The Sandworm empfiehlt – E. L. Doctorow „The March“

Wer wie ich dem Irrglauben aufsitzt, dass sich historische Fiktion ausschließlich auf die Zeit vor oder rund um das Mittelalter beziehen muss, ist selber schuld. Des weiteren sollte man nicht den Fehler begehen, sich auf der Suche nach Ersatz für eine Lektüre, die sich qualtitativ mit Umberto Eco messen kann, auf Ken Follett hineinzufallen. Es ist ein tiefer Fall, mehr will ich dazu nicht sagen. Zum Glück jedoch gibt es Twitter und dort tummeln sich auch jede Menge literaturbegeisterte Vernünftige, die einem, wenn man denn nach Tipps und Hilfe fragt, auch in den allermeisten Fällen damit versorgen.

In meinem Fall war das eben die Frage nach historischer Fiktion der sehr kleinen Kategorie „Umberto-Eco-würdig“. Zurück kam, leider habe ich den Namen der liebenswürdigen Twitterantin vergessen, der Hinweis auf E.L. Doctorows „The March“. Das Buch wurde kurzerhand bestellt, denn mit der Erwähnung des Autors erinnerte ich mich daran, dass bereits dessen Roman „Ragtime“ großartig gewesen war, darüber hinaus wurde ich mir über meine eigene Ignoranz im Bezug auf die zeitliche Eingrenzung von historischer Fiktion bewusst, zu guter Letzt passte auch das Thema amerikanischer Bürgerkrieg ausgezeichnet in mein Interessensgebiet, die Vorfreude auf die Lektüre war groß.

Ich wurde keineswegs enttäuscht. Im Gegenteil. „The March“ ist wohl das Beste was ich in Bezug auf Geschichte und Fiktion in den letzten Jahren gelesen habe. Es vereint auf perfekte Weise eine berührende Prosa mit detaillierter Charakterzeichnung, die Greifbarmachung historischer Ereignisse durch fiktive Erzählstränge ist mitreißend und zieht einen bereits kurz nach Einstieg in die Lektüre in ihren Bann.

The March“ beschreibt den zeitlichen Abschnitt kurz vor Ende des amerikanischen Bürgerkrieges, eines Krieges der die amerikanische Bevölkerung in seinem Verlauf um ganze 10% reduzierte, der erstmals auch eine kriegerische Auseinandersetzung darstellte, die fotografisch extensiv dokumentiert wurde (für alle, die sich dafür interessieren empfiehlt sich die Dokumentation „Civil War„) und in dem es letztlich trotz aller Gewalttätigkeit und Entmenschlichung um etwas zutiefst Humanes ging – um das Ende der Sklaverei in den Vereinigten Staaten.

1864, während der Süden de facto bereits besiegt ist, bewegt sich die Armee von General William T. Sherman mit 60.000 Soldaten von Atlanta in Richtung Richmond, damals Hauptstadt der Konföderation, mit dem Auftrag alles auf ihrem Weg niederzubrennen und für konföderierte Soldaten unbrauchbar zu machen, ohne viel Ballast durchs Land zu ziehen und seine Truppen davon zu versorgen, was sich vor Ort findet. Essen, Vieh, Häuser, persönlicher Besitz der Bevölkerung vor Ort.

Die Leserin begleitet diesen Zug und findet sich durch Doctorows phänomenales Talent, Charaktere diversester Hintergründe zum Leben zu erwecken, mitten im Geschehen. Doctorow versucht keine Wertung und schildert das Schicksal befreiter Sklaven, die sich zwar frei, aber ohne Zugehörigkeit in Massen dem Zug der Soldaten anschließen, ebenso wie jenes des Großbürgertums im Süden, von Soldaten auf beiden Seiten und von Menschen, die sich unversehens in einer gnadenlosen Auseinandersetzung wieder finden.

Dabei geht der Autor mit einer Zufälligkeit vor, die einem auch das wahllose Sterben in diesem Krieg drastisch vor Augen führt. Kaum noch las man die Schilderungen eines Protagonisten, hat sich in dessen Person eingefühlt, da liegt er auch schon tot am Schlachtfeld und ein neuer Charakter nimmt seinen Platz ein. Doctorow setzt den Leser mitten hinein in diesen Marsch und veranschaulicht, wie kaum ein Buch zuvor, was ein Krieg für die Betroffenen, egal auf welcher Seite sie sich befinden, bedeutet. Verlust, Befreiung, Betrug, Mord, Entmenschlichung, Liebe und Hass.

Allerwärmste Empfehlung. Wenn geht im englischen Original.

Susanne, 29. Mai 2011

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