Teşekkür ederim – oder die Schwierigkeit für das Türkische passende Eselsbrücken zu finden

Kurz vor dem Aufbruch nach Istanbul hatte ich mich mit einer Freundin darüber unterhalten, dass dies die weiteste Reise in den Osten sein würde, die ich je unternommen habe. Zur Untermauerung meiner These meinte ich, dass ich bis dato nicht weiter östlich als Prag gewesen wäre, woraufhin Freundin N. vernünftigerweise einwandte, dass Wien östlicher liege als Prag und mir somit auch gleich aufzeigte, dass die Grenzen zwischen Ost und West eher im Kopf verortet sind, als auf der Landkarte.

Zum Glück fiel mir dann noch ein, dass ich mit Tallin doch noch weiter östlich auf dem Globus gereist war, als nach Wien, was schließlich auch belanglos war, da die Reise in die Türkei ohnehin vor der Tür stand und mein kosmopolitisches Ego nicht länger unter der reisetechnischen Kränkung leiden musste, es noch nicht besonders weit in den Osten geschafft zu haben.

Gemeinsam mit einer Gruppe von Twitteranten und Bloggern ging es vergangenen Mittwoch schließlich los, am frühen Nachmittag traf man im Hotel in der Altstadt Istanbuls ein, für die nächsten zwei Tage war katastrophales Schlechtwetter angesagt.

Nichtsdestotrotz wurde bei leichtem Nieselregen gleich eine Tour in die Altstadt gestartet und nach dem ersten obligaten türkischen Kaffee landete man im Großen Bazar, der dermaßen unübersichtlich war, dass wir nach ziellosem Bummel durch die, in der überdachten Anlage kreuz und quer laufenden Geschäftsgassen, nach dem Weg fragen mussten, um mit möglichst wenig Umweg in Richtung Hafen bzw. Eminönü zu gelangen, wo das erste gemeinsame Abendessen im Restaurant Hamdi reserviert war.

Man wendet sich also an einen der Händler und, wie sich in den nächsten Tagen herausstellt, haben nicht wenige darunter Zeit in Österreich oder Deutschland verbracht, der gefragte junge Mann outete sich mit passendem Akzent als kurzfristiger Einwohner von Bayern, schickte uns in die richtige Richtung und verabschiedete sich stimmungsvoll mit „Pfiat’di“.


Von diesen immer wieder gehörten deutschsprachigen Einsprengseln abgesehen, gestaltete sich die Anneignung von zumindest einigen wichtigen türkischen Floskeln als ziemliche Herausforderung. Zum Einen, weil die Sprache so gut wie keine Möglichkeit bot, sich mit irgendwelchen Lateinkenntnissen an Wortstämmen oder -wurzeln zu orientieren, zum anderen weil durch diese völlige Fremdartigkeit auch die Einprägung selbst kurzer Worte nahezu unmöglich war.

Darüber hinaus boten sich wenig Möglichkeiten für Eselsbrücken und wenn, dann hatten sie nicht den gewünschten Effekt, sondern erwiesen sich eher als Hemmnis. Als Beispiel dafür seien die zwei Bedeutungen von „Danke“ angeführt. Nummer Eins schreibt sich sağol wird aber so ähnlich wie „Sau“ ausgesprochen, Nummer zwei heißt teşekkür ederim, wobei der erste Teil der Phrase ähnlich klingt wie die wenig charmante Wiener Bezeichnung „Teschek“. Man will sich also bedanken, hat aber bloß Assoziationen zu Beleidigungen im Kopf. Nicht wirklich förderlich für die Anbahnung von Kommunikation.

Als Ausgleich dafür sei die dumm-rassistische FPÖ Kampagne gegen die türkische Beschriftung von Milchpackungen erwähnt, ich kann nämlich diesbezüglich über den ersten positiven Lerneffekt hetzerischer Propaganda berichten. Ich wusste bereits vor meinem ersten Aufenthalt in der Türkei, dass Milch dort Süt heißt. Haha!

Auf dem Weg zum Hafen nahmen wir gleich auch noch den um einiges sympathischeren Gewürzbazar mit, wobei sich der Sympathiefaktor nicht bloß auf die Nützlichkeit der feilgebotenen Waren (Gewürze, Süßigkeiten, Tee u.Ä.) bezog – im großen Bazar findet sich meines Erachtens nach hauptsächlich Ramsch in allen möglichen Ausgestaltungen, die Besichtigung lohnt sich auch nur um des Besichtigens einer Touristenattraktion Willen – auch die, wie soll ich sagen, interkulturelle Kommunikation gestaltete sich in letzterem um einiges schwieriger. Dabei ist zwar der Faktor miteinzurechnen, dass ich ohne männliche Begleitung unterwegs war, aber die „Zuwendung“ der diversen Verkäufer an den Ständen nahm mitunter kastrationsfantasienauslösende Qualitäten an, welche nur durch große zen-buddhistische Anstrengungen und mantraartige mit Dauerlächeln versehene „No thank you“ Entgegnungen meinerseits in Zaum zu halten waren. Überbordende Aufdringlichkeit wurde aber auch von männerbegleiteten Reisekolleginnen berichtet.

Trotz dieser leicht irritierenden, nennen wir sie Kommunikationsschwierigkeiten, zwischen den Geschlechtern, war der erste Eindruck von Istanbul ein durch und durch positiver. Die Stadt präsentiert sich als typische Großstadt, mit einer bunten Mischung aus Einheimischen und Besuchern und wer, so wie ich, gern in Großstädten ist, der fühlt sich auch in Istanbul auf Anhieb wohl.

Erwähnenswert sind die kulinarischen Köstlichkeiten, die man dort vorgesetzt bekommt und die unsere Gruppe in nicht bescheidenem Ausmaß auch konsumiert hat. Die türkische Spezialvariante des Essengehens bedeutet ein Dauerauftragen diversester großartig schmeckender Vor- Haupt- und Nachspeisen, das mitunter bedenkliche Ausmaße annimmt, vor allem wenn man sich bereits an den Vorspeisen satt gegessen hat, die nachfolgenden Speisen aber ebenso appetitlich aussehen, dass man sich aus Angst etwas zu versäumen, trotzdem nötigt zumindest noch einen Bissen zu kosten.

Was die touristische Erkundung der Stadt betrifft, so kann man rund um die Altstadt, über die Galata-Brücke bis ins Beyoğlu -Viertel das Meiste zu Fuß erledigen. Das ist auch die beste Variante, es sei denn, es gibt wie am vergangenen Donnerstag der Fall, sintflutartige Regenfälle.

Das meiste vom touristischen Programm habe ich an dem Tag auch absolviert – Hagia Sophia, Blaue Moschee (eigentlich Sultanahmed Moschee), Zisterne – bis ich vor dem Besuch des Topkapi-Palastes w.o. gab, weil ich nicht nur völlig durchnässt, sondern auch etwas unterkühlt war. Topkapi musste warten, dafür gab es eine warme Dusche bevor es später am Nachmittag doch noch einmal nach draußen ging.

Dort regnete es immer noch in Strömen und ich fühlte mich durch die sturzbachartigen Wassermassen, die über die Straßen Istanbuls flossen kurzfristig an Passagen aus Schillers Bürgschaft erinnert, das Gute daran war aber der kurzfristige Entschluss am nächsten Tag einen klassischen Hammam aufzusuchen, schließlich war die Wettervorhersage ähnlich dem Donnerstag und als Saunafreundin konnte ich mir dieses Erlebnis kaum entgehen lassen. Der Zufall wollte es zudem, dass wir beim Spaziergang durch den Regen auf einen überaus einladenden Hammamkandidaten gestoßen waren.

Der nächste Tag war dann doch etwas freundlicher und gestattete einen Spaziergang über die Galatabrücke und nachfolgende Erkundung des Beyoğlu-Viertels, samt durch das Vorhandensein eines Liftes erleichterte „Erklimmung“ des Galata-Turms, welcher eine hervorragende Aussicht über ganz Instanbul bot.

Am Nachmittag ging es schließlich wie geplant in den Hammam, ein Erlebnis, das jeden Cent, des nicht gerade billigen Vergnügens wert war. Freunde des Saunierens dürfen sich darunter eine Art Personenwaschmaschine im besten Sinne des Wortes vorstellen. Männer und Frauen werden getrennt gewaschen, im Frauenbereich herrscht zwar ein einigermaßen hoher Lärmpegel, schließlich werden die zu waschenden Kandidatinnen in einer Art Rondo in der Mitte einer großen runden, ganz in Marmor gehaltenen, Halle, samt kuppelartigem Dach, im Kreise aufgelegt und hernach von den jeweiligen Wäscherinnen – sprich Masseurinnen – geschrubbt, gewalkt und massiert. Den Abschluss bildet eine herzhafte Kopfwäsche, gereinigt und glücklich verlässt man schließlich die kommunale Waschanlage.

Und selbst wenn die Prozedur etwas ruppig klingt, so ist sie durch und durch angenehm, nicht nur, aber auch, hervorgerufen durch die große Herzlichkeit der Masseurinnen, die beim Waschen und Massieren Erinnerungen an Bäder, die man in der Kindheit genommen hat, wecken, verfeinert durch den angenehmen, aber nicht aufdringlichen, Geruch der verwendeten Seifen. Wer vernünftig ist, wählt, so wie ich, das Vollwaschprogramm, das sich „kompletter orientalischer Luxus-Service“ nennt und ein „original osmanisches Sultan Bade-Servis“ inkludiert und nicht unberechtigterweise verspricht, dass man sich hernach wie neu geboren fühlt. Kostet 50 Euro, ist aber wie gesagt, jeden Cent wert.

Ganz nebenbei bemerkt war der Freitag auch der türkische Nationalfeiertag, wobei man erstaunliche Flexibilität bewies und die angesetzte Parade wegen Schlechtwetters ganz einfach auf den Sonntag verschob, das kurzfristig abgesagte Feuerwerk fand schließlich doch noch am Freitag Abend statt und soll, ich saß wieder einmal beim Essen, grandios gewesen sein.

Am Samstag hatte sich die Schlechtwetterfront endlich verzogen und der Tag stand einerseits im Zeichen des noch nachzuholenden Besuches des Topkapi Palastes, der zweite Programmpunkt des Tages war eine Schifffahrt auf die asiatische Seite, schließlich hätte ich es nicht verkraftet, meine Füße nicht auf einen anderen Kontinent zu setzen, nachdem dieser nur wenige Kilometer entfernt lag.

Die Wanderung durch den Topkapi Palast rechtfertigte auch den Verzicht darauf am Donnerstag, denn diesmal war der Himmel blau, die Sonne schien und der Blick auf das Marmara Meer oder in Richtung Galata Brücke war schlicht und einfach ergreifend schön. Das war auch die Schifffahrt nach Üsküdür – auf die asiatische Seite – Fährenschiffe verkehren von Eminönü zu den jeweiligen Stationen in atemberaubendem Takt, die Kosten sind mit ca. 75 Eurocent schwindelerregend niedrig.

Asien entpuppte sich schließlich als annähernd ähnlich dem europäischen Teil Istanbuls, wobei die Erfahrung wohl in Abhängigkeit der Ausstiegsstelle variierte, ich befand mich in einem etwas trashigerem Teil, Reisekollegen berichteten von gehobeneren Vierteln. Sehenswert ist das ganze wohl in jedem Fall, vor allem der Besuch eines hiesigen Marktes war ein Erlebnis.

Der letzte Abend stand wieder im Zeichen der traditionellen türkischen Küche – ein Restaurant im Beyoğlu-Viertel war ausgewählt worden, die Konsumation von unfassbar guten Speisen endete nur aufgrund anwesender türkischer Farsi Live-Musik und körperlicher Bewegung in Form von Tanzen nicht in einem kapitalen Essens-Overkill, die bewegungsfreudige Minderheit schließlich wagte sich nachher sogar noch in das Istanbuler Nachtleben, welches soweit überblickbar unglaublich viele Leute beherbergt.

Am letzten Tag fand sich noch Zeit für einen abschließenden Besuch des Gewürzmarktes und sich Eindecken mit sämtlichen nötigen und unnötigen Mitbringseln, die Sonne schien, die Temperaturen waren herrlich warm, es fiel ziemlich schwer sich in den Bus zu setzen und abzureisen. Istanbul wird mir in positiver Erinnerung bleiben. Nicht nur weil sich mein Bild vom sog. Orient, mit allen Vor- und Nachteilen, nunmehr etwas realistischer zeichnet, selbst ein Selbstmordanschlag am Abreisetag trübt diesen Eindruck nicht, sondern weil die Reise innerhalb einer sehr sympathischen Gruppe von Leuten stattgefunden hat und von einer liebenswerten Gastgeberin und Organisatorin zu einem unvergesslichen Erlebnis gestaltet wurde.

Hilfreiche Informationen

Veranstaltungsinfos: Die Reise nach Istanbul wurde unter dem Titel #Twistanbul von Meral Akin-Hecke veranstaltet und organisiert, es sind weitere #Twistanbul-Reisen geplant, eine Teilnahme daran kann ich nur allerwärmstens empfehlen, Informationen darüber finden sich entweder auf der FB-Seite bzw. erfährt man am besten, wenn man @kigo auf Twitter folgt.

Unterbringung: Unsere Reisegruppe war im Hotel Erboy in der Istanbuler Altstadt untergebracht. Es handelte sich um ein nettes kleines Hotel, mit gratis Wi-Fi in allen Zimmern (unerlässlich für webaffine Reisegruppen), welches sich in Gehweite zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten (Hagia Sophia, Blaue Moschee, Topkapi) befand.

Hammam: Der von mir besuchte Cağaloğlu Hammam befand sich in der Istanbuler Altstadt und wird von einem New York Times Bestseller als einer von 1000 Orten bezeichnet, die man gesehen haben muss, bevor man stirbt. Nachdem ich noch keinen anderen Hammam besucht habe, kann ich nicht beurteilen, inwiefern es sich in einem weniger beworbenen, touristischen Hammam gemütlicher badet, gut möglich, dass es sich lohnt einen weniger stark frequentierten aufzusuchen.

Restaurants: Sämtliche von der Gruppe besuchte Restaurants kann ich uneingeschränkt weiterempfehlen. Das Restaurant Hamdi liegt nahe am Hafen in Eminönü und bietet so wie das am letzten Abend besuchte Mekan in Beyoğlu traditionelle türkische Küche. Beide sind einen Besuch wert. Das ebenfalls im Beyoğlu-Viertel gelegene Restaurant Otto ist eine hippere Restaurantvariante mit eklektischer Speisenkarte, die von Burgern und Pasta bis hin zu türkischen Speisen eine bunte Auswahl bietet. Daneben gibt es dort kreative Cocktails, die Namen wie „Kiss my Otto“ tragen.

 

Susanne, 5. November 2010

 

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6 Kommentare zu “Teşekkür ederim – oder die Schwierigkeit für das Türkische passende Eselsbrücken zu finden

  1. Super Eindrücke, Susanne, vielen Dank, wenn man liest denkt man du warst einen ganzen Monat dort, wobei es ja knappe 4 Tage waren.

  2. Tesekkür ederim für den Reisebericht.

  3. thesandworm sagt:

    Alsjeblieft! (ich hoffe das ist richtig…)

  4. […] bloggt über die Schwierigkeit für das Türkische passende Eselsbrücken zu finden und […]

  5. Werner344 sagt:

    Tolle Eindrücke, die Du da beschreibst. Auch das umlegen eines Festes geht schnell und nicht so Bürokratisch wie hier zu lande. Viele Grüße, Werner

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