Das Konzertjahr 2008 (Teil II)

 

Zu Susannes Konzerthöhepunkten des abgelaufenen Jahres (Skizzen aus Wien – Nr.8 ) möchte ich mir an dieser Stelle noch einige Ergänzungen gestatten. Zu Beginn zensuriere ich mich gleich vorauseilend selbst und verliere über das Konzert von Herrn Dylan im Juni aus Rücksicht auf meine liebe Mit-Bloggerin kein einziges Wort. Vorausschicken möchte ich außerdem, dass von vielen großartigen Konzerten, die 2008 noch folgten, keines den unglaublichen, fantastischen, mitreißenden Auftritt von Neil Young im Februar erreicht oder gar überboten hat. Soweit zur damit auch gleich aus dem Weg geräumten „Konzert des Jahres“-Frage.

Derselben Altersklasse wie Dylan und Young gehört John Fogerty an. Ein weiterer senior citizen, der im Juni in der glücklicherweise einmal nicht bestuhlten Wiener Stadthalle alles andere als eine Pensionistenshow ablieferte. Mit einer fünfköpfigen, auffallend jungen Band, lieferte Fogerty eine souveräne und beherzte Show, die etwa zur Hälfte eine Best of Creedence Clearwater Revival-Show und zum Anderen ein Querschnitt seiner wenigen post-CCR-Soloarbeiten mit Schwerpunktsetzung auf dem aktuellen Album Revival (2007) war. Dass dabei in einer über zweistündigen Show auch in längeren CCR-Hit-freien Songblöcken keinerlei Fadesse aufkam, war für mich dann doch auch ein kleines bisschen überraschend. Ich kannte wohl einige Soloarbeiten Fogertys, hätte aber nicht erwartet, dass die Qualität des Materials bis hin zu seiner jüngsten Veröffentlichung derart hoch ist. Als dann noch jeder einzelne Song mit offensichtlich größter Spielfreude aller Beteiligten serviert wurde und Fogerty mit hervorragendem Gesang und ebensolcher Lead-Gitarrenarbeit glänzte, wußte ich, dass ich meine 45 Euro richtig angelegt hatte.

Für einen weiteren guten Tag zeichnete Anfang Juli ein ziemlich dicker, in einem Glitzeranzug auf einem Thron sitzender Mann verantwortlich. Solomon Burke bespielte mit großer Band den Arkadenhof des Rathauses. Groß ist nicht nur der Mann selbst, sondern auch sein Talent als Sänger und Entertainer, dementsprechend beeindruckend war seine gesangliche Darbietung. Burke begann den Abend überzeugend mit dem Titelsong seines aktuellen Albums Like a Fire und ließ Tom Waits‘ Diamond in Your Mind von seinem grandiosen, von Joe Henry produzierten Comeback-Album Don’t Give up on Me (2002) folgen. Damit hatte King Solomon an sich bereits gewonnen. Zwei verzichtbare Medleys – eines Otis Redding gewidmet und eines ein Rock & Roll-Medley – konnten der Konzertfreude keinen Abbruch tun (Medleys sind immer und ausnahmslos böse und vollkommen überflüssig!). Als weitere Höhepunkte erwiesen sich neben dem einen oder anderen Klassiker aus der ersten Karriere von Burke in den 60er Jahren (Cry to Me) zwei Country-Nummern aus seinem vorletzten, einfach und eindeutig betitelten Album Nashville. Im letzten Konzertdrittel lud Burke die Menschen auf die Bühne, schüttelte Hände und ließ Rosen an die Besucherinnen verteilen, bevor er sich schließlich mit Everybody Needs Somebody to Love verabschiedete. Ein Pop/Soul/Country/Jazz-Konzert als full-service in jeder Hinsicht.

 

 

 

Für einen herbstlichen Konzerthöhepunkt war schließlich noch Go-Between Robert Forster verantwortlich. Einige Zeit lang wußte wohl niemand nach dem viel zu frühen Tod Grant McLennans, ob Forster überhaupt weiter Musik machen würde – er dürfte sich wohl selbst nicht wirklich im Klaren darüber gewesen sein. Nachdem dann zu Jahresbeginn sein formidables Soloalbum The Evangelist erschien, war zumindest diese Frage zur Freude vieler eindeutig mit Ja beantwortet und diese Freude resultiert nicht nur aus der Tatsache, dass Forster uns überhaupt als Sänger und Songwriter erhalten bleibt, sondern dass er das gleich mit einer restlos überzeugenden Veröffentlichung klarmacht. Sein Konzert im Oktober im WUK hatte sodann auch den Charakter eines Treffen vieler alter Go-Betweens-Freunde, die glücklich und dankbar Forsters ausgewogener Darbietung von Solonummern und Go-Betweens-Stücken lauschten. 2005 war er auf derselben Bühne noch mit Grant McLennan gestanden. Auch wenn dieser naturgemäß fehlte, so war dieses Fehlen wohl vor allem eines in der Erinnerung des Publikums. Robert Forsters Darbietung war alles andere als eine „halbe“ Sache.

Das Konzertjahr 2008 war also zweifelsohne ein gutes, gar keine Frage. Und wenn ich mir für 2009 was wünschen darf, dann hätte ich gerne endlich wieder einmal ein Konzert von Ron Sexsmith, der im übrigen mit Exit Strategy for the Soul eine Platte des Jahres veröffentlicht hat.

(Martin)

Skizzen aus Wien – Nr. 8

sandworm

 

Wir befinden uns fast mitten im Dezember und das Jahr geht langsam aber sicher seinem Ende zu. Im Kalender fehlen zwar noch ein paar Tage, trotzdem Grund genug einen Rückblick auf das heurige Konzertjahr zu tun. Denn, auch wenn es kaum jemand glauben mag, für mich ist die heurige Saison beendet, mein Konzertkalender 2008 ist voll. Und – es war ein gutes Jahr was die Ausbeute an Konzerten betrifft, selbst die Tatsache, dass ich mehr als vier Monate dieses Jahres nicht in Wien verbracht habe, hat sich, bis auf die persönliche Katastrophe einen der spärlich gesäten Auftritte des Herrn Dylan versäumt zu haben, nicht negativ auf meine Bilanz ausgewirkt.

Einen fulminanten Auftakt fand 2008 bereits im Februar. Altmeister Neil Young gab sich ein Stelldichein im Austria Center Vienna und legte einen Auftritt hin, von dem sich viele 20-jährige noch einiges abschauen könnten. Musikalische Virtuosität, samt beeindruckender Agilität – gerockt wurde bis die Saiten der Gitarre rissen – ließen die Besucher selbst die uncharmante Atmosphäre des Austria Center vergessen, dass die Wiener Linien wieder mal nicht mehr fuhren und mehrere hundert Konzertbesucher schließlich zu Fuß über die Reichsbrücke in die Stadt zurücksuchten, konnte die Stimmung ebenfalls nicht trüben. Mehr dazu im Konzertbericht von meinem werten Blog-Kollegen Martin (Februar 2008).

Die danach folgende Wien-Pause wurde meinerseits kaum wahrgenommen, bis auf die oben erwähnte schmerzhafte Nachricht, dass Bob Dylan, nach mittlerweile gefühlten 100 Jahren endlich wieder mal nach Wien kommt, ausgerechnet wenn ich nicht dort bin. Aber NY hat mehr als entschädigt (siehe dazu die jeweiligen Einträge) und mit dem Auftritt von Conor Oberst und seiner Mystic Valley Band war im September wieder alles gut. Die Band hatte die Wiener Arena für ihr Gastspiel gewählt, noch dazu einen der letzten lauen Spätsommerabende, an denen man auch noch draußen sitzen konnte und so tat die etwa einstündige Verspätung mit der Mr. Oberst die Bühne betrat kaum weh. Der junge Mann bot dann trotz fortgeschrittener Illuminierung ein wunderbares Konzert, das neue Album („Conor Oberst“) kann ich jedermann nur wärmstens ans Herz legen.

Das nächste Highlight bildete der Double-Header Lambchop/Calexico, der beherzt der katastrophalen Akustik im Gasometer trotzte. Das besagte Akustikproblem war mir schon vor meinem ersten Besuch in der Konzertlocation zu Ohren (!) gekommen, es hat sich bestätigt und lässt sich treffenderweise mit „Bahnhofshallenatmosphäre“ beschreiben. Wie dem auch sei – beide Bands überzeugten – stellenweise kam dann doch noch eine Stimmung auf, als säße man auf der Veranda, blicke über die Weiten Arizonas und nähme genüsslich einen Schluck vom eisgekühlten Corona (mit Limettenscheibe!).  Da konnte einem selbst die Oktoberkälte nichts mehr anhaben.

Der November bot schließlich sage und schreibe zwei Höhepunkte. Nummer eins: Okkervil River, die leidergottes im Rahmen des Blue Bird Festivals im Porgy&Bess auftraten (Please Mr. Sheff – solo show next time!), die dilletantische Technik (der Lichttechniker versteht offenbar kein Englisch) und ein sitzendes Publikum aber ganz einfach links liegen ließen und ein phänomenales Konzert boten. Für Okkervil River („The Stand Ins“), wie auch für die beiden oben erwähnten Bands (Calexico mit „Carried To Dust“ und Lambchop mit „Oh (Ohio)“), gelten ebenfalls dringendste Albenempfehlungen.

Nummer zwei: Wovenhand. Bandleader David Eugene Edwards trieb mit seinen Mannen die apokalyptischen Reiter durchs WUK und hätte thematisch gerne auch am Krampustag auftreten können. Nichts desto trotz auch am 27. November eine energiegeladene Performance, die uns Zuhörern kräftig die Leviten las und uns präventiv gleich fürs kommende Jahr für alle noch nicht begangenen Sünden büßen ließ.

Und da sagt sich das vor Glück überströmende Herz der Musikliebhaberin schließlich „mehr brauchst du nicht, um bis zum Ende dieses Jahres von einem voll und ganz gelungenen Konzertjahr zu sprechen!“. Möge auch 2009 dem in nichts nachstehen, für alle, die schon jetzt über geheime Insiderinformationen verfügen – immer gerne an The Sandworm!

 

Wer die oben bejubelten Bands noch nicht kennt, hier die Links zu den jeweiligen MySpace Seiten:

Neil Young

 

Conor Oberst

 

Lambchop

 

Calexico

 

Okkervil River

 

Wovenhand

 

Artwork „Sandworm“: zoer

 

Susanne, 8. Dezember 2008

Skizzen aus NY – Nr. 7

 

Stefan Nemeth   (Stefan Németh)

 

Nach mehr als zwei Monaten in New York kann ich vom ersten musikalischen Highlight dieses Aufenthaltes berichten. Es stimmt schon, ich habe mich die meiste Zeit hier nicht wirklich intensiv mit dieser Kunstform beschäftigt und mein Interesse Live-Konzerte zu besuchen hielt sich ebenfalls in Grenzen. Wer will schon Billy Joel oder Josef Ratzinger in irgendwelchen Baseballstadien erleben? Ich nicht. Und somit hat meine Aufmerksamkeit bis dato der bildenden Kunst gegolten.

Gestern jedoch durfte ich, in Zeiten musikalischer Revivals und Re-Revivals, einen wirklich interessanten, unerwartet innovativen Musikabend erleben. Nach einem einigermaßen ermüdenden Arbeitstag flatterte die Einladung in ein Etablissement namens „Knitting Factory“ in mein elektronisches Postfach und obwohl ich totmüde war und meine Augen kaum noch offen halten konnte, kam mir dieser Name bekannt vor und nach kurzer Recherche wusste ich: das muss ich mir ansehen. 

Ich habe, zugegebenermaßen, eine gewaltige Schwäche für den sogenannten Underground – und damit meine ich diesmal ausnahmsweise nicht die New Yorker U-Bahn – düstere Spelunken und abgefuckte Konzertvenues lassen mein Herz höher schlagen. Hier kann man nicht nur die skurrilsten Gestalten erleben und mitunter ausnehmend interessante Gespräche führen, auch musikalisch ist es zumeist ein Garant für hochgradiges Amüsement und/oder die Entdeckung ungeschliffener Musikdiamanten. Hin und wieder sind auch bereits geschliffene dabei, das hängt von der jeweiligen Sichtweise ab.

Nachdem ich die Ausweiskontrolle zur Feststellung des legalen Trinkalters passiert hatte, marschierte ich nichts ahnend in Richtung Konzertraum, aus dem mir bereits dumpfe Klänge entgegendröhnten. Mit der Tür zum Aufführungssaal schien sich gleichzeitig auch das Tor zur Hölle zu öffnen – vor der Bühne hatten drei satanische Wesen Aufstellung genommen und bearbeiteten Micro, E-Gitarre und Schlagzeug, auf dass es einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die Truppe, die sich „Bonedust“ nannte und deren Name offenbar Programm war, bestand, wie sich erst auf den zweiten Blick herausstellte, aus drei Frauen, die, in burtonesker Kostümierung (Stichwort „The Nightmare before Christmas“) wahlweise auf die Drums eindroschen, die Saiten an den Rand des Berstens brachten oder in markerschütternder Fasson ins Mikrophon brüllten. Sicherheitshalber hielt ich mich im Hintergrund, auch aus Angst, ich könnte bei zu intensivem Konsum dieser musikalischen Kost auf Lebzeiten unter Albträumen leiden, trotz allem war ich wie der Rest der Zuhörer fasziniert. Die für mich brennendste Frage: Wenn es schon Angstanfälle auslöst, sich derlei anzuhören, was veranlasst jemanden dazu, Musik wie diese herzustellen?! 

Nach etwa 45 Minuten war der Spuk dann vorbei und dass die drei Damen ihre eigenen Instrumente schließlich selbst abbauen und wegtragen mussten, verlieh der ganzen Show dann noch den Extratouch an Pathos – gequälte, malträtierte Satansbrut, die auch noch dazu verurteilt war ihren eigenen Krempel wegzuräumen. Ein erstes Highlight des Abends.

Der zweite Act fiel Bierkonsum und Zigarettenrauchen zum Opfer. Dass dies soviel Zeit in Anspruch nahm, liegt aber nicht, wie manche vermuten würden, an der psychologischen Reaktion zu „Bonedust“, die sicherlich darin liegen könnte, das entstandene Angstausmaß mit übermäßigem Alkohol- und Zigarettenkonsum zu betäuben, sondern viel mehr an der Tatsache, dass die Konsumierung dieser Stimulantien in New York nie und nimmer in einer viertel Stunde zu bewältigen ist. Schließlich ist Rauchen im Lokal nicht mehr erlaubt, man muss raus auf die Straße, Alkohol wiederum darf beim besten Willen nicht nach draußen mitgenommen werden. Wer dann auch noch aufs Klo musste, hätte selbst beim dritten Musikact die Hälfte, und somit den Höhepunkt des Abends, versäumt.

 

    (Martin Siewert)

 

Besagter bestand aus Stefan Németh (seines Zeichens Österreicher) und Martin Siewert (in Wien lebender Deutscher), die gemeinsam als „Nemeth“ für ein denkwürdiges Musikerlebnis sorgten. Beide Musiker waren einander gegenüber aufgestellt, Stefan Németh am Synthesizer, Martin Siewert mit Synthesizer, Hawaii- und E-Gitarre, und begannen über die Dauer von nicht ganz einer Stunde eine Klangkulisse aufzubauen, die Ihresgleichen sucht! Langsam schwebende Klänge, grillenartiges Zirpen, Herzrhythmusstörungen auslösende Beats, morriconeartige Gitarrenriffs bauten sich da auf, wurden wieder zu leiseren, flächenartigen Klangteppichen heruntergeschraubt, breiteten sich bis in die letzten Winkel des dunklen Saals aus und legten sich über die bewegungslosen, auf ihren Stehplätzen festgefroren scheinenden Zuhörer. Immer wieder entstand durch diese Kompositionen eine fast unerträgliche Spannung – die mit grünen, gelben und roten Drähten verkabelten Geräte der Musiker, die bis auf wenige Blickkontakte hochkonzentriert „arbeiteten“ und bloß über ihre Instrumente kommunizierten, weckten Assoziationen mit Filmszenen in denen Bomben entschärft werden müssen. Wird er den richtigen Draht durchschneiden? Fliegt hier bald alles in die Luft?! Endlich – ein ryhthmischer Drumbeat, der die aufgestaute Spannung mitnimmt und das Publikum in die nächste Klangwelle spült. 

Zwei „Lieder“ wurden an diesem Abend bloß gespielt, das erste ca. dreißig, das letzte etwa fünfzehn Minuten lang, trotz allem – nachdem der letzte Ton verklungen war, erwachten die hypnotisierten Zuhörer aus ihrer Trance und konnten endlich wie befreit den beiden Performern den würdigen Tribut zollen. Frenetischer Applaus, alle waren glücklich, ein musikalisches Erlebnis der Sonderklasse.

 

Susanne, 22. Mai 2008

 

Weiterführende Links:

http://www.thrilljockey.com/artists/index.html?id=11190

 

http://siewert.klingt.org/


Skizzen aus NY – Nr. 3

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Die Armory Show hat eröffnet – ein langes Wochenende der Galerien. Sympathisanten und Mitglieder der Glaubensgemeinschaft „Kunst“ pilgern scharenweise in ihre Kirche. 5 kurze Tage hat sie ihre Pforten geöffnet, dieses Jahr in einer Lagerhalle an einem der unzähligen Piers auf Manhattans Westseite. Kleinere Konfessions-Kongregationen wie die Pulse, die Volta oder LA Art reißen sich zur selben Zeit um Kirchgänger – die einzig Wahre unter ihnen zu sein, reklamiert die Armory Show.

Am Mittwoch dürfen ausschließlich VIPs in die heiligen Hallen. Vielleicht sollte es VIB heißen – Very Important Believer? Irgendwann will man schließlich unter sich sein. Durch Zufall bin ich in den Besitz eines VIP-Passes gelangt und mache mich freudig auf den Weg in die Kirche. Angekommen gebe ich meinen Mantel ab und kaufe mir um 20 $ das jährlich neu aufgelegte Glaubensbekenntnis – den Katalog. Für besonders wichtige Glaubende wäre er eigentlich gratis – ich halte mich zurück, denn der VIP-Pass gehört meinem Boss. In Plastik eingewickelt wird mir die heilige Schrift schließlich ausgehändigt – dieses Jahr sind die Schutzheiligen der Armory Show Mr. John Waters, seines Zeichens Kultregisseur und seit den frühen 1990er Jahren auch bildender Künstler, sowie Ms. Mary Heilmann, abstrakte Malerin. Ich wandle wie selbstverständlich in die VIP Lounge, John und Mary unterzeichnen die Kataloge für die auserwählten Kunstgläubigen. John und Mary, fast wie Joseph und Maria, sitzen leibhaftig auf einem Sofa – in dieser Kirche gibt es ausnahmsweise nur lebende Heilige. Der Prozess der Heiligsprechung ist umstritten. Irgendwann ist man es, oder eben nicht.

Raus aus der VIP Lounge wandle ich durch die Gänge – Kirchenschiff und Krypta sind architektonisch nicht auszumachen – Galerie um Galerie bevölkern die Kunsthändler ihre in Reih und Glied aufgestellten, bescheidenen, fast spartanischen, Rigips-Mönchszellen. Neben Künstlern und Käufern, schwer auszumachen wer wer ist, stechen immer wieder einzelne Charaktere aus der Masse hervor. Meist paarweise pilgern sie durch die Gänge. Hier ein Pärchen, das ich schon mal irgendwo in einem Kulturformat gesehen habe, zwei skurrile Gestalten, glatzköpfig und in knalligen Gewändern. Dort ein in russischer Soldatenuniform paradierender junger Mann, begleitet von einem Transvestiten in einem biederen 1950er Jahre Damenkostüm. Welche Funktion sie erfüllen? Man weiß es nicht. Ministranten oder Erzengel in einer Kirche, deren Liturgie hier niemand so genau kennt.

Ich entdecke ein Werk das mir gefällt und frage den Galeristen nach dem Preis. 22.000 Dollar. Danke, heute lieber nicht. Weiter geht´s, auf und ab durch die elendslangen Gänge, Malereien neben Skulpturen, Fotografien neben Installationen, hier ein Bild mit lauter Penissen, dort ein weiblicher Akt mit gespreizten Beinen, davorstehend Betrachter, die nachdenklich ihre Köpfe wiegen – Derartiges regt hier wirklich niemanden mehr auf. Nach 3 Stunden Kunstgottesdienst neigt sich der Abend dem Ende zu, die Jünger werden pünktlich um 20 Uhr aus den Hallen vertrieben, morgen darf dann auch der normale Kunstliebhaber herein – gegen einen kleinen Obolus von 30 Dollar, versteht sich. Und wie früher als die Kirchenglocken die Messe beenden und die Gläubigen sich aus der Kirche drängen, ergießt sich auch in NY ganz kurz ein Strom von hunderten Menschen auf die Straßen der Großstadt. Anders als im Dorf auf dem Land, vermischt sich der Menschenstrom bereits nach wenigen Minuten mit der Masse der Stadtbewohner. Gläubig oder ungläubig – das kann nun keiner mehr ausmachen. Amen.

 

Susanne, 30. März 2008

 

es war fantastisch …

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(AP)

 

Zwischen 00.30 und 1 Uhr morgens, in der Nacht vom 22. auf der 23. Februar, konnte beobachtet werden, wie hunderte glückliche Menschen in dieser warmen und windigen Februarnacht zu Fuß über die Reichsbrücke in Richtung Innenstadt zogen. Schuld daran war Neil Young. Er hatte zuvor nicht nur ein vollends mitreißendes, sondern auch mehr als 3 Stunden langes Konzert im Austria Center abgeliefert und damit die U-Bahn-Heimreise unmöglich gemacht. Taxis waren nicht zu bekommen und so machte man sich halt zu Fuß auf den Weg – bei guter Stimmung kein Problem und gut war sie, die Stimmung am Ende dieses Abends.

Nachdem seine Frau Pegi die Besucher mit einem feinen, rund 40minütigen Country-Set eingestimmt hatte, begann Neil Young gegen 21 Uhr sein Konzert mit From Hank to Hendrix. Eine gute Stunde bestritt er alleine, meist an einer der vielen Gitarren, die um ihn herum aufgebaut waren, hin und wieder auch am großen (A Man Needs a Maid) oder kleinen Klavier (After the Gold Rush). Alleine auf der Bühne wirkte Young mitunter etwas verloren und orientierungslos, nichtsdestotrotz war er an der Gitarre souverän und gut bei Stimme und schenkte dem Publikum schließlich Heart of Gold und Old Man als letzte Songs des Akustik-Sets. Auf das, was nach einer kurzen Umbaupause kommen sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch niemand vorbereitet. Young tauchte mit Band wieder auf und riß das Publikum mit einem großartigen Mr. Soul sofort aus der fast besinnlichen Stimmung des ersten Konzertteiles. Nach zwei oder drei weiteren Songs war der Saal mit den ersten Akkorden von Hey, Hey, My, My auf den Beinen und waren die Gänge und der Bereich am Bühnenrand dicht mit Menschen gefüllt, auch wenn die Security genau das zu verhindern versucht hatte. Die Menschen begannen im Takt zu springen, der Saalboden schwang bedrohlich mit. Gesessen ist ab diesem Zeitpunkt niemand mehr. Über einige Songs aus seinem letzten Album Chrome Dreams II und Klassiker wie Down by the River und Powderfinger (und ein wunderbares, dem verstorbenen Crazy Horse-Mitglied Danny Whitten gewidmetes Winterlong) spielte sich Young ans Ende seiner fast dreistündigen Darbietung, ohne auch nur ein bißchen an Energie oder Spielfreude zu verlieren, im Gegenteil. Die Zugaben brachten Cinnamon Girl und schließlich Rockin‘ in the Free World, was den Saalboden wieder in Schwingungen versetzte und ein paar recht jungen Menschen sogar unerwartete Gelegenheit zum Stagediving bot.

Ein unglaubliches, ein fantastisches Konzert. Was Young und seine großartige Band geboten haben, bekommt man nicht alle Tage zu sehen, nicht in Wien und wohl auch nicht anderswo. Ein Konzert des Jahres, ohne Zweifel. Das trau ich mich zu sagen, obwohl es erst Ende Februar ist.

(Martin)

Die Euro 08 fordert erste Opfer

 

 

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(c) APA/Fohringer

 

 

Es wird also im kommenden Sommer weder ein Kino unter Sternen im Augarten, noch ein Open Air-Filmfestival im Prater geben. Das Burgtheater schließt im Juni und auch das österreichische Filmmuseum in der Albertina sieht sich gezwungen, drei Wochen früher als geplant in die Sommerpause zu gehen. Welche kulturellen Einrichtungen und Veranstaltungen in den nächsten Monaten noch vor der Fußball-Europameisterschaft kapitulieren werden, bleibt abzuwarten.

Nicht jeder, der es sich wünscht, hat die Möglichkeit, Stadt oder Land zu verlassen, um im Juni zum Beispiel die langersehnte Trekking-Tour durch den Himalaya in Angriff zu nehmen. Die Möglichkeit, sich auch in Wien weithehend vor der EM zu verschließen, sich zuhause zu verkriechen oder sonstwie auszuklinken, erscheint zunehmend schwieriger, obwohl viele erklären, genau das zu planen. Wenn sich der Fußball auf derartig aggressive Weise der eigenen, unmittelbaren Lebenssphäre nähert – sei es nun räumlich oder dadurch, dass liebgewonnene und gerne besuchte Veranstaltungen und Einrichtungen vorübergehend von der Bildfläche verschwinden müssen – ist ein bisher nicht dagewesenes Ausmaß an Fußball-Bedrohung erreicht.

Dass einander Fußball und Kultur ausschließen, dürfte Ansicht vieler dem Fußball desinteressiert bis ablehnend gegenüberstehenden Menschen sein. Was sich bisher in der Vorbereitungsphase dieser EM in Wien tut, bestätigt dieses Vorurteil (zum Abschluss der Euro 08 ein Konzert des erklärten Fußballfreundes Elton John im Stadion auf der Hohen Warte anzusetzen ist nicht zur Entkräftung des Vorurteils geeignet, auch wenn die Stadt Wien diese und andere Veranstaltungen als großartiges und besonderes Kultur-Rahmenprogramm verkaufen wird. Dass darüberhinaus 100 Johann Krankl-Skulpturen Innenstadt und Mariahilfer Straße schmücken sollen, lassen wir auch nicht gelten).

Der dem Fußball und der Euro 08 weniger freundlich gesinnte Mensch bemüht sich nun also schon seit längerer Zeit, seine Abneigung gegen die Veranstaltung nicht ins Pathologische kippen zu lassen. Bisher hat das vor allem durch Verdrängung einigermaßen funktioniert. Die Absagenwelle vor allem von Veranstaltungen im filmischen Bereich bring diese ohnehin schon prekäre Situation nun aber zum Kippen. Film liegt uns sehr am Herzen und wird ein wichtiges Thema auf The Sandworm sein. Wenn der Euro 08-Ball nun gleich über mehrere einschlägige Veranstaltungen und Einrichtungen drüberrollt, dann kann er nur ein wirklich böser Ball sein und bestätigt damit gleich alle über Jahre und Jahrzente gehegten Vorurteile mit einem Schlag. Nicht wirklich erfolgreich versuche ich hier also mit einigermaßen säuerlichem Humor noch die Kurve zu kratzen. Angesichts dessen, was uns im Wien bis Ende Juni noch bevorzustehen scheint, könnte an dieser Stelle noch der eine oder andere Eintrag zum Thema auftauchen.

(Martin)

The Sandworm

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The Sandworm versteht sich als Online-Feuilleton zu verschiedensten Themenbereichen. Von Reiseberichten über Musikkritiken, von Filmrezensionen bis hin zu sozialpolitischen Kommentaren zur Lage der Stadt, des Landes und der Welt. The Sandworm setzt sich grundsätzlich keine Grenzen worüber es berichten will und ist darauf ausgerichtet mit der Zeit zu wachsen. So ist unter anderem auch beabsichtigt, wahlweise Artikel auf englisch oder deutsch zu verfassen. The Sandworm möchte thematische Grenzen ebenso wie Trennlinien zwischen Textarten und Genres überschreiten, um neue Blicke auf Altes und erste Blicke auf Neues zu öffnen.