Skizzen aus Wien – Nr. 46

Naturgemäß sollte man einen Beitrag über eine Ausstellung zum Thema „Thomas Bernhard und das Theater“ mit einem seiner Lieblingswörter beginnen, andererseits wäre es wohl übertrieben, danach noch in eine der typischen Wort- und Satzkaskaden Bernhards zu ver- und über die grenzenlose Debilität der Österreicher herzufallen. Letzteres beherrscht Bernhard viel besser und lässt sich in seinen vielen Werken in zeitloser Gültigkeit nachlesen.

Somit also weiter zum Thema des heutigen Eintrages. Ich habe mich vergangene Woche das erste Mal in meinem Leben ins Theatermuseum in Wien begeben, um mir dort die Ausstellung „Thomas Bernhard und das Theater“ anzusehen. Freitag Nachmittag gegen halb zwei betrat ich also gemeinsam mit meiner Begleitung, die mich erst auf die Ausstellung aufmerksam gemacht hatte, das Museum und erstand zum günstigen Preis von 4,50 Euro die Eintrittskarte, wobei ich mich rückblickend doch etwas ärgere, warum ich mir nicht gleich die zum großartigen Preis von 29 Euro erhältliche Jahreskarte für das Kunsthistorische Museum gekauft habe. Diese Jahreskarte gilt nämlich auch für die Außenstellen des KHM, wovon das Theatermuseum eine ist und gerade beim Wandeln durch die Bernhard-Theaterausstellung wurde mir durch die verpasste Kaufgelegenheit schmerzlich bewusst, dass ich ja erst vor Kurzem dessen äußerst amüsantes Buch „Alte Meister“ gelesen hatte und mit dieser Jahreskarte sich auch für mich die Möglichkeit eröffnen würde, regelmäßig, so wie Bernhards Kunstkritiker Reger im Bordonesaal auf der Bordonesaalsitzbank zu sitzen und zu verifzieren, ob dort tatsächlich der von Bernhard beschriebene „Weißbärtige Mann“ von Tintoretto hängt.

Wie dem auch sei, ich und meine Begleitung fanden im Theatermuseum eine sehr liebevoll und hochinteressant gestaltete Bernhard-Ausstellung, in der sich in zwei kleineren Räumen, amüsant durch die Überschriften „Einerseits“ und „Andererseits“ getrennt, nicht nur handschriftliche Aufzeichnungen des Autors fanden, sondern auch Gelegenheiten sich Ausschnitte aus mittlerweile legendären Theateraufführungen anzusehen und Berichte über die dadurch ausgelösten Skandale nachzulesen. Besonders schön arrangiert die künstliche Empörung der Kronenzeitung zur Heldenplatzpremiere, samt hochempörtem Staberl-Kommentar. All das findet sich im einen Raum, im zweiten beschäftigt man sich intensiver mit Ausstattung und Kostümentwürfen, mehr mit dem Theater an sich als mit den zugrundeliegenden Stücken, und beleuchtet auch Bernhards familiären Hintergrund in Bezug auf seine frühe Förderung durch den Großvater. „Beleuchtet“ ist diesbezüglich auch gleich ein Stichwort, welches eine der Schwächen im zweiten Saal beschreibt. Da gibt es Schaukästen mit Fotos von der Mutter und dem Großvater, handschriftliche Aufzeichnungen und mehr, alles hochinteressant und einladend sich darüberzubeugen, um es genauer zu begutachten, leider jedoch hat man die Beleuchtung so schlecht platziert, dass gerade beim Darüberbeugen der eigene Schatten auf Bilder und Dokumente fällt.

Nichtsdestotrotz handelt es sich bei „Thomas Bernhard und das Theater“ um eine zwar kleine aber sehr feine Ausstellung, die ich jedem Bernhardbewunderer unbedingt ans Herz legen möchte. Umso mehr, als er oder sie auch dasselbe skurrile Glück haben könnte, so wie ich und meine Begleitung in eine sehr surreale „Besucherszene“ zu wandern, wie sie Bernhard wohl nicht besser hätte inszenieren können: Ein älteres Ehepaar befand sich gleichzeitig in der Ausstellung, wobei die weibliche Hälfte davon die meiste Zeit damit verbrachte, über die Schaukästen gebeugt vor sich hinzusudern und in Bezug auf eine offenbar gerade zu Ende gegangene Schülerführung z.B. meinte: „Wos mochn die Kinda do herinnen? Die verstehn des doch net! Warum bringen die die Kinder in die Ausstellung?“ oder aber sie starrte minutenlang auf die ausgefransten Jeans meiner Begleitung und zwar so intensiv, dass ich kurzfristig befürchtete, es würde Handgreiflichkeiten geben. Trotzallem war gerade dieses Ehepaar so grandios passend für diese Ausstellung, dass ich es, wäre ich verantwortliche Kuratorin gewesen, wohl selbst so angeordnet hätte: pro Stunde 1x Auftritt typisch bernardesker Charaktere. Wobei, wir sind ja in Wien. Und wie sich zeigt, ist eine Inszenierung gar nicht nötig, es sagt ja schon das der Ausstellung vorangestellte Bernhard-Zitat alles was man diesbezüglich wissen muss: „Österreich selbst ist nichts als eine Bühne„.

Ich werde also nochmal in mich gehen und darüber nachdenken, ob ich mir die KHM Jahreskarte nicht doch noch zulegen werde. Der Bordonesaal, die Bordonesaalsitzbank und die damit einhergehende Möglichkeit regelmäßiger, regerartiger Sitzungen ist wohl doch zu verlockend.

Die Ausstellung „Thomas Bernhard und das Theater“ läuft noch bis 4. Juli 2010 im Theatermuseum in Wien.

Susanne, 31. Jänner 2010

Ein Kommentar zu “Skizzen aus Wien – Nr. 46

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