The Sandworm empfiehlt – William Kennedy

Schon längst möchte ich einen Autor empfehlen, der in den USA nicht die Bekanntheit erlangt hat, die er eigentlich verdient hätte und der hierzulande so gut wie unbekannt ist. Es handelt sich um William Kennedy. Der Amerikaner hat sich in den vergangenen Jahren, in denen ich seine Bücher gelesen habe, einen Fixplatz in meinen ewig sich wandelnden Literatur-Top 10 erschrieben.

Kennedy ist vor allem durch seinen Albany-Zyklus bekannt. Für sein Buch „Ironweed“, das auch verfilmt wurde, ist er verdientermaßen mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet worden. Ich selbst habe ihn, obwohl ich ein ganzes Jahr meines Lebens in Albany verbracht habe, erst durch eine Empfehlung eines anderen amerikanischen Autors entdeckt. „Ironweed“ war schließlich auch das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe – es hat mich sofort begeistert und diese Begeisterung hat sich über die Lektüre des restlichen Zyklus stetig verstärkt.

Kennedy hat sich de facto von Buch zu Buch gesteigert, sein Zyklus stellt sich mir nach der Lektüre nun als ein Gesamtwerk dar, das nur wenige Entsprechungen in der Literaturgeschichte findet. Der Autor überzeugt durch einen herausragenden Stil, der in vielerlei Hinsicht an James Joyce erinnert, der aber weniger kompliziert, weniger verkopft wirkt. Seine Sprache ist, so wie sie in einem der Klappentexte bezeichnet wird, eine poetische Prosa, die nahe am Leben der von ihm beschriebenen Protagonisten bleibt, trotz allem aber nie ordinär oder banal wirkt.

In seinen Albany Büchern kreisen die Geschichten um eine ganze Gruppe von Menschen, die entweder verwandt oder bekannt sind und deren Lebenswege sich immer wieder kreuzen. Kennedy zeichnet ein ganz plastisches Bild davon, wie die Schicksale seiner Protagonisten von jenen ihrer Vorfahren beeinflusst werden und gleichzeitig die ihrer Nachkommen mitbestimmen.

Chronologisch, nach dem jeweiligen Erscheinungsdatum betrachtet, startet der Zyklus mit „Legs“, einer klassischen Gangsterballade, die in den 1920ern und -30ern angesiedelt ist und die Geschichte des Ganoven Jack „Legs“ Diamond erzählt. Es folgt „Billy Phelan’s Greatest Game“, das ebenfalls in der Zeit der großen Depression bzw. der Prohibition spielt und der Verstrickung eines kleinen Hustlers in einem Entführungsfall nachspürt. „Ironweed“ wiederum beschreibt das Leben aus der Sicht von Francis Phelan, dem Vater von Billy, der als abgestürzter Trinker und vermeintlicher Verursacher eines tragischen Todesfalles in seiner Familie nach Sühne sucht. „Quinn’s Book“ setzt viel früher an und begibt sich zurück bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Neben einer Liebesgeschichte, die der Protagonist Daniel Quinn in Rückblicken erzählt, geht es auch um Einwandererschicksale, um gesellschaftlichen Status, um Streiks und Klassenkämpfe. Das alles findet sich eingebettet in einen fantastischen Stil, der hin und wieder an die südamerikanische Erzähltradition eines Garcia Marquez erinnert.

In „Very old Bones“ kehrt Kennedy wieder zu den Phelans zurück und versucht deren Familiengeschichte aufzuarbeiten. Es folgen „The Flaming Corsage“, das sich den Phelans schließlich bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts widmet, „Roscoe“ wiederum zeichnet die Geschichte eines  politischen Aufstiegs und Falles. Zuguterletzt gibt es jetzt auch noch „Chango’s Beads and Two-Tone Shoes“, das 2011 erschienen ist und welches ich, wie ich zu meiner Freude realisiert habe, noch nicht kenne.

William Kennedy besitzt in seiner Ausdrucksweise eine Brillianz, die ich selten zuvor in ähnlich konsistenter Weise bei einem Autor wiedergefunden habe. Jedes seiner Bücher glänzt durch eine sprachliche Finesse, die einerseits dadurch charakterisiert ist, dass sie ein weitverzweigtes Familiennetz mit einer Leichtigkeit verwebt, die einem die porträtierten Charaktere wie Mitglieder der eigenen Familie erscheinen lässt, welche hier und dort auftauchen, ihre Handschrift in der Familienchronik hinterlassen, um dann wieder im Dunkel der Geschichte abzutauchen. Andererseits schafft er es, sämtliche Protagonisten mit ihrer eigenen Geschichte und Idiosynkrasien auszustatten, und zwar so, dass weder hochnäsige High-Rollers weltfremd erscheinen, noch völlig zerstörte Trinker und Landstreicher abgewertet oder entmenschlicht werden.

Kennedy findet für jede seiner Figuren die richtige Sprache und was noch viel mehr beeindruckt, er erzählt seine Geschichten mit einer melodischen Lyrik, die die Leserin in Bezug auf jede Situation und alle Protagonisten zutiefst zu berühren im Stande war.

Wer also eine Lektüre sucht, die Einblick in die Einwanderungsgeschichte der USA gibt, die von politischen Verstrickungen und Machenschaften erzählt, die menschliche Schicksale und Familienbande über Jahrzehnte auf beeindruckende und berührende Weise schildert, der sollte sich den Albany-Zyklus von William Kennedy schleunigst zulegen. Von mir gibt es allerwärmste Empfehlungen dafür. (Für die englischen Originalfassungen, wohlgemerkt).

 Susanne, 1. Mai 2012

The Sandworm empfiehlt – Christoph Chorherr „Verändert!“

Worin liegt der Unterschied zwischen Madonna und Christoph Chorherr? Was kann eine Kilowattstunde? Wer verbraucht auf 100 km ein Äquivalent von 0.04l Sprit? Und welches sind die zwei wichtigsten Gründe Lehrer zu werden? Dies uns vieles mehr fragt sich Christoph Chorherr in seinem ersten Buch „Verändert!“ und wenn man ihn kennt, weiß man, dass er handfeste Antworten darauf liefert.

Zugegeben, die letzte Frage ist eigentlich ein Lehrerwitz, sie fügt sich aber perfekt in das von Chorherr aufgebaute Konzept eines Sachbuches, das nicht nur lehrreich ist, sondern auch ungemein unterhaltsam. Ich habe es gestern innerhalb von knapp drei Stunden ausgelesen und möchte es auch meiner Leserschaft allerwärmstens ans Herz legen.

Ich habe Christoph Chorherr als durch und durch engagierten Menschen kennen gelernt, als geradezu idealtypischen Politiker, der umsetzt und tut, und ganz nebenbei auch noch von seiner Arbeit begeistert ist. All das ist in seinem Erstlingswerk, in dem er sehr persönlich von den Dingen spricht die ihm für Wien, Österreich und die Welt wichtig sind, in jeder Zeile spürbar. Das Buch ist insgesamt auch das was man sich von einer Mischung aus Sachbuch und Biographie erwartet. Es liefert persönliche Einblicke in das Tun des Autors, es ist anschaulich und bewegt sich selten auf der sogenannten Metaebene, sondern bietet eine Vielzahl von Antwortmöglichkeiten auf einige der drängensten Fragen unserer Gesellschaft.

Zum Inhalt: In Form von sieben Kapitel arbeitet sich Chorherr, immer eingeleitet durch persönliche Erlebnisse und Erfahrungen, durch die Themen Entwicklungshilfe, Lernen, Demokratie, ökologische Wende, Solarenergie, Radfahren und urbanes Leben. Dabei verliert er sich weder im Detail, noch bleibt er jemals zu allgemein. Immer geht es ihm um Gestaltungsmöglichkeiten, die tatsächlich umsetzbar, die machbar und möglich sind. Wer ihn als Redner erlebt hat, kann sich den Autor dann auch bildlich vorstellen und spürt förmlich wieviel Herzblut in die einzelnen Projekte fließt.

So legt er glaubwürdig dar, dass im gemeinschaftlichen Tun, die größte Gestaltungskraft liegt. Sein Schulprojekt „Ithuba“ in Südafrika floriert nicht nur dank seiner Tatkraft und Initiative, sondern weil er auf seinem Weg jede Menge aktive, meist kostenlos zu Verfügung gestellte, Unterstützung von allerlei Weggefährten erhält. Und während „Ithuba“ Realität ist, wurde mit einem gigantisch höheren Geldbetrag von Popstar Madonna in Malawi noch kein einziger Ziegel gebrannt. (Soviel zur ersten Frage).

Es versteht sich von selbst, dass auch das hiesige Bildungssystem eine Herzensangelegenheit von Chorherr ist. Er fordert zurecht eine Entbürokratisierung und Entnormierung. Er fordert Lehrer, die mit den Kindern gemeinsam Lernstoff erarbeiten, umsetzen und erdenken dürfen. Dabei geißelt er die Einschränkungen in Form von allzu rigiden Gesetzen und Vorschriften und verlangt eine Befreiung des mittlerweile fast zum hermetisch abgeschlossenen System mutierten Gebildes namens Schule. Weder A: Juli, noch B: August sollten die wichtigsten Gründe sein Lehrer zu werden (nicht schlecht der Witz und die Antwort auf Frage vier), sondern die Möglichkeit der nächsten Generation die Türen zu Bildung und Wissen zu öffnen, meint er dann mit einem Augenzwinkern und dem berechtigten Einwand, dass seine Kritik weniger den Lehrern gilt, als viel mehr der Politik, die sich im Bezug auf eine nachhaltige Bildungsreform seit Jahrzehnten im Kreis bewegt.

Dem Umweltschutz widmet er wesentliche Kapitel und macht erst Mal verständlich, was eine Kilowattstunde eigentlich bedeutet. Das was wir tagtäglich gedankenlos verbrauchen, in dem wir Lichter brennen lassen oder unsere Wohnungen nicht wärmedämmen. Es zeigt sich nämlich, dass man mit einer Kraft von einer Kilowattstunde ein Gewicht von einer Tonne 365 Meter hoch heben kann. Erst dann wird deutlich worum es sich dabei eigentlich handelt und wofür wir gegenwärtig den Spottpreis von rund 20 Cent zahlen. Mit dieser Art von Beispielen gelingt es Christoph Chorherr plastisch zu beschreiben, was im Bezug auf eine Energiewende in erster Linie nötig ist, nämlich ein grundlegendes Verständnis von den Produkten, die wir tagtäglich verwenden und der Energie, der es bedarf um sie herzustellen.

So ist es auch keine Überraschung, dass er fürs Radfahren eine Liebeserklärung ausbreitet, dass einem ums Herz warm wird. Dass sich das Äquivalent, das ein Radfahrer auf 100 km schließlich an Sprit (Achtung Antwort auf Frage 2!) verbraucht, nämlich 0.04 l, gemeinhin nicht aus Erdöl sondern Wurstsemmeln, Gemüse, Salat oder Nudeln zusammen setzt, ist dann auch wieder so eine sympathische Gleichung, die Chorherr verwendet, um uns vor Augen zu führen, dass es besonders im urbanen Raum geradezu kriminell ist, sich für Distanzen von wenigen km in ein tonnenschweres Vehikel zu setzen und, meist auch noch allein, durch die Stadt zu stauen. Dass der Autor selbst bei Wind und Wetter auf seinem stylischen Klapprad anzutreffen ist, versteht sich von selbst. Chorherrs Liebe zum Drahtesel ist so direkt und spürbar, das Fahrradkapitel enthält die schönsten Passagen des Buches.

 „Verändert!“ von Christoph Chorherr ist eine absolut lesenswerte, lehrreiche und unterhaltsame Lektüre, die ich hiermit wärmstens empfehle. Wer sich die Kosten für das Buch ersparen will, der hinterlasse einen Kommentar mit ein paar Zeilen, die darlegen, was man gerne selbst verändern möchte. Als Belohnung gibt es für zwei Sandwormleser oder -leserinnen ein signiertes Exemplar frei Haus.

Susanne, 30. Oktober 2011

Kriminacht 2011 – Simon Urban „Plan D“

Seit 2005 findet die Kriminacht jährlich in Wien statt. In verschiedenen Kaffeehäusern frönt man der Leidenschaft Vieler und lässt Autoren aus ihren diversen Kriminalromanen vorlesen.

Anlässlich der heurigen Veranstaltung hat man mir netterweise ein Rezensionsexemplar von einem der eingeladenen Autoren zukommen lassen und mich gebeten, meine Meinung dazu kund zu tun. Diesmal gibt’s hier auch was zu gewinnen, mehr Infos dazu ganz unten.

Ich gebe zu, ich hatte die Wahl zwischen mehreren Autoren und habe mich rein intuitiv für Simon Urban entschieden. Das Problem einer Rezension eines deutschsprachigen Kriminalromans meinerseits liegt nämlich grundsätzlich darin, dass ich so gut wie nie deutschsprachige Kriminalromane lese. Warum, das kann ich nicht erklären, ich habe ganz einfach ein Faible für amerikanische Noir Krimis und meine bisherigen Ausflüge in die hiesige Krimilandschaft, sprich österreichische Autoren, boten alle miteinander herbe Enttäuschungen. Nachdem ich niemand beleidigen will, erspare ich mir die Nennung von Namen.

Ich gebe aber zu, dass amerikanische Kriminalliteratur nicht allein das Gelbe vom Ei ist. Henning Mankell hat mich fast genauso begeistert, wie Chandler und Co.

Ich holte also mein Leseexemplar von Simon Urbans „Plan D“ ab und fiel fast aus allen Wolken, weil man mir einen Wälzer von 547 Seiten in die Hand drückte. Ich begann sofort zu lesen und hoffte sehr, dass der Roman halbwegs unterhaltsam würde.

Er war es. Zum Glück. Was mich zu einer kurzen Rezension des Oeuvres von Simon Urban bringt. Die Geschichte ist im Hier und Jetzt angesiedelt, das letzte Kapitel spielt am 29. Oktober 2011 (wer es schnell liest, wird noch ein gewisses Gefühl des Dabei-Seins haben) und breitet seinen Plot vor der Fiktion einer noch immer existierenden DDR aus. Das System hat die Umbrüche im 1989-er Jahr überlebt, Egon Krenz steht an der Spitze, der Bundeskanzler der BRD heißt Oskar Lafontaine.

Klassischer Einstieg, ein ehemaliger Berater von Krenz wird ermordet aufgefunden, alles deutet auf Stasi-Handarbeit hin. Martin Wegener, seines Zeichens abgebrühter und desillusionierter Volkspolizist darf ermitteln, weil für die niedergewirtschaftete DDR international viel auf dem Spiel steht, wird ihm ein BRD Ermittler zur Seite gestellt. Der Rest entspinnt sich nach gewisser hard-boiled Manier auf den restlichen 546 Seiten.

Ohne zu viel zu verraten ein kurzes Fazit. Der Roman liest sich gut, man steigt schnell in die Story ein, Spannung baut sich auf und auch die DDR Fiktion ist einigermaßen unterhaltsam. Stärken zeigt der Autor eindeutig in der Dialogführung. Da werden seine Figuren lebendig, da bekommt die Geschichte eine Seele und man beginnt als Leserin mitzuleben.

Auffällige Schwäche ist Urbans Hang zum Detail. Auf vielen Seiten verliert er sich in der haarkleinen Beschreibung seiner Figuren und der exzessiven verbalen Ausgestaltung seiner Szenerien. Fast hat man das Gefühl Urban hätte gerne einen „richtigen“ Roman geschrieben, hohe Literatur, dass die sich aber auch unter Krimis findet, scheint ihm entgangen zu sein, die Adelung der Stilrichtung erfolgt mit Sicherheit nicht durch exzessive Anwendung von ausgefallenen Adjektiven.

In diesem Sinne würde ich dem Autor für das nächste Buch, so er im Kriminalfach bleiben will, die Lektüre von Raymond Chandler oder James M. Cain empfehlen, beide überzeugen auch mit weniger Worten. Generell bleibt ein guter Eindruck vom Buch, das auch über 500+ Seiten nicht langweilig wird.

Wer sich selbst eine Meinung bilden will: Der Sandwurm verlost drei signierte Exemplare von Simon Urbans „Plan D“. Alles was man dafür tun muss, ist mir im Kommentar seinen Lieblingskrimi zu verraten und wenn geht auch eine Begründung warum.

Weitere Informationen:

Die Kriminacht findet am 20. September in verschiedenen Wiener Kaffeehäusern statt. Alle Informationen findet man hier, eine Facebook Seite gibt’s hier. Simon Urban wird um 18:00 im Café Drechsler lesen.

Susanne, 9. September 2011

The Sandworm empfiehlt – E. L. Doctorow „Homer & Langley“

Wenn man auf Urlaub fährt, sollte man ein Buch mitnehmen. Und wenn man, so wie ich dieses Mal keines mit hat, dann sollte man wenigstens in eine Stadt fahren, wo man sich mit passenden Büchern eindecken kann. Nur für den Fall, dass einen die Leselust überkommt. Nach New York zum Beispiel, dort findet man Bücher für alle möglichen und unmöglichen Anlässe, an allen möglichen und unmöglichen Orten. Der beste darunter ist meines Erachtens nach der Saint Mark’s Bookshop. Dort ist es immer gemütlich und man findet eine breite Selektion an Büchern, samt entspannter Atmosphäre vor.

Ich habe mich dort, wie ich es gern tue, wenn ich unterwegs bin, mit einem Buch ausgerüstet, das gleichzeitig auch mit der Stadt, in der man sich aufhält, zu tun hat. Mit New York in meinem Fall. Die Wahl fiel auf E. L. Doctorows „Homer & Langley“.

Der Autor hat mich schon zweimal mehr als überzeugt, das Buch hatte eine praktische Reiselänge von etwas mehr als 200 Seiten, ich zögerte nicht lange und nach ein wenig Smalltalk über das zu dem Zeitpunkt omnipräsente Thema „Irene“ war das Buch gekauft.

E. L. Doctorow ist einer jener Autoren, die es gleich auf den ersten Seiten eines Buches schaffen, den Leser zu fesseln und in die langsam sich aufbauende fiktive Welt zu ziehen. Sein Stil ist von einer poetischen Leichtigkeit, die trotz allem präzise bleibt und niemals ausufert.

Das Buch ist ein historischer Roman, basierend auf einer wahren Geschichte, die von Doctorow in eine Art moderne Fabel transformiert wird. Ein düster-komisches Märchen zweier Brüder, Homer und Langley Collyer, die in einem herrschaftlichen Haus in der Fifth Avenue, gleich beim Central Park aufwachsen und dort, abgekapselt vom Rest der Welt, die Geschichte des 20. Jahrhunderts durchleben.

Nach dem Tod der Eltern, die von der spanischen Grippe 1918 dahin gerafft werden, finden sich die zwei, Homer blind und auf seinen Bruder Langley, der psychisch vom Einsatz im 1. Weltkrieg schwer gezeichnet ist, in ihrem Domizil wieder, einem Ort, der mit dem Lauf der Zeit immer mehr zum Abbild der Welt wird.

Langley, der sich rührend um seinen blinden Bruder kümmert, wird von einer Mission angetrieben: er will eine einzige allgemein gültige Ausgabe einer Tageszeitung schaffen, eine Edition, die ein für alle mal sämtliche publizierte Blätter ersetzt. Nachrichten, so Langley, seien nämlich austauschbar. Austausch- und soweit generalisierbar, dass mit genauester Studie und Kategorisierung eine ewig gültige Zeitung keine Utopie mehr ist.

So beginnt eine Sammelwut, die nicht nur sämtliche veröffentlichte Tageszeitungen involviert, sondern so ziemlich alles was Langley als sammelwürdig, aufbewahrenswert, erscheint, egal ob es ein Ford Model-T ist, der im Esszimmer aufgebaut wird, oder sämtliche Modelle funktionstüchtiger Schreibmaschinen und mehr. Während sich also im Haus immer mehr von dem stapelt, was draußen hergestellt und berichtet wird, findet dort auch gleichzeitig ein Rückzug von allem Weltlichen statt. Gibt es anfangs noch Dienstboten und Liebesaffären oder öffentliche Tanzparties, schwinden mit dem Lauf der Zeit die Angestellten, die Frauen und jeglicher sonstiger Kontakt nach Außen, bis sie nur mehr zu zweit sind. Homer & Langley.

Ein in jeder Hinsicht empfehlenswertes Buch, mit einer scheinbar simplen Geschichte, die aber ungemein spannend, komplex und so aktuell ist, dass man bewegt, amüsiert und betroffen zugleich ist, von dem was sich im Haus an der Fifth Avenue abspielt. All das packt Doctorow in eine wunderbare lyrische Sprache. Mein Lieblingszitat: „And when she whispered my name, God help me, the love broke over me like the hot tears of a soul that has found salvation“. Absolute Leseempfehlung!

Susanne, 4. September 2011t

Susanne

The Sandworm empfiehlt – Martin Pollack „Anklage Vatermord. Der Fall Philipp Halsmann“

Wer für die herannahende Urlaubszeit noch eine atemberaubende, sich von selbst lesende Lektüre benötigt, dem möchte ich heute allerwärmstens Martin Pollacks „Anklage Vatermord. Der Fall Philipp Halsmann“ ans Herz legen.

Im Grunde genommen ist es gleichgültig, ob Urlaubszeit oder nicht, das Buch eignet sich für jede Gelegenheit, da es von der ersten Seite an fesselt, bewegt, erschreckt, beängstigt und optimalerweise auch schnell ausgelesen ist.

Christoph Ransmayrs Kurzbeschreibung am Cover trifft wohl den Kern dessen, was das Buch so unglaublich mitreißend macht, es handelt sich bei Martin Pollacks Aufarbeitung eines Kriminalfalles aus dem Jahre 1928 nämlich nicht nur um eine akribisch genaue Dokumentation des Vorfalles, der sich damals in Tirol zutrug und in weiterer Folge österreich- und weltweit Aufsehen erregte, der Autor schafft auch ein literarisch höchst anspruchsvolles Werk, indem er zeitgeschichtliche Ereignisse mit präzisen Charakterstudien und einer sehr direkten Prosa verbindet. Man kann ohne Einschränkung feststellen, dass hier Truman Capotes „In Cold Blood“ oder Norman Mailers „The Executioner’s Song“ ein ebenbürtiges deutschsprachiges Pendant gefunden haben.

Worum geht es? Im September 1928 begibt sich der junge Philipp Halsmann gemeinsam mit seinem Vater Morduch, beide aus Riga stammende Juden, auf eine Bergtour ins Zillertal. Beim Abstieg kommt der Vater zu Tode, in Anbetracht der auffälligen Verletzungen nimmt man den Sohn noch am selben Abend fest, kurze Zeit später sieht er sich mit der Anklage Vatermord konfrontiert.

Was Pollack schließlich im Bezug auf die Spurensicherung, die einheimische Tiroler Bevölkerung, die damalige Stimmung im Land und in weiterer Folge während der Verfahren gegen den jungen Mann zusammenträgt und schildert, skizziert ein Bild von Österreich in der Zwischenkriegszeit, bei dem einem schlicht und einfach Hören und Sehen vergeht.

Nachdem das Buch ein so unglaublich spannendes literarisch-zeitgeschlichtliches Dokument ist, wäre es schade zuviel von dem zu verraten, was sich in den darauffolgenden Monaten abspielt, nur so viel: Philipp Halsmann, sieht sich mit so ziemlich allem konfrontiert, was sich in den Jahren darauf an Hass und Vorurteilen in Österreich gegen „die Juden“ und generell gegen Menschen, die nicht dem Tirolerhut tragenden Einheimischen entsprechen im Naziregime manifestiert. Daneben erhält man Einblicke in ein Österreich, die bisweilen ungläubiges Staunen auslösen, die gleichzeitig aber einen wichtigen historischen Beitrag liefern und zum Verständnis der heutigen Lage unserer Nation einiges beitragen.

Damit ist es auch ein erstaunlich aktuelles Buch, welches eindrucksvoll die Feindseligkeiten, Stereotypisierungen und Projektionen darstellt, die sich auch heute noch im Bezug auf „die Ausländer“ durch gewisse Parteidiskurse und Medien ziehen und die der Leserin einmal mehr demonstrieren, dass der Aufruf „Wehret den Anfängen“ nach wie vor dringlich bleibt.

Absolute, unbedingte Leseempfehlung!

p.s.: Empfindliche Gemüter seien gewarnt, das Buch enthält auch Gerichtsfotos.

Susanne, 26. Juni 2011

The Sandworm empfiehlt – E. L. Doctorow „The March“

Wer wie ich dem Irrglauben aufsitzt, dass sich historische Fiktion ausschließlich auf die Zeit vor oder rund um das Mittelalter beziehen muss, ist selber schuld. Des weiteren sollte man nicht den Fehler begehen, sich auf der Suche nach Ersatz für eine Lektüre, die sich qualtitativ mit Umberto Eco messen kann, auf Ken Follett hineinzufallen. Es ist ein tiefer Fall, mehr will ich dazu nicht sagen. Zum Glück jedoch gibt es Twitter und dort tummeln sich auch jede Menge literaturbegeisterte Vernünftige, die einem, wenn man denn nach Tipps und Hilfe fragt, auch in den allermeisten Fällen damit versorgen.

In meinem Fall war das eben die Frage nach historischer Fiktion der sehr kleinen Kategorie „Umberto-Eco-würdig“. Zurück kam, leider habe ich den Namen der liebenswürdigen Twitterantin vergessen, der Hinweis auf E.L. Doctorows „The March“. Das Buch wurde kurzerhand bestellt, denn mit der Erwähnung des Autors erinnerte ich mich daran, dass bereits dessen Roman „Ragtime“ großartig gewesen war, darüber hinaus wurde ich mir über meine eigene Ignoranz im Bezug auf die zeitliche Eingrenzung von historischer Fiktion bewusst, zu guter Letzt passte auch das Thema amerikanischer Bürgerkrieg ausgezeichnet in mein Interessensgebiet, die Vorfreude auf die Lektüre war groß.

Ich wurde keineswegs enttäuscht. Im Gegenteil. „The March“ ist wohl das Beste was ich in Bezug auf Geschichte und Fiktion in den letzten Jahren gelesen habe. Es vereint auf perfekte Weise eine berührende Prosa mit detaillierter Charakterzeichnung, die Greifbarmachung historischer Ereignisse durch fiktive Erzählstränge ist mitreißend und zieht einen bereits kurz nach Einstieg in die Lektüre in ihren Bann.

The March“ beschreibt den zeitlichen Abschnitt kurz vor Ende des amerikanischen Bürgerkrieges, eines Krieges der die amerikanische Bevölkerung in seinem Verlauf um ganze 10% reduzierte, der erstmals auch eine kriegerische Auseinandersetzung darstellte, die fotografisch extensiv dokumentiert wurde (für alle, die sich dafür interessieren empfiehlt sich die Dokumentation „Civil War„) und in dem es letztlich trotz aller Gewalttätigkeit und Entmenschlichung um etwas zutiefst Humanes ging – um das Ende der Sklaverei in den Vereinigten Staaten.

1864, während der Süden de facto bereits besiegt ist, bewegt sich die Armee von General William T. Sherman mit 60.000 Soldaten von Atlanta in Richtung Richmond, damals Hauptstadt der Konföderation, mit dem Auftrag alles auf ihrem Weg niederzubrennen und für konföderierte Soldaten unbrauchbar zu machen, ohne viel Ballast durchs Land zu ziehen und seine Truppen davon zu versorgen, was sich vor Ort findet. Essen, Vieh, Häuser, persönlicher Besitz der Bevölkerung vor Ort.

Die Leserin begleitet diesen Zug und findet sich durch Doctorows phänomenales Talent, Charaktere diversester Hintergründe zum Leben zu erwecken, mitten im Geschehen. Doctorow versucht keine Wertung und schildert das Schicksal befreiter Sklaven, die sich zwar frei, aber ohne Zugehörigkeit in Massen dem Zug der Soldaten anschließen, ebenso wie jenes des Großbürgertums im Süden, von Soldaten auf beiden Seiten und von Menschen, die sich unversehens in einer gnadenlosen Auseinandersetzung wieder finden.

Dabei geht der Autor mit einer Zufälligkeit vor, die einem auch das wahllose Sterben in diesem Krieg drastisch vor Augen führt. Kaum noch las man die Schilderungen eines Protagonisten, hat sich in dessen Person eingefühlt, da liegt er auch schon tot am Schlachtfeld und ein neuer Charakter nimmt seinen Platz ein. Doctorow setzt den Leser mitten hinein in diesen Marsch und veranschaulicht, wie kaum ein Buch zuvor, was ein Krieg für die Betroffenen, egal auf welcher Seite sie sich befinden, bedeutet. Verlust, Befreiung, Betrug, Mord, Entmenschlichung, Liebe und Hass.

Allerwärmste Empfehlung. Wenn geht im englischen Original.

Susanne, 29. Mai 2011

The Sandworm empfiehlt – Marcel Proust „Sodom und Gomorrha“

Marcel Prousts siebenbändiges Lebenswerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist zu Recht Teil jedes seriösen „was man unbedingt gelesen haben muss“-Kanons. Trotzdem gibt es noch immer viele Leute, die sich nicht „drübertrauen“ über diesen Wälzer, alleine die Vorstellung mehr als 5.000 Leseseiten vor sich zu haben, vergrault die Meisten. Dabei ist Prousts Oeuvre mit Sicherheit eines der zugänglichsten aus den „Must-Read“ Literaturlisten.

Nachdem ich vor kurzem den vierten Band davon fertig gelesen habe, stellt dies eine hervorragende Gelegenheit dar, die Gründe dafür wieder einmal darzulegen und vielleicht den Einen oder die Andere zu überzeugen, sich doch an die Lektüre heranzutrauen.

Der erste und wichtigste Grund Proust zu lesen, ist die unglaubliche Schönheit seiner Sprache. Kaum ein anderer Autor kommt an die Eloquenz Prousts heran und schafft es gleichzeitig so spielerisch und leicht dahinzuschreiben. Dafür sind wohl seine kaskadenhaften Sätze verantwortlich, ein Charakteristikum des Autors, welches das Lesen aber meines Erachtens niemals kompliziert oder anstrengend machen.

Im Gegenteil, die Schachtelsätze verleihen dem Werk genau das was es so einzigartig macht, nämlich die mäandernde Sprache, die an einem bestimmten Ort beginnt, sich über Zeit und Geografie netzartig ausbreitet, mal hier, mal da nachhakt und die Leserin wie während einer gemütlichen Bahnfahrt, bei der man manchmal mehr, manchmal weniger aufmerksam aus dem Fenster sieht, durch die einzelnen Bände führt.

Gleichzeitig beherrscht Proust die Wortmalerei wie kein anderer, seine bildhafte Sprache weckt ganze Szenerien, Gesichtausdrücke der Protagonisten, Sprachfehler mancher Randfiguren, Gerüche und Gefühle.

Letztlich ist es die lose Aneinanderkettung von Erlebnissen des Protagonisten, welche der Lektüre von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ die Einschüchterung, die ein „Wälzer“ gemeinhin ausübt, nehmen sollte. Man kann die einzelnen Bände über einen sehr langen Zeitraum lesen, ohne Angst haben zu müssen, dass man inhaltlich den Faden verloren hat. Es gilt keinen komplexen Handlungssträngen und Plot-Twists zu folgen, man klinkt sich lediglich in verschiedene Lebensphasen des Protagonisten ein und hat die Wahl sich jederzeit wieder auszuklinken, ohne etwas zu versäumen. Selbst die einzelnen Bände lassen sich auf diese Weise gemütlich vor sich hinlesen, kommt man mal ein, zwei Wochen nicht dazu das Buch aufzuschlagen, so ist man sofort in medias res, wenn man wieder Zeit zum Weiterlesen findet, schließlich kann sich eine einzelne Abendgesellschaft bei Proust gut und gerne über hunderte Seiten ziehen.

Und man kennt den Effekt auch aus dem eigenen Leben. Man trifft einen guten Freund Monate nachdem man sich das letzte Mal gesehen hat, man kann sich aber trotzdem unterhalten, als wäre die jüngste Begegnung erst Tage davor gewesen.

Zum aktuellen Band ist anzumerken, dass in „Sodom und Gomorrha“ die Handlung einiges an Dynamik gewinnt. Der Protagonist ist erwachsen, ebenso geht es um erwachsene Themen. Insbesondere beschäftigt ihn die männliche und weibliche Homosexualität und obwohl bereits 1921/22 erschienen, mit einer Handlung rund um die Wende zum 20. Jahrhundert, nimmt sich der Autor kaum ein Blatt vor den Mund und eröffnet einen Einblick in die Behandlung eines Themas, das bereits damals in gewissen Kreisen und Zirkeln mit erstaunlicher Toleranz behandelt wurde.

Weiteres erfährt man auch über die im Vorband „Guermantes“ bereits angerissene Dreyfus-Affäre und erhält wiederum einen spannenden zeitgeschichtlichen Zugang zu einer Thematik, die unter anderen Vorzeichen immer noch aktuell ist.

Nicht zuletzt jedoch geht es in „Sodom und Gomorrha“ hauptsächlich um die Gefühlswelt des Protagonisten, die liebestechnischen Komplikationen rund um Albertine, insgesamt um allerlei Empfindungen und Emotionen, die aktueller nicht sein könnten und an Aktualität auch nie verlieren werden. Besonders was den großen Humor Prousts betrifft, den ich hier am besten selbst sprechen lasse:

Er schien zunächst ein vielversprechender Journalist zu werden. Er bewährte sich aber nicht, das heißt, er wurde Minister! Das Leben bringt manchmal solche jähen Abstiege mit sich.

Susanne, 17. April 2011

The Sandworm empfiehlt – Jack Kerouac „Dharma Bums“

Jack Kerouac zählt zu jenen Autoren, die sich in meine, doch einem ständigen Wandel unterliegende, All-Time-Favorites-Literaturliste einzementiert haben, sein On the Road ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Dessen Lektüre liegt für eine ausgiebige Rezension zwar schon zu lange zurück, unabhängig davon haben sich aber ohnehin auch andere Kerouac Bücher als höchst empfehlenswert erwiesen, so wie das jüngst gelesene Dharma Bums (der unsäglich grauenhafte deutsche Titel lautet Gammler, Zen und hohe Berge).

Um Kerouac zu lieben muss man dessen besonderen Stil schätzen – eine durchaus subjektive Angelegenheit – und wer sich aus der literarischen Schreibtechnik des sogenannten „stream of consciousness“ (Bewusstseinsstrom) nichts macht, der wird auch kaum Gefallen an den Werken des Autors finden. Wer jedoch, wie ich, eine besondere Vorliebe für diese Art des Schreibens hegt, der findet in Kerouacs Büchern ein ganzes Universum an Ausdrucksformen und mehr.

Kerouac zählt zu den Mitbegründern der sogenannten Beat-Literatur. Von Zeitgenossen oft abwertend als „Beatniks“ bezeichnet, hat er selbst dem Wort eine positive Konnotation verliehen und Assoziationen mit „beatific“ oder „beatitude“ (im weiteren Sinne also als mit Schönheit verbunden) eingefordert.

Kerouac sah sich und den Kern der sogeannten „Beat-Poets“ als Hobos und Bums, als Landstreicher und Obdachlose, aber in einer Lebensform, die nicht durch Not erzwungen, sondern frei gewählt war. Als Poeten und Musiker, als Kreative, die sich von den Zwängen der Gesellschaft befreit hatten und ihr eigenes Leben als Verwirklichung des amerikanischen Traums lebten. Diesen amerikanischen Traum jedoch sah Kerouac nicht in der Erwirtschaftung eines größtmöglichen Vermögens, in Konsum und Konformität, sondern in der individuellen Freiheit durch das Land zu ziehen und sich nicht von Besitz und Geld abhängig machen zu lassen. Gerade deshalb haben sich Kerouac und Zeitgenossen wie Allen Ginsberg oder William S. Burroughs stets gegen die Vereinnahmung und Stereotpyisierung durch eine, auch von Film und Werbung instrumentalisierte, Beat-Kultur gewehrt.

Jack Kerouac by photographer Tom Palumbo, circa 1956

Kerouacs Literatur kann man als direkten Ausdruck des – sehr bewegten Lebens – des Autors verstehen. Zwar hat er seine Protagonisten stets mit Synonymen betitelt, hinter Sal Paradise in On the Road oder Jack Duluoz in Big Sur ist jedoch stets Kerouac selbst erkennbar. In Dharma Bums spricht er nunmehr als Ray Smith zum Leser und entführt diesen in eine Welt des damals – man schreibt die späten 1950er – in den USA populär werdenden Zen-Buddhismus, einer erkennbaren Zurück-zur-Natur Mentalität und zu Vorläufern jener Gegenkultur, die in den 60ern schließlich in der Hippie-Bewegung explodiert.

In Ray Smiths Welt ist davon noch wenig erkennbar, zumindest nicht als Generationenphänomen, die Gruppe um ihn ist klein, lebt an der US-amerikanischen Westküste rund um San Francisco, oder rekrutiert sich aus College-Studenten, die nach Spiritualität und Naturverbundenheit suchen, die sich, so wie Ray, einem Lebenstil verschrieben haben, der im Hier und Jetzt verortet ist, wo man sich spontan zusammenfindet, als Autostopper quer durch das Land reist, in Hobo Manier auf Lastzüge springt und sich allen Vor- und Nachteilen einer völligen Freiheit ausliefert.

Kerouac erzählt in Dharma Bums in bester Stream-of Consciousness Fasson von Zugfahrten durch die Nacht, von Lagerfeuer- und Schlafsackcamps an der amerikanischen Westküste, von Wanderungen und von der Einsamkeit in der Natur sowie von seiner Freundschaft zum Dichter und Essayisten Gary Snider, der sich im Buch hinter dem Synonym Japhy Smith verbirgt.

In den verschiedenen Episoden berichtet der Protagonist von einer Bergwanderung auf den Matterhorn Peak (den in Californien…), von ausschweifenden Parties, von spirituellen Gesprächen, von Meditationen an der winterlichen Ostküste, von der Tätigkeit als „fire lookout“ in der Einsamkeit des Desolation Peak in Washington State, von Reisen auf Lastenzügen oder mit einsamen Truckern, letztlich von der Suche nach dem Wesen von „Dharma“ – der Wahrheit – einer Suche, die sich am besten mit Japhys Worten ausdrücken lässt, welche gleichzeitig die Essenz des Buches auf den Punkt bringen:

I’ve been reading Whitman, know what he says, Cheer up slaves and horrify foreign despots, he means that’s the attitude for the Bard, the Zen Lunacy bards of old desert paths, see the whole thing is a world full of rucksack wanderers, Dharma Bums refusing to subscribe to the general demand that they consume production and therefore have to work for the privilege of consuming, all that crap they didn’t really want anyway such as refrigerators, TV sets, cars, and general junk you finally always see a week later in the garbage anyway, all of them imprisoned in a system of work, produce, consume, work, produce, consume, I see a vision of a great rucksack revolution thousands or even millions of young Americans wandering around with rucksacks, going up to mountains to pray, making children laugh and old men glad, making young girls happy and old girls happier, all of ‚em Zen Lunatics who go about writing poems that happen to appear in their heads for no reason and also by being kind and also by strange unexpected acts keep giving visions of eternal freedom to everybody and to all living creatures. (Jack Kerouac, Dharma Bums, Chapter 13).

(Ich habe Whitman gelesen, weißt du was er sagt, Nur Mut Sklaven und erschreckt fremde Despoten, er meint das ist die Einstellung des Barden, der Zen-irren Barden der alten Wüstenpfade, siehst du, die ganze Welt ist voll von Rucksackwanderern, Dharma-Bums, die sich weigern die allgemeine Forderung nach dem Konsum der Produktion zu unterschreiben und dadurch für das Privileg arbeiten zu müssen, all den Dreck, den sie ohnehin nicht wollten, zu konsumieren, für Kühlschränke und Fernseher, Autos und den generellen Mist, den du letztlich ohnehin eine Woche später im Müll siehst, alle von ihnen gefangen in einem System von Arbeiten, Produzieren, Konsumieren, Arbeiten, Produzieren, Konsumieren, ich sehe eine Vision einer großen Rucksack-Revolution, tausende oder Millionen von jungen Amerikanern, die mit Rucksäcken herumziehen, auf Berge klettern, um zu beten, die Kinder zum Lachen bringen, alte Männer froh, junge Mädchen glücklich und ältere Mädchen glücklicher machen, alle von ihnen Zen-Irre, die nichts anderes tun als Gedichte zu schreiben, die grundlos in ihren Köpfen auftauchen und auch durch Güte oder durch seltsames, plötzliches Tun Jedem und allen lebenden Kreaturen Visionen von ewiger Freiheit schenken.)

Susanne, 6. Februar 2011

The Sandworm empfiehlt – Thomas Pynchon „Mason & Dixon“

Zwei Bücher haben mich vergangenes Jahr nachhaltig beeindruckt. James Joyces’ Ulysses und Thomas Pynchons Mason & Dixon. Letzteres hatte ich bereits während der Lektüre des Joyce Wälzers bestellt, insbesondere weil Pynchon einer jener US-amerikanischen Schriftsteller ist, die ich die längste Zeit schon lesen wollte – immer wieder lobt man dessen sprachliche Ausdrucksfähigkeit, vergleicht ihn stellenweise mit Joyce und jahreinjahraus zählt er zu jenen Namen, die wie Roth oder DeLillo an vorderster Stelle um den nächsten Nobelpreis stehen sollen. Des Weiteren hat man David Foster Wallace, einen meiner Lieblingsautoren, als Schriftsteller in der Tradition von Pynchon gelobt. Was blieb mir also anders übrig, als ihn endlich zu lesen.

Mason & Dixon war diesbezüglich eine Zufallsauswahl, das jüngste Werk auf das ich eigentlich spekulierte (Inherent Vice) lag damals noch nicht als Taschenbuch vor, es musste also ein anderes sein. Irgendwann im Sommer bestellt, lag es kurze Zeit später vor mir, in englischer Originalfassung, knappe 800 Seiten stark.

Mason & Dixon ist wohl eines der anstrengendsten, unzugänglichsten, aber zugleich faszinierendsten, fesselndsten Bücher, das ich je gelesen habe. Zum Einen, weil es durch seine Sprache so irritiert hat, dass ich kaum mehr als 10-15 Seiten am Stück lesen konnte, 50 Seiten auf einmal verursachten bereits Eroberungsgefühle, wobei die ausgelöste Irritation weniger als ärgerliche, sondern viel mehr als erstaunt-verblüffte Gefühlsregung zu beschreiben ist. Schließlich kam es mir trotz der anstrengenden Lektüre nicht einmal in den Sinn, das Buch einfach zuzuklappen und nicht mehr weiterzulesen, im Gegenteil, dieses Buch war viel mehr eine Herausforderung, der ich mich nach den ersten gelesenen Seiten nicht mehr entziehen konnte, es nicht fertigzulesen wäre nichts anderes als eine Niederlage gewesen.

Mason & Dixon beschreibt die Freundschaft zwischen dem Astronomen Charles Mason und dem Geometer Jermiah Dixon – wer sich in den USA auskennt, dem werden die Namen der beiden als „Mason-Dixon-Linie“ bekannt sein, eine Grenzlinie, die Pennsylvania, Maryland, Delaware und West Virginia und in späterer Folge auch Süd- und Nordstaaten der USA trennte.

Ein Großteil des Romans widmet sich schließlich auch jener Zeit, in der Mason und Dixon an dieser Grenzziehung arbeiten. Trotzdem sind lediglich die Linienziehung und die Wahl der Protagonisten als historisches Fundament des Romans identifizierbar, der Rest der Geschichte entspringt der Fantasie des Autors, die dafür verantwortlich ist, dass man sich gleich nach den ersten Seiten in einer absurd-komisch-surrealen Parallelwelt befindet, in der Realität und Fiktion so gekonnt verwoben werden, dass man als Leserin mitunter kaum weiß wie einem geschieht.

So trifft man auf eine roboterartige unsichtbare Ente („the duck“), die sich in den Koch der Gesellschaft rund um Mason und Dixon verliebt hat ebenso wie auf Benjamin Franklin, der in bekannt aphoristischer Art Tipps gibt, wie man sich Opium günstiger besorgen kann („Strangers heed my wise advice, never pay the retail price“), da taucht eine verstorbene Ehefrau als Geist wieder auf, oder verwandelt sich ein Mitarbeiter der Vermessungsgesellschaft nicht in einen Werwolf, sondern einen Wer-Biber und nagt während der Vollmondzeit ganze Waldstrecken nieder. Letztlich geht es um das Aufeinanderprallen von Rationalismus und Mystizismus, Fortschritt und Aberglauben, Modernität und Rückständigkeit.

Neben dem vom Autor konstruierten absurden Universum, welches genauso abenteuerlich wie faszinierend ist, zieht dieser den Leser auch mit einer sprachlichen Gewandtheit, die ihresgleichen sucht, in seinen Bann. Der gesamte Roman ist in eine Art Rahmenerzählung gebettet, diese wird von einem Zeitgenossen Masons und Dixons, einem Reverend Wicks Cherrycoke, der bei Verwandten zu Besuch ist, sozusagen am Kaminfeuer bestritten. Wechselnde Erzählebenen, die immer wieder auch direkt zu den beiden Protagonisten zurückkehren, bilden dabei ein wildes sprachliches Geflecht, das darüber hinaus im Englisch des 18. Jahrhunderts, samt diverser Dialekte und Orthografie, gehalten ist.

Diese Erzähl- und Sprachtechnik bewirkt zwar eine nahezu vollkommene Unmöglichkeit sich als Leserin jemals so etwas wie einen Rhythmus anzugewöhnen und sich irgendwann in einer Art Lesefluss zu finden, sie bildet aber gleichzeitig eine so faszinierend-verstörende Sprachmelodie, dass man trotz aller Schwierigkeiten nach jeder absolvierten Leseetappe, sei sie auch noch so kurz, fast atemlos die Lektüre zur Seite legt, verwundert den Kopf schüttelt und sich fragt: wie macht der das bloß?

Hat man das Buch schließlich „besiegt“, kann es einem auch Wochen später, so wie mir, passieren, dass man sich ernsthaft fragt, ob dieses oder jenes woran man sich zu erinnern glaubt, tatsächlich Teil des Buches gewesen war, oder ob man sich das Ganze vielleicht doch nur eingebildet hat, ob es vielleicht doch nur Teil eines Traumes gewesen ist.

In dieser Hinsicht wird Pynchon wohl jedem Lob, das ich bisher über ihn gelesen habe mehr als gerecht, ein faszinierender Schriftsteller, der mit seiner Sprachkunst die Grenzen der Realität verschiebt und somit genau das macht was man sich von einer hervorragenden Lektüre erwartet – die Aufhebung von Raum und Zeit, von Wirklichkeit und Fiktion.

Susanne 16. Jänner 2011

Dai Sijie – Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Von 18. Bis 22. November lief eine Aktion in Wien, die es in dieser Form seit 2002 gibt und bei der jedes Jahr 100.000 Gratisbücher an die Wiener und Wienerinnen verteilt werden.

Ich hatte diesmal Gelegenheit das heurige Buch „Balzac und die kleine Schneiderin“ schon vorab zu lesen, man hat mir netterweise ein Rezensionsexemplar zukommen lassen und mir auch ein Interview mit dem Autor, Dai Sijie, einem in Frankreich lebenden Chinesen, gewährt.

Selbst wenn das Buch nicht dem entspricht was ich normalerweise lese, so ist es für die Aktion sehr gut gewählt. Schließlich geht es auch darum neue Leser zu begeistern und wenn man sich eine im Jahr 2007 von der Statistik Austria durchgeführte Befragung zur Erwachsenenbildung ansieht, so zeigt sich, dass immerhin 25% aller 25 – 64 Jährigen in Österreich im davor liegenden Jahr in ihrer Freizeit kein einziges Buch gelesen haben. Diesbezüglich also finde ich „Eine Stadt. Ein Buch“ eine lobenswerte Aktion.

Dai Sijie erzählt in „Balzac und die kleine Schneiderin“ die großteils autobiographisch inspirierte Geschichte eines jungen Chinesen, der zur Zeit der chinesischen Kulturrevolution gemeinsam mit seinem Freund zur Umerziehung aufs Land geschickt wird. Die Eltern der beiden waren als Ärzte und Intellektuelle als so genannte Staatsfeinde identifiziert worden, mit der Jugend sollte nicht das selbe passieren, sie sollten China als hart arbeitende, ehrliche Bauern dienen, so wie es der „große Vorsitzende“ Mao Zedong für sein Volk vorgesehen hatte.

So schickt man also auch die zwei Freunde, man schreibt das Jahr 1971, irgendwohin in die tiefste Provinz, um sie durch körperliche Schwerstarbeit zu rechten Menschen zu erziehen. Die Protagonisten stoßen dort jedoch auf einen „Kollegen“, der sich im Besitz eines Koffers befindet, welcher randvoll mit Klassikern aus der Literaturgeschichte ist. Balzac, Melville, und Konsorten. Und während sie im Nachbarsdorf eine hübsche junge Schneiderin zu erobern gedenken, zu deren Zwecke man sich auch der umwerfenden Literatur bedient, wird die Erzählkunst der großen Autoren nicht nur Hilfsmittel zur Verführung, sondern auch zur wichtigsten Stütze, um die menschenfeindlichen Lebensbedingungen zu ertragen.

Balzac und die kleine Schneiderin“ ist ein leicht zu lesendes Buch, es ist nicht hohe Literaturkunst, meiner Meinung nach, aber es ist auch nicht banal. Es vereint eine schöne, spannend erzählte, Geschichte, die den Leser mit einer sehr direkten, fast naiven Sprache, in ein dunkles Kapitel Chinas führt und welche das Werk somit auch zeithistorisch interessant macht. Ohne den Leser zu überfordern. Ein ideales Buch also, um Neueinsteigern, oder solchen, bei denen es schon eine Zeitlang her ist, seit sie den letzten Roman gelesen haben, einen Anreiz zu geben, einen kleinen Bruchteil ihrer Zeit dem Lesen zu widmen.

Was der Autor von all dem und mehr hält, habe ich ihn gestern schließlich selber fragen können. In der Lobby des Grand Hotels am Ring, kommt mir Dai Sijie in traditionellem chinesischem Outfit entgegen und schenkt mir einen Teil seiner Zeit, um mir Rede und Antwort zu stehen.

Während des Gesprächs entpuppt er sich als überaus intelligenter, freundlicher und bescheidener, vor allem aber auch als kritikfähiger Gesprächspartner. Es müssten nicht alle zum Lesen überredet werden, meint er, als ich ihn frage, was er davon hält, dass knapp ein Viertel der Bevölkerung nicht liest. Und ich verstehe auch gleich, dass er das nicht dogmatisch meint, sondern im Gegenteil, er hat kein Problem damit, wenn jemand nicht lesen möchte und sich lieber für Fußball interessiert. Es soll sich jeder frei entscheiden dürfen.

Zwingen könne man ohnehin niemanden, aber trotz allem sei Lesen doch eine noble Freizeitbeschäftigung, ebenso wie die Aktion, im Rahmen welcher sein Werk an die Wiener verschenkt wird.

Schreiben würde er, wie die meisten Autoren, um etwas zu erzählen, wobei er den ganz großen Schriftstellern dieses Ziel abspricht. Da ist er der Ansicht, dass diese hauptsächlich schreiben, um die anderen von ihrem Talent zu beeindrucken. Das Resultat, also das was man als Weltliteratur bezeichnet, war für ihn, der wie seine Protagonisten im Buch zur Umerziehung geschickt worden war, jedoch ein Grund, warum er die Strapazen und die Hoffnungslosigkeit während dieser Zeit, überhaupt überlebt hätte.

Rettungsring ist die Literatur für ihn heute keiner mehr, es wäre sein Metier, sagt er, und man weiß nicht so recht, ob er das nicht mit einer gewissen Wehmut so sieht. Es wäre auch jetzt nicht immer leicht, man müsse eben Geld verdienen und er tue sich schwer mit Französisch, einer Sprache, die er erst spät gelernt hat. Auf Chinesisch würde er gerne publizieren, bloß, seine Bücher würden in China nicht verlegt werden. Aber so sei das eben. Aktuell lese er übrigens am liebsten südamerikanische Literatur, insbesondere Borges.

Ob der Westen mehr Druck auf China ausüben sollte, um den politischen Wandel zu beschleunigen? Dai Sijie meint, dass im Westen doch auch eine sehr große Doppelmoral herrsche. China würde produzieren und investieren, und solange die westlichen Länder am Geld interessiert wären, würde sich auch politisch nicht viel ändern.

Auf die Frage, ob die Literatur dazu im Stande sei, politische Veränderungen herbeizuführen, kommt ein kurzes „Non“ und dann lächelt er.

Susanne, 23. November 2010