Skizzen aus Wien – Nr. 45

Seit ich vor etwa eineinhalb Jahren das erste Mal eines seiner Bücher aufgeschlagen habe, zählt David Foster Wallace zu meinen absoluten Lieblingsautoren. Ich schätze ihn stilistisch ebenso sowie in Bezug auf seine Ausdrucksfähigkeit auf emotionaler Ebene und egal ob Roman oder Essay, immer wieder erstaunt mich seine Fähigkeit Gefühle in Worte zu fassen oder Protagonisten so treffend zu beschreiben, dass man sich sicher ist ein exaktes Bild von ihnen vor Augen zu haben. Nachdem ich sein Opus Magnum „Infinite Jest“ bereits vergangenes Jahr gelesen habe und mehr als begeistert war, fand ich kurz vor Jahresende endlich die Zeit, seinen ersten Roman „The Broom of the System“ anzugehen. Letzte Woche beendete ich die Lektüre und fand es äußerst passend die vergangene Dekade mit DFW abgeschlossen, die neue mit einem seiner Werke begonnen zu haben. Den Sandworm-Lesern möchte ich diesen Roman nachfolgend ans Herz legen (1).

Mit „The Broom of the System“, hat sich Foster Wallace in die Herzen der US-amerikanischen Literaturkritik geschrieben und wurde mit Lobeshymnen und Preisen überhäuft. Nicht zu unrecht. Der Roman entpuppt sich für ein Erstlingswerk als unglaublich komplex und vor allem hochkreativ was die Sprachverwendung und den literarischen Stil betrifft. Wer DFW kennt und schätzt taucht in diesem Buch in genau jenen absurden Schreibstil ein, den der Autor später, in seinem hervorragenden „Infinite Jest“, auf die Spitze treiben wird. Man könnte das Buch fast als Stilübung und Vorbereitung darauf betrachten, das würde die Qualität von „The Broom of the System“ jedoch herabsetzen und wäre ungerecht, handelt es sich doch um ein eigenständiges Werk, welches für sich großes Lesevergnügen bereitet, ohne dass man „Infinite Jest“ jemals gelesen haben müsste.

Ich will mich hier nicht zu sehr auf die Handlung des Buches konzentrieren, diese ist, wie auch im späteren „Infinite Jest“ meines Erachtens sekundär, wiewohl es sich nicht um einen Mangel in der Ausgestaltung des dem Buch zugrunde liegenden Plots handelt. Viel mehr fasziniert die blühende Fantasie des Autors, die sich im erzählerischen Entwurf der absurden Welt, in der die Geschichte spielt, manifestiert und die DFW so wortmächtig umsetzt, dass trotz aller Absurdität, ein gewisser Realismus nicht verloren geht. Ja, im Grunde erzählt er seine Geschichte so überzeugend, dass man sich über die gesamte Lektüre durchaus vorstellen kann, derlei könne sich tatsächlich so zugetragen haben.

Kurz also zur Handlung. Der Roman spielt zum größten Teil in Cleveland, Ohio, wo die Protagonistin, eine gewisse Lenore Beadsman damit konfrontiert wird, dass ihre Urgroßmutter, die ebenfalls Lenore Beadsman heißt, von einem Tag auf den anderen aus dem Altersheim in dem sie lebte, verschwunden ist. Nicht nur sie, sondern auch eine Reihe anderer Bewohner der Einrichtung. Für Lenore, die Urenkelin, ihres Zeichens Tochter eines Babynahrungsmagnaten, die sich in einer eher ungesunden Beziehung zum Chef jenes Unternehmens, in dem sie in der Telefonvermittlung arbeitet, befindet, beginnt damit nicht nur die Suche nach ihrer Urgroßmutter, sondern auch ein höchst skurriler, aber für den Leser ungemein amüsanter, Begegnungsmarathon.

Genau darin liegt das Vergnügen das die Lektüre von „The Broom of the System“ bereitet. Selbst wenn sich zu Beginn des Buches ein ausgeklügelter Handlungsstrang herauskristallisiert, die Handlung selbst tritt sehr rasch in den Hintergrund und die Konzentration des Autors richtet sich auf die Dialoge der Protagonisten, auf die peinlich genaue Skizzierung der Welt in der sie sich bewegen und insbesondere auf die Komposition von Stimmungen, die DFW so grandios in der Lage ist, allein durch seine Sprachgewandtheit heraufzubeschwören. So schafft er es jedem der handelnden Charaktere seinen eigenen persönlichen Jargon zu verleihen und entpuppt sich als einer der kreativsten Namenserfinder in der Literaturwelt überhaupt. Allein diese Kreationen sind für mich ein eigenes Lesevergnügen. Da gibt es dann nicht nur Lenore Beadsman, sondern unter Anderem ihren Vater, Stonecipher Beadsman, Chef der Firma Stonecipheco. Lenores Geliebten, Rick Vigorous, Gründer des Verlags Frequent and Vigorous, einen Papageien der sich Vlad the Impaler nennt, Lenores Bruder Stonecipher LaVache Beadsman, der sich am College lieber als The Antichrist ansprechen lässt sowie einen weiteren Protagonisten namens Andrew Sealander Lang, der den Spitznamen Wang Dang Lang trägt.

Selbst wenn sich Foster Wallace in diesem Buch noch nicht der für ihn charakteristischen Fußnoten bedient, tritt man von Beginn an, in ein nahezu endloses, hochamüsantes literarisches Universum ein. Eine Parallelwelt, in der Geschichten innerhalb von Geschichten erzählt werden, in der die wittgensteinsche Sprachphilosophie ebenso Platz findet, wie gewisse Seitenhiebe auf psychotherapeutische Sitzungen. Ein Buch für Leser, die außergewöhnliche Sprachgewandtheit, einen skurrilen Sinn für Humor, großartiges Storytelling, präzisest gezeichnete Charaktere und ein, durch eine streckenweise sehr poetische Erzählweise, hervorgerufenes Stimmungsbild, welches die Sprache an sich überlagert und übersteigt, lieben. Diesen Lesern sei hiermit „The Broom of the System“ allerwärmstens ans Herz gelegt.

(1) Der Roman heißt zu Deutsch „Der Besen im System“ – meine Empfehlung bezieht sich ausdrücklich auf die englische Fassung!

Susanne, 17. Jänner 2010

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s