Skizzen aus Wien – Nr. 28

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Vor nicht allzu langer Zeit (nachzulesen hier) führten mich verschiedenste Umstände an einen äußerst seltsamen Ort, der nur über Umwege erreichbar ist und weit entfernt von der pulsierenden Hauptstadt (angeblich Wien) liegt, man kann fast sagen, hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Dort machte ich allerlei erstaunliche Entdeckungen und fand mich schließlich im Zentrum einer gewaltigen Verschwörung wieder. Ganz sicher in Bezug auf die Richtigkeit meiner Theorie war ich mir nicht – der dort lokalisierte heilige Gral aller Anhänger obskurer Vorfälle, der Franz Kafka Gedenkraum, hatte mich zwar in meinen Mutmaßungen bestätigt, andererseits hegte ich noch immer einige substantielle Zweifel.

Worum geht es? In Maria Gugging wird in Kürze eine österreichische „Eliteforschungsanstalt“, das so genannte I.S.T., eröffnet, beim Lustwandeln durch den beschaulichen Ort und seine Nachbargemeinde Kierling jedoch fand ich auffällige Indizien dafür, dass es sich dabei wohl weniger um Forschung im klassischen Sinne, als viel mehr um ein gigantisches Forschungskomplott handeln dürfte. Denn was können eine Einrichtung für psychisch auffällige Kunsttalente, eine zuvor abgesiedelte psychiatrische Klinik und eine neu errichtete Wirkungsstätte für sogenannte Eliteforscher schon gemeinsam haben? Es kann sich dabei lediglich um die Fortsetzung der österreichischen Paradestrategie in der wissenschaftlichen Forschung handeln! Aufgebaut auf den Prinzipien Täuschen und Tarnen, werden hier nämlich nicht richtige Forscher angeheuert, sondern bloß Leute, die sich einbilden sie wären richtige Forscher, nicht Eliteforscher, sondern Eliteforscher (dieses Wort sollte immer mit hochgezogenen Augenbrauen und mit Blick von unten nach oben ausgesprochen werden). Um derartige Eliteforscher loszuwerden sind ausländische Entitäten bereit hohe Ablösesummen zu zahlen, des weiteren werden die Ausnahmeforscher hierzulande nicht besonders auffallen, im Gegenteil, ein Großteil von ihnen wird sich außerordentlich gut integrieren, sie werden es bis in allerhöchste Positionen und Ämter schaffen.

Bis dato konnte ich kein einziges Faktum ausfindig machen, welches diese brisante These falsifizieren mochte, seit wenigen Tagen jedoch bin ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon überzeugt, dass es genau so ist wie vermutet, mehr noch, dass ein höherer Zweck dahinter steht, der dieser gigantischen Verschwörung zugrunde liegt. Und zwar basierend auf der Tatsache, dass man vor kurzem angekündigt hat, Österreich würde die Mitgliedschaft im Forschungszentrum CERN aufkündigen, sie bringe wenig Nutzen, sei schlicht zu teuer.

Mir schwante sofort, dass dies alles mit den jüngsten Aktivitäten in Maria Gugging zu tun haben musste, in einschlägigen Postingforen fand ich schließlich den ausständigen Beweis. Man hatte zu Beginn dieses Jahres den Absetzbetrag für die Kirchensteuer verdoppelt, eine Mitgliedschaft in einer seriösen Forschungsgruppe wollte man sich nicht mehr leisten, die „Eliteforschung“ würde forthin in Maria Gugging stattfinden, wo – und nun halten Sie sich bitte fest – nicht zufällig auch ein mysteriöser kirchlicher Wallfahrtsort, die Lourdesgrotte, liegt! Nun musste ich nur noch die einzelnen Punkte neu verbinden – Lourdesgrotte, Kirchensteuer, CERN-Kündigung, Eliteforscher – und es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Man will sich in Österreich nicht mehr mit lächerlicher naturwissenschaftlicher Forschung herumärgern, kostet viel Geld, bringt nicht viel, man hat sich hierzulande offenbar vorgenommen, mit vereinten Kräften – Eliteforscher und Kirche – Gott selbstpersönlich zu finden!

 

Laizismus Initiative

P.S. All jene, die sich als Anhänger der Prinzipien der Aufklärung sehen und die sich dafür einsetzen wollen, dass ein derartiges Hirngespinst nicht doch einmal Realität wird, seien hiermit eingeladen, eine Initiative zu unterstützen, die sich für eine vollständige Trennung von Staat und Religion engagiert. Dadurch würden einige Gelder frei werden, man könnte sie, wenn man ganz mutig ist, auch für vernunftbasierte wissenschaftliche Forschung einsetzen. Mehr dazu unter: www.laizismus.at

 

Susanne, 10. Mai 2009

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Skizzen aus NY – Nr. 3

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Die Armory Show hat eröffnet – ein langes Wochenende der Galerien. Sympathisanten und Mitglieder der Glaubensgemeinschaft „Kunst“ pilgern scharenweise in ihre Kirche. 5 kurze Tage hat sie ihre Pforten geöffnet, dieses Jahr in einer Lagerhalle an einem der unzähligen Piers auf Manhattans Westseite. Kleinere Konfessions-Kongregationen wie die Pulse, die Volta oder LA Art reißen sich zur selben Zeit um Kirchgänger – die einzig Wahre unter ihnen zu sein, reklamiert die Armory Show.

Am Mittwoch dürfen ausschließlich VIPs in die heiligen Hallen. Vielleicht sollte es VIB heißen – Very Important Believer? Irgendwann will man schließlich unter sich sein. Durch Zufall bin ich in den Besitz eines VIP-Passes gelangt und mache mich freudig auf den Weg in die Kirche. Angekommen gebe ich meinen Mantel ab und kaufe mir um 20 $ das jährlich neu aufgelegte Glaubensbekenntnis – den Katalog. Für besonders wichtige Glaubende wäre er eigentlich gratis – ich halte mich zurück, denn der VIP-Pass gehört meinem Boss. In Plastik eingewickelt wird mir die heilige Schrift schließlich ausgehändigt – dieses Jahr sind die Schutzheiligen der Armory Show Mr. John Waters, seines Zeichens Kultregisseur und seit den frühen 1990er Jahren auch bildender Künstler, sowie Ms. Mary Heilmann, abstrakte Malerin. Ich wandle wie selbstverständlich in die VIP Lounge, John und Mary unterzeichnen die Kataloge für die auserwählten Kunstgläubigen. John und Mary, fast wie Joseph und Maria, sitzen leibhaftig auf einem Sofa – in dieser Kirche gibt es ausnahmsweise nur lebende Heilige. Der Prozess der Heiligsprechung ist umstritten. Irgendwann ist man es, oder eben nicht.

Raus aus der VIP Lounge wandle ich durch die Gänge – Kirchenschiff und Krypta sind architektonisch nicht auszumachen – Galerie um Galerie bevölkern die Kunsthändler ihre in Reih und Glied aufgestellten, bescheidenen, fast spartanischen, Rigips-Mönchszellen. Neben Künstlern und Käufern, schwer auszumachen wer wer ist, stechen immer wieder einzelne Charaktere aus der Masse hervor. Meist paarweise pilgern sie durch die Gänge. Hier ein Pärchen, das ich schon mal irgendwo in einem Kulturformat gesehen habe, zwei skurrile Gestalten, glatzköpfig und in knalligen Gewändern. Dort ein in russischer Soldatenuniform paradierender junger Mann, begleitet von einem Transvestiten in einem biederen 1950er Jahre Damenkostüm. Welche Funktion sie erfüllen? Man weiß es nicht. Ministranten oder Erzengel in einer Kirche, deren Liturgie hier niemand so genau kennt.

Ich entdecke ein Werk das mir gefällt und frage den Galeristen nach dem Preis. 22.000 Dollar. Danke, heute lieber nicht. Weiter geht´s, auf und ab durch die elendslangen Gänge, Malereien neben Skulpturen, Fotografien neben Installationen, hier ein Bild mit lauter Penissen, dort ein weiblicher Akt mit gespreizten Beinen, davorstehend Betrachter, die nachdenklich ihre Köpfe wiegen – Derartiges regt hier wirklich niemanden mehr auf. Nach 3 Stunden Kunstgottesdienst neigt sich der Abend dem Ende zu, die Jünger werden pünktlich um 20 Uhr aus den Hallen vertrieben, morgen darf dann auch der normale Kunstliebhaber herein – gegen einen kleinen Obolus von 30 Dollar, versteht sich. Und wie früher als die Kirchenglocken die Messe beenden und die Gläubigen sich aus der Kirche drängen, ergießt sich auch in NY ganz kurz ein Strom von hunderten Menschen auf die Straßen der Großstadt. Anders als im Dorf auf dem Land, vermischt sich der Menschenstrom bereits nach wenigen Minuten mit der Masse der Stadtbewohner. Gläubig oder ungläubig – das kann nun keiner mehr ausmachen. Amen.

 

Susanne, 30. März 2008