Literatur für alle Lebenslagen – Teil II: Mord und Totschlag

Ging es im ersten Teil dieser Literaturserie noch um das herzerwärmende Thema Liebe, so scheint es angebracht, sich gleich beim zweiten Teil auf das andere Extrem des Gefühlsspektrums zu konzentrieren: Hass, Gewalt, Mord und Totschlag. Denn wie jeder weiß, kann die größte Liebe sehr schnell ins Gegenteil umschlagen und was dann passiert, ist in einer endlosen Zahl von Romanen, Novellen, Dramen und Gedichten dokumentiert. Die Beschreibungen reichen dort von der subtilen Erzählung bis zur völlig schonungslosen Schilderung von Brutalität und gewalttätigem Exzess. Und wer sich fragt, warum man als Literaturliebhaber derlei Dinge liest, gerne liest, der hat wohl weder vom Leben, noch vom Schreiben viel Ahnung, aber es sei hierbei wieder einmal auf Umberto Eco verwiesen, der auf die Frage, warum er „Der Name der Rose“ geschrieben habe, Folgendes geantwortet haben soll: „Ich wollte einen Mönch vergiften“. Nachstehend und in chronologischer Ordnung meine drei persönlichen Favoriten im Genre Mord und Totschlag, wobei ich darauf hinweisen möchte, dass ich die so genannte „Detective Fiction“ bewusst auslasse, weil ich mich diesem ganz speziellen Literaturbereich gesondert widmen werde.

1. Fjodor Michailowitsch Dostojewski „Schuld und Sühne (1866): Bei dem, häufig auch unter dem weniger moralisierenden Titel „Verbrechen und Strafe“ veröffentlichen, Roman von Dostojewski handelt es sich wohl um einen all-time Klassiker in Bezug auf den Themenkreis Tötung, Reue, Wiedergutmachung und persönliche Verantwortung. Die zugrunde liegende Handlung diente mittlerweile wohl für eine Hundertschaft an Büchern und Filmen als Grundgerüst, um die damit verbundenen Fragen einer Um- und Neuinterpretation zu unterziehen, wiewohl auch Dostojewski längst nicht der erste ist, der sich der Thematik widmet. Man kann davon ausgehen, dass es sich dabei um eine mehrtausendjährige philosophisch-ethische Debatte handelt. Zum Plot: der verarmte aber hochintelligente Student Raskolnikow fristet ein trostloses Dasein in St. Petersburg. Gedanken zum Thema eines „gerechten“ Mordes, ausgeführt von „höheren“ Individuen und zu „höheren“ Zwecken, führen schließlich dazu, dass er seine Pfandleiherin, die er als Verkörperung eines minderwertigen Daseins sieht, ermordet. Im Zuge der Tat tötet er auch deren Schwester, die nur zufällig anwesend war. Bereits kurz danach jedoch sieht sich Raskolnikow einem übermenschlichen inneren Konflikt ausgesetzt, der ihn zunächst in einen Fieberwahn stürzt und ihn im Laufe des Romans mit immer drückenderen Gewissenfragen konfrontiert. Letztlich stellt er sich und bezahlt für seine Tat mit einer achtjährigen Strafe in einem sibirischen Arbeitslager. Von dort wird er mit der Hoffnung darauf, für seine Tat gebüßt zu haben, von seiner Schuld befreit worden zu sein, entlassen. Dostojewskis Roman behandelt Themen, die wie schon erwähnt, seit Jahrtausenden die philosophischen Fragen rund um Gerechtigkeit, Strafe und Wiedergutmachung betreffen, „Schuld und Sühne“ ist damit auch ein zeitloses Buch, das bis ins 21. Jahrhundert nicht an Aktualität verloren hat und über das sich immer wieder ausgezeichnet diskutieren lässt.

2. Emile Zola „Thérèse Raquin“ (1867): Kaum ein Buch hat mich emotional ähnlich mitgenommen wie dieser Roman von Zola. Neben der beeindruckenden, überaus brutalen Dynamik der zugrunde liegenden Geschichte, scheint der Autor darin so etwas wie den Handlungs-Archetypen eines klassischen Kriminalromans ersonnen zu haben und auch wenn ich literaturhistorisch keine Expertin bin, so bin ich überzeugt davon, dass nicht wenige spätere Kriminalautoren ihren Zola gut gelesen haben. James M. Cain zum Beispiel („The Postman Always Rings Twice“). Worum geht es also? Thérèse Raquin, aufgenommen von ihrer Tante, und in Abhängigkeit von ihr aufgewachsen, ist von dieser bereits seit Kindheitstagen als künftige Ehefrau für deren kränklichen Sohnes Camille vorgesehen. Die Ehe wird hauptsächlich aus Pflichtgefühl geschlossen und Thérèse findet sich bald in einer lieblosen Beziehung wieder, die durch die Abhängigkeit von ihrer Tante keinen anderen Ausweg, als darin zu verharren, bietet. Bis zu dem Zeitpunkt, als Camille seinen Freund Laurent mit nach Hause bringt. Da entspinnt sich eine leidenschaftliche Affäre zwischen Thérèse und Laurent, die sich so lange hochschaukelt, bis die beiden keinen anderen Ausweg mehr sehen, als Camille zu ermorden. Womit die Geschichte jedoch erst ihre eigentliche Dynamik bekommt, denn ab dem Zeitpunkt des gemeinsam begangenen, überaus brutalen Mordes, ändern sich die Gefühle der Liebenden füreinander und werden zunehmend zur Last, mutieren in gegenseitige Verdächtigungen und paranoide Angstvisionen. Das Ende lässt sich an Dramatik kaum überbieten, trotzdem sei es hier nicht verraten, schließlich liegt in dramatischen Finali wohl der Gutteil des Lesevergnügens an abgründigen Geschichten.

3. Bret Easton Ellis „American Psycho“ (1991): Obwohl ich im Bezug auf die Klassifizierung als Literatur noch immer etwas gespalten zu Ellis’ „American Psycho“ stehe, habe ich es allein deshalb in diese Liste aufgenommen, weil ich kaum jemals etwas Abartigeres gelesen habe. Und vor allem, weil trotz der Abartigkeit, am Ende doch der Gesamteindruck überblieb, dass dieses Buch wohl eines der besten Zeugnisse über den Zeitgeist der 1980er Jahre in den USA abliefert. Ein Zeitgeist, der sich in Büchern wie eben „American Psycho“ oder in Filmen wie „Wall Street“ manifestiert und der eine Gesellschaft aus aalglatten Yuppies beschreibt, deren Hauptinteresse im eigenen Ich, jeder Menge Geld und noch mehr Macht liegt. Interessanterweise handelt es sich auch um eine Epoche, die in den vergangenen Jahren ein erstaunliches Revival erlebt hat, vor allem deshalb, weil damalige Exzesse offenbar bei weitem übertroffen wurden. Bret Easton Ellis beschreibt in „American Psycho“ nämlich nicht nur die Sex- und Gewaltorgien seines Protagonisten Patrick Bateman, sondern auch dessen Oberflächlichkeit und Selbstverliebtheit so detailreich, dass erstere zum ersten Mal in meinem Leben dafür verantwortlich waren, dass mir beim Lesen eines Buches schlecht wurde, zweitere wiederum so faszinierend, dass am Ende des Buches eine sonderbare Mischung aus Bewunderung und Ekel stand. So springt Ellis mühelos von einem Mordszenario, welches an Grausamkeit und Brutalität in der Literaturgeschichte seinesgleichen sucht, zu Ausführungen, erzählt vom Protagonisten, in denen sich dieser in todernsten, ausführlichsten Musikschwärmereien über 80-er Jahre Popkitsch á la Genesis, Whitney Huston und Huey Lewis and the News ergeht. Ob die Gewaltexzesse letztlich der kranken Fantasie des Patrick Bateman entstammen oder nicht, bleibt wohl eine Frage der Interpretation des Buches, über die ich mir noch immer nicht ganz im Klaren bin, trotzdem habe ich beschlossen, dass ich mir eine erneute Lektüre aktuell nicht zumuten möchte.

Susanne, 21. März 2010

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