Skizzen aus Wien – Nr. 22

 

Sandworm (artwork by zoer)

 

Neulich führte mich die Aussicht auf eine vermeintliche berufliche Verbesserung nach Gugging. Gut, jeder vernünftige Mensch wäre bereits bei der gleichzeitigen Erwähnung von Verbesserung und Gugging skeptisch geworden, ein so genanntes Oxymoron mag eine derartige Wortkombination sein, aber, die Aussicht auf einen Ausflug in die Wiener Peripherie und die mögliche Erweiterung meines Horizontes haben mich sofort zusagen lassen, die abenteuerliche Reise anzutreten. Ich muss ganz offen gestehen, dass mich hauptsächlich die Sympathie für das Projekt „Art Brut Galerie“ dorthin getrieben hat, nicht nur eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, sondern vor allem die Neugier, diesen Ort, den ich vor Jahren im Rahmen eines schulischen Ausfluges besucht hatte, wieder zu sehen. Es war also Dienstag, der 24. März, als ich gegen 9 Uhr früh vom 8. Wiener Gemeindebezirk aus aufbrach. Hätte ich geahnt, dass ich erst viele Stunden später wieder heimkommen würde, ich hätte mir Proviant eingepackt.

Nach 3-maligem Umsteigen und einer lauschigen Fahrt im Bus nach Maria Gugging, eine Fahrt, die ungefähr 10x länger dauerte als angenommen und ich somit bereits einiges an Verspätung für den vereinbarten Termin angesammelt hatte, rief der Busfahrer, den ich kurz zuvor gefragt hatte, wie lange es noch dauern möge, lautstark „I.S.T.“ ins Businnere, das Code-Wort für meinen Ausstieg, denn nicht nur eine vereinsamte Künstlerkolonie, deren Schaffende jene eine Gemeinsamkeit verbindet, dass sie unter, nennen wir es psychischen Auffälligkeiten leidet, sondern auch die künftige Brutstätte „Österreichischer Eliteforschung“ (schon wieder fast ein Oxymoron…) sind in Gugging angesiedelt. Kurz nachdem mich also der Bus an der verwaisten Haltestelle von Maria Gugging ausgespuckt hatte, wurde ich dort auch schon vom brüllenden Lärm der Baustelle des I.S.T. willkommen geheißen und spürte sogleich was man auf der Webseite des I.S.T. vollmundig als „Der Campus liegt mitten in der schönen Landschaft des Wienerwalds, nicht weit vom urbanen Zentrum Wiens, der pulsierenden Hauptstadt Österreichs“ angekündigt hatte. Ein Haufen Bauarbeiter, behelmt, Schotterstraßen, Baukräne und Lastwägen – einfach idyllisch. Dass der Begriff „nicht weit“ ein dehnbarer ist, wurde mir ebenso klar, denn von der pulsierenden Hauptstadt (was immer damit gemeint sein mag…) hatte ich bis mitten in die schöne Landschaft des Wienerwaldes etwa eineinhalb Stunden gebraucht. Einen kurzen Fußweg von 500 Metern später, vorbei an zwinkernden Bauarbeitern, hinweg über eine lehmige Schotterstraße, und ich stand auch schon, eine halbe Stunde verspätet, in der Galerie des Art Brut Centers von Gugging.

Über das folgende Gespräch muss ich nicht viele Worte verlieren, außer, dass die dort Beschäftigten offenbar das Schicksal teilen, dass viele, die zu lange mit psychisch Auffälligen zu tun haben, ereilt, es kommt offenbar unvermeidbar zum einen oder anderen induzierten Wahn (nachzulesen bei Wikipedia unter „Formen von Wahn“). Das Interview-Panel war sichtlich verstört über die Frechheit, die ich mir mit dem Zuspätkommen geleistet hatte und konnte absolut nicht einsehen, dass ich die Distanz von Wien nach Gugging unterschätzt hatte. Es muss sich um eine Art Wahrnehmungsstörung handeln, die sich auf des gesamte Team in der Galerie ausgebreitet hat, deren Hauptsymptomatik offenbar darin bestand, die Lokalisation von Gesäß und Nabel zu verwechseln, sich also am Nabel der Welt zu wähnen, wo man sich doch am Gesäß, oder sagen wir wie es ist, am Arsch derselben befand. Gut. Sei das wie es ist, jeder der in der Therapie psychischer Auffälligkeiten geschult ist, wird wissen, dass man wahnhafte Entwicklungen zumindest argumentativ nicht behandeln kann, zur Verschreibung wirksamer Medikamente bin ich von Gesetzes wegen nicht befugt, ich blieb also den Rest des Gespräches über distanziert freundlich.

Man möchte nun meinen, dass ich nach dieser kuriosen Unterhaltung in der Galerie so schnell wie möglich die Heimreise angetreten hätte, das war jedoch nicht der Fall, im Gegenteil, meine Neugier war geweckt und ein leiser Verdacht hatte in mir zu keimen begonnen. Das mag zwar wiederum die Frage aufwerfen, ob sich von dem oben beschriebenen wahnhaften Geschehen, nicht vielleicht doch ein wenig auch auf mich übertragen haben könnte, wer aber so wie ich (nach überstandenem Interview) einen kleinen Spaziergang durch das benachbarte Dorf wagt, und, so wie ich, bewandert ist, was die Abgründe und Niederungen der österreichischen Seele betrifft, dem wird hernach auch so einiges klarer erscheinen.

Zunächst darf ich allen, die sich für Kunst interessieren den Besuch der Galerie ausdrücklich ans Herz legen. Vielleicht im Rahmen eines Sonntagsausfluges und am besten ausgestattet mit einem Auto. Dann lohnt es sich allemal. Darüber hinaus jedoch war mir schon bei der Anreise eines klar geworden, die Ansiedelung einer so genannten Elite-Forschungseinrichtung in Maria Gugging konnte bloß ein brillanter österreichischen Schachzug sein. Es geht nämlich nicht, wie in den offiziellen Quellen angegeben, um die Etablierung einer „Elite-Uni“, nein, man müsste es vermutlich eher als potemkinsches Uni-Dorf beschreiben. Die Absiedelung der psychiatrischen Klinik aus Gugging war dementsprechend bloß ein Täuschungsmanöver, um, nach der Eröffnung des I.S.T. Austria, genauso weiter zu machen wie zuvor. Man behandelt oder verwahrt (je nach Sichtweise) nennen wir es „psychisch auffällige“ Personen, die unter der größenwahnsinnigen Einbildung leiden, sie wären Eliteforscher. Eliteforscher also als Euphemismus für Personen, die sich einbilden, sie wären Eliteforscher. I.S.T. steht möglicherweise auch gar nicht für Institute for Science and Technology, sondern vielleicht zum Beispiel für Institute for Sociophobic Technologyfreaks (Institut für sozialphobische Technologienarren) oder Ähnliches.

Man könnte sich dann fragen, warum hier Millionen von Euros dafür verwendet werden, einigen wahnhaften Leuten vorzugaukeln, sie wären tatsächlich Teil eines Elite-Forschungsnetzwerkes? Nun, derlei hat in Österreich Tradition. Man muss sich nur unsere Regierung ansehen, dann wird jedem klar, dass dort dasselbe Prinzip vorherrscht. Ein Haufen Leute, die sich selber für ausgezeichnete Staatsmänner und -frauen halten, die davon überzeugt sind, über einen herausragenden politischen Instinkt zu verfügen und vorzügliche Regierungsarbeit zu leisten. Wer sich das nüchtern und von außen betrachtet ansieht, kann nur zur Überzeugung gelangen, dass es sich hierbei um eine Art konzentriert auftretender Psychose handeln muss, eine Massenpsychose wenn man so will. Dasselbe gilt übrigens für Manager in staatsnahen Betrieben und Vorstände von Banken. Jeder der sich in letzter Zeit Interviews mit diesen Menschen angesehen hat, wird mit Sicherheit zur Auffassung gelangen, dass es sich bei den jeweiligen Interviewten NICHT um brillante Politiker, erfolgreiche Manager, besonnene Banker handeln kann, sondern viel mehr um Personen, die voll und ganz dem Wahn erlegen sind, sie WÄREN brillante Politiker, erfolgreiche Manager, besonnene Banker.

Dieses System funktioniert in Österreich! Warum also eine erfolgreiche Idee nicht auch auf die Forschung umlegen. In Wien nagen die Universitätsassistenten am Hungertuch, welcher vernünftige Mensch würde da nicht auf den naheliegenden Gedanken kommen, ein Exzellenzzentrum in Gugging zu errichten, um die österreichische Tradition innovativer Forschungskonzepte erfolgreich weiterzuführen. Das muss sich ganz sicherlich auch rentieren, denn stellen Sie sich vor, wie froh andere Länder sind, wenn sie sämtliche ihrer Eliteforscher in Österreich parken können. Vermutlich werden da Ablösesummen gezahlt, welche die Bau- und Erhaltungskosten des I.S.T. um ein Vielfaches übersteigen.

Nachdem ich also die Baustelle, die nicht weit vom urbanen Zentrum Wiens, der pulsierenden Hauptstadt Österreichs lag, wieder verlassen hatte, und der nächste Bus erst in 20 Minuten kommen sollte, machte ich mich auf und marschierte gemütlich in Richtung pulsierender Hauptstadt Österreichs. Auf dem Weg dorthin kam ich in das dem Forschungszentrum am nächsten liegende urbane Zentrum, welches den poetischen Namen „Kierling“ trug (ich begann mir bereits in Gedanken Tragödien á la Mayerling auszumalen…). Ein beschauliches Städtchen, dessen Häuserreihen sich einladend an die charmante Bundesstraße B 14 schmiegen. Kierling hätte nebenbei das Zeug zum Zentrum für quantenphysikalische Forschung zu werden, im Ort selber nämlich scheint es auffällige Zeitsprünge zu geben, von einer Bushaltestelle zur nächsten sind es mit Sicherheit 500 Meter, der auf den Fahrplänen angekündigte Bus jedoch hält bei beiden Haltestellen in derselben Minute! Ich rieche bereits die Nominierung für den nächsten Nobelpreis. Und die Einwohner von Kierling bereiten sich auch schon voller Freude auf den Einzug der Eliteforscher vor. Da liest man dann Willkommensschilder wie „Warnung vor den 4 Hunden“ auf den vergitterten Hauseinfahrten.

Als ich schließlich bei der dritten Haltestelle in Kierling angekommen war und mich laut Fahrplanaushang auch wieder in einer Zone befand, in welcher die Zeit normal voranschritt, wurde ich schließlich eines Schildes angesichtig, das mir all das, was ich hier ausgeführt habe, und was schließlich auch einen Teil jener Gedanken widerspiegelt, die mir beim Ausflug selbst durch den Kopf gegangen waren, nicht bloß als paranoide Fantasie, sondern als absolute Realität bestätigte. Ich blickte gedankenverloren vor dem Wartehäuschen stehend nach oben und sah ihn, den Beweis, dass nichts von dem was ich mir ausgemalt hatte, Einbildung war, das Hinweisschild auf den „Franz Kafka Gedenkraum“! Soetwas kann kein bloßer Zufall sein, das muss Schickalsfügung und Zeichen zugleich sein. Hier in Kierling, an der Hauptstraße 187 steht jenes Gebäude, das am Beginn des 20. Jahrhunderts das Sanatorium Hoffman war und in dem am 3. Juni 1924 Franz Kafka, seines Zeichens Schutzherr absurder, albtraumhafter, aber doch im Kern wahrer, österreichischer Lebensrealitäten, sein Leben ausgehaucht hat. Ich kniete nieder, bekreuzigte mich, 5 Sekunden später tauchte der Bus aus dem Zeitwurmloch auf, ich stieg ein und trat die lange Heimreise in die pulsierende Hauptstadt Österreichs an.

 

Eventuell nützliche Links:

I.S.T.A.

Art Brut Center Gugging

 

Susanne, 29. März 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 21

Weder kennt das Wetter Gnade, noch die vor sich hinrollende Wirtschaftskrise. Gestern Abend trieben mir die Berichte über Verluste der österreichischen Bundesbahnen wieder einmal die Zornesröte ins Gesicht und so suchte ich verzweifelt nach Trost in der Wochenendausgabe des Standard, der verlockenderweise die Frage: „Gibt es Positives an der Krise?“ zu beantworten versuchte. Hätte das Blatt freundlicherweise gleich auf der ersten Seite mit „Nein“ geantwortet, wäre mir so nicht nur die eineinhalbstündige Lektüre erspart geblieben, sondern es wäre mir vielleicht auch tatsächlich möglich gewesen, mit der gewonnenen Zeit Sinnvolleres anzufangen. So aber las ich einen Kommentar nach dem anderen und war am Ende noch frustrierter als zuvor.  Zwar fanden sich unter den Beiträgen auch einige von Österreichs bekanntesten Kabarettisten, die zitierten Spaßmacher entpuppten sich jedoch durch die Bank als ebenso desillusioniert wie es offenbar der Rest des Landes ist. Während der eine meinte, er könne sehr über die 1% Zinsen auf seinem Sparbuch lachen, konterte der andere mit der Einsicht, dass man am besten über die Krise selbst lachen sollte, man hätte dann wenigstens noch sehr lange zu lachen…Zynismus bzw. Sarkasmus bzw. Verbitterung unter den Komödianten des Landes.

Darüber hinaus gab es noch eine Menge Interviews mit sogenannten Experten, in denen diese mit Ratschlägen wie zum Beispiel „Man gewöhnt sich auch an weniger Einkommen“ Mut machten oder darauf hinwiesen, dass Islandpferde jetzt um 15% billiger zu haben seien (eine isländische Branche, in die unsere ÖBB offenbar durch Zufall nicht investiert haben…). Ein Zukunftsforscher weiß wortreich so gut wie nichts auszusagen, außer, dass jetzt sicher alles besser würde, aber nur, wenn wir es richtig anpackten.

In Anbetracht der Tatsache also, dass dieser Aufmunterungsversuch, wenn auch lobenswert, total in die Hose gegangen war, musste ich am heutigen Tage zu drastischen Maßnahmen schreiten und…spazierengehen! Dazu ist zu erwähnen, dass ich zwar grundsätzlich ein nicht unsportlicher Mensch bin, ja sogar einigen Sportarten aktiv nachgehe, ich mit der Aktivität des Spazierengehens per se jedoch bereits seit Kindheitstagen wenig anzufangen weiß. Ja, eigentlich hat die gutgemeinte Aufforderung, meist von Seiten der Eltern, vor oder wahlweise nach dem sonntäglichen Ausflug in ein Gasthaus, doch ein bisschen spazieren zu gehen im mindesten Fall in hochfrequentem Augenrollen, im schlimmsten in verzweifeltes Flehen à la „Nein, bitte nicht!“ gemündet.

Nun, es zeigt sich was sowohl Wetter als auch Wirtschaftskrise bewirken können. Im Positiven. Ich kann nämlich nicht behaupten, dass mir der heutige Spaziergang nicht gefallen hätte. Im Gegenteil, die unterdurchschnittlichen Temperaturen ließen mich für ein paar Sonnenstrahlen überdurchschnittlich dankbar sein, die Vermeidung wirtschafts- oder politikaffiner Themen schließlich ließ die traurige Lage des Landes und der Welt kurzerhand in den Hintergrund treten. Facit: ein schöner Sonntag – was will man mehr?

 

Susanne, 22. März 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 20

Winterlandschaft

 

Er will nicht so recht. Der Frühling. Immer häufiger zeigt sich die Sonne, es ist auch zunehmend wärmer, und gerade wenn man meint, jetzt, jetzt ist es endlich so weit, steht man morgens auf, zieht die Jalousien hoch und sieht grau. Nichts als grau. Dann wieder Regen, vergangenen Freitag sogar Hagel. Man sollte im März ohnehin noch nicht auf den Frühling hoffen, das ist für unser Land einfach viel zu früh. Ich spreche aus Erfahrung und langjährige Wetterbeobachtung hat bisher folgendes Ergebnis erbracht: in 9 von 10 Fällen kann man damit rechnen, dass es rund um Ostern zu einem Winter-/Schlechtwettereinbruch kommt. Schneefall, Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, das volle Programm. Und Ostern fällt dieses Jahr auf den 12. April – fast ein Monat noch, in dem mit wirklich allem zu rechnen ist.

Warum ich für den heutigen Eintrag ein banales Thema wie das Wetter gewählt habe, liegt auf der Hand. Im Moment gibt es wirklich kaum Erfreuliches zu berichten. Amokläufe, ein Prozess, in dem laut Boulevardpresse ein Monster gerichtet werden soll, die andauernde und zunehmend unfreundlicher werdende Weltwirtschaftskrise, &c. &c. Im Vergleich dazu ist das aktuelle Wetter geradezu eine Frohbotschaft. Und nachdem ich nicht vorhabe, den Lesern den heutigen Sonntag mit weiteren Schreckensmeldungen und den dazugehörigen Analysen zu verderben, bleiben wir doch noch kurz beim Wetter. In Lima hat es aktuell 22.4°C, bei bewölktem Himmel, in Miami hat es bei ebenfalls bewölktem Himmel 22.2°C, in Mombasa ist es heiter, die Temperatur beträgt 29.0°C, in Kuala Lumpur ist es zwar stark bewölkt, trotz allem hat es badefreundliche 31.7°C, in Cairns wird man sich bei noch sonnigen 26.6°C auch nicht verkühlen. Das Restprogramm für den heutigen Tag, der für die Bundeshauptstadt ausgedehnte Wolkenfelder, den einen oder anderen Regenschauer und ein Maximum von 11.0°C verspricht: die Jalousien wieder runterziehen, ins Bett legen und a) einen guten Film schauen, b) bei der aktuellen, hochamüsanten Lektüre fortsetzen, oder c) weiterschlafen. Vielleicht findet sich für alle drei Varianten noch Platz im Tagesprogramm, draußen habe ich heute auf jeden Fall nichts versäumt.

 

Susanne, 15. März 2009

Un baiser s’il vous plaît

Seit knapp einer Woche befinde ich mich in der tiefsten steirischen Provinz, was an dieser Stelle der Hauptgrund dafür ist, vom gewohnten Skizzentitel abzuweichen. Alle, die dahinter bereits einen verzweifelten Aufruf der im Hinterland von jeglichem menschlichen Kontakt abgeschnittenen Autorin vermuten, können sich wieder beruhigen, es handelt sich lediglich um den Titel eines Filmes. Eines sehr feinen Filmes im Übrigen und zentrales Thema des heutigen Eintrages. Denn, auch wenn die vergangenen Tage von Dauerregen und Nebel gekennzeichnet und bloß immer neues Prüfen des Kalenders auch tatsächlich Beweis waren, dass die Zeit nicht stehen geblieben war, der Wiener Alltagswahnsinn macht die eine oder andere Flucht in dünner besiedelte Landstriche immer wieder vergnüglich. Und selbst wenn es die überzeugte Stadbewohnerin, als welche ich mich übrigens sehe, nicht glauben mag, kulturelle Lichtblicke finden sich auch am Land, insbesondere wenn man aufmerksam danach Ausschau hält.

Die Weststeiermark rund um die Gegend von Deutschlandsberg hat in dieser Hinsicht viel mehr  zu bieten als Frühschoppen oder Aufmärsche örtlicher Tanzgruppen. Ja, man mag es kaum glauben, im kleinen Eibiswald hat sich, versteckt hinter der Fassade eines Wirtshauses, sogar ein sehr feines Programmkino etabliert. Dieses Lichtspielhaus hat am heutigen Sonntag zum Filmfrühstück geladen. Da kann man sich dann um wohlfeile € 12,50 von 10 bis 11 Uhr vormittags den Bauch vollschlagen, um hernach im bequemen Polstersessel einen ganz vorzüglichen französischen Film zu genießen. Den oben erwähnten „Un baiser s’il vous plaît“ (Küss mich bitte!). Eine überaus charmante Komödie, aus der Feder und unter der Regie von Emmanuel Mouret, der auch gleich den Hauptdarsteller gibt. Gemeinsam mit Virginie Ledoyen und dem Rest der ausnahmslos überzeugenden Schauspielerriege, betört Mouret den Zuseher mit einer kleinen, hochamüsanten Geschichte rund um die  Auswirkungen eines „harmlosen“ Kusses. In einer zurückgenommenen, fast kammerspielartigen, aber nichtsdestotrotz hochspannenden, Inszenierung dominiert die feine Geste und unaufgeregtes Schauspiel. Untermalt von Schubert und Tschaikowski kann man sich dergestalt selbst, oder ich sollte vielleicht sagen, gerade am Land den einen oder anderen Sonntag Vormittag allerbestens unterhalten.

Wer sich zufällig in der Gegend befindet oder ebenfalls eine Auszeit vom Großstadtleben sucht, es gibt noch weitere Frühstückstermine samt Filmgenuss. Vorreservieren sollte man nicht vergessen, das Filmfrühstück erfreut sich unter den Kulturgourmets des Umlandes nämlich größter Beliebtheit. Ein Geheimtipp der Autorin: sofern Sie nicht zu den Leuten zählen, die gerne näheren Kontakt mit den von nah und fern angereisten Cineasten wünschen, fragen Sie nach einem eigenen Tisch, sonst kann es gut sein, dass Sie sich dem einen oder anderen steirergewandeten Filmfreund als Tischnachbar gegenüber sehen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…

Hasewend’s Lichtspielhaus

Susanne, 8. März 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 19

Willkommen

 

Der März bricht an, die Temperaturen werden langsam erträglicher, erste feine Anzeichen eines doch noch möglichen Frühlings liegen in der Luft und mit dem Tauwetter werden die Menschen hierzulande etwas lockerer. Manche vielleicht wieder zu locker. Was also hat sich in unserem wunderschönen Land, wo die Schifahrer immer gewinnen und es noch wackere Männer gibt, die ihren Frauen ein Edelweiß vom Berg holen, diesbezüglich getan?

Ein amerikanischer Bürger fällt unter Augenbezeugung zweier heimischer Drogenfahnder unglücklich hin und tut sich moderat weh.

Ein ehrenwerter Herr aus dem Burgenland, der sich vollkommen selbstlos seinen Freunden angeboten hat, ein wenig Geld irgendwohin weiterzuleiten, wird festgenommen.

Zwei Ereignisse die symptomatisch für unser Land sind und die immer wieder die gleichen, ur-österreichischen Reaktionsmuster auslösen. „Ich habe nichts gesehen, war ganz sicher nicht dabei, habe nur das Beste gewollt und überhaupt –  Schuld sind mit Sicherheit die Anderen“. Das Interessante daran, es geht durch! Und zwar seit Jahren –  man könnte auch sagen seit Jahrhunderten (dem Hause Habsburg sei Dank…). Die österreichische Wegschaumentalität ist aber nicht nur verantwortlich für den hiesigen Umgang mit öffentlichen Skandalen – wo sonst ist es möglich, dass immer wieder haarsträubende Dinge bekannt werden, auf die dann entweder eine abwiegelnde Rechtfertigung folgt, oder nach einem leisen Aufschrei in den Medien doch alles wieder unter den mittlerweile gigantischen Teppich gekehrt wird – sie trägt auch maßgeblich dazu bei, dass sich an den herrschenden Zuständen absolut nichts ändert. Wir befinden uns quasi in einem Teufelskreis, den ich kurz mit einem anschaulichen Beispiel aus dem organisierten Verbrechen erklären möchte: keiner schafft es in ein System einzudringen, wenn er sich auf dem geplanten Weg nach oben nicht die Hände schmutzig macht UND sollten ihm dann irgendwann im Lauf seiner Karriere Zweifel in Bezug auf Redlichkeit und Moral kommen, so kann er den Ausstieg aus diesem System ebenfalls vergessen, weil dann alles nach der Devise „mitgehangen – mitgefangen“ verläuft. Das ist das Grundproblem, das sich durch unsere öffentliche Verwaltung, die Polizei und die Politik zieht. Der kleine Max, der seinen Frust dann an einem vermeintlichen Drogendealer auslässt, der unbedeutende Moritz, der dem einen oder anderen Bekannten „einen Gefallen“ tut (meist entgeltlich…), das sind bloß Symptome eines Systems, das seit vielen Jahren gut und reibungslos läuft und an dem sich alle, die daran teilhaben mehr oder weniger schamlos bedienen. Die Rechnung kriegt die Politik bei den Wahlen präsentiert. Sinkende Wahlbeteiligung oder ungültige Stimmabgabe, im allerschlimmsten Fall geht der Wähler einem Demagogen und Agitator auf den Leim…die positive Seite daran? Ich habe noch keine entdeckt, aus welchem Grunde ich mich in der kommenden Woche aufs Land zurückziehen werde und dort der Natur und dem allgemeinen Müßiggang frönen werde. Nachdem ich mich diesbezüglich wieder der Gefahr einer ÖBB-Benutzung aussetzen werde müssen, gibt es an dieser Stelle vielleicht bereits nächste Woche wieder Amüsanteres zu lesen.

 

Susanne, 1. März 2009