Skizzen aus Wien – Nr. 44

Wir schreiben ein neues Jahr, 2010, falls noch jemand einen sehr üblen Silvesterkater auskuriert, und eine neue Dekade, was in den vergangenen Tagen als eine Flut von Berichten à la „Das waren die Nuller-Jahre“ über die Medienlandschaft schwappte. Ich habe nur wenige davon gelesen, in Bezug auf den angloamerikanischen Raum hat wohl „The Village Voice“ Societykolumnist Michael Musto eine sehr adäquate Beschreibung geliefert, ich hingegen habe beschlossen keine Dekadenrückblicke und -analysen anzustellen, sondern mich im ersten Eintrag des neuen Jahres, ganz und gar egoistisch, einfach einem meiner Lieblingsthemen zuzuwenden, der Literatur, und den Sandwurmlesern für das kommende Jahr ein paar herausragende Autoren zu empfehlen. Autoren, die zwar nicht brandaktuell, dafür aber zeitlos herausragend sind. Ich darf vorausschicken, dass es sich ausnahmslos um Empfehlungen aus den USA handelt, die, wenn irgendwie möglich, auf Englisch gelesen werden sollten.

Der jüngste Autor, den ich bereits vor 2 Jahren gelesen habe, der sich jedoch auf einer dieser „Die besten Bücher der Dekade“-Listen wieder fand, heißt Jonathan Lethem (1964 – ) und hat mit „Fortress of Solitude“ einen hervorragenden Roman verfasst. Er erzählt die Lebensgeschichte von Dylan Mingus, einem Jungen, der als eines der wenigen weißen Kinder in den 1970er Jahren im afroamerikanisch dominierten Brooklyn aufwächst. Das Buch handelt von Rassenkonflikten, von Comics und Superhelden, von einem magischen Ring, von dem Einzug der gehobeneren weißen Schichten nach Brooklyn und der Verdrängung der Schwarzen, von Funk-Musik und Graffiti, und ist – besonders was den ersten Teil des Buches und die Kindheit von Dylan Mingus, die auch durch seine Freundschaft mit dem Afroamerikaner Mingus Rude geprägt ist, betrifft – eine hervorragende, stilistisch exzellent verfasste, Erzählung, die immer wieder Genre-Grenzen auslotet und überschreitet.

Es folgen zwei persönliche Neuentdeckungen im unendlich scheinenden Literaturuniversum. Der erste Autor, der sich besonders für Freunde des Noir-Genres eignet, heißt Jim Thompson (1906 – 1977). Thompson machte sich durch diverse Hard-Boiled und Pulp-Fiction Veröffentlichungen einen Namen als Erzähler von fast irrwitzig brutalen, aber dadurch sehr realitätsnahen Kriminalgeschichten, in späterer Folge arbeitete er auch als Drehbuchautor. So war er unter Anderem für die Drehbücher zu Stanley Kubricks „The Killing“, und „Paths of Glory“ verantwortlich. Ein persönlicher Favorit ist „The Killer Inside Me“, der die wohl realistischste und schonungsloseste Charakterstudie eines Psychopathen darstellt, die ich seit Patricia Highsmiths „The Talented Mr. Ripley“ gelesen habe. Thompsons Geschichten sind kurz, aber intensiv und lassen sich in einem Nachmittag/Abend fertiglesen, was auch gut so ist, da man die Bücher, einmal begonnen, ohnehin nicht mehr zuklappen kann. Weitere exzellente im vergangenen Jahr gelesene Werke: „The Grifters“ (mit Anjelica Huston und John Cusack verfilmt) sowie „After Dark, My Sweet“. Der Rest steht bereits auf der Bestellliste.

Nummer zwei der Neuentdeckungen des vergangenen Jahres ist William Kennedy (1928 – ), der sich mit seinen Geschichten, die er rund um die Stadt Albany in New York geschrieben hat, ein Denkmal gesetzt hat. Erstaunlicherweise habe ich selbst in dieser Stadt gelebt, Kennedy ist mir aber damals nicht untergekommen. Umso mehr freut es mich, ihn doch noch entdeckt zu haben und ihn hier auch gleich weiterempfehlen zu können. In seinem Pulitzerpreisgekrönten Hauptwerk „Ironweed„, welches auch meine erste Kennedy-Lektüre bildete, beeindruckt er durch seinen, ein wenig an James Joyce anklingenden, sehr poetischen Erzählstil. Er beschreibt die Geschichte des Obdachlosen Francis Phelan, der in den Zeiten der großen Depression nach Jahren in seine Heimatstadt Albany zurückkehrt und sich dort mit seiner Vergangenheit konfrontiert sieht. Kennedy schildert eindringlich das Leben auf der Straße, die Kälte und alkoholgetränkte Nächte, verlorene Menschen, die nichts mehr haben und nichts mehr sind und es gelingt ihm dabei das Kunststück, die brutale Lebensrealität der Protagonisten in einer wunderschönen, sehr poetischen Sprache zu erzählen.

Alle drei Autoren möchte ich den Sandwurmlesern allerwärmstens ans Herz legen – ein spannendes Literaturjahr wünscht,

Susanne, 3. Jänner 2010

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