The Sandworm empfiehlt – William Kennedy

Schon längst möchte ich einen Autor empfehlen, der in den USA nicht die Bekanntheit erlangt hat, die er eigentlich verdient hätte und der hierzulande so gut wie unbekannt ist. Es handelt sich um William Kennedy. Der Amerikaner hat sich in den vergangenen Jahren, in denen ich seine Bücher gelesen habe, einen Fixplatz in meinen ewig sich wandelnden Literatur-Top 10 erschrieben.

Kennedy ist vor allem durch seinen Albany-Zyklus bekannt. Für sein Buch „Ironweed“, das auch verfilmt wurde, ist er verdientermaßen mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet worden. Ich selbst habe ihn, obwohl ich ein ganzes Jahr meines Lebens in Albany verbracht habe, erst durch eine Empfehlung eines anderen amerikanischen Autors entdeckt. „Ironweed“ war schließlich auch das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe – es hat mich sofort begeistert und diese Begeisterung hat sich über die Lektüre des restlichen Zyklus stetig verstärkt.

Kennedy hat sich de facto von Buch zu Buch gesteigert, sein Zyklus stellt sich mir nach der Lektüre nun als ein Gesamtwerk dar, das nur wenige Entsprechungen in der Literaturgeschichte findet. Der Autor überzeugt durch einen herausragenden Stil, der in vielerlei Hinsicht an James Joyce erinnert, der aber weniger kompliziert, weniger verkopft wirkt. Seine Sprache ist, so wie sie in einem der Klappentexte bezeichnet wird, eine poetische Prosa, die nahe am Leben der von ihm beschriebenen Protagonisten bleibt, trotz allem aber nie ordinär oder banal wirkt.

In seinen Albany Büchern kreisen die Geschichten um eine ganze Gruppe von Menschen, die entweder verwandt oder bekannt sind und deren Lebenswege sich immer wieder kreuzen. Kennedy zeichnet ein ganz plastisches Bild davon, wie die Schicksale seiner Protagonisten von jenen ihrer Vorfahren beeinflusst werden und gleichzeitig die ihrer Nachkommen mitbestimmen.

Chronologisch, nach dem jeweiligen Erscheinungsdatum betrachtet, startet der Zyklus mit „Legs“, einer klassischen Gangsterballade, die in den 1920ern und -30ern angesiedelt ist und die Geschichte des Ganoven Jack „Legs“ Diamond erzählt. Es folgt „Billy Phelan’s Greatest Game“, das ebenfalls in der Zeit der großen Depression bzw. der Prohibition spielt und der Verstrickung eines kleinen Hustlers in einem Entführungsfall nachspürt. „Ironweed“ wiederum beschreibt das Leben aus der Sicht von Francis Phelan, dem Vater von Billy, der als abgestürzter Trinker und vermeintlicher Verursacher eines tragischen Todesfalles in seiner Familie nach Sühne sucht. „Quinn’s Book“ setzt viel früher an und begibt sich zurück bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Neben einer Liebesgeschichte, die der Protagonist Daniel Quinn in Rückblicken erzählt, geht es auch um Einwandererschicksale, um gesellschaftlichen Status, um Streiks und Klassenkämpfe. Das alles findet sich eingebettet in einen fantastischen Stil, der hin und wieder an die südamerikanische Erzähltradition eines Garcia Marquez erinnert.

In „Very old Bones“ kehrt Kennedy wieder zu den Phelans zurück und versucht deren Familiengeschichte aufzuarbeiten. Es folgen „The Flaming Corsage“, das sich den Phelans schließlich bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts widmet, „Roscoe“ wiederum zeichnet die Geschichte eines  politischen Aufstiegs und Falles. Zuguterletzt gibt es jetzt auch noch „Chango’s Beads and Two-Tone Shoes“, das 2011 erschienen ist und welches ich, wie ich zu meiner Freude realisiert habe, noch nicht kenne.

William Kennedy besitzt in seiner Ausdrucksweise eine Brillianz, die ich selten zuvor in ähnlich konsistenter Weise bei einem Autor wiedergefunden habe. Jedes seiner Bücher glänzt durch eine sprachliche Finesse, die einerseits dadurch charakterisiert ist, dass sie ein weitverzweigtes Familiennetz mit einer Leichtigkeit verwebt, die einem die porträtierten Charaktere wie Mitglieder der eigenen Familie erscheinen lässt, welche hier und dort auftauchen, ihre Handschrift in der Familienchronik hinterlassen, um dann wieder im Dunkel der Geschichte abzutauchen. Andererseits schafft er es, sämtliche Protagonisten mit ihrer eigenen Geschichte und Idiosynkrasien auszustatten, und zwar so, dass weder hochnäsige High-Rollers weltfremd erscheinen, noch völlig zerstörte Trinker und Landstreicher abgewertet oder entmenschlicht werden.

Kennedy findet für jede seiner Figuren die richtige Sprache und was noch viel mehr beeindruckt, er erzählt seine Geschichten mit einer melodischen Lyrik, die die Leserin in Bezug auf jede Situation und alle Protagonisten zutiefst zu berühren im Stande war.

Wer also eine Lektüre sucht, die Einblick in die Einwanderungsgeschichte der USA gibt, die von politischen Verstrickungen und Machenschaften erzählt, die menschliche Schicksale und Familienbande über Jahrzehnte auf beeindruckende und berührende Weise schildert, der sollte sich den Albany-Zyklus von William Kennedy schleunigst zulegen. Von mir gibt es allerwärmste Empfehlungen dafür. (Für die englischen Originalfassungen, wohlgemerkt).

 Susanne, 1. Mai 2012

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The Sandworm empfiehlt – Christoph Chorherr „Verändert!“

Worin liegt der Unterschied zwischen Madonna und Christoph Chorherr? Was kann eine Kilowattstunde? Wer verbraucht auf 100 km ein Äquivalent von 0.04l Sprit? Und welches sind die zwei wichtigsten Gründe Lehrer zu werden? Dies uns vieles mehr fragt sich Christoph Chorherr in seinem ersten Buch „Verändert!“ und wenn man ihn kennt, weiß man, dass er handfeste Antworten darauf liefert.

Zugegeben, die letzte Frage ist eigentlich ein Lehrerwitz, sie fügt sich aber perfekt in das von Chorherr aufgebaute Konzept eines Sachbuches, das nicht nur lehrreich ist, sondern auch ungemein unterhaltsam. Ich habe es gestern innerhalb von knapp drei Stunden ausgelesen und möchte es auch meiner Leserschaft allerwärmstens ans Herz legen.

Ich habe Christoph Chorherr als durch und durch engagierten Menschen kennen gelernt, als geradezu idealtypischen Politiker, der umsetzt und tut, und ganz nebenbei auch noch von seiner Arbeit begeistert ist. All das ist in seinem Erstlingswerk, in dem er sehr persönlich von den Dingen spricht die ihm für Wien, Österreich und die Welt wichtig sind, in jeder Zeile spürbar. Das Buch ist insgesamt auch das was man sich von einer Mischung aus Sachbuch und Biographie erwartet. Es liefert persönliche Einblicke in das Tun des Autors, es ist anschaulich und bewegt sich selten auf der sogenannten Metaebene, sondern bietet eine Vielzahl von Antwortmöglichkeiten auf einige der drängensten Fragen unserer Gesellschaft.

Zum Inhalt: In Form von sieben Kapitel arbeitet sich Chorherr, immer eingeleitet durch persönliche Erlebnisse und Erfahrungen, durch die Themen Entwicklungshilfe, Lernen, Demokratie, ökologische Wende, Solarenergie, Radfahren und urbanes Leben. Dabei verliert er sich weder im Detail, noch bleibt er jemals zu allgemein. Immer geht es ihm um Gestaltungsmöglichkeiten, die tatsächlich umsetzbar, die machbar und möglich sind. Wer ihn als Redner erlebt hat, kann sich den Autor dann auch bildlich vorstellen und spürt förmlich wieviel Herzblut in die einzelnen Projekte fließt.

So legt er glaubwürdig dar, dass im gemeinschaftlichen Tun, die größte Gestaltungskraft liegt. Sein Schulprojekt „Ithuba“ in Südafrika floriert nicht nur dank seiner Tatkraft und Initiative, sondern weil er auf seinem Weg jede Menge aktive, meist kostenlos zu Verfügung gestellte, Unterstützung von allerlei Weggefährten erhält. Und während „Ithuba“ Realität ist, wurde mit einem gigantisch höheren Geldbetrag von Popstar Madonna in Malawi noch kein einziger Ziegel gebrannt. (Soviel zur ersten Frage).

Es versteht sich von selbst, dass auch das hiesige Bildungssystem eine Herzensangelegenheit von Chorherr ist. Er fordert zurecht eine Entbürokratisierung und Entnormierung. Er fordert Lehrer, die mit den Kindern gemeinsam Lernstoff erarbeiten, umsetzen und erdenken dürfen. Dabei geißelt er die Einschränkungen in Form von allzu rigiden Gesetzen und Vorschriften und verlangt eine Befreiung des mittlerweile fast zum hermetisch abgeschlossenen System mutierten Gebildes namens Schule. Weder A: Juli, noch B: August sollten die wichtigsten Gründe sein Lehrer zu werden (nicht schlecht der Witz und die Antwort auf Frage vier), sondern die Möglichkeit der nächsten Generation die Türen zu Bildung und Wissen zu öffnen, meint er dann mit einem Augenzwinkern und dem berechtigten Einwand, dass seine Kritik weniger den Lehrern gilt, als viel mehr der Politik, die sich im Bezug auf eine nachhaltige Bildungsreform seit Jahrzehnten im Kreis bewegt.

Dem Umweltschutz widmet er wesentliche Kapitel und macht erst Mal verständlich, was eine Kilowattstunde eigentlich bedeutet. Das was wir tagtäglich gedankenlos verbrauchen, in dem wir Lichter brennen lassen oder unsere Wohnungen nicht wärmedämmen. Es zeigt sich nämlich, dass man mit einer Kraft von einer Kilowattstunde ein Gewicht von einer Tonne 365 Meter hoch heben kann. Erst dann wird deutlich worum es sich dabei eigentlich handelt und wofür wir gegenwärtig den Spottpreis von rund 20 Cent zahlen. Mit dieser Art von Beispielen gelingt es Christoph Chorherr plastisch zu beschreiben, was im Bezug auf eine Energiewende in erster Linie nötig ist, nämlich ein grundlegendes Verständnis von den Produkten, die wir tagtäglich verwenden und der Energie, der es bedarf um sie herzustellen.

So ist es auch keine Überraschung, dass er fürs Radfahren eine Liebeserklärung ausbreitet, dass einem ums Herz warm wird. Dass sich das Äquivalent, das ein Radfahrer auf 100 km schließlich an Sprit (Achtung Antwort auf Frage 2!) verbraucht, nämlich 0.04 l, gemeinhin nicht aus Erdöl sondern Wurstsemmeln, Gemüse, Salat oder Nudeln zusammen setzt, ist dann auch wieder so eine sympathische Gleichung, die Chorherr verwendet, um uns vor Augen zu führen, dass es besonders im urbanen Raum geradezu kriminell ist, sich für Distanzen von wenigen km in ein tonnenschweres Vehikel zu setzen und, meist auch noch allein, durch die Stadt zu stauen. Dass der Autor selbst bei Wind und Wetter auf seinem stylischen Klapprad anzutreffen ist, versteht sich von selbst. Chorherrs Liebe zum Drahtesel ist so direkt und spürbar, das Fahrradkapitel enthält die schönsten Passagen des Buches.

 „Verändert!“ von Christoph Chorherr ist eine absolut lesenswerte, lehrreiche und unterhaltsame Lektüre, die ich hiermit wärmstens empfehle. Wer sich die Kosten für das Buch ersparen will, der hinterlasse einen Kommentar mit ein paar Zeilen, die darlegen, was man gerne selbst verändern möchte. Als Belohnung gibt es für zwei Sandwormleser oder -leserinnen ein signiertes Exemplar frei Haus.

Susanne, 30. Oktober 2011

Kriminacht 2011 – Simon Urban „Plan D“

Seit 2005 findet die Kriminacht jährlich in Wien statt. In verschiedenen Kaffeehäusern frönt man der Leidenschaft Vieler und lässt Autoren aus ihren diversen Kriminalromanen vorlesen.

Anlässlich der heurigen Veranstaltung hat man mir netterweise ein Rezensionsexemplar von einem der eingeladenen Autoren zukommen lassen und mich gebeten, meine Meinung dazu kund zu tun. Diesmal gibt’s hier auch was zu gewinnen, mehr Infos dazu ganz unten.

Ich gebe zu, ich hatte die Wahl zwischen mehreren Autoren und habe mich rein intuitiv für Simon Urban entschieden. Das Problem einer Rezension eines deutschsprachigen Kriminalromans meinerseits liegt nämlich grundsätzlich darin, dass ich so gut wie nie deutschsprachige Kriminalromane lese. Warum, das kann ich nicht erklären, ich habe ganz einfach ein Faible für amerikanische Noir Krimis und meine bisherigen Ausflüge in die hiesige Krimilandschaft, sprich österreichische Autoren, boten alle miteinander herbe Enttäuschungen. Nachdem ich niemand beleidigen will, erspare ich mir die Nennung von Namen.

Ich gebe aber zu, dass amerikanische Kriminalliteratur nicht allein das Gelbe vom Ei ist. Henning Mankell hat mich fast genauso begeistert, wie Chandler und Co.

Ich holte also mein Leseexemplar von Simon Urbans „Plan D“ ab und fiel fast aus allen Wolken, weil man mir einen Wälzer von 547 Seiten in die Hand drückte. Ich begann sofort zu lesen und hoffte sehr, dass der Roman halbwegs unterhaltsam würde.

Er war es. Zum Glück. Was mich zu einer kurzen Rezension des Oeuvres von Simon Urban bringt. Die Geschichte ist im Hier und Jetzt angesiedelt, das letzte Kapitel spielt am 29. Oktober 2011 (wer es schnell liest, wird noch ein gewisses Gefühl des Dabei-Seins haben) und breitet seinen Plot vor der Fiktion einer noch immer existierenden DDR aus. Das System hat die Umbrüche im 1989-er Jahr überlebt, Egon Krenz steht an der Spitze, der Bundeskanzler der BRD heißt Oskar Lafontaine.

Klassischer Einstieg, ein ehemaliger Berater von Krenz wird ermordet aufgefunden, alles deutet auf Stasi-Handarbeit hin. Martin Wegener, seines Zeichens abgebrühter und desillusionierter Volkspolizist darf ermitteln, weil für die niedergewirtschaftete DDR international viel auf dem Spiel steht, wird ihm ein BRD Ermittler zur Seite gestellt. Der Rest entspinnt sich nach gewisser hard-boiled Manier auf den restlichen 546 Seiten.

Ohne zu viel zu verraten ein kurzes Fazit. Der Roman liest sich gut, man steigt schnell in die Story ein, Spannung baut sich auf und auch die DDR Fiktion ist einigermaßen unterhaltsam. Stärken zeigt der Autor eindeutig in der Dialogführung. Da werden seine Figuren lebendig, da bekommt die Geschichte eine Seele und man beginnt als Leserin mitzuleben.

Auffällige Schwäche ist Urbans Hang zum Detail. Auf vielen Seiten verliert er sich in der haarkleinen Beschreibung seiner Figuren und der exzessiven verbalen Ausgestaltung seiner Szenerien. Fast hat man das Gefühl Urban hätte gerne einen „richtigen“ Roman geschrieben, hohe Literatur, dass die sich aber auch unter Krimis findet, scheint ihm entgangen zu sein, die Adelung der Stilrichtung erfolgt mit Sicherheit nicht durch exzessive Anwendung von ausgefallenen Adjektiven.

In diesem Sinne würde ich dem Autor für das nächste Buch, so er im Kriminalfach bleiben will, die Lektüre von Raymond Chandler oder James M. Cain empfehlen, beide überzeugen auch mit weniger Worten. Generell bleibt ein guter Eindruck vom Buch, das auch über 500+ Seiten nicht langweilig wird.

Wer sich selbst eine Meinung bilden will: Der Sandwurm verlost drei signierte Exemplare von Simon Urbans „Plan D“. Alles was man dafür tun muss, ist mir im Kommentar seinen Lieblingskrimi zu verraten und wenn geht auch eine Begründung warum.

Weitere Informationen:

Die Kriminacht findet am 20. September in verschiedenen Wiener Kaffeehäusern statt. Alle Informationen findet man hier, eine Facebook Seite gibt’s hier. Simon Urban wird um 18:00 im Café Drechsler lesen.

Susanne, 9. September 2011

The Sandworm empfiehlt – E. L. Doctorow „Homer & Langley“

Wenn man auf Urlaub fährt, sollte man ein Buch mitnehmen. Und wenn man, so wie ich dieses Mal keines mit hat, dann sollte man wenigstens in eine Stadt fahren, wo man sich mit passenden Büchern eindecken kann. Nur für den Fall, dass einen die Leselust überkommt. Nach New York zum Beispiel, dort findet man Bücher für alle möglichen und unmöglichen Anlässe, an allen möglichen und unmöglichen Orten. Der beste darunter ist meines Erachtens nach der Saint Mark’s Bookshop. Dort ist es immer gemütlich und man findet eine breite Selektion an Büchern, samt entspannter Atmosphäre vor.

Ich habe mich dort, wie ich es gern tue, wenn ich unterwegs bin, mit einem Buch ausgerüstet, das gleichzeitig auch mit der Stadt, in der man sich aufhält, zu tun hat. Mit New York in meinem Fall. Die Wahl fiel auf E. L. Doctorows „Homer & Langley“.

Der Autor hat mich schon zweimal mehr als überzeugt, das Buch hatte eine praktische Reiselänge von etwas mehr als 200 Seiten, ich zögerte nicht lange und nach ein wenig Smalltalk über das zu dem Zeitpunkt omnipräsente Thema „Irene“ war das Buch gekauft.

E. L. Doctorow ist einer jener Autoren, die es gleich auf den ersten Seiten eines Buches schaffen, den Leser zu fesseln und in die langsam sich aufbauende fiktive Welt zu ziehen. Sein Stil ist von einer poetischen Leichtigkeit, die trotz allem präzise bleibt und niemals ausufert.

Das Buch ist ein historischer Roman, basierend auf einer wahren Geschichte, die von Doctorow in eine Art moderne Fabel transformiert wird. Ein düster-komisches Märchen zweier Brüder, Homer und Langley Collyer, die in einem herrschaftlichen Haus in der Fifth Avenue, gleich beim Central Park aufwachsen und dort, abgekapselt vom Rest der Welt, die Geschichte des 20. Jahrhunderts durchleben.

Nach dem Tod der Eltern, die von der spanischen Grippe 1918 dahin gerafft werden, finden sich die zwei, Homer blind und auf seinen Bruder Langley, der psychisch vom Einsatz im 1. Weltkrieg schwer gezeichnet ist, in ihrem Domizil wieder, einem Ort, der mit dem Lauf der Zeit immer mehr zum Abbild der Welt wird.

Langley, der sich rührend um seinen blinden Bruder kümmert, wird von einer Mission angetrieben: er will eine einzige allgemein gültige Ausgabe einer Tageszeitung schaffen, eine Edition, die ein für alle mal sämtliche publizierte Blätter ersetzt. Nachrichten, so Langley, seien nämlich austauschbar. Austausch- und soweit generalisierbar, dass mit genauester Studie und Kategorisierung eine ewig gültige Zeitung keine Utopie mehr ist.

So beginnt eine Sammelwut, die nicht nur sämtliche veröffentlichte Tageszeitungen involviert, sondern so ziemlich alles was Langley als sammelwürdig, aufbewahrenswert, erscheint, egal ob es ein Ford Model-T ist, der im Esszimmer aufgebaut wird, oder sämtliche Modelle funktionstüchtiger Schreibmaschinen und mehr. Während sich also im Haus immer mehr von dem stapelt, was draußen hergestellt und berichtet wird, findet dort auch gleichzeitig ein Rückzug von allem Weltlichen statt. Gibt es anfangs noch Dienstboten und Liebesaffären oder öffentliche Tanzparties, schwinden mit dem Lauf der Zeit die Angestellten, die Frauen und jeglicher sonstiger Kontakt nach Außen, bis sie nur mehr zu zweit sind. Homer & Langley.

Ein in jeder Hinsicht empfehlenswertes Buch, mit einer scheinbar simplen Geschichte, die aber ungemein spannend, komplex und so aktuell ist, dass man bewegt, amüsiert und betroffen zugleich ist, von dem was sich im Haus an der Fifth Avenue abspielt. All das packt Doctorow in eine wunderbare lyrische Sprache. Mein Lieblingszitat: „And when she whispered my name, God help me, the love broke over me like the hot tears of a soul that has found salvation“. Absolute Leseempfehlung!

Susanne, 4. September 2011t

Susanne

The Sandworm empfiehlt – Martin Pollack „Anklage Vatermord. Der Fall Philipp Halsmann“

Wer für die herannahende Urlaubszeit noch eine atemberaubende, sich von selbst lesende Lektüre benötigt, dem möchte ich heute allerwärmstens Martin Pollacks „Anklage Vatermord. Der Fall Philipp Halsmann“ ans Herz legen.

Im Grunde genommen ist es gleichgültig, ob Urlaubszeit oder nicht, das Buch eignet sich für jede Gelegenheit, da es von der ersten Seite an fesselt, bewegt, erschreckt, beängstigt und optimalerweise auch schnell ausgelesen ist.

Christoph Ransmayrs Kurzbeschreibung am Cover trifft wohl den Kern dessen, was das Buch so unglaublich mitreißend macht, es handelt sich bei Martin Pollacks Aufarbeitung eines Kriminalfalles aus dem Jahre 1928 nämlich nicht nur um eine akribisch genaue Dokumentation des Vorfalles, der sich damals in Tirol zutrug und in weiterer Folge österreich- und weltweit Aufsehen erregte, der Autor schafft auch ein literarisch höchst anspruchsvolles Werk, indem er zeitgeschichtliche Ereignisse mit präzisen Charakterstudien und einer sehr direkten Prosa verbindet. Man kann ohne Einschränkung feststellen, dass hier Truman Capotes „In Cold Blood“ oder Norman Mailers „The Executioner’s Song“ ein ebenbürtiges deutschsprachiges Pendant gefunden haben.

Worum geht es? Im September 1928 begibt sich der junge Philipp Halsmann gemeinsam mit seinem Vater Morduch, beide aus Riga stammende Juden, auf eine Bergtour ins Zillertal. Beim Abstieg kommt der Vater zu Tode, in Anbetracht der auffälligen Verletzungen nimmt man den Sohn noch am selben Abend fest, kurze Zeit später sieht er sich mit der Anklage Vatermord konfrontiert.

Was Pollack schließlich im Bezug auf die Spurensicherung, die einheimische Tiroler Bevölkerung, die damalige Stimmung im Land und in weiterer Folge während der Verfahren gegen den jungen Mann zusammenträgt und schildert, skizziert ein Bild von Österreich in der Zwischenkriegszeit, bei dem einem schlicht und einfach Hören und Sehen vergeht.

Nachdem das Buch ein so unglaublich spannendes literarisch-zeitgeschlichtliches Dokument ist, wäre es schade zuviel von dem zu verraten, was sich in den darauffolgenden Monaten abspielt, nur so viel: Philipp Halsmann, sieht sich mit so ziemlich allem konfrontiert, was sich in den Jahren darauf an Hass und Vorurteilen in Österreich gegen „die Juden“ und generell gegen Menschen, die nicht dem Tirolerhut tragenden Einheimischen entsprechen im Naziregime manifestiert. Daneben erhält man Einblicke in ein Österreich, die bisweilen ungläubiges Staunen auslösen, die gleichzeitig aber einen wichtigen historischen Beitrag liefern und zum Verständnis der heutigen Lage unserer Nation einiges beitragen.

Damit ist es auch ein erstaunlich aktuelles Buch, welches eindrucksvoll die Feindseligkeiten, Stereotypisierungen und Projektionen darstellt, die sich auch heute noch im Bezug auf „die Ausländer“ durch gewisse Parteidiskurse und Medien ziehen und die der Leserin einmal mehr demonstrieren, dass der Aufruf „Wehret den Anfängen“ nach wie vor dringlich bleibt.

Absolute, unbedingte Leseempfehlung!

p.s.: Empfindliche Gemüter seien gewarnt, das Buch enthält auch Gerichtsfotos.

Susanne, 26. Juni 2011

The Sandworm empfiehlt – E. L. Doctorow „The March“

Wer wie ich dem Irrglauben aufsitzt, dass sich historische Fiktion ausschließlich auf die Zeit vor oder rund um das Mittelalter beziehen muss, ist selber schuld. Des weiteren sollte man nicht den Fehler begehen, sich auf der Suche nach Ersatz für eine Lektüre, die sich qualtitativ mit Umberto Eco messen kann, auf Ken Follett hineinzufallen. Es ist ein tiefer Fall, mehr will ich dazu nicht sagen. Zum Glück jedoch gibt es Twitter und dort tummeln sich auch jede Menge literaturbegeisterte Vernünftige, die einem, wenn man denn nach Tipps und Hilfe fragt, auch in den allermeisten Fällen damit versorgen.

In meinem Fall war das eben die Frage nach historischer Fiktion der sehr kleinen Kategorie „Umberto-Eco-würdig“. Zurück kam, leider habe ich den Namen der liebenswürdigen Twitterantin vergessen, der Hinweis auf E.L. Doctorows „The March“. Das Buch wurde kurzerhand bestellt, denn mit der Erwähnung des Autors erinnerte ich mich daran, dass bereits dessen Roman „Ragtime“ großartig gewesen war, darüber hinaus wurde ich mir über meine eigene Ignoranz im Bezug auf die zeitliche Eingrenzung von historischer Fiktion bewusst, zu guter Letzt passte auch das Thema amerikanischer Bürgerkrieg ausgezeichnet in mein Interessensgebiet, die Vorfreude auf die Lektüre war groß.

Ich wurde keineswegs enttäuscht. Im Gegenteil. „The March“ ist wohl das Beste was ich in Bezug auf Geschichte und Fiktion in den letzten Jahren gelesen habe. Es vereint auf perfekte Weise eine berührende Prosa mit detaillierter Charakterzeichnung, die Greifbarmachung historischer Ereignisse durch fiktive Erzählstränge ist mitreißend und zieht einen bereits kurz nach Einstieg in die Lektüre in ihren Bann.

The March“ beschreibt den zeitlichen Abschnitt kurz vor Ende des amerikanischen Bürgerkrieges, eines Krieges der die amerikanische Bevölkerung in seinem Verlauf um ganze 10% reduzierte, der erstmals auch eine kriegerische Auseinandersetzung darstellte, die fotografisch extensiv dokumentiert wurde (für alle, die sich dafür interessieren empfiehlt sich die Dokumentation „Civil War„) und in dem es letztlich trotz aller Gewalttätigkeit und Entmenschlichung um etwas zutiefst Humanes ging – um das Ende der Sklaverei in den Vereinigten Staaten.

1864, während der Süden de facto bereits besiegt ist, bewegt sich die Armee von General William T. Sherman mit 60.000 Soldaten von Atlanta in Richtung Richmond, damals Hauptstadt der Konföderation, mit dem Auftrag alles auf ihrem Weg niederzubrennen und für konföderierte Soldaten unbrauchbar zu machen, ohne viel Ballast durchs Land zu ziehen und seine Truppen davon zu versorgen, was sich vor Ort findet. Essen, Vieh, Häuser, persönlicher Besitz der Bevölkerung vor Ort.

Die Leserin begleitet diesen Zug und findet sich durch Doctorows phänomenales Talent, Charaktere diversester Hintergründe zum Leben zu erwecken, mitten im Geschehen. Doctorow versucht keine Wertung und schildert das Schicksal befreiter Sklaven, die sich zwar frei, aber ohne Zugehörigkeit in Massen dem Zug der Soldaten anschließen, ebenso wie jenes des Großbürgertums im Süden, von Soldaten auf beiden Seiten und von Menschen, die sich unversehens in einer gnadenlosen Auseinandersetzung wieder finden.

Dabei geht der Autor mit einer Zufälligkeit vor, die einem auch das wahllose Sterben in diesem Krieg drastisch vor Augen führt. Kaum noch las man die Schilderungen eines Protagonisten, hat sich in dessen Person eingefühlt, da liegt er auch schon tot am Schlachtfeld und ein neuer Charakter nimmt seinen Platz ein. Doctorow setzt den Leser mitten hinein in diesen Marsch und veranschaulicht, wie kaum ein Buch zuvor, was ein Krieg für die Betroffenen, egal auf welcher Seite sie sich befinden, bedeutet. Verlust, Befreiung, Betrug, Mord, Entmenschlichung, Liebe und Hass.

Allerwärmste Empfehlung. Wenn geht im englischen Original.

Susanne, 29. Mai 2011

The Sandworm empfiehlt – Marcel Proust „Sodom und Gomorrha“

Marcel Prousts siebenbändiges Lebenswerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist zu Recht Teil jedes seriösen „was man unbedingt gelesen haben muss“-Kanons. Trotzdem gibt es noch immer viele Leute, die sich nicht „drübertrauen“ über diesen Wälzer, alleine die Vorstellung mehr als 5.000 Leseseiten vor sich zu haben, vergrault die Meisten. Dabei ist Prousts Oeuvre mit Sicherheit eines der zugänglichsten aus den „Must-Read“ Literaturlisten.

Nachdem ich vor kurzem den vierten Band davon fertig gelesen habe, stellt dies eine hervorragende Gelegenheit dar, die Gründe dafür wieder einmal darzulegen und vielleicht den Einen oder die Andere zu überzeugen, sich doch an die Lektüre heranzutrauen.

Der erste und wichtigste Grund Proust zu lesen, ist die unglaubliche Schönheit seiner Sprache. Kaum ein anderer Autor kommt an die Eloquenz Prousts heran und schafft es gleichzeitig so spielerisch und leicht dahinzuschreiben. Dafür sind wohl seine kaskadenhaften Sätze verantwortlich, ein Charakteristikum des Autors, welches das Lesen aber meines Erachtens niemals kompliziert oder anstrengend machen.

Im Gegenteil, die Schachtelsätze verleihen dem Werk genau das was es so einzigartig macht, nämlich die mäandernde Sprache, die an einem bestimmten Ort beginnt, sich über Zeit und Geografie netzartig ausbreitet, mal hier, mal da nachhakt und die Leserin wie während einer gemütlichen Bahnfahrt, bei der man manchmal mehr, manchmal weniger aufmerksam aus dem Fenster sieht, durch die einzelnen Bände führt.

Gleichzeitig beherrscht Proust die Wortmalerei wie kein anderer, seine bildhafte Sprache weckt ganze Szenerien, Gesichtausdrücke der Protagonisten, Sprachfehler mancher Randfiguren, Gerüche und Gefühle.

Letztlich ist es die lose Aneinanderkettung von Erlebnissen des Protagonisten, welche der Lektüre von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ die Einschüchterung, die ein „Wälzer“ gemeinhin ausübt, nehmen sollte. Man kann die einzelnen Bände über einen sehr langen Zeitraum lesen, ohne Angst haben zu müssen, dass man inhaltlich den Faden verloren hat. Es gilt keinen komplexen Handlungssträngen und Plot-Twists zu folgen, man klinkt sich lediglich in verschiedene Lebensphasen des Protagonisten ein und hat die Wahl sich jederzeit wieder auszuklinken, ohne etwas zu versäumen. Selbst die einzelnen Bände lassen sich auf diese Weise gemütlich vor sich hinlesen, kommt man mal ein, zwei Wochen nicht dazu das Buch aufzuschlagen, so ist man sofort in medias res, wenn man wieder Zeit zum Weiterlesen findet, schließlich kann sich eine einzelne Abendgesellschaft bei Proust gut und gerne über hunderte Seiten ziehen.

Und man kennt den Effekt auch aus dem eigenen Leben. Man trifft einen guten Freund Monate nachdem man sich das letzte Mal gesehen hat, man kann sich aber trotzdem unterhalten, als wäre die jüngste Begegnung erst Tage davor gewesen.

Zum aktuellen Band ist anzumerken, dass in „Sodom und Gomorrha“ die Handlung einiges an Dynamik gewinnt. Der Protagonist ist erwachsen, ebenso geht es um erwachsene Themen. Insbesondere beschäftigt ihn die männliche und weibliche Homosexualität und obwohl bereits 1921/22 erschienen, mit einer Handlung rund um die Wende zum 20. Jahrhundert, nimmt sich der Autor kaum ein Blatt vor den Mund und eröffnet einen Einblick in die Behandlung eines Themas, das bereits damals in gewissen Kreisen und Zirkeln mit erstaunlicher Toleranz behandelt wurde.

Weiteres erfährt man auch über die im Vorband „Guermantes“ bereits angerissene Dreyfus-Affäre und erhält wiederum einen spannenden zeitgeschichtlichen Zugang zu einer Thematik, die unter anderen Vorzeichen immer noch aktuell ist.

Nicht zuletzt jedoch geht es in „Sodom und Gomorrha“ hauptsächlich um die Gefühlswelt des Protagonisten, die liebestechnischen Komplikationen rund um Albertine, insgesamt um allerlei Empfindungen und Emotionen, die aktueller nicht sein könnten und an Aktualität auch nie verlieren werden. Besonders was den großen Humor Prousts betrifft, den ich hier am besten selbst sprechen lasse:

Er schien zunächst ein vielversprechender Journalist zu werden. Er bewährte sich aber nicht, das heißt, er wurde Minister! Das Leben bringt manchmal solche jähen Abstiege mit sich.

Susanne, 17. April 2011