am 2. Juni zum Open House Camp bei den Wiener Grünen kommen, denn da gibt es ein intensives gegenseitiges Beschnuppern. Ich werde dort sein, und zwar ganz sicher ohne geologischen Hammer!

 

Open House Camp am 2. Juni, 18:30, Lindengasse 40, 1070 Wien

 

 

(1) Früh am Sonntag Morgen erreichten wir Castro, die alte Hauptstadt von Chiloe, jetzt jedoch ein überaus einsamer und verlassener Platz. Die übliche quadratische Anordnung spanischer Städte konnte man erahnen, die Straßen und der Hauptplatz jedoch waren mit feinem grünem Rasen überwachsen, auf welchem Schafe grasten (eigene Übersetzung).

(2) Ein Fuchs (canis fulvipes), von der Art wie man sie für die Insel typisch hielt, die dort sehr selten vorkommt und eine neueartige Spezies ist, saß auf den Felsen. Er war so darin vertieft den Offizieren bei der Arbeit zu zusehen, dass ich ihm, in dem ich mich leise von hinten heranschlich, mit meinem geologischen Hammer auf den Kopf schlagen konnte. Dieser Fuchs, neugieriger oder wissenschaftlicher, aber weniger schlau, als die Allgemeinheit seiner Art, steht nun ausgestellt im Museum der Zoologischen Gesellschaft (eigene Übersetzung).

 

Susanne, 29. Mai 2009