The Sandworm empfiehlt – Norman Mailer: „The Executioner’s Song“

Wer sich mit Literatur zum Thema Kriminalität auseinandersetzt wird an Truman Capotes „In Cold Blood“ (Kaltblütig) kaum vorbeikommen. Capote hat das diesbezügliche „True Crime“- Genre mit diesem Buch quasi begründet. Es handelt sich dabei um die Aufarbeitung eines wahren Kriminalfalles, bei dem der Autor sich mit Hilfe journalistischer Recherche zwar an die Fakten hält, sich aber bei der Schilderung der Tatsachen einer literarischen Erzählform bedient. Gemeinhin sortiert man diese Art von Romanen auch gerne unter die Kategorie „New Journalism“.

Wer also Gefallen an dieser Art Literatur findet, der sollte sich, so wie ich in den vergangenen Wochen, irgendwann die Zeit nehmen, um sozusagen die Mutter aller „True Crime“ Werke zu lesen: Norman Mailers „The Executioner’s Song“ (dt. Titel „Gnadenlos“). Auf nicht weniger als 1056 Seiten spinnt der Autor ein ganzes Netz aus Erzählsträngen rund um die Hinrichtung des Mörders Gary Gilmore. Die Fakten sind kurz erzählt: Gary Gilmore, geboren 1940 in Texas, verbringt bis zu seiner Entlassung auf Bewährung im Jahre 1976 mehr als die Hälfte seines bisherigen Lebens in Reform- und Haftanstalten. Aufgenommen von Verwandten im mormonisch geprägten Utah, gelingt ihm, als notorischem Dieb, Einbrecher und Räuber, schließlich auch der neuerliche Anlauf, ein Leben innerhalb der Grenzen des Gesetzes zu führen, nicht. Nur wenige Monate in Freiheit gewinnen alte Handlungsmuster die Oberhand, eine destruktiv-obsessive Liebschaft erschwert die Gratwanderung zwischen Devianz und Konformität noch weiter, bis alles in einer fast psychedelischen Gewaltspirale endet und Gilmore innerhalb von nicht mehr als 24 Stunden zwei Morde begeht. Noch am nächsten Tag wird er verhaftet, die Beweislage ist eindeutig, man verurteilt ihn zum Tode. Womit die eigentliche Geschichte erst beginnt und worin der Grund liegt, warum Gilmore bis über seine Hinrichtung hinaus eine öffentliche Figur geblieben ist. Anders als alle vor ihm zum Tode Verurteilten, beschließt er, sich dem Urteil unterzuordnen, Gilmore plädiert sozusagen selbst für den raschestmöglichen Vollzug der Strafe und stellt damit nicht nur die US-amerikanische Justiz vor ein Problem, er avanciert durch die Entscheidung sein Urteil nicht anzufechten zu einer Art Medienstar. Am 17. Jänner 1977 wird Gilmore schließlich durch ein Erschießungskommando hingerichtet.

Gary Gilmores Geschichte ist zwar in wenigen Worten zusammengefasst und schnell erzählt, mit „The Executioner’s Song“  jedoch gelingt Norman Mailer eine literarisch-journalistische Meisterleistung. Wird man durch das schiere Volumen des Buches noch eingeschüchtert, so ist man ab dem Zeitpunkt wo man zu lesen beginnt gefesselt. Mailer beginnt seine Erzählung mit der Entlassung Gilmores aus dem Bundesgefängnis in Marion, Illinois, im April 1976 und lässt auf den folgenden Seiten so gut wie alle involvierten Personen zu Wort kommen. In einem sehr direkten, nah am Geschehen bleibenden Erzählstil, beschreibt er nicht nur Gilmore selbst ausführlichst, er stellt sich als Autor jeweils neben die handelnden Personen und schafft somit ein literarisches Spektrum, das bei der Leserin den Eindruck erweckt, als wäre sie zu jedem Zeitpunkt im Ablauf des Geschehens direkt dabei. So wird der Erzähler wahlweise zum Sprachrohr für Gilmore selbst, seine Geliebte Nicole, seine Verwandten oder Bekannten, die Opfer und deren Familien, Justizbeamte, Richter, Anwälte, Menschenrechtskämpfer, Mithäftlinge oder Journalisten. Durch eine nahezu heroische journalistische Recherche, die Transformation des dadurch generierten Materials – etwa 15.000 Seiten bloße Transkriptionen, Interviews mit hunderten Personen – und dessen literarische Aufbereitung, gelingt es Mailer, ein von der ersten bis zur letzten Seite faszinierendes Bild, nicht nur eines Menschen, sondern einer ganzen Gesellschaft zu zeichnen. Die trockene Schilderung des Ablaufs der Hinrichtung Gilmores, der während der gesamten Erzählung niemals als Opfer widriger Umstände dargestellt wird und somit keinerlei Projektionsfläche bietet, um sich als Leserin mit ihm zu solidarisieren, reicht schließlich aus, die Brutalität dieser Strafmaßnahme so eindringlich zu demonstrieren, dass man sich auch Stunden nach der Lektüre noch erschüttert findet.

Norman Mailers „The Executioner’s Song“ ist vermutlich das Äußerste was an Objektivität im Sinne einer literarischen Schilderung möglich ist, ja, das Buch kommt vielleicht gerade durch seinen Stil und die exzessive journalistische Recherche näher an die Wahrheit, als es ein sachlicher Zeitungsbericht je könnte. „The Executioner’s Song“ bezieht auch niemals Partei, es finden in dem Buch sowohl Befürworter, als auch Gegner der Todesstrafe ihre jeweiligen Positionen wieder und egal auf welcher Seite man steht, wer sich mit dieser Thematik auseinandersetzt, wird an diesem Buch kaum vorbei kommen.

Susanne, 21. Jänner 2010

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