Skizzen aus NY – Nr. 6

U-Bahn fahren in NY ist eine eigene Wissenschaft. Eher eine Geheimwissenschaft, denn selbst eingefleischte New Yorker finden sich hie und da in einem undurchsichtlichen System aus umgeleiteten, ausgefallenen oder am fremden Geleis fahrenden U-Bahnzügen wieder. Nun wird man fragen, wie ich als U-Bahn-Anfängerin auf die Idee komme, dass alteingesessene New Yorker Schwierigkeiten im Umgang mit der hiesigen Untergrundbahn haben könnten? Erfahrung und ein guter Blick sagen mir, dass ich Recht habe.

Natürlich dachte ich zu Beginn meines Aufenthaltes, ich würde bloß in die Anfängerfallen der MTA – der Metropolitan Transportation Authority, so der Betreiber der New Yorker U-Bahn – tappen. Sicher, ich war auch vor diesem Aufenthalt nie länger als eine Woche in der Stadt gewesen und konnte mich an die Tücken des U-Bahnwesens kaum erinnern, aber nach dem ersten Schrecken, als ich mich unerwartet in einem Zug einer Linie befand, der gar nichts dort, wo ich zugestiegen war, zu suchen gehabt hätte, war ich gewarnt. Und, als jemand, der sich selbst bereits akademisch betätigt hat, war meine wissenschaftliche Neugier entfacht.

Dabei ist die New Yorker U-Bahn heimtückisch! Durchaus übersichtlich präsentiert sie sich dem arglosen Benutzer am Plan wohlorganisiert und lädt geradezu ein, sich auf eine Erkundung der Stadt mittels öffentlichem Transportmittel einzulassen. Und da ist man ihr dann ausgeliefert, denn einmal geschluckt vom endlosen Tunnelsystem, einmal eingestiegen in die falsche Bahn, bedarf es einiges an List und Tücke ihr wieder zu entkommen.

Da gibt es ein Gewirr an Reparaturen, die Umleitungen bedingen, kurzfristig eingeschobenen Expresszügen, die in rasender Geschwindigkeit an der heimischen Haltestelle vorbeisausen, so schnell, dass man kaum in der Lage ist, den Namen der gewünschten Haltestelle rechtzeitig zu lesen und sich bereits mitten auf dem Weg in unbekannte Gefielde Manhattans befindet – oder schlimmer, möglicherweise bereits in Queens! Hin und wieder wandert man spät abends in die gewohnte Station, freut sich auf einen kurzen Heimweg und wird erst nach 20, 30 Minuten misstrauisch. Wo bleibt der gewohnte Zug? Neben mir warten nur 5 andere Leute, recht wenig für Midtown Manhattan, auch um kurz vor Mitternacht. Irgendwann beginnen sich die Wartenden fragend umzusehen, Blicke treffen sich, trennen sich wieder und starren hoffnungsfroh in den tiefschwarzen U-Bahnschacht. Wo bleiben die zwei erlösenden Scheinwerfer. Dann endlich, die vertraut unverständliche Stimme der Ansage. Hinter einem trommelfellerschütternden Rauschen kann man, wenn man der englischen Sprache sehr gut mächtig ist, oder derlei Situationen bereits öfters erlebt hat, die Worte „no“ „train“ und „downtown“ heraushören. Das gelingt aber auch nur jenen, die sich so wie ich, ganz intensiv mit der U-Bahn-Wissenschaft auseinandersetzen. Für alle anderen lässt es sich kurz dahingehend übersetzen, dass der gewünschte Zug nicht fährt. Und auch kein anderer. Basta. Also räumt man mit hängendem Kopf den Bahnsteig und sucht wie ein Abenteurer, einen neuen Weg zum Ziel.

Fragen ist meist hoffnungslos, auch wenn die U-Bahnansage, wie des Öfteren, bloß nur mehr wie „rewawawerrrraawwwwaarr“ klingt. Denn dann erntet man zumeist Kopfschütteln, eventuell ein kurzes „ich habe keine Ahnung“ oder bestenfalls ein mitleidiges „es tut mir sehr leid“. Man ist auf sich allein gestellt. Schafft man es dann endlich in den richtigen Zug, treten weitere Effekte, die dem U-Bahnfahren in New York und wissenschaftlicher Betätigung gemein sind, in Kraft: Befriedigung und Wissensneid. Zum einen ist man heilfroh endlich auf dem richtigen Weg nach Hause zu sein, die wissenschaftliche Fragestellung zufriedenstellend beantwortet zu haben – dieser Effekt verstärkt sich mit fortschreitender nächtlicher Stunde – zum anderen – und hier findet sich auch die Bestätigung der These, dass selbst eingefleischte New Yorker in Sachen U-Bahnfahren auf verlorenem Posten stehen – zeigt sich an den Haltestellen, die man bis zum Ziel anfährt immer wieder dasselbe Bild: Der Zug hält, die Türen öffnen sich, ein paar New Yorker schauen scheu in den Zug, wie wilde Tiere, kurz bevor sie in die Falle tappen – man kann an ihrem Blick die offensichtliche Frage „wohin fährt dieser Zug?“ lesen. Ein paar Mutige steigen ein und setzen sich hin, lassen sich nicht anmerken, dass sie keine Ahnung haben, wo sie hinfahren. Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt, man hat nicht viel Zeit für die Entscheidung, bleibe ich oder steige ich wieder aus, erfahrungsgemäß schließen sich die Türen innerhalb einer halben Minute. Endlich – jemand fragt, so uninteressiert wie möglich, „fährt dieser Zug nach XY?“. Und hier beginnt der Wissensneid der bereits mitfahrenden Gäste/U-Bahnforscher. Schließlich haben wir uns unser Wissen über die Destination des Zuges hart erarbeitet. Soll ich es irgendeinem dahergelaufenen Pseudowissenschafter, der vielleicht gerade mal 5 Minuten auf seinen Zug gewartet hat, so einfach preisgeben? Wer glaubt der, wer er eigentlich ist? Doch dann hat man Mitleid, man hat ja schließlich einen gemeinsamen Feind, eine gemeinsame Disziplin – das erfolgreiche U-Bahnfahren, ohne versäumte Ausstiegsstellen, ohne einfach ausgelassene Haltestellen – und – man gibt freudig, ja stolz über das bisschen Wissen mehr, das man an diesem Abend den anderen U-Bahnwissenschaftern gegenüber besitzt, die gierig erwartete Antwort. Ahhhh! Alle setzen sich, öffnen ihre Zeitungen, schlagen ihre Bücher auf, schalten ihre MP3 Player ein – und man fährt endlich nach Hause. Prüfung bestanden. U-Bahnwissenschaften für Anfänger.

Susanne, 12. Mai 2008

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Skizzen aus NY – Nr. 3

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Die Armory Show hat eröffnet – ein langes Wochenende der Galerien. Sympathisanten und Mitglieder der Glaubensgemeinschaft „Kunst“ pilgern scharenweise in ihre Kirche. 5 kurze Tage hat sie ihre Pforten geöffnet, dieses Jahr in einer Lagerhalle an einem der unzähligen Piers auf Manhattans Westseite. Kleinere Konfessions-Kongregationen wie die Pulse, die Volta oder LA Art reißen sich zur selben Zeit um Kirchgänger – die einzig Wahre unter ihnen zu sein, reklamiert die Armory Show.

Am Mittwoch dürfen ausschließlich VIPs in die heiligen Hallen. Vielleicht sollte es VIB heißen – Very Important Believer? Irgendwann will man schließlich unter sich sein. Durch Zufall bin ich in den Besitz eines VIP-Passes gelangt und mache mich freudig auf den Weg in die Kirche. Angekommen gebe ich meinen Mantel ab und kaufe mir um 20 $ das jährlich neu aufgelegte Glaubensbekenntnis – den Katalog. Für besonders wichtige Glaubende wäre er eigentlich gratis – ich halte mich zurück, denn der VIP-Pass gehört meinem Boss. In Plastik eingewickelt wird mir die heilige Schrift schließlich ausgehändigt – dieses Jahr sind die Schutzheiligen der Armory Show Mr. John Waters, seines Zeichens Kultregisseur und seit den frühen 1990er Jahren auch bildender Künstler, sowie Ms. Mary Heilmann, abstrakte Malerin. Ich wandle wie selbstverständlich in die VIP Lounge, John und Mary unterzeichnen die Kataloge für die auserwählten Kunstgläubigen. John und Mary, fast wie Joseph und Maria, sitzen leibhaftig auf einem Sofa – in dieser Kirche gibt es ausnahmsweise nur lebende Heilige. Der Prozess der Heiligsprechung ist umstritten. Irgendwann ist man es, oder eben nicht.

Raus aus der VIP Lounge wandle ich durch die Gänge – Kirchenschiff und Krypta sind architektonisch nicht auszumachen – Galerie um Galerie bevölkern die Kunsthändler ihre in Reih und Glied aufgestellten, bescheidenen, fast spartanischen, Rigips-Mönchszellen. Neben Künstlern und Käufern, schwer auszumachen wer wer ist, stechen immer wieder einzelne Charaktere aus der Masse hervor. Meist paarweise pilgern sie durch die Gänge. Hier ein Pärchen, das ich schon mal irgendwo in einem Kulturformat gesehen habe, zwei skurrile Gestalten, glatzköpfig und in knalligen Gewändern. Dort ein in russischer Soldatenuniform paradierender junger Mann, begleitet von einem Transvestiten in einem biederen 1950er Jahre Damenkostüm. Welche Funktion sie erfüllen? Man weiß es nicht. Ministranten oder Erzengel in einer Kirche, deren Liturgie hier niemand so genau kennt.

Ich entdecke ein Werk das mir gefällt und frage den Galeristen nach dem Preis. 22.000 Dollar. Danke, heute lieber nicht. Weiter geht´s, auf und ab durch die elendslangen Gänge, Malereien neben Skulpturen, Fotografien neben Installationen, hier ein Bild mit lauter Penissen, dort ein weiblicher Akt mit gespreizten Beinen, davorstehend Betrachter, die nachdenklich ihre Köpfe wiegen – Derartiges regt hier wirklich niemanden mehr auf. Nach 3 Stunden Kunstgottesdienst neigt sich der Abend dem Ende zu, die Jünger werden pünktlich um 20 Uhr aus den Hallen vertrieben, morgen darf dann auch der normale Kunstliebhaber herein – gegen einen kleinen Obolus von 30 Dollar, versteht sich. Und wie früher als die Kirchenglocken die Messe beenden und die Gläubigen sich aus der Kirche drängen, ergießt sich auch in NY ganz kurz ein Strom von hunderten Menschen auf die Straßen der Großstadt. Anders als im Dorf auf dem Land, vermischt sich der Menschenstrom bereits nach wenigen Minuten mit der Masse der Stadtbewohner. Gläubig oder ungläubig – das kann nun keiner mehr ausmachen. Amen.

 

Susanne, 30. März 2008