Literatur für alle Lebenslagen – Teil I: Liebe

Nachdem musikalisch in Wien derzeit wenig los ist, habe ich beschlossen, neben den herkömmlichen Literaturrezensionen und -empfehlungen eine neue Rubrik im Sandworm zu eröffen. Sie nennt sich „Literatur für alle Lebenslagen“ und spiegelt auch eine persönliche Haltung im Bezug auf literarische Werke wider. Ich wähle die Bücher, die ich lese nämlich nicht allein aufgrund meiner Vorlieben für bestimmte Genres oder Autoren aus, die Selektion eines bestimmten Romans, oder einer ganz spezifischen Gattung, ist auch immer abhängig von der Stimmung in der ich mich befinde, viel mehr noch, ich erachte je nach Situation und Aufenthaltsort, ganz bestimmte Bücher als besonders lesenswert.

Ein Buch also für jede erdenkliche Lebenslage. Unabhängig davon, ob es sich um Dramen, Romane, Poesie oder sonstige literarische Richtungen handelt. Literatur ist und war für mich immer viel mehr als bloßer Zeitvertreib, sie ist quasi soetwas wie eine Begleiterin durchs Leben. Mit dieser Ansicht stehe ich auch nicht alleine da, im Gegenteil, ein von mir sehr bewunderter Schriftsteller – Umberto Eco – teilt meine Sichtweise. Ich hatte im April 2008 das große Glück ihn in einer Vorlesung im Rahmen des Pen Festivals in New York zu erleben und konnte mir unter dem Titel der Veranstaltung (The Advantages of Fiction for Life and Death/Der Vorteil von Fiktion für Leben und Tod) zunächst zwar nicht viel vorstellen, war aber am Ende des Referats nicht nur von der Belesenheit, der Eloquenz und dem Humor des Autors (erneut) begeistert, sondern auch von seinem Fazit. Eco meinte nämlich, dass die prinzipielle Funktion von Fiktion, von der Unveränderlichkeit fiktiver Geschichten, diejenige sei, uns über Schicksal und Tod zu belehren. Wir würden darin auch immer unsere eigene Geschichte wiederfinden und sie gerade dafür lieben.

Den ersten Teil meiner Serie also widme ich einem der bliebtesten Themen der Literaturgeschichte – der Liebe. Erstaunlicherweise ist mir, als ich die Liste meiner persönlichen Favoriten erstellt habe, aufgefallen, dass keines der Bücher besonders aktuell ist. Ja es scheint fast, als ob literarische Abhandlungen zum Thema Liebe in der Postmoderne, oder der Post-Post-Moderne, nicht mehr besonders populär sind. Mir ist auch nach besonders intensivem Nachdenken kein einziger Roman eingefallen, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts veröffentlicht und in welchem diesem Thema in seiner vollen Tragweite Raum gegeben worden wäre. Meine eigenen Präferenzen finden sich da schon eher in länger zurückliegenden Zeiten wieder. Im Folgenden die Top 3 literarischen Werke zum Thema Liebe, wobei die Reihung keiner Präferenz, sondern bloß der Chronologie geschuldet ist:

1. Gabriel García Márquez Liebe in Zeiten der Cholera„(1985): Auch wenn ich keine Präferenzen ausdrücken wollte, so muss ich doch zugeben, dass der Hinweis am Einband des Buches, es handle sich um „die schönste Liebesgeschichte aller Zeiten“ voll und ganz zutrifft. García Márquez schafft es nicht nur eine leidenschaftliche Liebesgeschichte rund um die Protagonisten Florentino Ariza und Fermina Daza zu konstruieren, durch seinen ganz eigenen Erzählstil, einer Mischung aus realistischer bis fast schonungsloser Beschreibung südamerikanischen Alltagslebens zu Beginn des 20. Jahrhunderts – Prostitution, Armut, Krankheit oder Kriege werden nicht verharmlost oder verschwiegen – und einem lyrischen, sehr bildlichen Erzählstil, legt er über die Dauer der Erzählung jede erdenkliche, mit dem Begriff Liebe in Verbindung stehende, Emotion frei. Alles mündet erst auf den allerletzten Seiten in einem Finale Furioso, dessen Ende ich nicht verraten will, weil ich der Meinung bin, dass gerade die im gesamten Leseverlauf angesammelte Antizipation auf das mögliche Ende des Buches den Großteil des Vergnügens daran ausmacht.

2. Jane Austen „Persuasion“ (1817): Ich gebe zu, dass Jane Austen generell zu meinen Lieblingsautoren zählt, bis auf Mansfield Park schätze ich auch alle ihre Romane sehr, Persuasion (Überredung/Verführung) jedoch ist mein persönlicher Favorit. Das liegt möglicherweise darin begründet, dass die Protagonisten, im Unterschied zu den anderen Büchern Austens, bereits etwas „älter“ sind. Wobei man davon ausgehen muss, dass in damaligen Zeiten eine unverheiratete Frau im Alter von 27 Jahren bereits fast als jenseits von Gut und Böse befindlich angesehen wurde. Trotz der gesellschaftlichen Vorurteile, die in Austens Büchern auch immer mit der nötigen Distanz bis hin zum Zynismus behandelt werden – eine Leistung die der Autorin hoch anzurechnen ist, wenn man weiß, dass ihre Bücher deshalb nicht unter ihrem eigenen Namen, sondern bloß mit dem Hinweis „by a Lady“ publiziert wurden, weil es damals für eine Frau nicht schicklich war zu schreiben – spiegelt sich in diesem Buch eine reifere Betrachtungsweise von Liebe wider. Es geht um verpasste Gelegenheiten, um richtige oder falsche Entscheidungen und um die Dauerhaftigkeit von tiefen Gefühlen, auch wenn jede Hoffnung auf Erwiderung vergebens scheint. Letztlich geht es auch um die klassische zweite Chance. Ein Buch, das auch nach mehrmaligem Lesen nicht enttäuscht, vor allem, weil man in Bezug auf leidenschaftliche Liebeserklärungen voll und ganz auf seine Kosten kommt.

3. William Shakespeare „Romeo and Juliet“ (~1591 -1595): Es mag vielleicht plakativ erscheinen, dass sich dieses Werk unter meinen Top 3 befindet, es ist aber tatsächlich einer meiner absoluten Favoriten in Sachen Literatur und Liebe. Ich bin grundsätzlich ein Fan von Shakespeare und mag besonders dessen Komödien, Romeo and Juliet ist aber nicht unbegründet DER Klassiker, wenn es um die Liebe geht. Er besteht nicht nur aus einer fesselnden Geschichte, sondern besitzt auch die passende Lyrik, um für immer und ewig die Ranglisten anzuführen. Romeo and Juliet entspricht in bestmöglicher Form dem Archetypus von tragischer, wahrer Liebe, der sich in der gesamten Literaturgeschichte und in allen Kulturen wiederfindet, der aber durch das Genie Shakespeare in eine Form gebracht wurde, die meines Erachtens nach keinerlei Verbesserungen mehr ermöglicht. Gewisse Passagen lesen sich wie Musik, lassen den Text in den Hintergrund treten und reißen den Leser mitten hinein in das Wechselbad aus Freude, Verzweiflung, Hoffnung und letztlich tiefer Trauer. Alle drei bis vier Jahre also sehe ich mich geradezu gezwungen das Buch auszugraben und es wieder zu lesen. Jedes Mal ertappe ich mich dann beim Hinzittern auf das Finale, erwische ich mich beim Lesen der entscheidenden Passage, jenem Moment in dem Romeo das Gift trinkt und einen Augenblick vor Julias Erwachen stirbt, dabei, mir ein Happy Ending herbeizuwünschen. Diese irrationale Hoffnung, Julia möge diesmal doch zum rechten Zeitpunkt aufwachen, verleiht dem Stück jedes Mal aufs Neue Spannung. Wobei jedoch betont werden muss, dass in der Literatur gerade die Tragödie, das Eintreten des schlimmstmöglichen aller Fälle, ihren ganz besonderen Reiz hat, bietet sie doch die Möglichkeit bittere Tränen über grandiose Schlusssätze zu vergießen: „For never was a story of more woe / Than this of Juliet and her Romeo„.

In unregelmäßiger Reihenfolge werden im aktuellen Jahr noch weitere Veröffentlichungen zur Serie „Literatur für alle Lebenslagen“ folgen, angedacht sind bereits die Themen Gewalt/Tod, Humor und Reise. Jegliche Anmerkungen, Empfehlungen oder Kritik sind jederzeit herzlich willkommen, des Weiteren empfehle ich allen des Englischen mächtigen Literaturfreunden, sich unbedingt die oben erwähnte Vorlesung von Umberto Eco beim Pen Festival in NY 2008 anzuhören:

Umberto Eco „The advantages of Fiction for Life and Death (2008)(engl. Audiofile)

Susanne, 7. Februar 2010

2 Kommentare zu “Literatur für alle Lebenslagen – Teil I: Liebe

  1. Barbara Weyer sagt:

    Was halten sie zum Thema Hass von der aktuellen Literatur: Warum die Deutschen? Warum die Juden? von Götz Aly und was würden sie zu diesem Thema auswählen?

  2. thesandworm sagt:

    Hallo Barbara, also meines Wissens nach ist das Buch von Aly ein Sachbuch, also Non-Fiction. Damit beschäftige ich mich hier am Blog so gut wie gar nicht. Ich habe aber schon mal ein „Literatur für alle Lebenslagen“ zum Thema „Mord und Totschlag“ veröffentlicht: https://thesandworm.wordpress.com/2010/03/21/literatur-fur-alle-lebenslagen-teil-ii-mord-und-totschlag/.

    Mord und Totschlag sind wohl aber nur eine Ausdrucksform von Hass. In der Hinsicht müsste man sich überlegen, was sonst noch darunter fällt. Vielleicht Verachtung? Da muss ich wohl noch etwas drüber nachdenken…danke für die Anregung!

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