Skizzen aus Wien – Nr. 43

Noch ist das Jahr 2009 nicht zu Ende und ich möchte die Gelegenheit nutzen einen Beitrag zu einem Gedenkjahr zu leisten, in dem wir nicht nur den 200. Geburtstag von Charles Darwin (1809 – 1882), einem der bedeutendsten Wissenschaftler der Neuzeit, feiern, sondern auch den 150. Jahrestag seines Hauptwerkes „On the Origin of Species. By Means of Natural Selection“ (dt. „Über die Entstehung der Arten“). 

Ich habe mir schon viele Jahre lang vorgenommen, dieses Buch endlich zu lesen, nicht nur weil es mir mein akademischer Mentor als wissenschaftliche Pflichtlektüre ans Herz gelegt hat, sondern weil er insbesondere erwähnt hat, dass es in einem wunderschönen Englisch geschrieben wäre. Bis heuer also hat es schließlich gedauert, dass ich mir die beiden Jubiläen zum Anlass genommen und nicht nur „On the Origin of Species“, sondern quasi als Einleitung und zum besseren Verständnis des Werdegangs von Darwin auch dessen Reisebericht „The Voyage of the Beagle“ (dt. „Die Fahrt der Beagle“) gelesen habe. Diese beiden Bücher möchte ich im Folgenden auch den Sandwurmlesern näher bringen. 

Was mich an Darwin immer fasziniert hat, war nicht bloß die Tatsache, dass er mit seiner Evolutionstheorie die Wissenschaft revolutioniert hat, ich würde sagen, er hat nach Galileo Galilei den Menschen erneut ein Stück weiter vom selbsterschaffenen Thron im Universum gestoßen (1), sondern auch die Art und Weise wie er diese herausragende Theorie entwickelt hat, die bis auf wenige kleinere Punkte bis heute nicht widerlegt ist. Was also war Charles Darwin für ein Mensch und wie war es ihm möglich, zu seinen Erkenntnissen zu gelangen, sich schließlich zu überwinden und diese gegen eine Sturmflut entrüsteter und beleidigter Fachkollegen, eine empörte Öffentlichkeit und insbesondere die Kirche zu veröffentlichen und verteidigen? Diese Fragen waren es, die mich vor Beginn der Lektüre am meisten interessiert haben und die Darwin selbst in seinen Schriften schließlich auch ausführlich beantwortet hat.

Charles Darwin war erst 22 Jahre als er auf der HMS Beagle anheuerte und in der Funktion eines sog. „official naturalist“, also eine Art offiziell an Bord befindlichem Naturforscher, unter der Aufsicht von Kapitän Robert Fitz Roy am 27. Dezember 1831 von Devonport (England) aus in See stach. Fast 5 Jahre würde er unterwegs sein und während dieser Reise nicht nur große Teile des südamerikanischen Kontinents erforschen, sondern bis nach Neuseeland und Australien reisen, um erst am 2. Oktober 1836 wieder in seine Heimat zurückzukehren. Mit einem völlig veränderten Bild von der Welt und mit ersten Ansätzen und Gedanken zur späteren Evolutionstheorie.

Darwin war während der Reise auf der Beagle, bis auf die längeren Seewege, die er unter schlimmen Anfällen von Seekrankheit hinter sich brachte, zumeist zu Land unterwegs. Der Hauptteil der Zeit fiel auf die Erforschung Südamerikas (2), das Buch jedoch ist nicht chronologisch angelegt sondern beschäftigt sich in den einzelnen Kapiteln mit verschiedenen geographischen Zonen und Orten. Nachdem die fast 500 Seiten dieses Buchs kaum detailliert beschrieben werden können, möchte ich mich in meinen Ausführungen diesbezüglich zurückhalten und mich auf die wichtigsten Eindrücke, mit denen mich die Lektüre dieses Reiseberichts zurückgelassen hat, beschränken. Zum Einen ist es für mich, die ich selbst sehr viel in der Welt unterwegs bin und Reisen immer als viel mehr als bloße Erholung oder Studienzweck betrachte, nämlich vordergründig immer als Horizonterweiterung, erfreulich zu lesen, wie Charles Darwin seine Expeditionen durchgeführt hat. Während der gesamten Zeit war er ständig mit offenen Augen unterwegs, hat in bester wissenschaftlicher Manier aufmerksam beobachtet, hat sich nicht von vorgefertigten oder damals als State-of-the-Art geltenden Fachmeinungen ablenken oder einschüchtern lassen (3). Hat mit den unterschiedlichsten Leuten geredet, hat abertausende Proben von Tieren, Pflanzen und Gesteinen gesammelt und nach England geschickt, um sie dort von Fachkollegen untersuchen, analysieren und klassifizieren zu lassen. Eine hervorragende, breit gefächerte, Ausbildung in Cambridge (4) ermöglichte ihm die detaillierte Analyse geologischer Formationen und der Verbreitung bestimmter Tier- und Pflanzenarten über bestimmte Regionen, was schließlich bereits während der Reise erstmals zu ernsthaften Zweifeln am Ursprung der Arten führte. So fand Darwin zunehmend Beweise dafür, dass sich geologische Strukturen nicht rapide durch gewaltige Umstürze und Abbrüche entwickelt hatten, sondern im Gegenteil durch sehr langsame Verschiebungen und Transformationen. Auch machte er sich darüber Gedanken, wo sich welche Säugetiere fanden und begann die Annahme, sämtliche Spezies wären singulär und jede für sich einzigartig erschaffen in Frage zu stellen. Schließlich beschreibt Darwin auch Begegnungen mit verschiedensten Eingeborenenvölkern und insbesondere auch seine Sichtweise in Bezug auf die weit verbreitete Sklaverei, welche er in einem besonders emotionalen Plädoyer auf das strikteste ablehnt – diese Passagen zählen wohl zu den interessantesten des Buches. 

Nicht zuletzt ist Darwins Reisebericht auch eine meisterhafte literarische Leistung, eine brillante Erzählung, in der evident wird, dass der Autor viel mehr war als bloßer Wissenschaftler, dass er ein Bewunderer der Natur war, ein Neugieriger, jemand der sich nicht von vorgefertigten Meinungen leiten ließ, der aber immer darauf bedacht war, sich so umfassend wie möglich über seine Studienobjekte zu informieren. Diese Eigenschaften machen es auch verständlich, wie seine Überlegungen zur späteren Evolutionstheorie entstehen konnten, illustrieren den Nährboden jener Gedanken, welche schließlich erst im Jahre später veröffentlichten Hauptwerk „On the Origin of Species. By Means of Natural Selection“ von ihm ausgeführt und verteidigt wurden. Jenes Werk ist schließlich das beste Beispiel für das Genie Darwins, weil die Publikation nicht nur, wie auf der Rückseite des Buchs zurecht vermerkt „eines der wichtigsten je veröffentlichten Bücher“ ist, sondern es darüber hinaus auch noch leicht lesbar und nachvollziehbar formuliert ist.

Dazu ist zunächst zu erwähnen, dass sich Darwin nach seiner Rückkehr von der Reise mit der Beagle und in den Jahren danach als Wissenschaftler bereits einen Namen gemacht hatte. Er war über die Grenzen Englands hinaus als Naturforscher bekannt und hatte sozusagen einen Ruf zu verlieren. Seine Überlegungen bereiteten ihm nicht zuletzt deswegen Skrupel, weil als Fazit sämtlicher Gedanken und Theorien das Resultat stand, dass weder der Mensch noch jegliche andere Arten auf der Erde (von Gott) einzigartig kreiert worden waren und dass diese Theorie schließlich nicht mehr und nicht weniger ein Affront gegen Kirche und Religion wäre bzw. um es mit den Worten Darwins zu formulieren, eine Veröffentlichung dieser Thesen nichts anderes bedeutete als einen Mord zu gestehen („it is like confessing a murder“). Darwin war jedoch zur damaligen Zeit nicht mehr der Einzige, der sich handfeste Überlegungen in Bezug auf die Entstehung der Arten machte, auch andere Wissenschaftler setzten sich mit evolutionstheoretischen Spekulationen auseinander, insbesondere ein jüngerer Forscher namens Alfred Russel Wallace, dessen anstehende Veröffentlichung Darwin dazu drängte seine eigenen Ergebnisse zu publizieren (dazu ist zu erwähnen, dass Darwin dem Kollegen nicht die Show stahl – beide Männer präsentierten ihre Ergebnisse gemeinsam), was schließlich dazu führte, dass sich „On the Origin of Species“ wie ein relativ schnell verfasstes wissenschaftliches, nahezu im Vortragsstil dargelegtes, Argument liest.

Gerade diese stilistische Besonderheit verleiht dem Buch, meiner Meinung nach, seine Einzigartigkeit und seinen Nachdruck. Beim Lesen des in vierzehn Kapitel geteilten Werkes, kann man sich Charles Darwin nahezu bildlich beim Ausführen und Verteidigen seiner Theorie vorstellen, viel mehr noch es handelt sich bei diesem Buch wohl um die beeindruckendste wissenschaftliche Publikation, fast im klassischen Stile einer Verteidigungsrede verfasst, die ich je gelesen habe. Dies deshalb, weil man spürt, dass sich Darwin der Ungeheuerlichkeit seiner Theorie bewusst war, dass er wusste, dass seine Ausführungen von nicht wenigen als persönliche Beleidigung, ja als Blasphemie, aufgefasst werden würden. Umso mehr jedoch ist man schließlich von Darwins hervorragender Präsentationsstrategie beeindruckt, denn auch wenn er sich im Klaren darüber war, dass er wohl recht hatte, wählte er nicht einen überheblichen, dogmatischen Stil, sondern präsentierte seine Evolutionstheorie als Verteidigungsschrift, die er mit größter Demut, aber mit nachdrücklichen Beweisen vortrug (5). 

Immer wieder rechtfertigt er sich, dass er seine Argumente in der Eile nicht bis zum letzten Buchstaben ausführen könne, immer wieder aber bringt er genügend Beweise vor, die seine Thesen untermauern. Mehr als einmal entschuldigt er sich für die abrisshafte Darstellung, um seinen wohl zahlreichen Gegner gleich darauf mit einer in größter Bescheidenheit dargelegten empirischen Beweiskette den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er schildert und erklärt, er rechtfertigt und verteidigt sich, er deduziert und induziert und am Ende seiner Ausführung kommt man zum Schluss, dass Charles Darwin auf die bestmögliche Art, stilistisch wie wissenschaftlich-analytisch Recht hat. Dass das Werk als „wissenschaftliche Literatur“ klassifiziert ist, trägt schließlich auch Darwins bereits oben erwähntem schriftstellerischen Talent Rechnung. Was schließlich auch evident werden lässt, dass jegliche Anschuldigung in Bezug auf Blasphemie oder Gotteslästerung außer Acht gelassen werden kann, denn Darwin leistet viel mehr, er liefert eine wissenschaftliche, vernunft-basierte Theorie über die Entstehung und Entwicklung der Arten und hat es dabei gar nicht nötig sich hinter lächerlichem Hokus-Pokus zu verstecken, weil er der Natur rein gar nichts von ihrer Faszination nimmt, im Gegenteil, gerade die Tatsache, dass sich die Arten auf eine so faszinierende Weise entwickelt haben, stellt sie als viel interessanter und beeindruckender dar, als irgendein biblisches Kindermärchen. Viel besser lässt sich das mit Darwins eigenen Worten ausdrücken, sie bilden den letzten Satz der besprochenen Publikation: „There is grandeur in this view of life, with its several powers, having been originally breathed into a few forms or into one; and that, whilst this planet has gone cycling on according to the fixed law of gravity, from so simple a beginning endless forms most beautiful and most wonderful have been, and are being, evolved.“ (6).

Selbst wenn beide Bücher mit manchen detaillierten Ausführungen über geologische Formationen und dergleichen einige Längen aufweisen, Darwin macht sie durch seinen wunderschönen Schreibstil mehr als wett. Ein Faktum übrigens, welches mich endlich auch verstehen lässt, warum mir mein Professor diese Lektüre so sehr ans Herz gelegt hat – es handelt sich um eine wohl längst vergessene Kunst, Wissenschaftler derart umfassend auszubilden, dass sie auch in der Lage sind einen lesbaren, schön formulierten Satz aufs Papier zu bringen, was mich meinen heutigen Eintrag mit dem Wunsch beschließen lässt, dass, sofern nicht bereits geschehen, jeder und jede, die sich auch nur Ansatzweise mit Wissenschaft auseinandersetzen, ob beruflich oder privat, Charles Darwin allerschnellstens auf ihre Leseliste setzen sollten, dass zumindest „On the Origin of Species“ Pflichtlektüre in den Einführungsveranstaltungen jeglicher wissenschaftlicher Fachdisziplin sein sollte und dass der Ausdrucksweise und Verständlichkeit einer wissenschaftlichen Publikation ebenso hohe Wertigkeit zugestanden wird, wie ihrem fachspezifischen Inhalt. Nicht zuletzt finden sich in den beiden Publikationen auch die grundlegenden Tugenden, die in der Wissenschaft aktuell immer mehr verloren zu gehen scheinen wieder: Neugier, fächerübergreifende Forschung, Empirie, logische Schlussfolgerung, der Blick über den Tellerrand und die kritische Hinterfragung der eigenen Thesen, Offenheit für unorthodoxe Ansätze und gleichzeitiger Respekt vor den wissenschaftlichen „Konkurrenten“, alles Eigenschaften, die meiner Meinung nach den richtigen Forscher, die echte Wissenschaftlerin erst ausmachen.

 

(1)    Was übrigens gut so ist.

(2)    Die gesamte Route der Beagle ist hier grafisch dargestellt.

(3)    Er hat aber die geltende Fachmeinung gekannt und sich gegebenenfalls daran orientiert.

(4)    Darwin war wohl auf die Gebiete Geologie und Botanik spezialisiert, war aber am besten Wege Pastor zu werden…

(5)    Darwin hat sich in den Jahren davor quasi als klassischer Naturforscher und Empiriker betätigt und sämtliche Schlussfolgerungen, die er aus seinen Beobachtungen gezogen hatte, mehrfach ausgetestet oder von Experten austesten lassen. So betätigte er sich als Taubenzüchter, kreuzte Pflanzen im eigenen Garten, beobachtete wie lange Samenkörner in Salzwasser überleben können usw. usf.

(6)   „Es ist wahrlich etwas Erhabenes um die Auffassung, daß der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder gar nur einer einzigen Form eingehaucht hat und daß, während sich unsere Erde nach den Gesetzen der Schwerkraft im Kreise bewegt, aus einem so schlichten Anfang eine unendliche Zahl der schönsten und wunderbarsten Formen entstand und noch weiter entsteht.“ (Das Wort „Schöpfer“ fügte Darwin übrigens erst in späteren Ausgaben des Buches bei.)

 

Susanne, 27. Dezember 2009

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