The Sandworm empfiehlt – Martin Pollack „Anklage Vatermord. Der Fall Philipp Halsmann“

Wer für die herannahende Urlaubszeit noch eine atemberaubende, sich von selbst lesende Lektüre benötigt, dem möchte ich heute allerwärmstens Martin Pollacks „Anklage Vatermord. Der Fall Philipp Halsmann“ ans Herz legen.

Im Grunde genommen ist es gleichgültig, ob Urlaubszeit oder nicht, das Buch eignet sich für jede Gelegenheit, da es von der ersten Seite an fesselt, bewegt, erschreckt, beängstigt und optimalerweise auch schnell ausgelesen ist.

Christoph Ransmayrs Kurzbeschreibung am Cover trifft wohl den Kern dessen, was das Buch so unglaublich mitreißend macht, es handelt sich bei Martin Pollacks Aufarbeitung eines Kriminalfalles aus dem Jahre 1928 nämlich nicht nur um eine akribisch genaue Dokumentation des Vorfalles, der sich damals in Tirol zutrug und in weiterer Folge österreich- und weltweit Aufsehen erregte, der Autor schafft auch ein literarisch höchst anspruchsvolles Werk, indem er zeitgeschichtliche Ereignisse mit präzisen Charakterstudien und einer sehr direkten Prosa verbindet. Man kann ohne Einschränkung feststellen, dass hier Truman Capotes „In Cold Blood“ oder Norman Mailers „The Executioner’s Song“ ein ebenbürtiges deutschsprachiges Pendant gefunden haben.

Worum geht es? Im September 1928 begibt sich der junge Philipp Halsmann gemeinsam mit seinem Vater Morduch, beide aus Riga stammende Juden, auf eine Bergtour ins Zillertal. Beim Abstieg kommt der Vater zu Tode, in Anbetracht der auffälligen Verletzungen nimmt man den Sohn noch am selben Abend fest, kurze Zeit später sieht er sich mit der Anklage Vatermord konfrontiert.

Was Pollack schließlich im Bezug auf die Spurensicherung, die einheimische Tiroler Bevölkerung, die damalige Stimmung im Land und in weiterer Folge während der Verfahren gegen den jungen Mann zusammenträgt und schildert, skizziert ein Bild von Österreich in der Zwischenkriegszeit, bei dem einem schlicht und einfach Hören und Sehen vergeht.

Nachdem das Buch ein so unglaublich spannendes literarisch-zeitgeschlichtliches Dokument ist, wäre es schade zuviel von dem zu verraten, was sich in den darauffolgenden Monaten abspielt, nur so viel: Philipp Halsmann, sieht sich mit so ziemlich allem konfrontiert, was sich in den Jahren darauf an Hass und Vorurteilen in Österreich gegen „die Juden“ und generell gegen Menschen, die nicht dem Tirolerhut tragenden Einheimischen entsprechen im Naziregime manifestiert. Daneben erhält man Einblicke in ein Österreich, die bisweilen ungläubiges Staunen auslösen, die gleichzeitig aber einen wichtigen historischen Beitrag liefern und zum Verständnis der heutigen Lage unserer Nation einiges beitragen.

Damit ist es auch ein erstaunlich aktuelles Buch, welches eindrucksvoll die Feindseligkeiten, Stereotypisierungen und Projektionen darstellt, die sich auch heute noch im Bezug auf „die Ausländer“ durch gewisse Parteidiskurse und Medien ziehen und die der Leserin einmal mehr demonstrieren, dass der Aufruf „Wehret den Anfängen“ nach wie vor dringlich bleibt.

Absolute, unbedingte Leseempfehlung!

p.s.: Empfindliche Gemüter seien gewarnt, das Buch enthält auch Gerichtsfotos.

Susanne, 26. Juni 2011

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