Skizzen aus Wien – Nr. 39

Die besinnliche Jahreszeit zieht ins Land. Man entkommt ihr kaum und besinnlich ist sie zumeist nur, wenn man danach trachtet so wenig wie möglich nach draußen zu gehen. Zumindest hier in Wien, denn hier kann man de facto bereits vom Weihnachtswahnsinn sprechen. Die Stadt, insbesondere die größeren Plätze und Einkaufsstraßen, verwandeln sich in ein sprichwörtliches Irrenhaus. Vergangenen Donnerstag habe ich einen ersten Vorgeschmack davon erhalten und meinen Vorsatz möglichst alle Geschenke, die ich besorgen möchte, via Versandhandel zu erwerben, hat sich zum festen Entschluss gewandelt.

Was war passiert? Ich hatte eine kleinere Besorgung zu erledigen – ich wollte ein paar Buchgutscheine in der Buchhandlung Morawa einlösen – und war zu diesem Zwecke unterwegs in den ersten Bezirk. Nachdem die Buchhandlung in der Wollzeile von mir zu Hause aus denkbar ungünstig mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist, beschloss ich ab Schottentor einen kleinen Spaziergang durch die innere Stadt zu machen, etwas das ich normalerweise sehr schätze, hätte ich jedoch gewusst, was mich erwartet, wäre ich gar nicht erst außer Haus gegangen.

Bereits am Schottentor war der Teufel los, zwei Polizisten hatten eine osteuropäische Bettlerin aufgehalten und warteten auf Anweisungen aus der Zentrale, während die alte Frau die beiden Beamten weinend anflehte. Mir drehte es das erste Mal kräftig den Magen um. In der Schottengasse herrschte bereits ein relatives Gewühl an Leuten, das sich bis in die Herrengasse verstärkte. Eine einzige Freakshow, das nur ganz nebenbei. Protzige Russen zum Beispiel, die mit Sicherheit auf legalem Weg ihr Vermögen gemacht hatten, das sie jetzt in die österreichische Weihnachtswirtschaft stecken wollten. Denn Weihnachten ist ein gewaltiges Geschäft. Alles dreht sich ums Verkaufen und beim zunehmend mühsamer werdenden Weg, der mich über die Fahnengasse in die Wallnergasse führte, wurde mir bereits ganz schwindlig beim Gedanken an die nun wöchentlich veröffentlichten Verkaufszahlen und die über sie geführten Debatten, ob das Weihnachtsgeschäft die Krise überstehen würde, oder ob es nicht vielleicht sogar noch stärker werden würde, ob man auf ein Wachstum hoffen dürfte, samt Interviews mit allen möglichen Vertretern des Handels, mit Verkäufern und Geschäftsinhabern, ob sie denn eh schon viel verkauft hätten und ob es hoffentlich ein gutes Weihnachtsgeschäft würde. Wir halten fest die Daumen.

Verkaufen und Weihnachten feiern, mit der Betonung auf feiern. Das scheint das einzig noch Interessante am Weihnachtsfest zu sein, wurde mir klar, als ich die glitzernden Augen der Damen, die sich bei Tiffanys die Nasen am Schaufenster platt drückten sah. Geldausgeben, Geschenke kaufen, irgendetwas kaufen, hauptsache kaufen und dabei eine lustige Zeit haben. Auf dem Weg vom Kohlmarkt zum Graben kam mir Kottans Frau entgegen, ihr Name wollte mir nicht einfallen, aber irgendwie sah sie immer noch gleich aus und sie hatte ein leichtes Lächeln auf den Lippen, als sie so dahinspazierte. Ein Lichtblick in dieser düsteren Zeit, denn gerade als ich auf den Graben bog, registrierte ich, dass die Luft mittlerweile punschgetränkt war. Einer nach dem anderen standen sie dort aufgefädelt, die Stände, an denen man sich für wohltätige Zwecke betrinken konnte. Zwischendurch musste ich mich auf meinem Weg zum Stephansplatz auch alle fünf Meter ducken, da ich irgendwo ständig in die Schusslinie der wie wild um sich fotografierenden Wien-Touristen geriet. Am Graben wird man übrigens von einer megalomanischen Weihnachtsbeleuchtung fast erschlagen und ich konnte nicht umhin, immer noch an die Bettlerin denkend, mich darüber zu ärgern, was für Massen an zusätzlichem Strom diese hässliche Weihnachtsdekoration auch dieses Jahr wieder verschlingen würde. Wäre es nicht ein schönes Zeichen, wenn die Stadt einmal darauf verzichten würde und das eingesparte Geld jenen Leuten zu Gute kommen ließe, die sich die Heizung nicht mehr leisten können? Davon gibt es in Wien angeblich gar nicht so wenige. Aber nein! Was würden da die Touristen machen? Und die Wiener, eine einzige Aufregung wäre das.

So ärgerte ich mich weiter bis ich endlich am Stephansplatz, der offenbar derzeit das Zentrum des Wahnsinns bildet, ankam. Ein einziger Zirkus! Da ein als Clown verkleideter Luftballonverbieger, oder wie immer man die Profession dieser Leute, die längliche Luftballons zu allerlei Getier verdrehen bezeichnet, dort eine weißgewandete Gestalt, von der ich keine Ahnung hatte, wen oder was sie darstellen sollte, die aber zu jener Gattung „Touristenattraktion“ gehörte, die sich in den letzten Jahren offenbar pandemieartig in sämtlichen mir bekannten Touristenmetropolen ausgebreitet hat. Lebende Statuen, Leute, die unbeweglich herumstehen und irgendeine Persönlichkeit aus der Geschichte darstellen, oder sonst wen, die Sinnhaftigkeit dieser Art „Attraktion“ hat sich mir bis heute nicht erschlossen, es scheint sich aber damit gut Geld verdienen zu lassen, sonst gäbe es sie vermutlich nicht. Kein Mensch kann mir einreden, dass man so was aus Spaß macht.

Schließlich und endlich der Big Player am Platz. Nicht zu übersehen – ein riesiges weißes Zelt, nur Meter vom Stephansdom entfernt – die Caritas. Und noch viel weniger war sie zu überhören. Der gesamte Platz wurde beschallt und zwar – jetzt bitte festhalten – mit Hip-Hop! Jawohl, die katholische Organisation ist endlich auch cool geworden. Chillen und spenden am Stephansplatz. Die heilige Musik stammte übrigens, ich habe mich natürlich erkundigt, von einem gewissen Herrn Gang Starr, der mit den Profanitäten auch nicht hinter dem Berg hielt. Yo, yo, yo, bitchez and hos! Ich musste mich sehr zurückhalten um nicht vor Lachen vor dem DJ Pult niederzubrechen. MC Jesus Christ comin’ to town. Die Krönung des Weihnachtswahnsinns.

Mit letzter Kraft schaffte ich es schließlich in die Buchhandlung Morawa, wo man sich mit der Musikbeschallung dankenswerterweise zurückgehalten hatte, zumindest erschien es mir so, denn nach dem Spießrutenlauf durch diverseste aufgezwungene Weihnachtsliederbeschallungen auf meinem Weg, kann ich mich jetzt nicht erinnern, ob man dort Musik gespielt hat oder nicht – es schien auf jeden Fall wie eine Oase der Stille.

Nachdem ich aber noch immer schwer traumatisiert war von den schrecklichen Erlebnissen, von diesem Vorweihnachtsterror, der jedes Jahr früher einzusetzen schien, gab es nur eine Möglichkeit wieder halbwegs auf die Beine zu kommen und vor allem den Heimweg zu überleben, ja, ich hatte gar keine andere Wahl, ich musste mir einen Bernhard kaufen.

Susanne, 22. November 2009

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