The Sandworm empfiehlt – Christoph Chorherr „Verändert!“

Worin liegt der Unterschied zwischen Madonna und Christoph Chorherr? Was kann eine Kilowattstunde? Wer verbraucht auf 100 km ein Äquivalent von 0.04l Sprit? Und welches sind die zwei wichtigsten Gründe Lehrer zu werden? Dies uns vieles mehr fragt sich Christoph Chorherr in seinem ersten Buch „Verändert!“ und wenn man ihn kennt, weiß man, dass er handfeste Antworten darauf liefert.

Zugegeben, die letzte Frage ist eigentlich ein Lehrerwitz, sie fügt sich aber perfekt in das von Chorherr aufgebaute Konzept eines Sachbuches, das nicht nur lehrreich ist, sondern auch ungemein unterhaltsam. Ich habe es gestern innerhalb von knapp drei Stunden ausgelesen und möchte es auch meiner Leserschaft allerwärmstens ans Herz legen.

Ich habe Christoph Chorherr als durch und durch engagierten Menschen kennen gelernt, als geradezu idealtypischen Politiker, der umsetzt und tut, und ganz nebenbei auch noch von seiner Arbeit begeistert ist. All das ist in seinem Erstlingswerk, in dem er sehr persönlich von den Dingen spricht die ihm für Wien, Österreich und die Welt wichtig sind, in jeder Zeile spürbar. Das Buch ist insgesamt auch das was man sich von einer Mischung aus Sachbuch und Biographie erwartet. Es liefert persönliche Einblicke in das Tun des Autors, es ist anschaulich und bewegt sich selten auf der sogenannten Metaebene, sondern bietet eine Vielzahl von Antwortmöglichkeiten auf einige der drängensten Fragen unserer Gesellschaft.

Zum Inhalt: In Form von sieben Kapitel arbeitet sich Chorherr, immer eingeleitet durch persönliche Erlebnisse und Erfahrungen, durch die Themen Entwicklungshilfe, Lernen, Demokratie, ökologische Wende, Solarenergie, Radfahren und urbanes Leben. Dabei verliert er sich weder im Detail, noch bleibt er jemals zu allgemein. Immer geht es ihm um Gestaltungsmöglichkeiten, die tatsächlich umsetzbar, die machbar und möglich sind. Wer ihn als Redner erlebt hat, kann sich den Autor dann auch bildlich vorstellen und spürt förmlich wieviel Herzblut in die einzelnen Projekte fließt.

So legt er glaubwürdig dar, dass im gemeinschaftlichen Tun, die größte Gestaltungskraft liegt. Sein Schulprojekt „Ithuba“ in Südafrika floriert nicht nur dank seiner Tatkraft und Initiative, sondern weil er auf seinem Weg jede Menge aktive, meist kostenlos zu Verfügung gestellte, Unterstützung von allerlei Weggefährten erhält. Und während „Ithuba“ Realität ist, wurde mit einem gigantisch höheren Geldbetrag von Popstar Madonna in Malawi noch kein einziger Ziegel gebrannt. (Soviel zur ersten Frage).

Es versteht sich von selbst, dass auch das hiesige Bildungssystem eine Herzensangelegenheit von Chorherr ist. Er fordert zurecht eine Entbürokratisierung und Entnormierung. Er fordert Lehrer, die mit den Kindern gemeinsam Lernstoff erarbeiten, umsetzen und erdenken dürfen. Dabei geißelt er die Einschränkungen in Form von allzu rigiden Gesetzen und Vorschriften und verlangt eine Befreiung des mittlerweile fast zum hermetisch abgeschlossenen System mutierten Gebildes namens Schule. Weder A: Juli, noch B: August sollten die wichtigsten Gründe sein Lehrer zu werden (nicht schlecht der Witz und die Antwort auf Frage vier), sondern die Möglichkeit der nächsten Generation die Türen zu Bildung und Wissen zu öffnen, meint er dann mit einem Augenzwinkern und dem berechtigten Einwand, dass seine Kritik weniger den Lehrern gilt, als viel mehr der Politik, die sich im Bezug auf eine nachhaltige Bildungsreform seit Jahrzehnten im Kreis bewegt.

Dem Umweltschutz widmet er wesentliche Kapitel und macht erst Mal verständlich, was eine Kilowattstunde eigentlich bedeutet. Das was wir tagtäglich gedankenlos verbrauchen, in dem wir Lichter brennen lassen oder unsere Wohnungen nicht wärmedämmen. Es zeigt sich nämlich, dass man mit einer Kraft von einer Kilowattstunde ein Gewicht von einer Tonne 365 Meter hoch heben kann. Erst dann wird deutlich worum es sich dabei eigentlich handelt und wofür wir gegenwärtig den Spottpreis von rund 20 Cent zahlen. Mit dieser Art von Beispielen gelingt es Christoph Chorherr plastisch zu beschreiben, was im Bezug auf eine Energiewende in erster Linie nötig ist, nämlich ein grundlegendes Verständnis von den Produkten, die wir tagtäglich verwenden und der Energie, der es bedarf um sie herzustellen.

So ist es auch keine Überraschung, dass er fürs Radfahren eine Liebeserklärung ausbreitet, dass einem ums Herz warm wird. Dass sich das Äquivalent, das ein Radfahrer auf 100 km schließlich an Sprit (Achtung Antwort auf Frage 2!) verbraucht, nämlich 0.04 l, gemeinhin nicht aus Erdöl sondern Wurstsemmeln, Gemüse, Salat oder Nudeln zusammen setzt, ist dann auch wieder so eine sympathische Gleichung, die Chorherr verwendet, um uns vor Augen zu führen, dass es besonders im urbanen Raum geradezu kriminell ist, sich für Distanzen von wenigen km in ein tonnenschweres Vehikel zu setzen und, meist auch noch allein, durch die Stadt zu stauen. Dass der Autor selbst bei Wind und Wetter auf seinem stylischen Klapprad anzutreffen ist, versteht sich von selbst. Chorherrs Liebe zum Drahtesel ist so direkt und spürbar, das Fahrradkapitel enthält die schönsten Passagen des Buches.

 „Verändert!“ von Christoph Chorherr ist eine absolut lesenswerte, lehrreiche und unterhaltsame Lektüre, die ich hiermit wärmstens empfehle. Wer sich die Kosten für das Buch ersparen will, der hinterlasse einen Kommentar mit ein paar Zeilen, die darlegen, was man gerne selbst verändern möchte. Als Belohnung gibt es für zwei Sandwormleser oder -leserinnen ein signiertes Exemplar frei Haus.

Susanne, 30. Oktober 2011

I ♥ NY

Diesmal gibt es keinen ausführlichen Reisebericht, eigentlich wollte ich ganz darauf verzichten, aber nachdem wir heute den 10. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center begehen, wird dies eine kleine Hommage in Bildern. An mein persönliches New York – „the greatest city in the world“ wie David Letterman kurz nach den Anschlägen bewegt feststellte.

Ich kann ihm nur voll und ganz zustimmen.

I wasn’t going to write another travel report this time around. But since we’re commemorating the attacks on the World Trade Center, 10 years ago today, I decided to publish an hommage to my New York. The city, which is, as David Letterman asserts in his moving speech shortly after the attacks, „the greatest city in the world„.

I couldn’t agree more.

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Susanne, 11. September 2011

Kriminacht 2011 – Simon Urban „Plan D“

Seit 2005 findet die Kriminacht jährlich in Wien statt. In verschiedenen Kaffeehäusern frönt man der Leidenschaft Vieler und lässt Autoren aus ihren diversen Kriminalromanen vorlesen.

Anlässlich der heurigen Veranstaltung hat man mir netterweise ein Rezensionsexemplar von einem der eingeladenen Autoren zukommen lassen und mich gebeten, meine Meinung dazu kund zu tun. Diesmal gibt’s hier auch was zu gewinnen, mehr Infos dazu ganz unten.

Ich gebe zu, ich hatte die Wahl zwischen mehreren Autoren und habe mich rein intuitiv für Simon Urban entschieden. Das Problem einer Rezension eines deutschsprachigen Kriminalromans meinerseits liegt nämlich grundsätzlich darin, dass ich so gut wie nie deutschsprachige Kriminalromane lese. Warum, das kann ich nicht erklären, ich habe ganz einfach ein Faible für amerikanische Noir Krimis und meine bisherigen Ausflüge in die hiesige Krimilandschaft, sprich österreichische Autoren, boten alle miteinander herbe Enttäuschungen. Nachdem ich niemand beleidigen will, erspare ich mir die Nennung von Namen.

Ich gebe aber zu, dass amerikanische Kriminalliteratur nicht allein das Gelbe vom Ei ist. Henning Mankell hat mich fast genauso begeistert, wie Chandler und Co.

Ich holte also mein Leseexemplar von Simon Urbans „Plan D“ ab und fiel fast aus allen Wolken, weil man mir einen Wälzer von 547 Seiten in die Hand drückte. Ich begann sofort zu lesen und hoffte sehr, dass der Roman halbwegs unterhaltsam würde.

Er war es. Zum Glück. Was mich zu einer kurzen Rezension des Oeuvres von Simon Urban bringt. Die Geschichte ist im Hier und Jetzt angesiedelt, das letzte Kapitel spielt am 29. Oktober 2011 (wer es schnell liest, wird noch ein gewisses Gefühl des Dabei-Seins haben) und breitet seinen Plot vor der Fiktion einer noch immer existierenden DDR aus. Das System hat die Umbrüche im 1989-er Jahr überlebt, Egon Krenz steht an der Spitze, der Bundeskanzler der BRD heißt Oskar Lafontaine.

Klassischer Einstieg, ein ehemaliger Berater von Krenz wird ermordet aufgefunden, alles deutet auf Stasi-Handarbeit hin. Martin Wegener, seines Zeichens abgebrühter und desillusionierter Volkspolizist darf ermitteln, weil für die niedergewirtschaftete DDR international viel auf dem Spiel steht, wird ihm ein BRD Ermittler zur Seite gestellt. Der Rest entspinnt sich nach gewisser hard-boiled Manier auf den restlichen 546 Seiten.

Ohne zu viel zu verraten ein kurzes Fazit. Der Roman liest sich gut, man steigt schnell in die Story ein, Spannung baut sich auf und auch die DDR Fiktion ist einigermaßen unterhaltsam. Stärken zeigt der Autor eindeutig in der Dialogführung. Da werden seine Figuren lebendig, da bekommt die Geschichte eine Seele und man beginnt als Leserin mitzuleben.

Auffällige Schwäche ist Urbans Hang zum Detail. Auf vielen Seiten verliert er sich in der haarkleinen Beschreibung seiner Figuren und der exzessiven verbalen Ausgestaltung seiner Szenerien. Fast hat man das Gefühl Urban hätte gerne einen „richtigen“ Roman geschrieben, hohe Literatur, dass die sich aber auch unter Krimis findet, scheint ihm entgangen zu sein, die Adelung der Stilrichtung erfolgt mit Sicherheit nicht durch exzessive Anwendung von ausgefallenen Adjektiven.

In diesem Sinne würde ich dem Autor für das nächste Buch, so er im Kriminalfach bleiben will, die Lektüre von Raymond Chandler oder James M. Cain empfehlen, beide überzeugen auch mit weniger Worten. Generell bleibt ein guter Eindruck vom Buch, das auch über 500+ Seiten nicht langweilig wird.

Wer sich selbst eine Meinung bilden will: Der Sandwurm verlost drei signierte Exemplare von Simon Urbans „Plan D“. Alles was man dafür tun muss, ist mir im Kommentar seinen Lieblingskrimi zu verraten und wenn geht auch eine Begründung warum.

Weitere Informationen:

Die Kriminacht findet am 20. September in verschiedenen Wiener Kaffeehäusern statt. Alle Informationen findet man hier, eine Facebook Seite gibt’s hier. Simon Urban wird um 18:00 im Café Drechsler lesen.

Susanne, 9. September 2011

The Sandworm empfiehlt – E. L. Doctorow „Homer & Langley“

Wenn man auf Urlaub fährt, sollte man ein Buch mitnehmen. Und wenn man, so wie ich dieses Mal keines mit hat, dann sollte man wenigstens in eine Stadt fahren, wo man sich mit passenden Büchern eindecken kann. Nur für den Fall, dass einen die Leselust überkommt. Nach New York zum Beispiel, dort findet man Bücher für alle möglichen und unmöglichen Anlässe, an allen möglichen und unmöglichen Orten. Der beste darunter ist meines Erachtens nach der Saint Mark’s Bookshop. Dort ist es immer gemütlich und man findet eine breite Selektion an Büchern, samt entspannter Atmosphäre vor.

Ich habe mich dort, wie ich es gern tue, wenn ich unterwegs bin, mit einem Buch ausgerüstet, das gleichzeitig auch mit der Stadt, in der man sich aufhält, zu tun hat. Mit New York in meinem Fall. Die Wahl fiel auf E. L. Doctorows „Homer & Langley“.

Der Autor hat mich schon zweimal mehr als überzeugt, das Buch hatte eine praktische Reiselänge von etwas mehr als 200 Seiten, ich zögerte nicht lange und nach ein wenig Smalltalk über das zu dem Zeitpunkt omnipräsente Thema „Irene“ war das Buch gekauft.

E. L. Doctorow ist einer jener Autoren, die es gleich auf den ersten Seiten eines Buches schaffen, den Leser zu fesseln und in die langsam sich aufbauende fiktive Welt zu ziehen. Sein Stil ist von einer poetischen Leichtigkeit, die trotz allem präzise bleibt und niemals ausufert.

Das Buch ist ein historischer Roman, basierend auf einer wahren Geschichte, die von Doctorow in eine Art moderne Fabel transformiert wird. Ein düster-komisches Märchen zweier Brüder, Homer und Langley Collyer, die in einem herrschaftlichen Haus in der Fifth Avenue, gleich beim Central Park aufwachsen und dort, abgekapselt vom Rest der Welt, die Geschichte des 20. Jahrhunderts durchleben.

Nach dem Tod der Eltern, die von der spanischen Grippe 1918 dahin gerafft werden, finden sich die zwei, Homer blind und auf seinen Bruder Langley, der psychisch vom Einsatz im 1. Weltkrieg schwer gezeichnet ist, in ihrem Domizil wieder, einem Ort, der mit dem Lauf der Zeit immer mehr zum Abbild der Welt wird.

Langley, der sich rührend um seinen blinden Bruder kümmert, wird von einer Mission angetrieben: er will eine einzige allgemein gültige Ausgabe einer Tageszeitung schaffen, eine Edition, die ein für alle mal sämtliche publizierte Blätter ersetzt. Nachrichten, so Langley, seien nämlich austauschbar. Austausch- und soweit generalisierbar, dass mit genauester Studie und Kategorisierung eine ewig gültige Zeitung keine Utopie mehr ist.

So beginnt eine Sammelwut, die nicht nur sämtliche veröffentlichte Tageszeitungen involviert, sondern so ziemlich alles was Langley als sammelwürdig, aufbewahrenswert, erscheint, egal ob es ein Ford Model-T ist, der im Esszimmer aufgebaut wird, oder sämtliche Modelle funktionstüchtiger Schreibmaschinen und mehr. Während sich also im Haus immer mehr von dem stapelt, was draußen hergestellt und berichtet wird, findet dort auch gleichzeitig ein Rückzug von allem Weltlichen statt. Gibt es anfangs noch Dienstboten und Liebesaffären oder öffentliche Tanzparties, schwinden mit dem Lauf der Zeit die Angestellten, die Frauen und jeglicher sonstiger Kontakt nach Außen, bis sie nur mehr zu zweit sind. Homer & Langley.

Ein in jeder Hinsicht empfehlenswertes Buch, mit einer scheinbar simplen Geschichte, die aber ungemein spannend, komplex und so aktuell ist, dass man bewegt, amüsiert und betroffen zugleich ist, von dem was sich im Haus an der Fifth Avenue abspielt. All das packt Doctorow in eine wunderbare lyrische Sprache. Mein Lieblingszitat: „And when she whispered my name, God help me, the love broke over me like the hot tears of a soul that has found salvation“. Absolute Leseempfehlung!

Susanne, 4. September 2011t

Susanne

Artwork auf The Sandworm

Ausnahmsweise findet sich heute mal kein Sandwurm im Einstiegsbild, sondern das jüngste Werk jenes Künstlers, der für die Sandwurmzeichnungen generell verantwortlich ist und der darüber hinaus glücklicherweise mein Vater ist.

Ein wahres Meisterwerk und nachdem es jetzt endlich in meinen vier Wänden hängt, soll auch die Sandwurm-Leserschaft etwas davon haben. Zumindest virtuell.

Susanne, 27. Juli 2011

Google+ und seine Funktion als Horizonterweiterer

Ganz zu Beginn des Launches von Google+ wurde ich vom Bloggerkollegen Richard K. Breuer auf Facebook gefragt, wann ich denn einen Artikel dazu schreiben würde. Meine Antwort darauf war: „Tja, wenn ich das wüsste…“

Zu dem Zeitpunkt war Google+ ganz neu, jeder wollte dabei sein, es gab auch schon erste Erfahrungsberichte, mittlerweile gibt es einige gute Analysen dazu z.B. diejenige von Sascha Lobo, die ich sehr treffend finde, oder jene von Location Marketing, die sich mit einigen speziellen Funktionalitäten von Google+ sehr gut auseinandersetzt.

Als „Slow-Blogger“ war mir natürlich klar, dass ich mir das Ganze erst Mal ansehen würde, nach drei Tagen bereits eine Wertung abzugeben, schien mir viel zu früh. Nun sind ein paar Wochen vergangen, auf der neuen Plattform tummeln sich bereits erste „Google+ Berater“ (3 Wochen Erfahrung!) und selbst mir ist mittlerweile klar geworden, was mir an Google+ gefällt.

Ich habe schon vor längerer Zeit über das Phänomen der sog. tendenziösen Apperzeption geschrieben. Es handelt sich dabei um die Neigung, Dinge, die man liest, hört oder sieht nach seinen persönlichen Präferenzen zu filtern, erstmals beschrieben wurde sie vor rund 100 Jahren von Alfred Adler.

Die heutigen sozialen Netzwerke stechen diesbezüglich sozusagen in ein Wespennest, indem sie es den Benutzern diverser Plattformen noch viel leichter machen, sich ihr eigenes Weltbild zu basteln.

Ich lese nur das was mich interessiert, grenze meinen Stream auf Facebook oder Twitter darauf ein was ich für relevant oder tauglich halte, ungenehme Meinungen kann man leicht ausblenden oder entfolgen.

Worauf ich hinaus will ist folgendes: sich anderen Meinungen oder Weltbildern auszusetzen ist anstrengend, es stellt die eigene Toleranz auf die Probe, fordert einen heraus, ärgert und irritiert mitunter. Um kritikfähig und offen zu bleiben ist es aber notwendig, sich auf Andere einzulassen, es führt kein Weg daran vorbei.

In den vergangenen Wochen, in denen Google+ also so richtig los legte, war ich zu Beginn amüsiert und etwas später irritiert. Nicht nur ich, viele andere in meinem Stream stellten sich die Frage: Wer zum Teufel fügt mich da zu seinen Circles? Statuspostings à la: „A: do I know you? B: If you do not know, if you know me, how should I know, if you know me?“ fanden sich da, oder ganz simple Fragen wie „Ihr Unbekannte aus aller Welt, die ihr mich so zahlreich einzirkelt: Wer seid ihr? Warum?“.

Diese Eigenschaft von Google+ ist meiner Meinung nach das Postivste was dieses soziale Netzwerk bisher geleistet hat. Es füttert mich mit einem gigantischen Stream von Informationen, der von Leuten gepostet wurde, die mir völlig unbekannt sind.

Mehr noch, im Gegensatz zu Twitter, wo sich mittlerweile durch die Routine der Benutzung gewisse Verhaltensmuster verfestigt haben, steht Google+ im Moment als völlig neu da und bricht alles wieder auf. Irritiert einen durch Fremde, die einen ungefragt einkreisen und sprengt gerade dadurch die brav eingeübte Web-Routine. Ermöglicht einen Blick auf Neues, Fremdes. Insbesondere weil es im Gegensatz zu Twitter viel visueller aufgebaut ist, Bilder und Videovorschauen, Graphiken und Diagramme bereits im Stream enthält und nicht erst beim Klick auf einen Link oder ein Vorschaufenster enthüllt.

Google+ wird nicht der Heilsbringer in der Social Media Welt sein, ich sehe es auch nicht als direkten Konkurrenten zu Facebook, aber es wirbelt Althergebrachtes wieder mal gehörig durcheinander und führt somit, zumindest bei mir, dazu, eingeschliffene Muster zu erkennen und sie zur Abwechslung auch mal wieder zu ändern. Schon allein dafür zahlt sich ein Blick darauf aus.

Susanne, 23. Juli 2011

Konzertbericht – Lyle Lovett and his Acoustic Group, Wien 2011

Wieder mal eines dieser Konzerte, die man auf Anraten besucht und die sich letztlich als hervorragende Wahl erweisen, obwohl man außer dem Namen und ein paar Celebrity-Facts so gut wie nichts über den Künstler weiß. So auch vergangenen Montag, als Lyle Lovett and his Acoustic Group im Wuk Station machten und ich mich allein auf die Empfehlung „das wird super werden“ verlassen hatte.

Gemeinsam mit gefühlten 5 Personen standen meine Konzertbegleiter und ich zu Beginn in einem Publikum, welches hierzulande beim sogenannten Americana-Genre wie gewohnt eine seltsame Mischung aus allerlei Charakteren war. Vom jüngeren Fan, der sein bestes Country-Western/Gothic-Charm Hemd (Totenköpfe und Rosen) ausführte, über den älteren untersetzen Typen, der den Kopf seiner Frau als Kamera-Stativ zu verwenden wusste, bis zum Hobby-Fotografen, der mir zunächst den Weg in die erste Reihe versperrte und trotz 1-A Kameraausrüstung jedes Foto, wie ich hinter ihm stehend bezeugen konnte, vergeigte.

Das war aber letztlich Nebensache, denn Lyle Lovett und seine Bandkollegen legten gleich in bester Country Manier los und boten etwas mehr als zwei Stunden ein phänomenales Konzert, das von klassischem Country über Country-Rock, bis zu Jazz und Blues reichte. Nach ungefähr der Hälfte des Konzertes gab der Hobby Fotograf endlich W.O. und machte Platz in der ersten Reihe, der Rest war pures Vergnügen.

Lovett war ebenfalls bester Laune, ausgezeichnet bei Stimme und unterhielt die Leute im Publikum auch zwischen den Songs mit netten Anekdoten. Nicht unerwähnt soll auch die Band bleiben, insbesondere Geiger und Gitarrist erwiesen sich als hervorragende Musiker und Sänger. Die Tatsache, dass die Zahl der Zuseher sich in Grenzen hielt, bewirkte schließlich, dass sich das Ganze ein wenig wie eine Privatvorstellung gestaltete. So sollte man jedes Konzert erleben können. Ein denkwürdiger Abend in jedem Fall. Thank you Mr. Lovett!

Susanne, 22. Juli 2011