Facebook und die Wissenschaft

Wer sich Die Zeit kauft braucht viel Zeit zum Lesen. Wie es sich herausstellt lohnt es sich aber, denn nicht online, oder durch Twitter oder gar Facebook verbreitet, sondern in der nahezu unübersichtlich dicken Papierversion, stieß ich auf den hochinteressanten Artikel „Forschen mit Facebook„.

Einige sehr spannende Themen wurden darin aufgeworfen und ich musste erst warten, bis ich wieder an einem Computer saß, um den Artikel auch in seiner Onlineversion zu lesen und mich über die darin gelieferten Erkenntnisse zu informieren. Schließlich wurden dort einige Dinge erwähnt, die meine Aufmerksamkeit als Sozialwissenschaftlerin geweckt hatten und die mich nun dazu veranlasst haben, mich auch im Blogformat kurz damit auseinander zu setzen.

Forschung ist eine gute Sache

Zum Einen fand ich es schön zu hören, dass man Facebook ausnahmsweise mal nicht verteufelt und als Niedergang der menschlichen Kultur geißelte, sondern dass sich einige ambitionierte Forscher dem gigantischen sozialen Netzwerk mit  wissenschaftlicher Neugierde näherten.

Auch Facebook selbst tut das. So wie andere Onlinegiganten – Google z. B. beschäftigt sich nicht nur mit der Berechnung von Suchalgorithmen, man führt dort auch sehr ambitionierte Analysen zum Thema „Arbeitszufriedenheit“ oder „erfolgreiche Fühungskräfte“ durch, wie der im März dieses Jahres in der New York Times veröffentlichte Artikel „The Quest to build a better Boss“ beweist – hat man bei Facebook auch tiefergehende Fragen rund um seine User gestellt. Dabei hat man zum Beispiel einen Glücksindex für Facebook berechnet –  Gross National Happiness – und analysiert, wann die FB-Bevölkerung denn am glücklichsten oder unglücklichsten war.

Ob die Ergebnisse nun valide sind, oder nicht, darüber kann man sicher trefflich streiten, auch gibt Facebook direkt keine Informationen preis, welche Daten genau erhoben wurden, immerhin unter der Grafik findet sich eine Quellenangabe, die auf einen wissenschaftlichen Artikel verweist, den man für wohlfeile $ 15 als pdf erwerben kann.

Ausgewertet und analysiert wurde dieser Glücksindex im sogenannten „Facebook Data Team“ – das sozusagen im Besitz des heiligen FB Grals ist – den Millionen und Abermillionen Daten seiner User.

Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei…

Sucht man auf der Seite des Facebook Data Teams weiter, kommt man irgendwann zu den Favoriten der Seite (schließlich ist die Frage, was interessiert eine interessante Seite, zumindest für mich, immer die spannendste), wo sich eine weitere Seite namens „Facebook Fellowship Program“ befindet.

Nun interessiert man sich dort hauptsächlich für Computerwissenschaften und verwandte Disziplinen (darauf hingewiesen wurde ich übrigens von der Kollegin Jana Herwig aka @digiom – besten Dank!), limitiert also die Bewerbungsmöglichkeiten für interessierte Doktoranden radikal und dokumentiert damit wiederum, worum es bei Facebook wohl in erster Linie geht: die bestmögliche Aufbereitung und Nutzbarmachung der Daten.

Nachträglich scheint somit der erfreuliche sozialwissenschaftliche Vorstoß von Facebook eine Art wissenschaftliches Feigenblatt zu sein, beschränkt man doch die Bewerbungen für ein Facebook Fellowship ausschließlich auf Wissenschaftler folgender Disziplinen:

  • Computational Advertising
  • Computer Vision
  • Compiler Technology
  • Computer Architecture
  • Computer Networking
  • Computer Security
  • Databases
  • Data Mining
  • Distributed Computing
  • Fault Tolerance
  • Human-Computer Interaction
  • Internet Economics
  • Machine Learning
  • Machine Translation
  • Natural Language Processing
  • Search
  • Smart Datacenters
  • Social Computing

Was die von der Zeit wiederum geschürte Freude über die „mehr als 15-köpfige Gruppe von Soziologen und Statistikern“ im Facebook Data Team gleich wieder zunichte macht. Schließlich wäre gerade Facebook ein Datenschatz nicht nur für Soziologen, sondern für sämtliche Wissenschaften von der Anthropologie, zur Linguistik über die Philosophie bis hin zur Kriminologie.

Über die Wissenschaft im Allgemeinen

Ich will natürlich kleinere Ambitionen nicht mit einem Wisch vom Tisch fegen, ebensowenig wie ich Computerwissenschaften diskreditieren möchte. Facebook ist und bleibt ein privates Unternehmen und es steht ihm frei seine Daten, zu denen wir ihm großzügig Zugang gewähren, so zu nutzen wie es Zuckerberg und Co. gefällt.

Ganz allgemein stellt sich mir jedoch in Bezug auf die Wissenschaften in den neuen Medien nicht nur die Frage, wie man mit derlei sozialen Versuchsfeldern, die jeder Wissenschaftlerin ob seiner Möglichkeiten die Freudentränen in die Augen treiben, umgeht, sondern wie es mit der wissenschaftlichen Forschung im 21. Jahrhundert überhaupt weiter gehen soll.

Recherchiert man nämlich zu den weiteren Themen und versucht man auf die zitierten Artikel zuzugreifen, stößt man immer noch auf die Firewall des nur nach Bezahlung verfügbaren wissenschaftlichen Journals. New Media & Society zum Beispiel, herausgegeben von Sage Publications. Im Jahresabo für zwar immer noch günstige £ 49 (Individual Subscription) erhältlich, mir stellt sich trotz allem die Frage, warum nicht auch in diesem Bereich endlich ein Dammbruch stattfindet und ein großzügiger, kostenloser Zugang zu wissenschaftlichen Artikeln erwogen wird. Und zwar unabhängig von den jeweiligen Möglichkeiten, die für Studenten und Doktoranden zur Verfügung stehen.

Vielleicht habe ich mich in den vergangenen Jahren zu wenig damit beschäftigt, aber es scheint in den Wissenschaften noch immer die alte „publish or perish“ Mentalität vorzuherrschen, scheint Power of Citation nach wie vor das Um und Auf für die Wertberechnung eines probaten Wissenschaftlers zu sein. Ich hoffe ich irre mich, wenn nicht, dann wäre wohl auch auf diesem Sektor eine Art „Scienceleaks“ wünschenswert.

Susanne, 12. Juni 2011

4 Kommentare zu “Facebook und die Wissenschaft

  1. Christoph sagt:

    „Die Zeit“: ein Wochenende braucht man mindestens ;-) Jetzt aber zum Inhalt… 2 Aspekte sollens sein:
    1) als Vorbereitung der Gratis-Plattform-Kultur mussten zuerst ein paar Kämpfe ausgefochten werden (Napster) bzw. noch nicht existierende Produkte (Wiki, Blog, Youtube, Networks,..) geschaffen werden. Auch wenn E Book und co sich verbreiten, wird es das Gewerbe mit toten Bäumen noch etwas länger geben.

    2) Bin zwar kein Forscher/Wissenschafter, aber einer Öffnung neuen Systemen/Methoden ist man in diesen Gefilden sicher nicht positiv gegenüber eingestellt. Gründe: Altersstruktur, Real Life vor empirischer/wissenschaftlicher Erfassung, UniSystem im deutschsprachigen Raum,…

    Damit sich da etwas ändert, müsste ein Napster/Facebook -artiges Ereignis/Produkt kommen, das die Wissenschaft aufrüttelt.

  2. thesandworm sagt:

    @Christoph – ich hab mehr als eine Woche für die Zeit gebraucht, dafür hab ich sie jetzt testweise abonniert :)
    ad 1) sog. Holzmedien soll und muss es auch noch weiterhin geben. Ich z.B. lese Bücher viel lieber auf Papier und würde nicht mit Kindle und Co. tauschen. Die klassischen Medien müssen aber erkennen, dass sich ihre Rolle geändert hat. Viel mehr zählen jetzt Analyse und Hintergrundberichterstattung, wie es Die Zeit mit dem Artikel (und auch anderen) schön vorgemacht hat.
    ad 2), dass das peer-review System verfahren ist, ist eine Ansicht, die in der Wissenschaft meiner Ansicht nach nicht mehr die Meinung Einzelner ist. Darüber hinaus ruiniert der Zitier-Bewerb die klassische (ehrliche) Autorenschaft und ruhiges, ernsthaftes, ja auch langwieriges Forschen. Junge Forscher werden zu einem Output gezwungen, der der seriösen Forschung widerspricht. Die klassische Antwort darauf ist ganz simpel: es müssen die Anforderungen geändert werden und viel, viel, viel mehr Geld vom Staat in die Forschung fließen.

  3. Christoph sagt:

    meinst du mit Zitier Bewerb das Copy & Paste der Presseagenturen und die damit einhergehende Verflachung?

    Das Problem an der Wurzel zu packen (Finanzen vom Staat) ist natürlich richtig, aber ist nicht ein „NapsterMoment“ für die Wissenschaften notwendig? Wenn man in die USA zu renommierten Forschungseinrichtungen schaut, scheint es dort nicht an Geld zu mangeln. Dort sehe ich das Problem in der gezielten Forschung im Interesse der Auftraggeber.

  4. thesandworm sagt:

    Mit Zitierbewerb meine ich die Tatsache, dass man als Wissenschafter einen gewissen Output an in seriösen Journals publizierten Artikeln haben muss um ernst genommen bzw. um einen vernünftigen Job zu finden. Deshalb gibt es ein Unwesen an Gastautorenschaften (die eigentlich verboten sind) und die Tendenz jüngere Forscher die Artikel schreiben zu lassen, während sich der Mentor als Hauptautor eintragen lässt, aber de facto nichts zur Publikation beiträgt.

    Ich weiß nicht ob ein „Napster Moment“ das probate Mittel wäre um die Wissenschaft zugänglicher zu machen. Allheilmittel kenne ich auch keines, aber es ärgert mich zB wenn ich mir die in der Zeit zitierten Artikel durchlesen möchte, aber dann keinen Zugriff darauf habe. Es sollte eigentlich kein science leaks sein, oder ein Napster Moment wie du ihn bezeichnest, sondern eher eine Art science-pedia. Also eine öffentliche Artikelsammlung, die auch öffentliche peer-review durch (öffentliche) Diskussion und Datenausstausch ermöglicht. Ein Ort also, an dem Wissenschaftler ihre Arbeiten online stellen können und einer interessierten Community zur Diskussion stellen. Sowas in der Art :)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s