The Sandworm empfiehlt – William Kennedy

Schon längst möchte ich einen Autor empfehlen, der in den USA nicht die Bekanntheit erlangt hat, die er eigentlich verdient hätte und der hierzulande so gut wie unbekannt ist. Es handelt sich um William Kennedy. Der Amerikaner hat sich in den vergangenen Jahren, in denen ich seine Bücher gelesen habe, einen Fixplatz in meinen ewig sich wandelnden Literatur-Top 10 erschrieben.

Kennedy ist vor allem durch seinen Albany-Zyklus bekannt. Für sein Buch „Ironweed“, das auch verfilmt wurde, ist er verdientermaßen mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet worden. Ich selbst habe ihn, obwohl ich ein ganzes Jahr meines Lebens in Albany verbracht habe, erst durch eine Empfehlung eines anderen amerikanischen Autors entdeckt. „Ironweed“ war schließlich auch das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe – es hat mich sofort begeistert und diese Begeisterung hat sich über die Lektüre des restlichen Zyklus stetig verstärkt.

Kennedy hat sich de facto von Buch zu Buch gesteigert, sein Zyklus stellt sich mir nach der Lektüre nun als ein Gesamtwerk dar, das nur wenige Entsprechungen in der Literaturgeschichte findet. Der Autor überzeugt durch einen herausragenden Stil, der in vielerlei Hinsicht an James Joyce erinnert, der aber weniger kompliziert, weniger verkopft wirkt. Seine Sprache ist, so wie sie in einem der Klappentexte bezeichnet wird, eine poetische Prosa, die nahe am Leben der von ihm beschriebenen Protagonisten bleibt, trotz allem aber nie ordinär oder banal wirkt.

In seinen Albany Büchern kreisen die Geschichten um eine ganze Gruppe von Menschen, die entweder verwandt oder bekannt sind und deren Lebenswege sich immer wieder kreuzen. Kennedy zeichnet ein ganz plastisches Bild davon, wie die Schicksale seiner Protagonisten von jenen ihrer Vorfahren beeinflusst werden und gleichzeitig die ihrer Nachkommen mitbestimmen.

Chronologisch, nach dem jeweiligen Erscheinungsdatum betrachtet, startet der Zyklus mit „Legs“, einer klassischen Gangsterballade, die in den 1920ern und -30ern angesiedelt ist und die Geschichte des Ganoven Jack „Legs“ Diamond erzählt. Es folgt „Billy Phelan’s Greatest Game“, das ebenfalls in der Zeit der großen Depression bzw. der Prohibition spielt und der Verstrickung eines kleinen Hustlers in einem Entführungsfall nachspürt. „Ironweed“ wiederum beschreibt das Leben aus der Sicht von Francis Phelan, dem Vater von Billy, der als abgestürzter Trinker und vermeintlicher Verursacher eines tragischen Todesfalles in seiner Familie nach Sühne sucht. „Quinn’s Book“ setzt viel früher an und begibt sich zurück bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Neben einer Liebesgeschichte, die der Protagonist Daniel Quinn in Rückblicken erzählt, geht es auch um Einwandererschicksale, um gesellschaftlichen Status, um Streiks und Klassenkämpfe. Das alles findet sich eingebettet in einen fantastischen Stil, der hin und wieder an die südamerikanische Erzähltradition eines Garcia Marquez erinnert.

In „Very old Bones“ kehrt Kennedy wieder zu den Phelans zurück und versucht deren Familiengeschichte aufzuarbeiten. Es folgen „The Flaming Corsage“, das sich den Phelans schließlich bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts widmet, „Roscoe“ wiederum zeichnet die Geschichte eines  politischen Aufstiegs und Falles. Zuguterletzt gibt es jetzt auch noch „Chango’s Beads and Two-Tone Shoes“, das 2011 erschienen ist und welches ich, wie ich zu meiner Freude realisiert habe, noch nicht kenne.

William Kennedy besitzt in seiner Ausdrucksweise eine Brillianz, die ich selten zuvor in ähnlich konsistenter Weise bei einem Autor wiedergefunden habe. Jedes seiner Bücher glänzt durch eine sprachliche Finesse, die einerseits dadurch charakterisiert ist, dass sie ein weitverzweigtes Familiennetz mit einer Leichtigkeit verwebt, die einem die porträtierten Charaktere wie Mitglieder der eigenen Familie erscheinen lässt, welche hier und dort auftauchen, ihre Handschrift in der Familienchronik hinterlassen, um dann wieder im Dunkel der Geschichte abzutauchen. Andererseits schafft er es, sämtliche Protagonisten mit ihrer eigenen Geschichte und Idiosynkrasien auszustatten, und zwar so, dass weder hochnäsige High-Rollers weltfremd erscheinen, noch völlig zerstörte Trinker und Landstreicher abgewertet oder entmenschlicht werden.

Kennedy findet für jede seiner Figuren die richtige Sprache und was noch viel mehr beeindruckt, er erzählt seine Geschichten mit einer melodischen Lyrik, die die Leserin in Bezug auf jede Situation und alle Protagonisten zutiefst zu berühren im Stande war.

Wer also eine Lektüre sucht, die Einblick in die Einwanderungsgeschichte der USA gibt, die von politischen Verstrickungen und Machenschaften erzählt, die menschliche Schicksale und Familienbande über Jahrzehnte auf beeindruckende und berührende Weise schildert, der sollte sich den Albany-Zyklus von William Kennedy schleunigst zulegen. Von mir gibt es allerwärmste Empfehlungen dafür. (Für die englischen Originalfassungen, wohlgemerkt).

 Susanne, 1. Mai 2012

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Skizzen aus Wien – Nr. 44

Wir schreiben ein neues Jahr, 2010, falls noch jemand einen sehr üblen Silvesterkater auskuriert, und eine neue Dekade, was in den vergangenen Tagen als eine Flut von Berichten à la „Das waren die Nuller-Jahre“ über die Medienlandschaft schwappte. Ich habe nur wenige davon gelesen, in Bezug auf den angloamerikanischen Raum hat wohl „The Village Voice“ Societykolumnist Michael Musto eine sehr adäquate Beschreibung geliefert, ich hingegen habe beschlossen keine Dekadenrückblicke und -analysen anzustellen, sondern mich im ersten Eintrag des neuen Jahres, ganz und gar egoistisch, einfach einem meiner Lieblingsthemen zuzuwenden, der Literatur, und den Sandwurmlesern für das kommende Jahr ein paar herausragende Autoren zu empfehlen. Autoren, die zwar nicht brandaktuell, dafür aber zeitlos herausragend sind. Ich darf vorausschicken, dass es sich ausnahmslos um Empfehlungen aus den USA handelt, die, wenn irgendwie möglich, auf Englisch gelesen werden sollten.

Der jüngste Autor, den ich bereits vor 2 Jahren gelesen habe, der sich jedoch auf einer dieser „Die besten Bücher der Dekade“-Listen wieder fand, heißt Jonathan Lethem (1964 – ) und hat mit „Fortress of Solitude“ einen hervorragenden Roman verfasst. Er erzählt die Lebensgeschichte von Dylan Mingus, einem Jungen, der als eines der wenigen weißen Kinder in den 1970er Jahren im afroamerikanisch dominierten Brooklyn aufwächst. Das Buch handelt von Rassenkonflikten, von Comics und Superhelden, von einem magischen Ring, von dem Einzug der gehobeneren weißen Schichten nach Brooklyn und der Verdrängung der Schwarzen, von Funk-Musik und Graffiti, und ist – besonders was den ersten Teil des Buches und die Kindheit von Dylan Mingus, die auch durch seine Freundschaft mit dem Afroamerikaner Mingus Rude geprägt ist, betrifft – eine hervorragende, stilistisch exzellent verfasste, Erzählung, die immer wieder Genre-Grenzen auslotet und überschreitet.

Es folgen zwei persönliche Neuentdeckungen im unendlich scheinenden Literaturuniversum. Der erste Autor, der sich besonders für Freunde des Noir-Genres eignet, heißt Jim Thompson (1906 – 1977). Thompson machte sich durch diverse Hard-Boiled und Pulp-Fiction Veröffentlichungen einen Namen als Erzähler von fast irrwitzig brutalen, aber dadurch sehr realitätsnahen Kriminalgeschichten, in späterer Folge arbeitete er auch als Drehbuchautor. So war er unter Anderem für die Drehbücher zu Stanley Kubricks „The Killing“, und „Paths of Glory“ verantwortlich. Ein persönlicher Favorit ist „The Killer Inside Me“, der die wohl realistischste und schonungsloseste Charakterstudie eines Psychopathen darstellt, die ich seit Patricia Highsmiths „The Talented Mr. Ripley“ gelesen habe. Thompsons Geschichten sind kurz, aber intensiv und lassen sich in einem Nachmittag/Abend fertiglesen, was auch gut so ist, da man die Bücher, einmal begonnen, ohnehin nicht mehr zuklappen kann. Weitere exzellente im vergangenen Jahr gelesene Werke: „The Grifters“ (mit Anjelica Huston und John Cusack verfilmt) sowie „After Dark, My Sweet“. Der Rest steht bereits auf der Bestellliste.

Nummer zwei der Neuentdeckungen des vergangenen Jahres ist William Kennedy (1928 – ), der sich mit seinen Geschichten, die er rund um die Stadt Albany in New York geschrieben hat, ein Denkmal gesetzt hat. Erstaunlicherweise habe ich selbst in dieser Stadt gelebt, Kennedy ist mir aber damals nicht untergekommen. Umso mehr freut es mich, ihn doch noch entdeckt zu haben und ihn hier auch gleich weiterempfehlen zu können. In seinem Pulitzerpreisgekrönten Hauptwerk „Ironweed„, welches auch meine erste Kennedy-Lektüre bildete, beeindruckt er durch seinen, ein wenig an James Joyce anklingenden, sehr poetischen Erzählstil. Er beschreibt die Geschichte des Obdachlosen Francis Phelan, der in den Zeiten der großen Depression nach Jahren in seine Heimatstadt Albany zurückkehrt und sich dort mit seiner Vergangenheit konfrontiert sieht. Kennedy schildert eindringlich das Leben auf der Straße, die Kälte und alkoholgetränkte Nächte, verlorene Menschen, die nichts mehr haben und nichts mehr sind und es gelingt ihm dabei das Kunststück, die brutale Lebensrealität der Protagonisten in einer wunderschönen, sehr poetischen Sprache zu erzählen.

Alle drei Autoren möchte ich den Sandwurmlesern allerwärmstens ans Herz legen – ein spannendes Literaturjahr wünscht,

Susanne, 3. Jänner 2010