The Sandworm empfiehlt – Marcel Proust: „Guermantes“

Marcel Prousts Opus Magnus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ umfasst sieben Bände, die über mehrere tausend Seiten (genaugenommen 5.308, wenn man die Seiten der im Suhrkamp erschienenen Einzelbände zusammenrechnet), bis ins kleinste Detail in das Leben und vor allem Erleben des Protagonisten Einblick geben. Werden im ersten Teil Erinnerungen an die Kindheit, heraufbeschworen vom Duft der mittlerweile zur Proust’schen Methapher gewordenen Madeleine, durchschritten, reift er im zweiten Band zum jungen Mann und erfährt zum ersten Mal was es heißt hoffnungslos zu lieben.

Im dritten Teil nun, der den Namen „Guermantes“ trägt, erblüht das gesellschaftliche Leben des Protagonisten und trägt ihn durch die elitären Salons des Faubourg Saint-Germain im Paris der Jahre 1897 – 99. Wie gewohnt gestaltet Proust seine Erzählung als Aufeinanderfolge einzelner Szenen, in denen sein literarischer Held, der mit dem Autor so gut wie ident ist, die gesellschaftliche Leiter erklimmt. Durch seine bildhafte Sprache und die Fähigkeit selbst Nichtigkeiten in hochspannende erzählerische Ereignisse zu verwandeln, gelingt es Proust über die Dauer des gesamten Romans, der sich auf wenige zentrale Begebenheiten konzentriert, niemals langatmig zu werden und er vollbringt auch das Kunststück die Konversationen unter den diversen Salongästen in einer Art und Weise zum Leben zu erwecken, dass man als Leserin beinah das Gefühl hat mitten unter den Geladenen zu stehen. Den Höhepunkt bildet der Abend im Salon der Herzogin Guermantes, ihres Zeichens Angehörige eines der ehrwürdigsten französischen Adelsgeschlechter, in deren Gesellschaft neben einigen anderen Mitgliedern des Adels, hauptsächlich Künstler, Wissenschaftler und Schriftsteller verkehren.

Ein interessantes historisches Detail schließlich bildet die Einflechtung der Dreyfus-Affäre in die vom Protagonisten teils selbst bestrittenen, teils mitgehörten Dialoge. Daraus resultiert ein hochspannendes Stimmungsbild der Entwicklungen rund um einen Justizskandal, der die gesamte französische Gesellschaft in zwei Lager gespalten hatte – Pro versus Contra Dreyfus – und bildet auch die, rund um die Wende zum 20. Jahrhundert, in Frankreich sich hochschaukelnden antisemitischen Ressentiments eindringlich ab.

Der Roman endet schließlich fast abrupt, für das was man von Proust generell gewohnt ist, in einer weiteren Matinee bei Madame de Guermantes, erzeugt aber dadurch viel mehr als die beiden ersten Teile ein Gefühl von erzählerischer Kontinuität beim Leser. Ereignisse werden angekündigt, dann aber quasi in der Luft hängen gelassen, alles wartet auf Teil vier, der den verheißungsvollen Namen „Sodom und Gomorra“ trägt.

Susanne 9. Mai 2010

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