Un baiser s’il vous plaît

Seit knapp einer Woche befinde ich mich in der tiefsten steirischen Provinz, was an dieser Stelle der Hauptgrund dafür ist, vom gewohnten Skizzentitel abzuweichen. Alle, die dahinter bereits einen verzweifelten Aufruf der im Hinterland von jeglichem menschlichen Kontakt abgeschnittenen Autorin vermuten, können sich wieder beruhigen, es handelt sich lediglich um den Titel eines Filmes. Eines sehr feinen Filmes im Übrigen und zentrales Thema des heutigen Eintrages. Denn, auch wenn die vergangenen Tage von Dauerregen und Nebel gekennzeichnet und bloß immer neues Prüfen des Kalenders auch tatsächlich Beweis waren, dass die Zeit nicht stehen geblieben war, der Wiener Alltagswahnsinn macht die eine oder andere Flucht in dünner besiedelte Landstriche immer wieder vergnüglich. Und selbst wenn es die überzeugte Stadbewohnerin, als welche ich mich übrigens sehe, nicht glauben mag, kulturelle Lichtblicke finden sich auch am Land, insbesondere wenn man aufmerksam danach Ausschau hält.

Die Weststeiermark rund um die Gegend von Deutschlandsberg hat in dieser Hinsicht viel mehr  zu bieten als Frühschoppen oder Aufmärsche örtlicher Tanzgruppen. Ja, man mag es kaum glauben, im kleinen Eibiswald hat sich, versteckt hinter der Fassade eines Wirtshauses, sogar ein sehr feines Programmkino etabliert. Dieses Lichtspielhaus hat am heutigen Sonntag zum Filmfrühstück geladen. Da kann man sich dann um wohlfeile € 12,50 von 10 bis 11 Uhr vormittags den Bauch vollschlagen, um hernach im bequemen Polstersessel einen ganz vorzüglichen französischen Film zu genießen. Den oben erwähnten „Un baiser s’il vous plaît“ (Küss mich bitte!). Eine überaus charmante Komödie, aus der Feder und unter der Regie von Emmanuel Mouret, der auch gleich den Hauptdarsteller gibt. Gemeinsam mit Virginie Ledoyen und dem Rest der ausnahmslos überzeugenden Schauspielerriege, betört Mouret den Zuseher mit einer kleinen, hochamüsanten Geschichte rund um die  Auswirkungen eines „harmlosen“ Kusses. In einer zurückgenommenen, fast kammerspielartigen, aber nichtsdestotrotz hochspannenden, Inszenierung dominiert die feine Geste und unaufgeregtes Schauspiel. Untermalt von Schubert und Tschaikowski kann man sich dergestalt selbst, oder ich sollte vielleicht sagen, gerade am Land den einen oder anderen Sonntag Vormittag allerbestens unterhalten.

Wer sich zufällig in der Gegend befindet oder ebenfalls eine Auszeit vom Großstadtleben sucht, es gibt noch weitere Frühstückstermine samt Filmgenuss. Vorreservieren sollte man nicht vergessen, das Filmfrühstück erfreut sich unter den Kulturgourmets des Umlandes nämlich größter Beliebtheit. Ein Geheimtipp der Autorin: sofern Sie nicht zu den Leuten zählen, die gerne näheren Kontakt mit den von nah und fern angereisten Cineasten wünschen, fragen Sie nach einem eigenen Tisch, sonst kann es gut sein, dass Sie sich dem einen oder anderen steirergewandeten Filmfreund als Tischnachbar gegenüber sehen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…

Hasewend’s Lichtspielhaus

Susanne, 8. März 2009

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Skizzen aus Wien – Nr. 12

Chinarestaurant Modern

 

Es war eine ereignisreiche Woche. Zwei Erlebnisse halte ich persönlich für nachrichtenwürdig, ich möchte sie den Lesern nicht vorenthalten.

Nummer 1: Eine Broschüre an meiner Tür, die sich als Werbebotschaft des Chinarestaurants meiner Wahl entpuppte, informierte mich darüber, dass dessen japanische, chinesische & thailändische Spezialitäten von einem Haubenkoch zubereitet würden. Das verstand ich nicht ganz, denn obwohl ich dort immer wieder Mittagsmenüs bestellte, hatte ich bisher eigentlich nicht den Eindruck, es handle sich um haubenwürdige Küchenkunst. Es konnte also bloß zwei Gründe für diese vollmundige Ankündigung geben. Entweder die internationale Gourmetvereinigung hat Natriumglutamat zum Gewürz des Jahres 2009 erhoben, oder aber die derzeit arktischen Temperaturen haben den Chef de Cuisine dazu gezwungen seine Winterhaube auch beim Kochen aufzubehalten.

Nummer 2: Der Trend hochqualifizerten Arbeitskräften Hungerlöhne zu zahlen, scheint in der Medienbranche auch bei so genannten Big-Budget-Produktionen um sich zu greifen. So war ich gestern aus Neugier darüber, wie die Serie „Die Tudors“ das Schicksal der Anne Boleyn aufarbeiten würde, ebendort hängen geblieben. In jedem Fall würde sie enthauptet werden und während die arme Ex-Königin in ihrer Zelle auf die bevorstehende Hinrichtung vorbereitet wurde, sprach ein Priester salbungsvolle Worte. Diese ließen mich kurz wieder die Aufmerksamkeit auf meine Zeitungslektüre richten, als mich ein Satz des würdigen Herrn abrupt aufhorchen ließ: „…es ist die Zeit des…bla, bla….des Zerreißens und des Zusammennähens, die Zeit des bla, bla…“. Was?! Das klang nun wirklich nicht nach einem Zitat aus der heiligen Schrift! Zerreißen und Zusammennähen! Nach kurzem Überlegen wurde mir schließlich klar, dass man offenbar bei der Übersetzung den Sparstift angesetzt hatte. Der werte Dolmetsch hatte wohl die Worte „Reap and Sow“, was soviel heißt wie Ernten und Säen, mit den Worten „rip and sew“, also Zerreißen und Nähen, verwechselt. Hier macht sich auch der Trend in Schulen und Universitäten nur mehr in spezialisierte Ausbildungen zu investieren bezahlt, denn dadurch werden wenigstens gleich ordentliche, bombastische Fehler gemacht. Ich habe auf jeden Fall sehr gelacht und ich freue mich schon darauf, wenn nach dem Auslagern entsprechender Arbeitskräfte, die Synchronisationen mit indischem oder chinesischem Akzent daherkommen. Vielleicht kann sogar mein Chinarestaurant mit qualifiziertem Personal aushelfen?

Susanne, 11. Jänner 2009

Skizzen aus NY – Nr. 2

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Seit gut einer Woche bin ich Dorfbewohnerin. 14th Street im Norden, Houston Street im Süden, Avenue D im Osten sowie Bowery bzw. 3rd Avenue im Westen, bilden die anerkannten Dorfgrenzen. Im örtlichen Jargon spricht man von der East Village, oder auch bloß von der Village – obwohl diesen Titel wohl die Bewohner des Dorfes westlich davon reklamieren würden: Greenwich Village trug ihn Jahrzehnte, jetzt wurde er, zusammen mit den meisten, die hip sein wollen, ostwärts gespült und die East Villagers beanspruchen ihn für sich . The Village – die liegt jetzt im Osten.  

Seit einer guten Woche bin ich also Mitglied in der Dorfgemeinschaft. Dorfbewohner werden ist hier leicht. Man braucht kein Leumundszeugnis, es gibt keine Dorfgrenzposten, die unangenehme Fragen stellen, man muss nur wollen. Und das tun derzeit viele. Es kommt also lediglich darauf an, sich einen der begehrten Schlafplätze zu sichern. Meiner liegt in der 10th Street, direkt hinter der St. Mark’s Church-in-the-Bowery, einer der ältesten Kirchen im Dorf. In der gesamten Stadt. Ich hatte demnach Glück. Und fühle mich seit gut einer Woche als Mitglied in dieser skurrilen Gemeinde, die sich aus Musikern, Filmleuten, Künstlern, Hängengebliebenen, Verlorengegangenen, Suchenden und Noch-Nicht-Gefunden-Habenden zusammensetzt. Die Village ist einzigartig. Man merkt es sobald man eintritt ins Dorf. Für mich war das der vergangene Samstag, als mich das Taxi aus Brooklyn an der 10. Straße freigab. Kurze Zeit später, im Dorfmarkt nach den ersten Vorräten für meinen Aufenthalt suchend, im Marktradio spielte man „Truckin“ von The Grateful Dead, da wusste ich, alles wird gut. 

Seit etwas mehr als einer Woche bin ich Dorfbewohnerin. Mittlerweile habe ich mich gut eingelebt. Zwischen den langen Exkursionen an meine Arbeitsstätte, die im sterilen Dorf „Midtown“ liegt, erkunde ich die Trampelpfade anderer Dorfbewohner und versuche mir ein Bild von dem zu machen, was das Dorf ausmacht. Hier ein paar Hipster, die mit Hornbrillen ihren Rimbaud auswendig lernen, dort zwei übrig gebliebene Hippies, auf der 6th Street wird gerade ein Film gedreht, in dem angeblich Natalie Portman mitspielt, Kapuzenjacken sind in. Ein Sammelsurium aus einprägsamen Charakteren, die nicht immer herausstechen, aber trotzdem Teil der Gemeinschaft sind. Und man verträgt sich. Zumeist. Geht zivilisiert mit einander um, auch wenn der andere eine der eigenen diametral entgegen gesetzte Weltanschauung besitzt. Im Moment zumindest, denn die Zeiten ändern sich schnell, in der Village.  

Seit gut einer Woche bin ich also Dorfbewohnerin und fühle mich hier wohl. Heute ist Sonntag. Vor kurzem aufgestanden, habe ich meinen Mantel übergeworfen und mich auf den Weg zum Coffeeshop meines Vertrauens gemacht. Ich wandle vorbei an der St. Mark’s Church, eine Handvoll Gläubige, samt Priester und Laien, ausgestattet mit Kreuz und Palmwedeln, macht sich singend auf ihren Palmzug. „This little light of mine, I´m gonna let it shine…“. Fast möchte ich mitziehen, bis mir der Kaffee wieder einfällt und ich weiterschlurfe. Im Coffeeshop spielt man die Sexpistols und alle sind glücklich. Am Nachhauseweg kehrt auch der Palmsonntagszug wieder zurück. Immer noch dasselbe Lied auf den Lippen. „…I’m gonna let it shine“. Für zwei zufrieden wirkende Punks, die sich über die kleine Schar von Gläubigen amüsiert, geht die Nacht vermutlich eben erst zu Ende. Für einen kurzen Augenblick befinden sich die Beiden auf gleicher Höhe mit dem Palmzug und so skurril der Kontrast – die Kleider der Priester, das Outfit der Punks – nach ein paar kurzen Blicken auf einander, wandelt jeder wieder seiner Wege. Die Fotogelegenheit habe ich versäumt und meine im Vorbeigehen zu den beiden lachenden Punks „Ich hätte euch alle auf ein Foto bannen sollen“. „Das hättest du“ entgegnet einer von ihnen freundlich. Das hätte ich wohl. Ich ärgere mich kurz über die verpasste Gelegenheit, bis mir wieder einfällt, wo ich bin. Ich bin im Dorf! Dorfbewohnerin! Derartige Gelegenheiten kommen bald wieder. Sie bieten sich hier an allen Ecken und zu jeder Tageszeit. Ich wünsche den beiden Punks noch einen schönen Sonntag, sie mir auch. „I see you“ – „Yeah, I see you“. Man sieht sich. Man wohnt nicht umsonst im selben Dorf. 

 

Susanne, 16. März 2008

The Sandworm

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The Sandworm versteht sich als Online-Feuilleton zu verschiedensten Themenbereichen. Von Reiseberichten über Musikkritiken, von Filmrezensionen bis hin zu sozialpolitischen Kommentaren zur Lage der Stadt, des Landes und der Welt. The Sandworm setzt sich grundsätzlich keine Grenzen worüber es berichten will und ist darauf ausgerichtet mit der Zeit zu wachsen. So ist unter anderem auch beabsichtigt, wahlweise Artikel auf englisch oder deutsch zu verfassen. The Sandworm möchte thematische Grenzen ebenso wie Trennlinien zwischen Textarten und Genres überschreiten, um neue Blicke auf Altes und erste Blicke auf Neues zu öffnen.