Das Konzertjahr 2010

Sah es zu Beginn des Jahres noch mau aus mit interessanten Konzerten, kamen im Frühjahr endlich die ersten Termine daher, bis zum Sommerende sollten sich zum Glück noch ein paar interessante Gigs dazugesellen, der Spätherbst hat dann musiktechnisch doch eher enttäuscht. Trotz allem kann ich in Anbetracht der Konzerte, die ich schließlich besucht haben, nicht von einem schlechten Musikjahr sprechen, im Gegenteil, es waren ein paar ganz große Highlights dabei, untenstehend eine kurze Nachbetrachtung und Bewertung:

Bob Dylan – Linz, 9. Juni 2010

Nach einer Ewigkeit war es heuer so weit und ich konnte Bob Dylan endlich wieder einmal live erleben. Das hat sich voll und ganz ausgezahlt. Zwar war die Location unter jeder Kritik, die Tatsache jedoch, dass ich den von mir so bewunderten Musikhelden ganz vorne an der Bühne erleben durfte, hat dies mehr als wett gemacht. Dylan ist und bleibt eine Koryphäe und gerade die Verweigerung seine Klassiker so zu spielen, wie er sie vor 30+ Jahren interpretiert hat, macht ihn zu einem aktuell noch immer spannenden, nachhaltig beeindruckenden Musiker. Ich würde jederzeit wieder in eines seiner Konzerte gehen.

Willie Nelson – Wien, 20. Juni

Dass Outlawcountry-Legende und Marijuanaexperte Willie Nelson noch nach Wien kommt, hätte ich fast nicht mehr für möglich gehalten, umso mehr hat es mich gefreut, dass ich ihn im Juni live sehen konnte. Und trotz seiner mittlerweile 77 Jahre, beeindruckte Nelson mit einer großartigen Stimme und einer ebenso großartigen Show.

Eels – Wien, 12. September

Die last-minute Entscheidung mir die Eels doch anzusehen, hat sich als großer Glücksfall entpuppt, die im Rock-Taliban-Outfit auftretende Band, samt charismatischem Frontman E. spielte in der Arena bei mildem spätsommerlichen Wetter ein phänomenales Konzert, und verpasst damit nur knapp den Titel „Konzerthighlight des Jahres 2010“.

Wilco – Wien, 23. September

Der Truppe aus Chicago, rund um Frontman Jeff Tweedy, und ihrem Wien-Debüt gebührt dieses Jahr der Titel „absolutes Konzerthighlight“. Und das trotz der Tatsache, dass ich zwei, drei Songs brauchte um sozusagen den Vibe zu fühlen, und trotz der Katastrophenlocation Gasometer, war es insgesamt ein pures Vergnügen dieser Band bei der „Arbeit“ zuzusehen. Tweedy war bester Laune und großartig bei Stimme, konferierte mit dem Publikum, die Bandkollegen toppten das Ganze mit phänomenaler Musik – insgesamt ein Konzert bei dem einem, wenn man sich zurückerinnert, heute noch ein Glitzern in die Augen steigt. Hoffentlich kommen sie sehr bald wieder nach Wien.

Badly Drawn Boy, 16. November

Mehr aus Mangel an Alternativen begab ich mich im November zum Konzert von Badly Drawn Boy, immerhin hatte er vor einigen Jahren in der Arena ein gutes Konzert abgeliefert, der Abend im Wuk kam aber über das Attribut „nett“ leider nicht hinaus. Nicht mehr und nicht weniger.

Insgesamt also wohl ein Konzertjahr dessen Höhepunkte sich zwischen Juni und September abspielten, erstaunlich, denn generell bin ich es gewöhnt, dass sich zumindest das eine oder andere Highlight auch irgendwann im November/Dezember bzw. Februar/März finden lässt. Egal, 2010 war das zwar leider nicht der Fall, die Konzerte in der Jahresmitte haben mich voll und ganz zufrieden gestellt, bleibt nun noch die Wunschliste für 2011.

Ich hatte bereits 2010 auf Conor Oberst und Okkervil River gehofft, ersterer wird Wien hoffentlich im neuen Jahr mit seiner Formation „Bright Eyes“ einen Besuch abstatten. Bright Eyes bringen im Februar ein neues Album auf den Markt, erste Tourdaten gibt es bereits. Okkervil River produzierten zwar 2010 das Album eines gewissen Roky Erickson („True Love Cast Out All Evil“), auf ein eigenes Album lassen sie hingegen schon länger warten, ebenso wie auf eine Europa-Tour. Nun, wir werden ja sehen, wer sich 2011 nach Wien verirrt, ich hoffe zumindest dass es sich um ähnliche Kaliber wie Nelson, Dylan, Wilco und Co handelt.

Susanne 17. Dezember 2010

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Konzertbericht – Wilco, Wien 2010

Etwas mehr als eine Woche war vergangen und nach dem großartigen Gig von den Eels folgte gleich darauf ein ebenso geniales Konzert von Wilco. Derartige paradiesische Zustände ist man in Wien nicht gewohnt und man wünschte das ganze Jahr würde sich so gestalten, aber gut, auch wenn der Konzerthimmel für den Herbst bis dato düster ist, will ich mich bei der bisherigen Ausbeute gar nicht beschweren.

Auf jeden Fall habe ich mich am Donnerstagabend aufgemacht, um mit Wilco eine Truppe zu sehen, die bis dato noch nie in Wien war und die mich trotz anhaltender Abneigung gegen die Un-Location Gasometer dort hin gelockt hat. Die Akustik ist noch immer bescheiden und ich bin der Meinung, dass ich als totale fachtechnische Banausin, hätte man mir den Auftrag erteilt, ein ebenso „gutes“ klangliches Resultat erzielt hätte, wie die Leute, die für diesen Pfusch verantwortlich waren. Unter der, in umgekehrter Richtung laufenden Schallfortpflanzung – also nicht wie üblich von vorne nach hinten – leiden vor allem klangtechnisch leisere Bands wie vor etwa zwei Jahren Lambchop oder im aktuellen Fall die Vorgruppe Wilcos, bestehend aus einem gewissen John Grant.

Bei rockigeren Gruppen fällt das zum Glück nicht mehr ins Gewicht, besonders dann nicht, wenn man weiter vorne steht, was sich im Falle von Wilco dann auch bestätigte.

Pünktlich um 9 Uhr betrat die Truppe aus Chicago die Bühne und bewies, dass sich der wahre Wert einer Band erst bestätigt, wenn sie auch Live das hält, was sie auf ihren Alben verspricht. Wilco haben sich diesbezüglich selbst übertroffen, denn auch wenn ich gestehe, dass ich erst ab dem dritten Song so richtig begann, das Konzert zu genießen, so steigerten sie sich Lied um Lied so gewaltig, dass am Ende reine Glückseligkeit stand.

Bandleader Jeff Tweedy und seine Leute waren musiktechnisch großartig unterwegs und durchliefen verschiedenste Stile, vom countryesken bis zum 70ies Feeling mit pflichtgemäßem Hammond-Orgelklang, von ein wenig an Santana erinnernde Gitarrensoli bis zum Steel-Pedal-Sound, alles überstrahlt vom Frontman, der unfassbar gut bei Stimme war.

Das ganze Konzert mutierte schließlich irgendwann zu einer Art Gruppenglücksextase, die sich bis zum Schluss nicht nur durch geniale Songs, sondern auch durch die sympathische Art der Band aufschaukelte. Mitverantwortlich dafür war Jeff Tweedy, der, auch wenn man zu Beginn schon vermutet hatte, dass er nicht so der gesprächige Typ sei, sich nach einigen Liedern dem Publikum mehr als zuwandte und mit ihm bis zum Ende des Gigs in einen Dialog trat, der jedem Anwesenden das Gefühl geben musste, direkt angesprochen zu werden.

Wilco scheinen auch eine eingeschworene Fangemeinde zu haben, denn da wurde mitgeklatscht und wurden Songwünsche auf die Bühne gerufen, Höhepunkt war wohl ein zu einem dreiviertel ganz vom Publikum gesungener Songs, der die Beteiligten nicht nur als textsicher, sondern auch als ungemein harmonisch outete. Alle waren begeistert.

Nach drei Zugaben war das Vergnügen dann leider doch irgendwann vorbei, bleibt noch der Trost, dass man zumindest die Alben wieder öfter anhören kann, und die Hoffnung, Tweedy habe nicht zu sehr mit dem Publikum geflirtet, als er meinte, Wien wäre bis dato die „best crowd“ auf der Tour gewesen und gegen Ende hin schließlich gestand: we really like it here! Ja, wir mögen euch auch und hoffen, dass ihr uns bald wieder beehrt in Wien.

Susanne 25. September 2010

Skizzen aus Wien – Nr. 47

Nach einem unereignisreichen Jahresbeginn hatte ich zwischendurch schon fast den Eindruck, es würde ein konzertloses 2010 werden. Die Wochen vergingen und es wurde März, ohne dass ich auch nur von einem, für mich zumindest halbwegs interessanten, Termin in Sachen Live-Musik erfuhr. Gut ich gebe zu, es waren schon welche dabei, die ich mir hätte ansehen können – Lyle Lovett & John Hiatt (sollen grandios gewesen sein), oder Henry Rollins (ebenfalls). Aber erstere haben mich einfach nicht genug interessiert, letzterer ist eher so was wie ein Held aus Teenagerzeiten, die wohlgemerkt auch schon wieder lang vorbei sind. Also ging das Warten weiter.

Bis Anfang vergangener Woche. Da hat mir meine wichtigste Konzertinformationsquelle – mein gelegentlicher Co-Blogger Martin – ein sehr erfreuliches Email geschickt. Ein paar Tage später dann ein weiteres, mit noch erfreulicheren Nachrichten. Was schließlich darin resultierte, dass ich den heutigen Eintrag für ein paar musikalische Konzertempfehlungen nutzen möchte:

Bob Dylan – 9. Juni: Bratislava – 12 Juni: Linz

Es scheint fast als ob insgeheime Bitten meinerseits erhört wurden, denn seit Jahren wünsche ich mir, Bob Dylan endlich wieder einmal live sehen zu können. Ja ich weiß, 2008 war er in Wien, aber was kann ich dafür, dass ich zu dem Zeitpunkt ausnahmsweise in New York war. Wie dem auch sei. Wir schreiben 2010 und auch wenn die Details noch nicht feststehen, so gibt es die Ankündigung, dass Dylan Mitte Juni in Linz und, in noch größerer Nähe zu Wien, in Bratislava, auftreten wird. Viel mehr ist dazu wohl nicht zu sagen. Dylan muss man zumindest 1x im Leben live erlebt haben. Meine Devise ist in dieser Hinsicht, je öfter, desto besser.

Willie Nelson – 20. Juni – Halle F – Wien

Manche können seinen nasalen Sing-Sang nicht ausstehen, andere wieder – darunter ich – schätzen ihn gerade deswegen. Daneben gehört er zu den lebenden Legenden des Country und nachdem er mittlerweile auch schon seine 76 Jahre am Buckel hat, sollte jeder der sich für Country/Alternative Country interessiert, die seltene Gelegenheit nutzen, sich den Mann live anzusehen. Wenn er noch ebenso viel Herz und Energie in seine Live-Auftritte steckt wie sein Weggefährte in Sachen Outlaw-Country Kris Kristofferson (die Rezension von dessen hervorragendem Konzert vergangenen November findet sich hier), dann steht einem fantastischen Abend nichts im Weg. Vor allem weil sich Nelson auch diversen Neuerungen seines Genres nicht in den Weg stellt, im Gegenteil, mit seinem 2006 erschienenen Album „Songbird“ ist ihm ein ganz großer Wurf gelungen. Nicht zuletzt weil er sich als Produzenten eines der Aushängeschilder der jüngeren amerikanischen Indie-Szene dazugeholt hat. Ryan Adams zeichnet auf diesem Album für einen modernen, rockigen Anstrich der Nummern verantwortlich und schüttelt auch allerletzte Anflüge von Verstaubtheit aus dem nicht mehr jungen Genre Country. Hingehen und mitnäseln.

Wilco – 23. September – Gasometer Wien

Obwohl ich mich nicht für die Konzertlocation erwärmen kann, tut es trotzdem gut, eine jener Bands in Wien zu erleben, die in den vergangenen Jahren immer wieder für qualitativ hochwertige Alben gesorgt hat. Wilco, die sich im sog. Alternative Rock Genre, tummeln, machen Musik, die man jederzeit gern hört, weil sie eine Qualität pflegen, die sich am besten mit den Worten „laid back“ (ungefähr als „entspannt zurückgelehnt“ zu übersetzen) beschreiben lässt. Bis September ist auch noch genügend Zeit, die Alben wieder genauer durchzuhören und wenn die Gerüchte, nach denen die Akustik im Gasometer drastisch verbessert wurde hoffentlich stimmen, dann steht einem relaxten, frühherbstlichen Konzertabend wohl nichts im Weg.

Somit sind also einige sehr erfreuliche Konzerttermine bereits im Kalender eingetragen, und weil Bescheidenheit eine Zierde ist, hoffe ich auf baldige Ergänzungen und zwar zumindest von Seiten Connor Oberst (höchste Zeit) und Okkervil River (gleichfalls). Die oben erwähnten Konzerte, sofern sie planmäßig stattfinden, werden hierorts selbstverständlich ausführlich rezensiert.

Susanne, 7. März 2010