Skizzen aus Wien – Nr. 37

Rocking Sandworm - artwork zoer

Nachdem sich das Jahr langsam zu Ende neigt, außer Kris Kristofferson kein anderes Konzert mehr auf meinem Plan steht und ich darüber hinaus auch nicht glaube, dass sich bis Ende des Jahres noch Aufregendes diesbezüglich tun wird, wird sich Mr. Kristofferson ordentlich anstrengen müssen, um die Rangordnung meiner Konzerthighlights noch durcheinander zu wirbeln. Der gestrige Auftritt von Richmond Fontaine im Gasthaus Vorstadt steht derzeit auf jeden Fall ganz weit oben auf dieser Rangliste.

Richmond Fontaine, Vienna 09

Ich hatte mich rechtzeitig auf den Weg in den 16. Bezirk gemacht, eine der weniger charmanten Ecken Wiens, aber der Abend war so ruhig und friedlich, die Temperaturen gar nicht unangenehm und so war ich bereits vor Eintreffen im Gasthaus Vorstadt bester Laune. Die Konzertlocation stellte sich schließlich auch als sehr sympathisches Lokal heraus, das den Namen Gasthaus zu Recht trägt und zwar im positiven Sinne. Es strahlt ein schlichtes, fast rustikales Ambiente aus, ein Ort, von dem man sich vorstellt, dass am Sonntag hier die Stammgäste ihr gewohntes Wiener Schnitzel essen.

Ich hatte an eben jenem Tag gerade das zweite Buch von Willy Vlautin, der sich als Bandleader und Songwriter von Richmond Fontaine verdient macht, fertig gelesen und war wirklich neugierig, ob mich der Liveauftritt der Band genauso begeistern würde, wie die Lektüre der Bücher und die letzten beiden CDs der Truppe.

Richmond Fontaine, Vienna 09

So saß ich zunächst mit meinen zwei Konzertbegleitern in der Nähe des Eingangs zum Veranstaltungsraum, aus dem bereits erste Richmond-Fontaine’sche Klänge drangen – die Band war offenbar noch beim Soundcheck – und nachdem die Bandmitglieder schließlich sehr entspannt durchs Lokal pilgerten, breitete sich auch unter uns eine gemütliche Stimmung aus, es gab keinen Stress sich gute Plätze zu sichern, man konnte entspannt noch plaudern und sich ganz gemütlich auf das Konzert einstimmen.

Gegen neun schließlich verlagerten wir unseren Standort in besagten Veranstaltungsraum und platzierten uns gleich neben der Schwingtüre, die in den Gastraum hinausführte, mit bester Sicht auf die nicht weit entfernte Bühne. Der Rest der Zuhörer saß an den vor der Bühne aufgestellten Tischen, irgendwie herrschte fast Saloon-Stimmung, was auch hervorragend zur erwarteten Musik passte.

Über die Vorband – Electronic Dictionary – will ich nicht viele Worte verlieren, außer dass sie nicht meinen Geschmack getroffen hat und thematisch nicht zum Headliner passte, wie ich fand. Es spielte dann auch noch ein junger Mann, dessen Namen ich leider nicht hörte, der aber mit Gitarre und Mundharmonika die, für den Hauptakt nötige Stimmung, wieder zurechtrückte. Endlich betraten Richmond Fontaine die Bühne und es folgte eine wirklich ausgezeichnete Performance.

Willy Vlautin, der Frontman der Band, ist, wie erwähnt, auch gleichzeitig Schriftsteller und hat bereits zwei sehr schöne Novellen veröffentlicht, genau wie sein schriftstellerischer Stil schließlich, lässt sich auch sein Songwriting beschreiben. Es geht um Lieder, die so erzählt sind, dass man sich fühlt, als würde man mit einem alten Freund, den man seit Jahren nicht mehr gesehen hat, zusammen sitzen, an einem ruhigen Winterabend, vom Feuer im offenen Kamin und einem Glas Whiskey aufgewärmt und würde diesem Freund dabei zuhören, wie er aus seinem Leben erzählt. Ganz ruhig und unaufgeregt, mit herzerwärmenden Passagen, zu denen man gemeinsam schmunzelt, aber auch mit tieftraurigen, die ehrliches Mitgefühl wecken und einen dazu veranlassen, seine Hand auf dessen Schulter zu legen und ihm zu sagen, dass jetzt wieder alles gut sei.

Richmond Fontaine, Vienna 09

Und so fiel es gar nicht auf, dass Vlautin das Konzert mit einer kurzen Lesung aus seinem neuen Buch begann, weil sein Gitarrist daneben immer wieder die eine oder andere Seite zupfte und diesen verträumten, wie von weit weg kommenden Klang aus seinem Instrument lockte und sich dadurch ganz plötzlich das gesamte Publikum in diesem Kaminzimmer, mit diesem alten vom Leben gezeichneten Freund befand.

Nach wenigen Minuten ging Lesung in Musik über und wir durften Willy Vlautin und seine ausgezeichnete Band durch einen Großteil der Songs ihres jüngsten Albums „We used to think the Freeway sounded like a River“ und einigen aus dem davor veröffentlichten „Thirteen Cities“  begleiten. Da gab es dann nachdenkliche Momente, aber auch solche in denen ordentlich gerockt wurde, denn das Leben mag zwar nicht immer fair sein, was aber nicht gleichzeitig heißt, dass es keinen Grund zum Feiern böte.

Richmond Fontaine, Vienna 09

Schließlich endete ein fantastischer Abend mit Richmond Fontaine; Willy Vlautin, mit dem ich vor Beginn des Konzerts auch ein paar Worte gewechselt hatte und der sich als durch und durch sympathischer  Mensch – wie übrigens auch der Rest der Band – herausgestellt hat, tat seinen Fans noch den Gefallen und signierte Bücher und CDs. So habe ich nun neben einem hübschen T-Shirt, auch noch zwei persönliche Widmungen von ihm in den beiden Büchern, die ich glücklicherweise zum Konzert mitgebracht habe.

Ich habe natürlich nicht vergessen, Richmond Fontaine ausdrücklich einzuladen, bald wieder nach Wien zu kommen, ob sie mir den Gefallen tun werden, weiß ich nicht, aber zumindest gibt es bereits jetzt einen Termin, der mich diesbezüglich mit Freude erfüllt. Im Februar 2010 wird Willy Vlautins neuestes Buch (auf Englisch) erscheinen. Es trägt den Titel „Lean on Pete“ und ich werde es mit Sicherheit sofort nach seiner Veröffentlichung bestellen. Wer das Konzert versäumt hat, dem empfehle ich allerwärmstens die beiden, oben erwähnten, jüngsten Alben von Richmond Fontaine sowie natürlich Vlautins bereits veröffentlichte Bücher „Northline“ und „Motel Life“. Die Rezension, die ich zu letzterem verfasst habe, findet sich übrigens hier.

Weiterführende Links:

Richmond Fontaine

Willy Vlautin

Susanne, 22. Oktober 2009

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