Skizzen aus Wien – Nr. 28

sandworm - artwork zoer

 

Vor nicht allzu langer Zeit (nachzulesen hier) führten mich verschiedenste Umstände an einen äußerst seltsamen Ort, der nur über Umwege erreichbar ist und weit entfernt von der pulsierenden Hauptstadt (angeblich Wien) liegt, man kann fast sagen, hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Dort machte ich allerlei erstaunliche Entdeckungen und fand mich schließlich im Zentrum einer gewaltigen Verschwörung wieder. Ganz sicher in Bezug auf die Richtigkeit meiner Theorie war ich mir nicht – der dort lokalisierte heilige Gral aller Anhänger obskurer Vorfälle, der Franz Kafka Gedenkraum, hatte mich zwar in meinen Mutmaßungen bestätigt, andererseits hegte ich noch immer einige substantielle Zweifel.

Worum geht es? In Maria Gugging wird in Kürze eine österreichische „Eliteforschungsanstalt“, das so genannte I.S.T., eröffnet, beim Lustwandeln durch den beschaulichen Ort und seine Nachbargemeinde Kierling jedoch fand ich auffällige Indizien dafür, dass es sich dabei wohl weniger um Forschung im klassischen Sinne, als viel mehr um ein gigantisches Forschungskomplott handeln dürfte. Denn was können eine Einrichtung für psychisch auffällige Kunsttalente, eine zuvor abgesiedelte psychiatrische Klinik und eine neu errichtete Wirkungsstätte für sogenannte Eliteforscher schon gemeinsam haben? Es kann sich dabei lediglich um die Fortsetzung der österreichischen Paradestrategie in der wissenschaftlichen Forschung handeln! Aufgebaut auf den Prinzipien Täuschen und Tarnen, werden hier nämlich nicht richtige Forscher angeheuert, sondern bloß Leute, die sich einbilden sie wären richtige Forscher, nicht Eliteforscher, sondern Eliteforscher (dieses Wort sollte immer mit hochgezogenen Augenbrauen und mit Blick von unten nach oben ausgesprochen werden). Um derartige Eliteforscher loszuwerden sind ausländische Entitäten bereit hohe Ablösesummen zu zahlen, des weiteren werden die Ausnahmeforscher hierzulande nicht besonders auffallen, im Gegenteil, ein Großteil von ihnen wird sich außerordentlich gut integrieren, sie werden es bis in allerhöchste Positionen und Ämter schaffen.

Bis dato konnte ich kein einziges Faktum ausfindig machen, welches diese brisante These falsifizieren mochte, seit wenigen Tagen jedoch bin ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon überzeugt, dass es genau so ist wie vermutet, mehr noch, dass ein höherer Zweck dahinter steht, der dieser gigantischen Verschwörung zugrunde liegt. Und zwar basierend auf der Tatsache, dass man vor kurzem angekündigt hat, Österreich würde die Mitgliedschaft im Forschungszentrum CERN aufkündigen, sie bringe wenig Nutzen, sei schlicht zu teuer.

Mir schwante sofort, dass dies alles mit den jüngsten Aktivitäten in Maria Gugging zu tun haben musste, in einschlägigen Postingforen fand ich schließlich den ausständigen Beweis. Man hatte zu Beginn dieses Jahres den Absetzbetrag für die Kirchensteuer verdoppelt, eine Mitgliedschaft in einer seriösen Forschungsgruppe wollte man sich nicht mehr leisten, die „Eliteforschung“ würde forthin in Maria Gugging stattfinden, wo – und nun halten Sie sich bitte fest – nicht zufällig auch ein mysteriöser kirchlicher Wallfahrtsort, die Lourdesgrotte, liegt! Nun musste ich nur noch die einzelnen Punkte neu verbinden – Lourdesgrotte, Kirchensteuer, CERN-Kündigung, Eliteforscher – und es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Man will sich in Österreich nicht mehr mit lächerlicher naturwissenschaftlicher Forschung herumärgern, kostet viel Geld, bringt nicht viel, man hat sich hierzulande offenbar vorgenommen, mit vereinten Kräften – Eliteforscher und Kirche – Gott selbstpersönlich zu finden!

 

Laizismus Initiative

P.S. All jene, die sich als Anhänger der Prinzipien der Aufklärung sehen und die sich dafür einsetzen wollen, dass ein derartiges Hirngespinst nicht doch einmal Realität wird, seien hiermit eingeladen, eine Initiative zu unterstützen, die sich für eine vollständige Trennung von Staat und Religion engagiert. Dadurch würden einige Gelder frei werden, man könnte sie, wenn man ganz mutig ist, auch für vernunftbasierte wissenschaftliche Forschung einsetzen. Mehr dazu unter: www.laizismus.at

 

Susanne, 10. Mai 2009

Demokratie für Anfänger

peeking sandworm - artwork zoer

 

Kennen Sie die Geschichte mit dem Fuchs, aus Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“? Ja? Ein schönes Gleichnis, nicht? Für alle, die sich im Augenblick nicht daran erinnern, es geht um die Begegnung des kleinen Prinzen mit dem Fuchs und dessen Einladung ihn doch zu zähmen. Das würde allerdings nicht von heute auf morgen von statten gehen, sondern eine Zeit lang dauern, wenn er denn aber einmal gezähmt sei, der Fuchs, dann würde er ihn wirklich kennen lernen, er würde ihm vertraut werden. Erst nachdem der Fuchs und der kleine Prinz sich kennen gelernt hatten, der Fuchs gezähmt war, offenbart ihm dieser den allerwichtigsten Punkt dieses Prozesses:  „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast“. Eine große Verantwortung also dieses Zähmen.

Mir geht es dieser Tage ähnlich. Ich bin auf ein sehr scheues Wesen gestoßen und habe beschlossen es mir besser vertraut zu machen. Dieses Wesen nennt sich Politiker und versteckt sich gemeinhin in düsteren Gemeinderatsstuben und Sitzungssälen. Manche von ihnen reagieren nach dem Prinzip „Kampf oder Flucht“ mit ersterem und stürzen sich auf die Leute, brüllen sie von Podesten an, reden unentwegt auf sie ein, andere wieder sind sehr ängstlich und verstecken sich vor dem so genannten Souverän – der hierzulande das Volk ist – trauen sich nur ganz selten aus ihren geschützten Lagern, und wenn, dann meist in Gruppen. Was ihnen aber hierzulande meines Erachtens größtenteils gemein ist, ist die Tatsache, dass sie davon ausgehen, dass ihnen die im Staats- und Parteiwesen zugedachte Funktion, einmal mutig erobert, auf Lebzeiten gehört, und dass man sie ihnen nicht mehr wegnehmen darf, egal was sie über die Jahre nach den Posteneroberungsfeldzügen dafür bereit sind zu leisten.

Nun, in diesem Punkt unterliegt das scheue Politikerwesen einem Irrglauben, denn gewählte Ämter oder Positionen hat man, auch hierzulande, eben deshalb inne, weil man gewählt wurde. Manchmal vom Volk, manchmal von den eigenen Artgenossen. Trotz allem ist das charakteristische in einer Demokratie, auch innerhalb einer Parteidemokratie – meines bescheidenen Wissens nach – die Tatsache, dass eine Wahl weder im einen, noch im anderen Gremium auf Lebzeiten gültig ist.

Diesen Grundsatz lernen manche Politikwesen oft brutal und völlig unvorbereitet, wenn sie abgewählt werden. Einige von ihnen können die erlittene Schmach auf Lebzeiten nicht verkraften, andere weigern sich gar, die Legitimität der Abwahl überhaupt anzuerkennen und leben forthin im Glauben, diese Abwahl kann nur, muss, ein schrecklicher Irrtum gewesen sein.

Nichtsdestotrotz und um in dieser langen Rede auf den Punkt zu kommen, hierzulande gibt es was das Wahlvolk betrifft eine gewisse Trägheit. Man jammert viel und oft, ist unzufrieden mit den Politikern und Politikerinnen, die sich stellvertretend für ihre Artgenossen aus dem schützenden Parteilager trauen und hofft inständig es möge endlich jemand des Weges kommen, den man wieder guten Gewissens wählen kann. Vielen Grünwählern geht es in der letzten Zeit so, auch vielen die irgendwann einmal mit dieser Partei sympathisiert haben, die sich aber enttäuscht abgewandt haben und sich nun zumeist mit traurigen Augen im engen Freundeskreis sitzend wieder finden, und immer und immer wieder dasselbe Problem (einstimmig) lamentieren.

Erfreulicherweise aber gibt es noch Bewegungen, die sich nicht vom trägen Fluss des Jammerns und Zeterns hinwegspülen haben lassen, sondern mutig nach Lösungen suchen. Die Initiative „Grüne Vorwahlen“ ist so eine. Schlaue Leute haben da in den Statuten der Wiener Grünen einen Passus entdeckt, der auch bloßen Sympathisanten, also Leuten wie mir, die Mitgliedschaften in ideologischen Gruppierungen fürchten wie der Teufel das Weihwasser, die Möglichkeit eröffnen, aktiv am politischen Prozess mitzuwirken und ihnen, zumindest theoretisch, ein Stimmrecht für die Wahl der Kandidaten der Grünen bei den Gemeinderatswahlen 2010 geben.

 

Logo Grüne Vorwahlen

 

Langer Rede kurzer Sinn, ich habe meine Sachen gepackt, bin gestern zur betreffenden Informationsveranstaltung ins Wiener Cafe Westend gefahren und habe mich kurz und schmerzlos als Grüne Vorwählerin registriert. Als die 100. übrigens. Preis hab ich dafür vorerst keinen bekommen, aber der kommt vielleicht noch, denn ich habe die Chance, wie meine Grünen Mitvorwähler auch, einen Schritt zu tun, weg vom bloßen Lamentieren hin zum aktiven Teilnehmen und das kann unter Umständen in einer Bewegung münden, vielleicht in einer fruchtbaren, in der die scheuen Politiker – vorerst beschränkt auf die der Grünen – ganz vorsichtig und sanft aus ihren Verstecken gelockt werden und ein behutsamer Zähmungsversuch gestartet wird. Ein Zähmungsversuch mit großer Verantwortung, das steht fest, aber man weiß ja nie, vielleicht kitzeln wir einen kleinen Obama aus seinem Lager, einen Politiker oder politisch Ambitionierten, der oder die sich mutig seinen oder ihren Wählern stellt und zum Kandidaten wird, den man mit Überzeugung wählen kann? Vielleicht! Man sollte die Hoffnung, dass derartiges auch in Österreich passieren kann noch nicht aufgeben.

Ich kann derzeit noch nicht viel über den Prozess der grünen Vorwahlen sagen, aber ich werde ihn hochneugierig begleiten und an dieser Stelle zu unregelmäßigen Zeiten darüber berichten. Was am Ende steht, oder ob das Ende vielleicht gar ein Anfang ist, wird man sehen. Für alle, die es ebenso wie ich leid sind, sich über die politische Situation in unserem Land zu ärgern und aktiv etwas zu einer Änderung beitragen möchten, für alle, die mit den Grünen sympathisieren und Wien als ihren Lebensmittelpunkt sehen, gibt es bis zum 15. Juni noch die Möglichkeit sich auch als Grüne Vorwähler registrieren zu lassen. Und zwar hier. Dort finden sich zudem viel ausführlichere Informationen, als ich sie an dieser Stelle geben kann. In diesem Sinne darf ich für heute auch mit Saint-Exupéry schließen: „Es gibt keine Lösungen im Leben. Es gibt Kräfte in Bewegung: die muß man schaffen; die Lösungen folgen nach“ (Nachtflug).

 

Susanne, 29. April 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 23

Karlsplatz Wien

 

Der Frühling ist ausgebrochen. Gottseidank! Und nachdem das derzeit herrschende Wetter alle innenpolitischen Ärgernisse der vergangenen Woche vergessen machte, begab ich mich allerbester Laune auf einen kleinen sonntäglichen Ausflug. Dieser führte mich zunächst ins Wien Museum am Karlsplatz, wo ich mir nicht nur die Dauerausstellung, sondern gleich auch die aktuell laufende Schau „New York – Big City (Street Photography)“ ansah, das alles völlig kostenlos dank einer lobenswerten Sponsoring Aktion des Standard. Die Fotoausstellung läuft übrigens noch bis 24. Mai und sei hiermit wärmstens empfohlen.

 

Wien Museum am Karlsplatz

 

Das Wien Museum am Karlsplatz ist ein äußerst charmantes, übersichtliches kleines Museum. Architektonisch hochinteressant untergebracht, bietet die Dauerausstellung einen Überblick über die kunst- und kulturgeschichtliche Entwicklung Wiens, mit wenigen wohlsortierten Ausstellungsstücken, die im Gegensatz zu manch anderem mit Kunstwerken überladenen Museum auch Raum zum Flanieren und Gustieren läßt. Der Grundsatz „Weniger ist Mehr“ wurde vom Kuratorium des Museums dankenswerterweise berücksichtigt. Daneben bietet das Museum dann auch kleinere zeitlich befristete Sonderausstellungen, wie eben im aktuellen Fall die Schau zum Thema Streetphotograpy in New York.

Nach einer gemütlichen Wanderung durchs Museum drängten mich die warmen Temperaturen wieder nach draußen und ich hatte kurz angedacht mich in Richtung Museumsquartier zwecks Frischluftgenuss und Draußensitzvergnügens zu bewegen, als ich bereits beim Café der Kunsthalle durch eine Massenansammlung von sogenannten Bobos abgeschreckt wurde. Nachdem mir aktuell der Sinn gerade nicht danach stand, mich mit Aperol-Spritzer bei ziemlich lauter Musikbeschallung (aus der Sparte „Elektronik“ – was sonst?) unter eine repräsentative Stichprobe aus Vertretern der gehobenen, jung-urbanen, gut gekleideten Spaßgesellschaft zu mischen (obwohl ich das zugegebenermaßen doch hin und wieder tue – in Wien bleibt einem als Alternative sonst leider wenig anderes übrig…), drehte ich kurzerhand am Absatz um und schlenderte wieder in Richtung Karlsplatz, wo ich mich schließlich dafür entschied, den wohltuend leeren Gastgarten des Otto Wagner Pavillons zu frequentieren.

 

Otto Wagner Pavillon am Karlsplatz

 

Ich hatte die richtige Entscheidung getroffen, denn es dauerte bloß, für Wiener Kellnerverhältnisse weltrekordverdächtige, 20 Sekunden nachdem ich Platz genommen hatte, da stand auch schon eine, für Wiener Kellnerverhältnisse ebenfalls erstaunlich, ausnehmend freundliche junge Kellnerin vor mir und fragte höflich nach meinen Wünschen. Die Speisekarte wies ausnahmsweise keine asiatische Fusionsküche auf, sondern herzhafte Klassiker à la Schinken-Käse-Toast oder Sacherwürstel. Ich entschied mich, um keinen milieubedingten Stilbruch zu begehen, für eine Gulaschsuppe samt Radler. Die nächsten eineinhalb Stunden schließlich verbrachte ich mit in die Sonne schauen, Touristen betrachten, essen, trinken oder hochinteressiert der bestechenden Musikbeschallung durch Ausnahmekünstler wie Phil Collins oder Status Quo zu lauschen.

Wien kann hin und wieder richtig charmant sein.

 

Nützliche Links:

Wien Museum am Karlsplatz

Otto Wagner Pavillon

 

Susanne, 5. April 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 22

 

Sandworm (artwork by zoer)

 

Neulich führte mich die Aussicht auf eine vermeintliche berufliche Verbesserung nach Gugging. Gut, jeder vernünftige Mensch wäre bereits bei der gleichzeitigen Erwähnung von Verbesserung und Gugging skeptisch geworden, ein so genanntes Oxymoron mag eine derartige Wortkombination sein, aber, die Aussicht auf einen Ausflug in die Wiener Peripherie und die mögliche Erweiterung meines Horizontes haben mich sofort zusagen lassen, die abenteuerliche Reise anzutreten. Ich muss ganz offen gestehen, dass mich hauptsächlich die Sympathie für das Projekt „Art Brut Galerie“ dorthin getrieben hat, nicht nur eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, sondern vor allem die Neugier, diesen Ort, den ich vor Jahren im Rahmen eines schulischen Ausfluges besucht hatte, wieder zu sehen. Es war also Dienstag, der 24. März, als ich gegen 9 Uhr früh vom 8. Wiener Gemeindebezirk aus aufbrach. Hätte ich geahnt, dass ich erst viele Stunden später wieder heimkommen würde, ich hätte mir Proviant eingepackt.

Nach 3-maligem Umsteigen und einer lauschigen Fahrt im Bus nach Maria Gugging, eine Fahrt, die ungefähr 10x länger dauerte als angenommen und ich somit bereits einiges an Verspätung für den vereinbarten Termin angesammelt hatte, rief der Busfahrer, den ich kurz zuvor gefragt hatte, wie lange es noch dauern möge, lautstark „I.S.T.“ ins Businnere, das Code-Wort für meinen Ausstieg, denn nicht nur eine vereinsamte Künstlerkolonie, deren Schaffende jene eine Gemeinsamkeit verbindet, dass sie unter, nennen wir es psychischen Auffälligkeiten leidet, sondern auch die künftige Brutstätte „Österreichischer Eliteforschung“ (schon wieder fast ein Oxymoron…) sind in Gugging angesiedelt. Kurz nachdem mich also der Bus an der verwaisten Haltestelle von Maria Gugging ausgespuckt hatte, wurde ich dort auch schon vom brüllenden Lärm der Baustelle des I.S.T. willkommen geheißen und spürte sogleich was man auf der Webseite des I.S.T. vollmundig als „Der Campus liegt mitten in der schönen Landschaft des Wienerwalds, nicht weit vom urbanen Zentrum Wiens, der pulsierenden Hauptstadt Österreichs“ angekündigt hatte. Ein Haufen Bauarbeiter, behelmt, Schotterstraßen, Baukräne und Lastwägen – einfach idyllisch. Dass der Begriff „nicht weit“ ein dehnbarer ist, wurde mir ebenso klar, denn von der pulsierenden Hauptstadt (was immer damit gemeint sein mag…) hatte ich bis mitten in die schöne Landschaft des Wienerwaldes etwa eineinhalb Stunden gebraucht. Einen kurzen Fußweg von 500 Metern später, vorbei an zwinkernden Bauarbeitern, hinweg über eine lehmige Schotterstraße, und ich stand auch schon, eine halbe Stunde verspätet, in der Galerie des Art Brut Centers von Gugging.

Über das folgende Gespräch muss ich nicht viele Worte verlieren, außer, dass die dort Beschäftigten offenbar das Schicksal teilen, dass viele, die zu lange mit psychisch Auffälligen zu tun haben, ereilt, es kommt offenbar unvermeidbar zum einen oder anderen induzierten Wahn (nachzulesen bei Wikipedia unter „Formen von Wahn“). Das Interview-Panel war sichtlich verstört über die Frechheit, die ich mir mit dem Zuspätkommen geleistet hatte und konnte absolut nicht einsehen, dass ich die Distanz von Wien nach Gugging unterschätzt hatte. Es muss sich um eine Art Wahrnehmungsstörung handeln, die sich auf des gesamte Team in der Galerie ausgebreitet hat, deren Hauptsymptomatik offenbar darin bestand, die Lokalisation von Gesäß und Nabel zu verwechseln, sich also am Nabel der Welt zu wähnen, wo man sich doch am Gesäß, oder sagen wir wie es ist, am Arsch derselben befand. Gut. Sei das wie es ist, jeder der in der Therapie psychischer Auffälligkeiten geschult ist, wird wissen, dass man wahnhafte Entwicklungen zumindest argumentativ nicht behandeln kann, zur Verschreibung wirksamer Medikamente bin ich von Gesetzes wegen nicht befugt, ich blieb also den Rest des Gespräches über distanziert freundlich.

Man möchte nun meinen, dass ich nach dieser kuriosen Unterhaltung in der Galerie so schnell wie möglich die Heimreise angetreten hätte, das war jedoch nicht der Fall, im Gegenteil, meine Neugier war geweckt und ein leiser Verdacht hatte in mir zu keimen begonnen. Das mag zwar wiederum die Frage aufwerfen, ob sich von dem oben beschriebenen wahnhaften Geschehen, nicht vielleicht doch ein wenig auch auf mich übertragen haben könnte, wer aber so wie ich (nach überstandenem Interview) einen kleinen Spaziergang durch das benachbarte Dorf wagt, und, so wie ich, bewandert ist, was die Abgründe und Niederungen der österreichischen Seele betrifft, dem wird hernach auch so einiges klarer erscheinen.

Zunächst darf ich allen, die sich für Kunst interessieren den Besuch der Galerie ausdrücklich ans Herz legen. Vielleicht im Rahmen eines Sonntagsausfluges und am besten ausgestattet mit einem Auto. Dann lohnt es sich allemal. Darüber hinaus jedoch war mir schon bei der Anreise eines klar geworden, die Ansiedelung einer so genannten Elite-Forschungseinrichtung in Maria Gugging konnte bloß ein brillanter österreichischen Schachzug sein. Es geht nämlich nicht, wie in den offiziellen Quellen angegeben, um die Etablierung einer „Elite-Uni“, nein, man müsste es vermutlich eher als potemkinsches Uni-Dorf beschreiben. Die Absiedelung der psychiatrischen Klinik aus Gugging war dementsprechend bloß ein Täuschungsmanöver, um, nach der Eröffnung des I.S.T. Austria, genauso weiter zu machen wie zuvor. Man behandelt oder verwahrt (je nach Sichtweise) nennen wir es „psychisch auffällige“ Personen, die unter der größenwahnsinnigen Einbildung leiden, sie wären Eliteforscher. Eliteforscher also als Euphemismus für Personen, die sich einbilden, sie wären Eliteforscher. I.S.T. steht möglicherweise auch gar nicht für Institute for Science and Technology, sondern vielleicht zum Beispiel für Institute for Sociophobic Technologyfreaks (Institut für sozialphobische Technologienarren) oder Ähnliches.

Man könnte sich dann fragen, warum hier Millionen von Euros dafür verwendet werden, einigen wahnhaften Leuten vorzugaukeln, sie wären tatsächlich Teil eines Elite-Forschungsnetzwerkes? Nun, derlei hat in Österreich Tradition. Man muss sich nur unsere Regierung ansehen, dann wird jedem klar, dass dort dasselbe Prinzip vorherrscht. Ein Haufen Leute, die sich selber für ausgezeichnete Staatsmänner und -frauen halten, die davon überzeugt sind, über einen herausragenden politischen Instinkt zu verfügen und vorzügliche Regierungsarbeit zu leisten. Wer sich das nüchtern und von außen betrachtet ansieht, kann nur zur Überzeugung gelangen, dass es sich hierbei um eine Art konzentriert auftretender Psychose handeln muss, eine Massenpsychose wenn man so will. Dasselbe gilt übrigens für Manager in staatsnahen Betrieben und Vorstände von Banken. Jeder der sich in letzter Zeit Interviews mit diesen Menschen angesehen hat, wird mit Sicherheit zur Auffassung gelangen, dass es sich bei den jeweiligen Interviewten NICHT um brillante Politiker, erfolgreiche Manager, besonnene Banker handeln kann, sondern viel mehr um Personen, die voll und ganz dem Wahn erlegen sind, sie WÄREN brillante Politiker, erfolgreiche Manager, besonnene Banker.

Dieses System funktioniert in Österreich! Warum also eine erfolgreiche Idee nicht auch auf die Forschung umlegen. In Wien nagen die Universitätsassistenten am Hungertuch, welcher vernünftige Mensch würde da nicht auf den naheliegenden Gedanken kommen, ein Exzellenzzentrum in Gugging zu errichten, um die österreichische Tradition innovativer Forschungskonzepte erfolgreich weiterzuführen. Das muss sich ganz sicherlich auch rentieren, denn stellen Sie sich vor, wie froh andere Länder sind, wenn sie sämtliche ihrer Eliteforscher in Österreich parken können. Vermutlich werden da Ablösesummen gezahlt, welche die Bau- und Erhaltungskosten des I.S.T. um ein Vielfaches übersteigen.

Nachdem ich also die Baustelle, die nicht weit vom urbanen Zentrum Wiens, der pulsierenden Hauptstadt Österreichs lag, wieder verlassen hatte, und der nächste Bus erst in 20 Minuten kommen sollte, machte ich mich auf und marschierte gemütlich in Richtung pulsierender Hauptstadt Österreichs. Auf dem Weg dorthin kam ich in das dem Forschungszentrum am nächsten liegende urbane Zentrum, welches den poetischen Namen „Kierling“ trug (ich begann mir bereits in Gedanken Tragödien á la Mayerling auszumalen…). Ein beschauliches Städtchen, dessen Häuserreihen sich einladend an die charmante Bundesstraße B 14 schmiegen. Kierling hätte nebenbei das Zeug zum Zentrum für quantenphysikalische Forschung zu werden, im Ort selber nämlich scheint es auffällige Zeitsprünge zu geben, von einer Bushaltestelle zur nächsten sind es mit Sicherheit 500 Meter, der auf den Fahrplänen angekündigte Bus jedoch hält bei beiden Haltestellen in derselben Minute! Ich rieche bereits die Nominierung für den nächsten Nobelpreis. Und die Einwohner von Kierling bereiten sich auch schon voller Freude auf den Einzug der Eliteforscher vor. Da liest man dann Willkommensschilder wie „Warnung vor den 4 Hunden“ auf den vergitterten Hauseinfahrten.

Als ich schließlich bei der dritten Haltestelle in Kierling angekommen war und mich laut Fahrplanaushang auch wieder in einer Zone befand, in welcher die Zeit normal voranschritt, wurde ich schließlich eines Schildes angesichtig, das mir all das, was ich hier ausgeführt habe, und was schließlich auch einen Teil jener Gedanken widerspiegelt, die mir beim Ausflug selbst durch den Kopf gegangen waren, nicht bloß als paranoide Fantasie, sondern als absolute Realität bestätigte. Ich blickte gedankenverloren vor dem Wartehäuschen stehend nach oben und sah ihn, den Beweis, dass nichts von dem was ich mir ausgemalt hatte, Einbildung war, das Hinweisschild auf den „Franz Kafka Gedenkraum“! Soetwas kann kein bloßer Zufall sein, das muss Schickalsfügung und Zeichen zugleich sein. Hier in Kierling, an der Hauptstraße 187 steht jenes Gebäude, das am Beginn des 20. Jahrhunderts das Sanatorium Hoffman war und in dem am 3. Juni 1924 Franz Kafka, seines Zeichens Schutzherr absurder, albtraumhafter, aber doch im Kern wahrer, österreichischer Lebensrealitäten, sein Leben ausgehaucht hat. Ich kniete nieder, bekreuzigte mich, 5 Sekunden später tauchte der Bus aus dem Zeitwurmloch auf, ich stieg ein und trat die lange Heimreise in die pulsierende Hauptstadt Österreichs an.

 

Eventuell nützliche Links:

I.S.T.A.

Art Brut Center Gugging

 

Susanne, 29. März 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 21

Weder kennt das Wetter Gnade, noch die vor sich hinrollende Wirtschaftskrise. Gestern Abend trieben mir die Berichte über Verluste der österreichischen Bundesbahnen wieder einmal die Zornesröte ins Gesicht und so suchte ich verzweifelt nach Trost in der Wochenendausgabe des Standard, der verlockenderweise die Frage: „Gibt es Positives an der Krise?“ zu beantworten versuchte. Hätte das Blatt freundlicherweise gleich auf der ersten Seite mit „Nein“ geantwortet, wäre mir so nicht nur die eineinhalbstündige Lektüre erspart geblieben, sondern es wäre mir vielleicht auch tatsächlich möglich gewesen, mit der gewonnenen Zeit Sinnvolleres anzufangen. So aber las ich einen Kommentar nach dem anderen und war am Ende noch frustrierter als zuvor.  Zwar fanden sich unter den Beiträgen auch einige von Österreichs bekanntesten Kabarettisten, die zitierten Spaßmacher entpuppten sich jedoch durch die Bank als ebenso desillusioniert wie es offenbar der Rest des Landes ist. Während der eine meinte, er könne sehr über die 1% Zinsen auf seinem Sparbuch lachen, konterte der andere mit der Einsicht, dass man am besten über die Krise selbst lachen sollte, man hätte dann wenigstens noch sehr lange zu lachen…Zynismus bzw. Sarkasmus bzw. Verbitterung unter den Komödianten des Landes.

Darüber hinaus gab es noch eine Menge Interviews mit sogenannten Experten, in denen diese mit Ratschlägen wie zum Beispiel „Man gewöhnt sich auch an weniger Einkommen“ Mut machten oder darauf hinwiesen, dass Islandpferde jetzt um 15% billiger zu haben seien (eine isländische Branche, in die unsere ÖBB offenbar durch Zufall nicht investiert haben…). Ein Zukunftsforscher weiß wortreich so gut wie nichts auszusagen, außer, dass jetzt sicher alles besser würde, aber nur, wenn wir es richtig anpackten.

In Anbetracht der Tatsache also, dass dieser Aufmunterungsversuch, wenn auch lobenswert, total in die Hose gegangen war, musste ich am heutigen Tage zu drastischen Maßnahmen schreiten und…spazierengehen! Dazu ist zu erwähnen, dass ich zwar grundsätzlich ein nicht unsportlicher Mensch bin, ja sogar einigen Sportarten aktiv nachgehe, ich mit der Aktivität des Spazierengehens per se jedoch bereits seit Kindheitstagen wenig anzufangen weiß. Ja, eigentlich hat die gutgemeinte Aufforderung, meist von Seiten der Eltern, vor oder wahlweise nach dem sonntäglichen Ausflug in ein Gasthaus, doch ein bisschen spazieren zu gehen im mindesten Fall in hochfrequentem Augenrollen, im schlimmsten in verzweifeltes Flehen à la „Nein, bitte nicht!“ gemündet.

Nun, es zeigt sich was sowohl Wetter als auch Wirtschaftskrise bewirken können. Im Positiven. Ich kann nämlich nicht behaupten, dass mir der heutige Spaziergang nicht gefallen hätte. Im Gegenteil, die unterdurchschnittlichen Temperaturen ließen mich für ein paar Sonnenstrahlen überdurchschnittlich dankbar sein, die Vermeidung wirtschafts- oder politikaffiner Themen schließlich ließ die traurige Lage des Landes und der Welt kurzerhand in den Hintergrund treten. Facit: ein schöner Sonntag – was will man mehr?

 

Susanne, 22. März 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 20

Winterlandschaft

 

Er will nicht so recht. Der Frühling. Immer häufiger zeigt sich die Sonne, es ist auch zunehmend wärmer, und gerade wenn man meint, jetzt, jetzt ist es endlich so weit, steht man morgens auf, zieht die Jalousien hoch und sieht grau. Nichts als grau. Dann wieder Regen, vergangenen Freitag sogar Hagel. Man sollte im März ohnehin noch nicht auf den Frühling hoffen, das ist für unser Land einfach viel zu früh. Ich spreche aus Erfahrung und langjährige Wetterbeobachtung hat bisher folgendes Ergebnis erbracht: in 9 von 10 Fällen kann man damit rechnen, dass es rund um Ostern zu einem Winter-/Schlechtwettereinbruch kommt. Schneefall, Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, das volle Programm. Und Ostern fällt dieses Jahr auf den 12. April – fast ein Monat noch, in dem mit wirklich allem zu rechnen ist.

Warum ich für den heutigen Eintrag ein banales Thema wie das Wetter gewählt habe, liegt auf der Hand. Im Moment gibt es wirklich kaum Erfreuliches zu berichten. Amokläufe, ein Prozess, in dem laut Boulevardpresse ein Monster gerichtet werden soll, die andauernde und zunehmend unfreundlicher werdende Weltwirtschaftskrise, &c. &c. Im Vergleich dazu ist das aktuelle Wetter geradezu eine Frohbotschaft. Und nachdem ich nicht vorhabe, den Lesern den heutigen Sonntag mit weiteren Schreckensmeldungen und den dazugehörigen Analysen zu verderben, bleiben wir doch noch kurz beim Wetter. In Lima hat es aktuell 22.4°C, bei bewölktem Himmel, in Miami hat es bei ebenfalls bewölktem Himmel 22.2°C, in Mombasa ist es heiter, die Temperatur beträgt 29.0°C, in Kuala Lumpur ist es zwar stark bewölkt, trotz allem hat es badefreundliche 31.7°C, in Cairns wird man sich bei noch sonnigen 26.6°C auch nicht verkühlen. Das Restprogramm für den heutigen Tag, der für die Bundeshauptstadt ausgedehnte Wolkenfelder, den einen oder anderen Regenschauer und ein Maximum von 11.0°C verspricht: die Jalousien wieder runterziehen, ins Bett legen und a) einen guten Film schauen, b) bei der aktuellen, hochamüsanten Lektüre fortsetzen, oder c) weiterschlafen. Vielleicht findet sich für alle drei Varianten noch Platz im Tagesprogramm, draußen habe ich heute auf jeden Fall nichts versäumt.

 

Susanne, 15. März 2009

Un baiser s’il vous plaît

Seit knapp einer Woche befinde ich mich in der tiefsten steirischen Provinz, was an dieser Stelle der Hauptgrund dafür ist, vom gewohnten Skizzentitel abzuweichen. Alle, die dahinter bereits einen verzweifelten Aufruf der im Hinterland von jeglichem menschlichen Kontakt abgeschnittenen Autorin vermuten, können sich wieder beruhigen, es handelt sich lediglich um den Titel eines Filmes. Eines sehr feinen Filmes im Übrigen und zentrales Thema des heutigen Eintrages. Denn, auch wenn die vergangenen Tage von Dauerregen und Nebel gekennzeichnet und bloß immer neues Prüfen des Kalenders auch tatsächlich Beweis waren, dass die Zeit nicht stehen geblieben war, der Wiener Alltagswahnsinn macht die eine oder andere Flucht in dünner besiedelte Landstriche immer wieder vergnüglich. Und selbst wenn es die überzeugte Stadbewohnerin, als welche ich mich übrigens sehe, nicht glauben mag, kulturelle Lichtblicke finden sich auch am Land, insbesondere wenn man aufmerksam danach Ausschau hält.

Die Weststeiermark rund um die Gegend von Deutschlandsberg hat in dieser Hinsicht viel mehr  zu bieten als Frühschoppen oder Aufmärsche örtlicher Tanzgruppen. Ja, man mag es kaum glauben, im kleinen Eibiswald hat sich, versteckt hinter der Fassade eines Wirtshauses, sogar ein sehr feines Programmkino etabliert. Dieses Lichtspielhaus hat am heutigen Sonntag zum Filmfrühstück geladen. Da kann man sich dann um wohlfeile € 12,50 von 10 bis 11 Uhr vormittags den Bauch vollschlagen, um hernach im bequemen Polstersessel einen ganz vorzüglichen französischen Film zu genießen. Den oben erwähnten „Un baiser s’il vous plaît“ (Küss mich bitte!). Eine überaus charmante Komödie, aus der Feder und unter der Regie von Emmanuel Mouret, der auch gleich den Hauptdarsteller gibt. Gemeinsam mit Virginie Ledoyen und dem Rest der ausnahmslos überzeugenden Schauspielerriege, betört Mouret den Zuseher mit einer kleinen, hochamüsanten Geschichte rund um die  Auswirkungen eines „harmlosen“ Kusses. In einer zurückgenommenen, fast kammerspielartigen, aber nichtsdestotrotz hochspannenden, Inszenierung dominiert die feine Geste und unaufgeregtes Schauspiel. Untermalt von Schubert und Tschaikowski kann man sich dergestalt selbst, oder ich sollte vielleicht sagen, gerade am Land den einen oder anderen Sonntag Vormittag allerbestens unterhalten.

Wer sich zufällig in der Gegend befindet oder ebenfalls eine Auszeit vom Großstadtleben sucht, es gibt noch weitere Frühstückstermine samt Filmgenuss. Vorreservieren sollte man nicht vergessen, das Filmfrühstück erfreut sich unter den Kulturgourmets des Umlandes nämlich größter Beliebtheit. Ein Geheimtipp der Autorin: sofern Sie nicht zu den Leuten zählen, die gerne näheren Kontakt mit den von nah und fern angereisten Cineasten wünschen, fragen Sie nach einem eigenen Tisch, sonst kann es gut sein, dass Sie sich dem einen oder anderen steirergewandeten Filmfreund als Tischnachbar gegenüber sehen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…

Hasewend’s Lichtspielhaus

Susanne, 8. März 2009